Wissenschaftlerin an der Technischen Universität Chemnitz © Jürgen Lösel/dpa
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- Prekariat und Protest. #IchbinHanna

Kristin Eichhorn: "Das ist ein systemisches Problem"

Die Debatte mit Natascha Freundel, Peter-André Alt und Kristin Eichhorn

Wer an der Uni Karriere machen möchte, muss oft viele Jahre in kurz befristeten Verträgen verbringen, um dann doch – etwa mit Mitte 40 – anderswo ganz neu anzufangen, denn Professuren sind rar. Das ist die Realität am Wissenschaftsstandort Deutschland, gegen die jetzt viele Akademiker:innen rebellieren.

Die Twitter-Kampagne #IchbinHanna für bessere Arbeitsverträge an der Uni versammelt inzwischen über 90.000 Tweets von rund 9000 Personen. Die Literaturwissenschaftlerin Kristin Eichhorn hat die Kampagne mit initiiert. Mit Peter-André Alt, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, debattiert sie über Druck, Unsicherheit und Angst im akademischen Leben, über die Freiheit der Forschung und Wege aus der Hochschulmisere.

Wir brauchen mehr Verbindlichkeit bei den Verträgen. Also nichts, was unter drei Jahren liegt bei den Haushaltsstellen. Wir brauchen mehr Drittmittelprojekte, die langfristig sind. Und wir brauchen vor allen Dingen auch eine Perspektive für Dauerbeschäftigung jenseits der Professur. Aber es wird sicherlich nicht machbar sein, dass wir es für alle ermöglichen, sondern dass wir bei 30 bis 40 Prozent der Postdocs solche Stellen möglich machen. Zumindest bei den großen Universitäten. Die erreichen diese Zahl aber auch jetzt schon größtenteils.

Peter-André Alt

Die Frage ist da nicht: Was müsste ich erforschen? Was will ich erforschen? Sondern was ist denn gerade im Trend? Wo gibt es vielleicht Gutachter, die das unterstützen? Und wenn wir solche strategischen Denkweisen haben, dann ist eben auch die Freiheit von Forschung gefährdet, weil man eben nicht mehr im Sinne der Gesellschaft, der Allgemeinheit, der Wahrheitssuche unterwegs ist, sondern die eigene Karriere befördert oder zumindest versucht, irgendwie im System zu bleiben und nicht rausgekegelt zu werden.

Kristin Eichhorn
Peter-André Alt (© HRK/David Ausserhofer) und Kristin Eichhorn (© Universität Paderborn/Simon Ratmann)
Bild: HRK/David Ausserhofer | Universität Paderborn/Simon Ratmann

Gäste

Prof. Peter-André Alt

geboren 1960 in Berlin-West, ist seit 2018 Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Von 2010 bis 2018 war er Präsident der Freien Universität Berlin. Alt studierte Germanistik, Politische Wissenschaft, Geschichte und Philosophie. Als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft arbeitete er zunächst an der Ruhr-Universität Bochum, danach an der Uni­versität Würzburg und seit 2005 an der Freien Universität Berlin. Forschungsaufenthalte führten ihn nach Cambridge, Prag, Princeton und Wien. Alt veröffentlichte diverse Monografien zur Literatur- und Kulturgeschichte des 17.-20. Jahrhunderts und wurde u.a. dem Marbacher Schiller-Preis ausge­zeichnet. Von 2012 bis 2020 war er Präsident der Deutschen Schillergesellschaft. Seit Februar 2021 ist er Vor­sitzender des Kuratoriums der Stiftung Brandenburger Tor in Berlin. Sein aktuelles Buch heißt: "Exzellent!? Zur Lage der deutschen Universität" (C.H. Beck, 2021).

Dr. Kristin Eichhorn

geboren 1987 in Ilmenau, ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Stuttgart, wo sie derzeit eine Professur in der Abteilung "Neuere deutsche Literatur I" vertritt. Zusammen mit Amrei Bahr und Sebastian Kubon ist sie Mitinitiatorin der Twitter-Kampagne #IchBinHanna und engagiert sich im Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft (NGAWiss) für eine Reform der wissenschaftlichen Personalstruktur in Deutschland. Jüngst erschienen ist das mit Amrei Bahr und Sebastian Kubon herausgegebene Buch "#95vsWissZeitVG. Prekäre Arbeit in der deutschen Wissenschaft" (Büchner, 2021).

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Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur
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Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier geht es um alles, was unser Miteinander betrifft: Bildung, Demokratie, Freiheit, Klima, Städtebau - Themen und Fragen unserer Zeit. rbbKultur-Redakteurin Natascha Freundel spricht mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch und persönlich. Kritisch und konstruktiv. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.

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