Berlin: Ein Bild von Karl Marx als Streertart auf einer Mauer. © Wolfram Steinberg/dpa
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Die Debatte mit Natascha Freundel, Mathias Greffrath und Ulrike Herrmann - Marx heute – Was tun gegen Armut?

"Marx war kein Moralist." Ulrike Herrmann

Ein Gespenst geht um in Europa. Es trägt den Namen Karl Marx und taucht auch nach dem Ende des Marxismus-Leninismus und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs immer wieder auf: Aktuell in einer Ausstellung im Deutschen Historischen Museum über "Marx und den Kapitalismus".

Der untote Marx erhebt den Anspruch, er habe "das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft" entdeckt. Die Wirtschaftsexpertin der TAZ, Ulrike Herrmann und der freie Autor Matthias Greffrath erklären, warum Marx gerade in Sachen sozialer Ungleichheit aktuell bleibt, wie wir mit Marx über Marx hinaus denken können und warum wir dabei gerechte Löhne in den Blick nehmen müssen.

Warum haben wir heute in Deutschland mehr als 13 Millionen Menschen, die als arm gelten? Nicht aus ökonomischen Zwängen, wie Marx sie beschrieben hat, sondern das ist ideologischer Wahnsinn, der sehr viel mit der deutschen Geschichte zu tun hat. Wir müssen Exportweltmeister sein, ohne dass sich jemand fragt, wie wohl andere Länder leben, die das nicht sind. Die kommen alle gut zurecht. Über diese Dinge wird in Deutschland überhaupt nicht geredet. Stattdessen herrscht hier die irre Idee: Wenn man arm ist, wird man reich; wenn ganz viele Menschen wenig Geld verdienen, dann werden alle reicher. Das ist einfach Unsinn. Aber das ist hier zutiefst verankert. Um das zu verstehen, bringt es jedoch nichts, Marx zu lesen.

Ulrike Herrmann

Marx sagt nicht, wie es enden wird. Es kann ganz furchtbar enden, auch das ist bei ihm angelegt. Er sagt, dass das kapitalistische System aus sich selbst heraus weder Stabilität, noch Naturbewahrung, noch die Bewahrung menschlicher Substanz produziert, sondern dass das durch Politik hergestellt werden muss. Aber das Ziel, eine Gesellschaft so zu organisieren, dass sie nicht gegen die Naturgesetze verstößt und zugleich menschenwürdig ist; dass also alle genug Raum haben, um ihre menschlichen Fähigkeiten gleichermaßen zu entwickeln und nicht nur zehn Prozent und die anderen nicht - das ist nach wie vor eine Zielbestimmung, die mit dem Kapitalismus nicht zu erreichen ist, die aber komischerweise von sehr vielen Menschen in der Welt geteilt wird.

Mathias Greffrath

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Ulrike Herrmann (© privat) und Mathias Greffrath (© Gregor Baron)
Bild: privat | Gregor Baron

Ulrike Herrmann ist Wirtschaftsredakteurin bei der "tageszeitung" (taz). Sie ist ausgebildete Bankkauffrau und hat Geschichte und Philosophie an der FU Berlin studiert. Sie ist regelmäßiger Gast im Radio und im Fernsehen. Von ihr stammen mehrere Bestseller, darunter „Der Sieg des Kapitals. Wie der Reichtum in die Welt kam. Die Geschichte von Wachstum, Geld und Krisen.“ (Westend Verlag, 2013) oder auch "Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung. Die Krise der heutigen Ökonomie - und was wir von Smith, Marx und Keynes lernen können" (Piper Verlag, 2018).

Mathias Greffrath, 1945 geboren, hat in den Sechziger Jahren in Berlin Soziologie und Philosophie studiert, wo er auch heute als Autor und Journalist lebt. Er war Redakteur beim Sender Freies Berlin, bei der ZEIT und Chefredakteur der Ost-West-Wochenzeitung „Wochenpost“. Seit fünfzehn Jahren schreibt er als freier Autor Artikel, Essays und Hörspiele, u.a. für die ZEIT, Theater heute, die taz und ARD-Hörfunkanstalten. In den letzten Jahren hat er sich mit der Geschichte der Aufklärung, den sozialen und kulturellen Auswirkungen von Globalisierung und Klimawandel, dem Menschenbild der Biowissenschaften und der Gehirnforschung beschäftigt. 2017 war er Herausgeber des Buches „Re: Das Kapital. Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert“ (Verlag Antje Kunstmann).

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