Ukraine-Krieg. Natali Sewriukowa steht neben ihrem Haus nach einem Raketenangriff © picture alliance/dpa/AP/Emilio Morenatti
rbbKultur
Bild: picture alliance/dpa/AP/Emilio Morenatti Download (mp3, 63 MB)

Die Debatte mit Natascha Freundel, Juri Andruchowytsch und Werner Schulz - Putins Krieg gegen die Ukraine – Kommt ein neues Europa?

Juri Andruchowytsch: "Sprechen wir über die Ukrainisierung Europas."

"Zusammen sind wir viele! Uns kann man nicht besiegen!" So schallte es im Winter 2004 über den Unabhängigkeitsplatz in Kyiw. Die Zeilen aus der inoffiziellen Hymne der Organgenen Revolution sind aktueller denn je – Kyiw, das Herz der Ukraine, kämpft wie das ganze Land ums Überleben und gegen Putins irrationalen, zynischen, verbrecherischen Angriffskrieg. Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch erklärt aller Welt seit über zwanzig Jahren, dass die Ukraine zu Europa gehört und für die europäischen Werte kämpft. Der Politiker Werner Schulz (Die Grünen) warnt mindestens ebenso lang vor naiver Appeasement-Politik gegenüber Wladimir Putin. Wie beurteilen sie die gegenwärtige Situation in der Ukraine und die Kehrtwende der deutschen Regierung in Sachen Waffenlieferungen und Aufrüstung? Ein Gespräch über falsche und berechtigte Hoffnungen, über Korruption und ihr Ende in Europa, über die Bedeutung von EU und Nato für die Ukraine und über die Ahndung der Kriegsverbrechen von Putin und seinen Gefolgen.

Ich würde heute nicht über die Europäisierung der Ukraine sprechen, sondern über die Ukrainisierung Europas. Wir sind heute die Avantgarde dieser europäischen Idee. Und wir kämpfen für diese Idee jeden Tag und jede Stunde und jede Minute. Und leider zahlen wir für die Idee auch mit ukrainischen Leben, vor allem unserer zivilen Bevölkerung.

Juri Andruchowytsch

Wir können jetzt den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag einschalten. Ich würde gerne sehen, dass Putin, Medwedjew, Lawrow und all diese Kriegsverbrecher dort genauso sitzen, wie Milosevic, Karadzic und Mladic da saßen.

Werner Schulz
Juri Andruchowytsch (© Valentyn Kuzan) und Werner Schulz (© privat)
Bild: Valentyn Kuzan | privat

Gäste

Juri Andruchowytsch, geboren 1960 in Iwano-Frankiwsk/Westukraine, dem früheren galizischen Stanislau, studierte Journalistik und begann als Lyriker. Außerdem veröffentlicht er Essays und Romane. Andruchowytsch ist einer der bekanntesten europäischen Autoren der Gegenwart, sein Werk erscheint in 20 Sprachen. 1985 war er Mitbegründer der legendären literarischen Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu (Burlesk-Balagan-Buffonada). Mit seinen drei Romanen "Rekreacij " (1992; dt. Karpatenkarneval, 2019), "Moscoviada" (1993, dt. Ausgabe 2006), "Perverzija" (1999, dt. Perversion, 2011), die unter anderem ins Englische, Spanische, Französische und Italienische übersetzt wurden, ist er unfreiwillig zum Klassiker der ukrainischen Gegenwartsliteratur geworden. In Deutschland wurde Andruchowytsch u.a. mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet (2006), mit dem Hannah-Arendt-Preis (2014) und der Goethe-Medaille (2016). Zuletzt erschien "Die Lieblinge der Justiz" (2020; alle: Suhrkamp). Er lebt in Iwano-Frankiwsk.

Werner Schulz, geboren 1950 in Zwickau, war von 1990 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 2009 bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments. Als Bürgerrechtler in der DDR war er seit 1970 in der kirchlichen Friedens-, Ökologie- und Menschenrechtsbewegung aktiv. Er war Mitglied im Neuen Forum und der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR. 1990 wurde er Sprecher und parlamentarischer Geschäftsführer von "Bündnis 90", er leitete die Verhandlungsdelegation zum Zusammenschluss mit den Grünen. Während der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder war Werner Schulz wirtschaftspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Er war der einzige Abgeordnete der rot-grünen Koalition, der dem dritten und vierten Hartz-Gesetz nicht zustimmte und galt seit seiner Kritik am Vorgehen der rot-grünen Regierung 2005 in seiner Partei als isoliert. Schulz war stellvertretender Vorsitzender im Stiftungsrat der Stiftung zur Aufarbeitung der SED Diktatur und Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages. Schulz ist Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Friedliche Revolution in Leipzig. Er lebt bei Berlin.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.

1 Kommentar

  1. 1.

    Lieber Herr Andruchowytsch, gewiss gibt es noch hier und da irgendwelche Deutsche, die immer noch Illusionen hegen, aber die große Mehrheit ist entsetzt über Putin und den Krieg gegen Ihr Land. Und nicht nur, weil sie fürchten, dass der Krieg sich ausweitet. Wir sind entsetzt über die Angriffe auf die Zivilbevölkerung, über die gründliche Vorbereitung dieses auf Lügen basierenden Kriegs, über diese Lügenpropaganda, aber auch darüber, wie blind wir Deutsche lange waren. Hier fallen viele Vergleiche von Putin mit Hitler. Jetzt erst. Putins Größenwahnsinn und absolute Ruchlosigkeit so lange zu verkennen, das erkläre ich mir auch mit dem Wunsch nach Frieden & weil alles weit weg ist. Heute jedoch sind zwei Flugstunden plötzlich nah. Und dass russische Bomben heute auch die Massengräber jüdischer und ukrainischer Opfer von vor 80 Jahren treffen, lässt ... Mögen Sie recht behalten mit Ihrem Optimismus. Gott segne Ihr Land und die Ukrainer.

Mehr

Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur
rbbKultur

Spenden und Hilfsorganisationen - Ukraine: So können Sie den Menschen helfen

Der russische Einmarsch in die Ukraine hat weltweit Entsetzen ausgelöst, aber auch eine Welle von Solidarität und Hilfsbereitschaft in Gang gesetzt.

Im Folgenden haben wir einige Möglichkeiten aufgeführt, wo und wie Sie helfen können - mit Geld- oder Sachspenden an Hilfsorganisationen und Schlafplätzen für Flüchtende.

Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur
rbbKultur

Lage der Menschen - Russlands Krieg in der Ukraine

Am 24. Februar hat Russland seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen - in der Erwartung eines raschen Sieges. Ein Ende ist nicht in Sicht, ebenso wenig wie eine politische Lösung. Die Zahl der Toten auf beiden Seiten steigt. Die Ukrainer kämpfen um ihre Unabhängigkeit, Russlands Präsident Putin sieht diese als "historischen Irrtum". Wie geht es weiter? Berichte, Meinungen, Gespräche zum Thema.

Podcast abonnieren

Podcast | Der zweite Gedanke © rbbKultur
rbbKultur

Debatte mit Natascha Freundel & Gästen - Der Zweite Gedanke

Hier geht es um alles, was unser Miteinander betrifft: Bildung, Demokratie, Freiheit, Klima, Städtebau - Themen und Fragen unserer Zeit. rbbKultur-Redakteurin Natascha Freundel spricht mit zwei Gästen, die wissen, wovon sie reden. Philosophisch und persönlich. Kritisch und konstruktiv. Immer auf der Suche nach dem zweiten, neuen Gedanken.