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Die Debatte mit Natascha Freundel, Svenja Flaßpöhler und Eva von Redecker - Zu sensibel? - Über moderne Empfindlichkeit

Svenja Flaßpöhler: "Für wirkliche Transformationen braucht man wirklich Mut."

"Erleben wir menschheitsgeschichtlich gerade den Beginn einer Phase, in der das sensible Selbst droht, sich früher oder später nur noch um die eigene Achse zu drehen?", fragt die Philosophin Svenja Flaßpöhler in ihrem aktuellen Buch: "Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren" (Klett-Cotta). Sie plädiert für ein dialektisches Zusammendenken von individueller Verletzlichkeit und Widerstandskraft, denn "für wirkliche Transformationen braucht man wirklich Mut".

Wie groß die globalen Herausforderungen sind, betont die Philosophin Eva von Redecker. Im Klimawandel ginge es vor allem um "die Organisation in Kollektiven, die bestehende Herrschaftsverhältnisse umarbeiten können". Eine Debatte über Sensibilität versus Resilienz, über den Streitfall Jasmina Kuhnke auf der Frankfurter Buchmesse, über Empathie und Autonomie.

Natürlich sehe ich, dass es gesellschaftliche Ungerechtigkeiten gibt. Ich glaube nur, dass wir gesellschaftlich an einem Punkt sind, wo wir bei allen Problemen, die wir kritisieren, auch sehen müssen, welche Möglichkeiten wir übrigens auch im Vergleich zur ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts haben. Ich glaube, es ist ein Fehler, wenn wir alle Probleme etwa im Geschlechterverhältnis immer in den Strukturen suchen und in einem angeblich noch existierenden Patriarchat. Das existiert in dieser Form nicht mehr. Wir haben eine komplexe Realität. Die aber Möglichkeiten bietet, die Frauen noch nicht wahrnehmen, weil sie ganz alte Denkmuster internalisiert haben. Und deshalb meine ich, wir müssen den Blick auf beides richten, auf die Strukturen, aber auch auf die Individuen. Und ich glaube, da liegt ein Schatz in diesen Individuen verborgen, den man heben muss. Das ist nicht neoliberal. Das ist, wenn man es mit diesem sehr trendigen Wort ausdrücken will: Empowerment.

Svenja Flaßpöhler

Ich glaube, um die Individuen geht es gar nicht, sondern es geht um die Organisation in Kollektiven, die bestehende Herrschaftsverhältnisse wirklich umarbeiten können. Mir scheint gar nicht so klar zu sein, dass das Reizbarkeitslevel gestiegen ist, sondern mehr, dass neue Gruppen hinzugekommen sind, die vorher nicht mitsprechen durften. Diese Arena scheint mir real, aber dass darin der Druck so steigt, liegt doch daran, dass wir in der neoliberalen Gesellschaft auf einem überhitzten Planeten unter Rückbau sozialer Sicherungssysteme, mit steigender Prekarität in diese Reizbarkeit gedrängt werden.

Eva von Redecker

Gäste

Svenja Flaßpöhler (© Johanna Rübel) und Eva von Redecker (© Paula Winkler)
Bild: Johanna Rübel | Paula Winkler

Svenja Flaßpöhler, geboren 1975 in Münster, ist Philosophin und Chefredakteurin des "Philosophie Magazin". Seit 2013 leitet sie (mit Wolfram Eilenberger, Gert Scobel und Jürgen Wiebicke) das Programm der Phil.cologne. Von 2016-2017 war Svenja Flaßpöhler leitende Redakteurin für Literatur und Geisteswissenschaften beim "Deutschlandfunk Kultur". Ihre Promotion erschien 2007 unter dem Titel "Der Wille zur Lust. Pornographie und das moderne Subjekt" (Campus). Im selben Jahr wurde Flaßpöhlers Buch "Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe" (WJS) mit dem Arthur-Koestler-Preis ausgezeichnet. Es folgten "Gutes Gift. Über Eifersucht und Liebe" (Artemis & Winkler 2008), "Wir Genussarbeiter. Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft" (DVA 2011) sowie "Verzeihen. Vom Umgang mit Schuld" (DVA 2016). Ihre Streitschrift „Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit“ (Ullstein 2018) wurde ein Bestseller. Ihr aktuelles Buch heißt "Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenze des Zumutbaren" (Klett-Cotta).

Zum Buch

Svenja Flaßpöhler: Sensibel © Klett-Cotta
Klett-Cotta

Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren - Svenja Flaßpöhler: "Sensibel"

Mit ihrer Streitschrift "Die potente Frau" sorgte die Philosophin Svenja Flaßpöhler 2018 für einiges Aufsehen: In Reaktion auf die MeToo-Debatte forderte Flaßpöhler, wir sollten mehr über eine neue Weiblichkeit und die Handlungsmöglichkeiten von Frauen nachdenken, statt sie vor allem als Opfer darzustellen. Auch in ihrem neuen Buch bürstet Flaßpöhler Debatten unserer Zeit gegen den Strich. Es hinterfragt "moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren".

Bewertung:

Eva von Redecker, geboren 1982, ist Philosophin mit den Schwerpunkten Feminismus und Kritische Theorie. Derzeit forscht und schreibt sie mit einem Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship von der Universität Verona über den autoritären Charakter in Verbindung mit Fragen des Eigentums. Sie hat in Kiel, Tübingen, Cambridge und Potsdam Philosophie, Geschichte und Literatur studiert. Von 2009 bis 2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Berliner Humboldt-Universität, 2015 unterrichtete sie für ein Semester als Gastdozentin an der New School for Social Research in New York. Ihr Buch "Praxis und Revolution. Eine Sozialtheorie radikalen Wandels" basiert auf ihrer Promotion und erschien 2018 (Campus). Von Redeckers "Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen" (S. Fischer 2020) wurde schon als "neue Bibel des intellektuellen Widerstands" bezeichnet. Eva von Redecker ist auf einem der ersten Biohöfe in Schleswig-Holstein aufgewachsen und lebt heute wieder auf dem Land.

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Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur

Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier geht es um alles, was unser Miteinander betrifft: Bildung, Demokratie, Freiheit, Klima, Städtebau - Themen und Fragen unserer Zeit. rbbKultur-Redakteurin Natascha Freundel spricht mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch und persönlich. Kritisch und konstruktiv. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.

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