Uli Aigner an der Töpferscheibe © Michaela Gericke
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Porzellan als Kunst und Handwerkskunst - Uli Aigner und ihr Porzellan-Projekt "One Million"

Ob zart und zerbrechlich oder dickwandig und stabil, ob skulptural oder funktional, schlicht und alltagstauglich: Porzellan hat längst das Klischee des Altmodischen verloren, junge Künstler:innen und Designer:innen entdecken das Handwerk neu und spannen den Bogen bis in die digitale Welt. Gegossen, gedreht oder gar 3D gedruckt, glänzend oder matt, mit oder ohne Dekor: ein Material, das nach mehr als 300 Jahren in Deutschland noch immer - oder auch wieder - fasziniert. Michaela Gericke stellt einige Produktionsstätten in Berlin und Brandenburg vor. Heute Uli Aigner und ihr Porzellan-Projekt "One Million".

Die Töpferscheibe steht in der Mitte ihrer Werkstatt, die Uli Aigner in einem großen Zimmer der Wohnung eingerichtet hat. Von der Decke leuchtet eine Industrielampe, auf Regalbrettern liegt in Plastik gewickelte Rohmasse aus Kaolin, Quarz und Feldspat. In großen Kisten stehen Porzellanreste zum Recyceln.

Neues Musem: Der Porzellan Code - One Million by Uli Aigner © Michal Kosakowsk
Neues Musem: "Der Porzellan Code - One Million by Uli Aigner"Bild: Michal Kosakowsk

Feinstes Limoges-Porzellan, gegen den Uhrzeigersinn gedreht

Uli Aigner nimmt vor der Drehscheibe Platz. Mit dem linken Fuß tritt sie auf das Pedal und bringt sie in Schwung, um aus einem "Knödel", wie sie es nennt, einen Becher zu gestalten:

"Ich nehme mir so einen Knödel, 400 Gramm feinstes Limoges-Porzellan, packe es auf die Gipsplatte und zentriere. Die Töpferscheibe läuft bei mir gegen den Uhrzeigersinn, also in die Hand hinein. Eine Hand ist zur Formgebung, dann ziehe ich nach außen, verdichte den Boden, gehe ein paar Mal rein und raus - dann ziehe ich hoch."

Der sogenannte Mies van der Rohe-Becher nach einer Bauhaus-Vorlage - schlicht, gerade, schwer in der Hand – ist jetzt noch größer und höher als das Resultat, denn um 20 bis 30 % schrumpft das Material später im Ofen.

Eine Million Objekte - mit Hilfe von KI

Uli Aigner, geboren 1965 in Österreich, Mutter von vier Kindern, kehrte 2014 nach 30 Jahren Arbeit als bildende Künstlerin zurück zu dem, was sie mit 15 Jahren einmal gelernt hatte: zum Töpfern. Mit neuen Zielen und neuem Material:

"Ich habe das Drehen geliebt - und dann kam es wirklich von ganz innen. Ich habe gedacht: Ich will drehen. Die Familie hat gesagt: 'Bist Du jetzt übergeschnappt? Gehst Du jetzt auf Töpfermärkte?' Nein, ich mache Porzellan, das hält am längsten. Es ist wie Stein: Es ist dicht, es hält für immer. Ich mache eine Million - denn wenn ich damit anfange, will ich dabei bleiben."

Es hat mich interessiert, aus meiner eigenen kurzen Lebensspanne auszubrechen und etwas zu machen, was einfach länger da ist. Und Porzellan hat diese Qualität.

Ihre Wohnung – zugleich Studio, Werkstatt und Präsentationsraum – ist inzwischen die "OMZB" - "One Million Zentrale Berlin". Eine Million Objekte – das ist in ihrem Leben natürlich unerreichbar:

"Es hat mich interessiert, aus meiner eigenen kurzen Lebensspanne auszubrechen und etwas zu machen, was einfach länger da ist. Und Porzellan hat diese Qualität."

