Stefanie de Velasco; © Anne-Dore Krohn/rbbKultur
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Das literarische Gespräch - Schafe im Ostblock einsammeln

Stefanie de Velasco schreibt mit "Kein Teil der Welt" ein kluges Buch über die Zeugen Jehovas und gleichzeitig den besten Wenderoman der Gegenwartsliteratur.

Was passiert, wenn zwei Mädchen in einer totalitären Religionsgemeinschaft aufwachsen? Esther und Sulamith gehören zu den Zeugen Jehovas, die eine ist hineingeboren, die andere hat den Glauben als kleines Kind übergestülpt bekommen, als ihre Mutter als Geflüchtete nach Deutschland kam und von den Zeugen Jehovas bekehrt wurde.

Stefanie de Velasco erzählt die Geschichte einer sehr engen Freundschaft, eher einer Liebe, auf jeden Fall einer Schicksalsgemeinschaft zwischen zwei Mädchen und dann jungen Frauen, die in einer kompromisslosen Gemeinschaft groß werden. Geburtstage werden nicht gefeiert, Bluttransfusionen abgelehnt genauso wie die Evolutionslehre, und der Kontakt zu den "Weltmenschen", den Nichtgläubigen, wird weitgehend vermieden.

Sulamith beginnt immer mehr zu hinterfragen und gerät in Konflikt mit den Regeln der Gemeinschaft. Es kommt zur Katastrophe – und Esther verliert nicht nur die Freundin, sondern zieht mit ihren Eltern kurz nach der Wende in ein Dorf in Ostdeutschland, wo neue "Schafe eingesammelt" werden sollen. An Stelle einer Fabrik wird der "Königreichssaal" gebaut, der Versammlungsraum der Zeugen Jehovas.

Wie de Velasco das gesellschaftliche Vakuum in einem gefallenen Staatssystem porträtiert, in das die Zeugen Jehovas buchstäblich hineinmissionieren, gehört zu den plastischten literarischen Schilderungen der Neunzigerjahre und macht "Kein Teil der Welt" zum besten Wenderoman der Zeit.

Im Oktober, als "Kein Teil der Welt" erschien, war es genau 25 Jahre her, dass Stefanie de Velasco selbst die Zeugen Jehovas verlassen hatte. Die eigenen Erfahrungen, die schrittweise Distanzierung und der Ausschluss sind der Glutkern des Romans.

"Der Wunsch zu schreiben war immer verbunden mit dem Wunsch, dieses Buch zu schreiben. Es war wie unter Wasser zu tauchen und nicht wissen, wie man wieder hochkommt, um wieder Luft zu holen. Ich musste mich an viele Dinge erinnern, an die ich lange nicht gedacht habe."

Autobiografisch ist "Kein Teil der Welt" jedoch nicht. De Velasco wollte das Universum der Zeugen Jehovas auch im historischen Kontext erzählen, wie sie sich in ihrer Kompromisslosigkeit u.a. gegen die Nazis stellten und später in der DDR verfolgt und isoliert wurden. Gleichzeitig beschreibt sie eindrücklich die Stimmung in einer fanatischen Gemeinde, die alles auf den "Harmagedon" ausrichtet, den Weltuntergang, bei dem Jehova ein Paradies auf Erden errichten soll – aber nur für alle Zeugen Jehovas.

Was für mich sehr traumatisch war, ist dieser fiktive Weltuntergang, womit ich bis heute zu kämpfen hatte. Dieses Buch war der Versuch, diesen Weltuntergang hinter mir zu lassen.

Für Stefanie de Velasco führte der Weg vom Austritt aus den Zeugen Jehovas irgendwann zum Schreiben – zu eigenen Narrationen, zum Umgang mit Phantasie, Fakt und Fiktion. In der Rolle der Schriftstellerin, "diese seltsame Rolle zwischen Himmel und Erde, zwischen der Mitte der Gesellschaft und dem Rand" fühlt sie sich wohl. "Kein Teil der Welt", sagt sie, sei wie ein "Schutzzauber" für sie, als habe das Schreiben des Romans ihr dabei geholfen, die eigene Kindheit und Jugend etwas zu bannen.

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Stefanie de Velasco: Kein Teil der Welt; Montage: rbbKultur
Kiepenheuer & Witsch

Stefanie de Velasco: "Kein Teil der Welt"

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019
ISBN 978-3-462-05043-1
Hardcover, 432 Seiten
22 Euro

Stefanie de Velasco

wurde 1978 im Rheinland geboren. Sie studierte Europäische Ethnologie und Politikwissenschaft. Sie lebt in Berlin und schreibt u.a. für das Stadtmagazin Zitty, die FAS und Zeit Online. 2013 kam ihr Debut heraus, "Tigermilch", das in viele Sprachen übersetzt und für das Kino verfilmt wurde.