Feuilletonist und Theaterkritiker Friedrich Luft, 1970 © picture alliance/ United Archives/ kpa/ Grimm
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Mitten ins Ohr (3/10) - Stimmen der Radiogeschichte: Friedrich Luft

Wenn sie im Radio zu hören waren, blieb nichts als hinzuhören. Eindringlich waren sie: ob samten, rauh, mit rollendem R, melancholisch warm oder heiser – diese Stimmen prägten das Radio. Sie kamen aus dem Feature und aus dem Feuilleton, aus dem Jazz, dem Jugend- und dem Frauenfunk und sie kommentierten das Zeitgeschehen. Michaela Gericke erinnert heute an Friedrich Luft.

"Bis nächsten Sonntag - Sie wissen: Geiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle. Herzlich auf Wiederhören."

Fast 45 Jahre lang verabschiedete sich Friedrich Luft mit diesen Worten. Immer sonntags war er im RIAS – und darüber hinaus – die "Stimme der Kritik", eine knappe Viertelstunde, bis kurz vor 12:00 Uhr. Dann läutete die Freiheitsglocke aus dem Rathaus Schöneberg.

Bis nächsten Sonntag – Sie wissen: gleiche Zeit, gleiche Stelle, gleiche Welle!

Stimme der Kritik

Geistige Freiheit verkörperte Friedrich Luft von Beginn an ganz persönlich, ganz subjektiv am Mikrofon. Von Februar 1946 an, zunächst aus einem winzigen Studio im Fernmeldeamt in der Schöneberger Winterfeldtstraße:

"Ich werde auf die Pauke hau'n, wo sich Mittelmaß breit macht oder Nichtskönnertum oder Geschäftemacherei – oder die schlimmste der Sünden in der Kunst: die Trägheit des Herzens. Da schlage ich zu, bis wieder wirkliches Herzblut aus dem verhärteten Gestein springt."

Bloß nie akademisch klingen

Friedrich Luft, 1911 in Berlin geboren, sollte eigentlich wie sein Vater Lehrer werden. In Königsberg hat er studiert, schloss sein Studium aber nicht ab, weil er die Uni verließ, nach einer Schlägerei mit den Nazis, wie er einmal erzählte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Friedrich Luft, der bereits für Zeitungen schrieb, von amerikanischen Besatzern als "unbelastet" fürs Radio ausgewählt. Zwar fanden sie zunächst sein "S" zu scharf, sein Sprechen zu schnell und zu atemlos. Doch Friedrich Luft wollte sein Skript keiner – wie er es nannte – "bügelglatten Profistimme" überlassen – und langsamer sprechen wollte er auch nicht. Er blieb einfach: er selbst.

Nie sollte es akademisch klingen. Mitte September 1984 etwa so:

"Vor zehn Jahren war die damalige Inszenierung von 'Jesus Christus Superstar' vorsätzlich rauhputzig und frech, sie war ruppig, sie wollte provozieren, das war, wenn es einen gab, ihr Vorteil. Heute herrscht glatter Perfektionismus oder wird noch angestrebt (…) Die Tanznummern sind alle in ihrer Massenregie eher konventionell und opernhaft (…), die Sänger hängen elektronisch an jeweils eigenen Stirnmikrophonen - trotzdem kommt ihr am örtlichen Mischpult regulierter Gesang nur selten über, auch wenn sie neutestamentarische Texte abzuliefern haben, und vielleicht ist das auch besser so."

Friedrich Luft live. Zugegeben, Fan von ihm war ich nicht, doch seine Stimme wirkte für mich als eine wesentliche im Radio: Engagiert, umtriebig, mit fundiertem Wissen übers Theater und historische Kritiker wie Theodor Fontane, Alfred Polgar oder Alfred Kerr, und mit entschiedener Meinung.

Ich finde heute noch, dass ein Kritiker nicht so beliebt sein darf, dass er mit einem öffentlichen Verdienstkreuz ausgezeichnet wird.

Ein Kritiker ist niemals "Everybody‘s Darling"

Als zu konservativ empfanden ihn manche Menschen. Dabei wollte er sich politisch nie in eine bestimmte Ecke stellen lassen. Dass ein Kritiker niemals Everybody‘s Darling sein kann, war ihm vollkommen klar, und als er von Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen sollte, lehnte er ab, wie er 1984 später erzählte:

"Ich finde heute noch, dass ein Kritiker nicht so beliebt sein darf, dass er mit einem öffentlichen Verdienstkreuz ausgezeichnet wird und empfand das eigentlich als eine Art entweder gedankenloser oder hinterlistiger Provokation. Und damals habe ich es mit einem sehr lustigen Brief an Heuss abgelehnt."

Den Ricarda-Huch-Preis, verliehen 1978 von Marcel Reich-Ranicki, nahm Friedrich Luft an.

Unprätentiös und uneitel - im Radio und Fernsehen

Er war nicht nur jeden Sonntag im RIAS präsent: Auf YouTube sind heute – im Dunst von Pfeifen- und Zigarettenqualm – seine Gespräche aus den 60er Jahren im Fernsehen mit Menschen wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke oder Hildegard Knef veröffentlicht. Unprätentiös, uneitel sitzt er seinen Gästen gegenüber. Die sonntäglichen 14 Minuten im RIAS füllte Friedrich Luft gelegentlich mit essayistischen Erinnerungen an das Berlin der quirligen 20er Jahre und bedauerte, dass das Nachkriegsberlin nie wieder jenes Niveau erreichte.

In einer seiner letzten Sendungen, im Oktober 1990, urteilte er:

"Nur zwei Truppen erwiesen sich hier so attraktiv und überprovinziell auf der Bühne jener späteren Jahre: Bertolt Brechts Arbeit am Schiffbauer Damm und die von Peter Stein und seiner Wundertruppe am Halleschen Ufer. Beide ragten weit übers deutsche Mittelmaß hinaus, sie wirkten in die Weite, sie gaben jeweils kurze Zeit Berlin den Namen der alten Theaterstadt partiell wenigstens wieder."

Als bescheiden und freundlich beschreiben ihn Kollegen, und seinen Tod am Heiligabend 1990 als großen Verlust. Noch zwei Monate zuvor verabschiedete er sich wie immer von den Menschen am Radio.

Michaela Gericke, rbbKultur

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