Und weil sich Ulli Aigner vor allem als Konzeptkünstlerin versteht, die einen Bogen schlägt von der handwerklichen Tradition in die digitale Welt, soll es auch nach ihrem Tod mit der Produktion weitergehen können, mittels Künstlicher Intelligenz:

"Eine KI, mit der man sich weiter unterhalten kann und die dann Vorschläge für Gefäße macht, die man dann einerseits maschinell herstellen lassen kann. Was aber eigentlich mein Ziel ist: dass man mit dem Vorschlag, den der Chatpot macht, sich eine/n Weißdreher/in sucht - egal, wo man ist auf der Welt - und dieses Gefäß drehen lässt."

Unikate für New York und Cottbus

Uli Aigner wird in ihren Projekten von Mitdenkern unterstützt. Ihr Mann, der Filmemacher Michal Kosakowski, gehört genauso zum Team wie der Künstler Tom McCallie. Er fotografiert jedes einzelne Objekt für die Website. Auf ihr öffnet sich eine Weltkarte mit allen Standorten ihrer verkauften oder verschenkten Arbeiten, jede ein Unikat.

So ergibt sich für Uli Aigner ein Netzwerk von Menschen, die etwas miteinander verbindet – ein Objekt aus ihrer Werkstatt: von Island bis nach Neuseeland, obwohl nur die Adressen, nicht aber die Namen der Besitzer sichtbar sind:

"Ich bilde ja auch eine Art von virtueller und doch sehr realer Gemeinschaft. Denn all diese Menschen haben eines gemeinsam: nämlich ein Gefäß von mir in der Hand.

In jedes Stück hat sie eine gut lesbare Zahl in die noch weiche Form graviert. Mittlerweile ist sie bei fast 9.000 angekommen. Sie gestaltet ihre Aufträge immer nach thematisch oder lokal passenden Vorlagen. Für das Whitney Museum in New York City hat sie eine Edition geschaffen, die Gefäßformen der Navajo aufnimmt:

"Das Whitney Museum hat den Anspruch, das 'All American Museum' zu sein, und ich bin einfach in der Zeit zurückgegangen. Wenn es schon 'All American' ist, dann fange ich von vorne an - und das waren Gefäßformen von den Navajo, die die ersten waren, die das Hudson River Valley bevölkert haben."

Porzellan-Objekte als Mittel einer friedvollen Kommunikation

In der Küche hat sie noch ein Exemplar: Eine kleine Kanne mit rundem Bauch, schmalerem, konischem Hals und einer kleinen, funktionstüchtigen Schnaupe. In der ehemaligen Mädchenkammer der großzügigen Altbauwohnung stehen zwei runde elektrische Brennöfen. Bevor Uli Aigner die Gefäße glasiert, werden sie zunächst bei knapp 1.000° C gebrannt. Ihr Porzellan wird wegen der spezifischen Brennweise im Elektro-Ofen elfenbeinfarben.

Mit Kulturinstitutionen und Galerien ist Uli Aigner inzwischen im Geschäft, doch wichtig ist ihr der Kontakt zu allen Milieus. Ihre Garantiezeit geht ebenfalls weit über ihre Lebenszeit hinaus: 300 Jahre.

"Wenn man mir die kaputten Dinge zurückbringt, kriegt man sie kostenlos neu ersetzt, denn jedes einzelne Gefäß hat einen Wert, steht für einen bestimmten Abschnitt meiner Lebenszeit und ist verbunden mit Geschichten. Und es gibt das Eine-Millionen-Archiv, das auch regelmäßig ausgestellt wird: In ortsbezogenen Installationen baue ich die Archivskulptur auf - das nächste Mal im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 2024 in Bad Ischl."

Auch am Purple Path – dem Kulturpfad der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 – ist Uli Aigner schon jetzt beteiligt: mit überdimensionalen Porzellan-Objekten, die beim Brennen ihre Form verloren haben.

Für Uli Aigner sind die Ergebnisse all ihrer Arbeiten - auch die verunglückten -, wie sie sagt, Zeugnisse ihres Daseins und Mittel einer friedvollen Kommunikation.

Michaela Gericke, rbbKultur