Ein Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wriezen (Brandenburg) steht an seinem vergitterten Fenster © Patrick Pleul/dpa
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- Wie(so) wollen wir strafen? – Strafvollzug in Deutschland

Thomas Galli: "Resozialisierung ist das Gegenteil von dem, was wir oft erreichen, indem wir Menschen zur Strafe in geschlossene Anstalten einsperren."

Die Debatte mit Carla Spangenberg, Thomas Galli und Bijan Moini

Wieso sperren wir hunderte Straftäter gemeinsam hinter geschlossene Mauern? Um sie zu bessern? Um die restliche Bevölkerung zu schützen? Oder suchen wir Vergeltung? Wir urteilen im Namen des Volkes, doch die Bevölkerung hat kaum Einblick in die Gefängnisse, in denen Strafe vollzogen wird. Wagen wir den Blick hinter die Mauern mit dem ehemaligen Gefängnisdirektor Thomas Galli und dem Autor und Juristen Bijan Moini. Und wagen wir den Blick nach vorne: Wie wollen wir in Zukunft strafen? Der ehemalige JVA-Leiter Thomas Galli meint: Gefängnisse gehören abgeschafft!

Es leiden vor allem auch Außenstehende, Familienangehörige, Kinder und Ehefrauen von Inhaftierten. Das sind alles Menschen, die selbst nicht straffällig geworden sind. Und das ist auch ein Gesichtspunkt, ob wir als Rechtsstaat wirklich damit leben können und wollen, auch im großen Umfang Unschuldige zu bestrafen.

Thomas Galli

Vergeltung ist das Gegenstück zur Goldenen Regel: Man soll alle Menschen immer so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Das Gegenstück ist: Wenn einem etwas angetan wird, dann will man auch jemand anderem etwas antun. Das kennt jeder, diesen Impuls. Und dieser Impuls steckt auch noch immer in unserem Strafsystem.

Bijan Moini
Thomas Galli (© Ronald Hansch) und Bijan Moini (© Thomas Friedrich Schäfer)
Bild: Ronald Hansch | Thomas Friedrich Schäfer

Gäste

Thomas Galli,

geboren 1973, studierte Rechtswissenschaft, Kriminologie und Psychologie. Er war 15 Jahre lang in der Gefängnisleitung verschiedener Justizvollzugsanstalten tätig, darunter die JVA Straubing und die JVA Zeithain. In seinen Büchern und Vorträgen berichtet er vom Gefängnisalltag und setzt sich für eine weitgehende Abschaffung der Gefängnisse ein. Er ist Erstunterzeichner des "Manifests zur Abschaffung von Strafanstalten und anderen Gefängnissen"

"Weggesperrt – Warum Gefängnisse niemandem nützen"
Edition Körber, 2020
Broschiert, 312 Seiten
18,00 Euro

Bijan Moini,

geboren 1984 bei Karlsruhe, studierte Jura und Politikwissenschaften in München und Paris. Als Rechtsanwalt koordiniert er Verfassungsklagen für die Gesellschaft für Freiheitsrechte. Im Vorstand von „Jeder Mensch e.V.“ setzt er sich für europäische Grundrechte u.a. im Bereich der digitalen Selbstbestimmung ein. In seinem kürzlich erschienen Buch „Unser gutes Recht“ erzählt er die Entwicklung des deutschen Rechtssystems als Fortschrittsgeschichte.

"Unser gutes Recht – Was hinter den Gesetzen steckt"
Hoffmann und Campe, 2021
Gebunden, 368 Seiten
24,00 Euro

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Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur

Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier geht es um alles, was unser Miteinander betrifft: Bildung, Demokratie, Freiheit, Klima, Städtebau - Themen und Fragen unserer Zeit. rbbKultur-Redakteurin Natascha Freundel spricht mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch und persönlich. Kritisch und konstruktiv. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.

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2 Kommentare

  1. 2.

    Vielen Dank Herr Kaßbaum für Ihre Anregung. Die Herangehensweise der "Restorative Justice" wird auch in Thomas Gallis Buch thematisiert und wir haben auch im Podcast versucht, zumindest kurz darüber gesprochen, dass Strafe auch der Wiedergutmachung dienen sollte beispielsweise durch gemeinnützige Arbeit. Die Opfer-Täter Verständigung im Rahmen der "Restorative Justice" geht aber sicherlich noch weit darüber hinaus. Ein berichtenswertes Feld!
    Schöne Grüße
    Carla Spangenberg, rbbKultur

  2. 1.

    Vielen Dank für die interessante Sendung zum Strafen in unserer Gesellschaft. Ich habe als Musiktherapeut selbst etliche Jahre in einem Maßregelvollzug, d.h. mit Menschen gearbeitet, die vor dem Hintergrund einer psychischen Erkrankung straffällig geworden sind und habe gerade dort viel über den Nutzen, Sinn und Unsinn solcher Maßnahmen nachgedacht. Im Zusammenhang mit meiner Beschäftigung auch mit dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (nach M. Rosenberg) habe ich das Konzept der restorative justice eher von Ferne kennengelernt bzw. davon gehört. Hier geht es um einen (in der Regel außergerichtlichen) Verständigungsprozess zwischen Opfern und Tätern, der nach landläufiger Erfahrung sehr zur Vermeidung weiterer Straftaten beiträgt. In entsprechend kleineren Rahmen gibt es Projekte hierzu auch an Schulen (in Berlin), eine Bekannte von mir arbeitet dort mit. Ich würde es sehr begrüßen und mich freuen, wenn dieses Thema einmal bei den 2. Gedanken Raum erhielte!