Garnisonkirche Potsdam © imago/ Eberhard Thonfeld
rbbKultur
Bild: imago/ Eberhard Thonfeld Download (mp3, 64 MB)

Die Debatte mit Natascha Freundel, Paul Nolte und Philipp Oswalt - "Garnisonkirche Potsdam - Lernort der Geschichte?"

Philipp Oswalt: "Garnisonkirchturm und Rechenzentrum können gemeinsam deutsche Geschichte erzählen."

"Deutschlands fragwürdigstes Rekonstruktionsprojekt", so titelte die FAZ über die Garnisonkirche Potsdam. Ihr Kirchturm wird die höchste innerstädtische Aussichtsplattform der Stadt bieten. Schon jetzt ragt der Turm, dessen Neubau Ende 2023 eingeweiht werden soll, hoch hinaus.

Wofür steht diese Garnisonkirche? Für den "Mythos Preußen", für Nationalprotestantismus und den Handschlag zwischen Hitler und Hindenburg 1933, betont der in Kassel lehrende Architekturtheoretiker Philipp Oswalt. Er hat in Potsdam den kritischen "Lernort" mitbegründet und wirft der Stiftung Garnisonkirche mangelnde historische Aufklärung vor. Der Berliner Historiker Paul Nolte, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung, denkt dagegen über die erinnerungspolitische Zukunft der Garnisonkirche nach.

Und wie steht es um die Zukunft des direkt angrenzenden DDR-Rechenzentrums und dort ansässigen Kunst- und Kreativzentrums? Ein Streit über preußisches und sozialistisches Erbe, neu-rechte Einflüsse und ein historisch homogenes oder modern diverses Stadtbild.

Preußen wird ja immer mehr zu einer Lehrstelle, einem Vakuum der Erinnerung. Und dann ist man vielleicht bei den preußischen Schlössern und Gärten und hört die Flötentöne von Sanssouci, alles so weichgezeichnetes Preußen. Aber in der Garnisonkirche zeigt sich ein schroffes, ein widerborstiges, manchmal auch ein historisch schreckliches Preußen und dafür einen Ort zu haben, das finde ich sehr wichtig. Das ist eine große Chance der Garnisonkirche.

Paul Nolte

Die Ikone des Nationalprotestantismus, auch die Ikone des 'Tags von Potsdam' wird eins zu eins in Richtung Breite Straße hergestellt, und es wurden 15 Jahre lang die Kontinuität, die preußischen Werte, die christlichen Werte, die mit diesem Bau verbunden sind, propagiert. Das ist nicht nur falsch, das ist abgründig und auch der Bundespräsident macht mal Fehler.

Philipp Oswalt

Gäste

Bild:

Prof. Dr. Paul Nolte, Jahrgang 1963, ist seit 2005 Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin. Zuvor lehrte und forschte er u.a. an der Universität Bielefeld, der International University Bremen, der Harvard University, am Wissenschaftskolleg zu Berlin und am St. Antony’s College, Oxford. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte von Demokratie und sozialen Bewegungen, u.a. mit dem Buch "Was ist Demokratie? Geschichte und Gegenwart" (2012). An der Freien Universität gibt er die Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft" heraus und leitet den Masterstudiengang Public History. Paul Nolte ist vielfältig ehrenamtlich aktiv: 2009 bis 2021 war er Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin und ist seit 2018 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Garnisonkirche Potsdam.

Philipp Oswalt, Jahrgang 1964, ist seit 2006 Professor für Architekturtheorie und Entwurf an der Uni Kassel. Von 1988 bis 1994 war er Redakteur der Architekturzeitschrift Arch+, 1996/97 Mitarbeiter im Büro OMA/ Rem Koolhaas, von 2001 bis 2003 Co-Leiter des Europäischen Forschungsprojektes "Urban Catalyst". Er war Mitinitiator und Cokurator der kulturellen Zwischennutzung des Palasts der Republik "ZwischenPalastNutzung/Volkspalast" 2004 sowie Leiter des Projektes "Schrumpfende Städte" der Kulturstiftung des Bundes von 2002 bis 2008. Von 2009 bis 2014 war er Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau und, 2015 bis 2019, Mitinitiator von "projekt bauhaus". 2020 hat er die „Initiative Zukunft Bühnen Frankfurt“ und den kritischen "Lernort Garnisonkirche Potsdam" mitbegründet.

Podcast abonnieren

Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur
rbbKultur

Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier geht es um alles, was unser Miteinander betrifft: Bildung, Demokratie, Freiheit, Klima, Städtebau - Themen und Fragen unserer Zeit. rbbKultur-Redakteurin Natascha Freundel spricht mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch und persönlich. Kritisch und konstruktiv. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.