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- Unterwegs zur Arbeit 3 – Grundeinkommen für alle, aber dalli

Für heute gehts für einen gedanklichen Moment so zu - wie in einer etwas anderen Welt. Es geht um das Bedingungslose Grundeinkommen. Eine Utopie? Vielleicht. Oder eine andere Art zu denken im neo-kapitalistischen Zeitalter?

Als ich den Begriff "Bedingungsloses Grundeinkommen" zum ersten Mal höre, glaube ich mich wie in einem Märchen. Dass da eine gute Fee kommt und mir drei Wünsche erfüllen möchte.

Märchenhaft?
Ja der erste wäre sicherlich Gesundheit, aber schon der zweite wäre genau so eine Art von Grundsicherung. Bedingungsloses Grundeinkommen - eine wirklich märchenhafte Vorstellung, die vor ein paar Jahren ein Berliner Unternehmer mit anderen ins Leben gerufen hat. Michael Bohmeyer ist einer der Initiatoren des Pilot-Projekts Grundeinkommen. Es ist die erste Langzeitstudie in Deutschland zur Wirkung eines bedingungslosen Grundeinkommens auf Mensch und Gesellschaft, entwickelt zusammen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Verändernd?
"Wir wollen herausfinden, wie ein Grundeinkommen unsere Gesellschaft verändert." sagt Michael Bohmeyer. Er ist 2014 aus seinem bisherigen Unternehmen ausgestiegen, bezog aber noch weiter Geld - als Teil einer monatlichen Gewinnausschüttung. Das war zwar weniger als vorher, aber es kam einfach bedingungslos daher und hat sein Denken verändert. Geht das anderen auch so, wollte er wissen und startete eine Kampagne für das bedingungslose Grundeinkommen. Dafür spenden mittlerweile über 200 000 Menschen Geld - kleinere und größere Summen. Das Geld wird dann an Leute ausgeschüttet, die sich bei dem Verein beworben haben und dann - bei Zusage - ein Jahr lang on top Geld bekommen. Bisher hat der Verein auf diese Weise über 650 Menschen erreicht.

Vertrauensvorschuss
"Und dabei haben wir festgestellt, dass es ganz anders in der Praxis wirkt, als es in der Theorie behandelt wird. Es ist nämlich nicht so, dass die Menschen faul würden. Im Gegenteil, sie arbeiten besser. Sie arbeiten in Jobs, die besser zu ihnen passen. Sie leben gesünder. Sie werden sozialer. Sie sagen, dass er den Kopf frei haben und sich selbst wirksamer fühlen. Dass sie also das Gefühl haben, ihr Leben mehr in der Hand zu haben, und das scheint sowohl bei denjenigen zu passieren, die wenig Geld haben, aber im gleichen Maße bei denjenigen, die längst genug Geld für ein gutes Leben haben."

Bedingungslos - das ist ein Vertrauensvorschuss, der anders als bisherige Förderungen funktioniert. Es ist einfach Geld, das jeder und jede am Monatsanfang auf dem Konto hätte. Wer mehr verdienen will, bitte. Abgerechnet wird das ganze Modell am Jahresende über die Steuer. Was die ganze Sache im Endeffekt ihn die Nähe eines realistischen Modelles für Arbeit 2.0 rückt.

"Das Grundeinkommen ist eine wunderbar postideologische Idee." Michael Bohmeyer lächelt.

"Es ist keine Idee, die den Kapitalismus abschaffen wird. Es ist aber kann sehr wohl eine sein, die ihn transformiert, weil erstmals seit der Einführung des Kapitalismus die Menschen nicht mehr gezwungen werden, für ihre Existenz erwerbs-zu-arbeiten. Und damit entsteht natürlich eine neue Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern."

Jürgen Gressel-Hichert, rbbKultur