Die Staatskapelle Dresden spielt in der Dresdner Semperoper; © dpa/Ralf Hirschberger
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Zwei Charité-Institute wagen sich vor - Volle Säle mit Maskenpflicht bei Klassik-Konzerten

Die Stellungnahme zweier Institute der Berliner Charité wagt eine Empfehlung, die für den Klassikbetrieb in Coronazeiten eine wichtige Rolle spielen kann: Mit Mund-Nasen-Schutz können die Säle voll besetzt werden. Maria Ossowski berichtet.

Bislang sind die Sitzreihen in Opern- und Konzerthäusern in Deutschland überwiegend leer, nur jeder vierte Platz wird normalerweise vergeben. Doch die Charité-Institute für Sozialmedizin und Epidemiologie sowie für Hygiene und Umweltmedizin empfehlen nun in einer überarbeiteten Studie, jeden Platz zu besetzen. Dem rbb liegen diese Empfehlungen exklusiv vor. Voraussetzung ist allerdings, dass alle Besucherinnen und Besucher einen Mund-Nasen-Schutz tragen.

"Die entscheidende Grundlage ist die wissenschaftliche Beurteilung der Wirksamkeit von einem Mund-Nasen-Schutz. Wenn man einen solchen Schutz trägt, werden etwa 95 Prozent der Viruslast absorbiert. Das heißt, man selber ist geschützt, und auch das Gegenüber", sagt Professor Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin und Epidemiologie an der Berliner Charité.

Ein voller Saal wäre also möglich, wenn alle Besucherinnen und Besucher einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Eine zentrale Rolle für diese Empfehlung spielt das Verhalten des Publikums. In klassischen Konzerten oder in Opern wird während der Veranstaltung weder geredet oder getanzt.
Niemand brüllt, springt auf und ähnliches.

Stefan Willich ist selbst auch Dirigent und kennt das Klassikpublikum gut: "Das Besondere bei klassischen Konzerten ist, dass das Publikum in der Regel aufgeklärt und sehr diszipliniert ist, dass nicht gesprochen wird während der Veranstaltung, dass man still da sitzt, alle in einer Reihe, man sitzt sich auch nicht gegenüber."

Somit könnte ein klassisches Konzert sicherer sein als ein Einkauf im Supermarkt, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder Ähnliches. Der Epidemiologe ist sich bewusst, dass die Freunde klassischer Musik im Schnitt zum älteren Teil der Bevölkerung gehören und damit teilweise zur Risikogruppe. "Die Risikofaktoren für Corona sind hohes Alter und relevante chronische Begleiterkrankungen. Ich denke, wenn man einer solchen Risikogruppe angehört, sollte und wird man selbst entscheiden, ob man sich der Öffentlichkeit aussetzt, ob man gewisse Risiken, und seien sie auch sehr gering, eingeht oder nicht."

Selbstverständlich reiche das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes allein nicht aus, so Willich. Viele weitere Voraussetzungen für den Besuch eines Konzertes gehören dazu, etwa die sehr wichtige Belüftungssituation. "Es müssen moderne ausreichende Belüftungsanlagen sein, teilweise auch mit speziellen Filtern. Die Saaltechnik muss klären, dass man hier wirklich einen ordentlichen Luftaustausch hat."

Zudem, so Epidemiologe Willich, gelten die üblichen Hygienemaßnahmen: Distanz in den Eingangs- und Foyerbereichen, Verzicht auf Catering. "Die Bars sollten also geschlossen bleiben, damit der Mundschutz aufgesetzt bleiben kann, und um Gedränge zu vermeiden. Zudem eine kontaktlose Einlasskontrolle und die Registrierung von Kontaktdaten beim Erwerb der Konzertkarten." Alle Kontaktflächen wie Türklinken, Armlehnen, Treppengeländer sowie der gesamte Sanitärbereich müssen nach jeder Veranstaltung gründlich gereinigt werden.

Beide Charité-Institute hatten im Mai bereits Empfehlungen für die Sitzordnungen der Musikerinnen und Musiker auf der Bühne verfasst, die viele Orchester in Deutschland und international umgesetzt haben. Diese Empfehlungen sind jetzt modifiziert. Auch hier ist eine Bestuhlung fast wie in der vorpandemischen Zeit möglich. Weitere physiologische und strömungstechnische Untersuchungen zeigten, dass auch bei Bläsern letztlich nur in einem sehr dichten Umkreis, ungefähr ein Meter um den Spieler herum, Tröpfchen und Aerosole zu erwarten seien im Fall eines infizierten Mitspielers. "Auf dieser Basis konnten wir jetzt die Distanzregeln reduzieren. Bei Streichern reicht ein Meter und bei Bläsern 1,5 Meter Abstand. Das entspricht fast wieder einer normalen Orchesteraufstellung."

Ein voller Saal, wenn alle Klassikfreunde Masken tragen und die Hygieneregeln eingehalten werden. Eine Sitzordnung der Orchester, fast wie früher. Dies sind Empfehlungen, mit denen sich die Politik jetzt beschäftigen muss.

Maria Ossowski, rbbKultur

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