Lernen am Küchentisch; © Kirsten Dietrich
Bild: Kirsten Dietrich

Miteinander, mehr oder weniger - Schöne schreckliche Familie

Alle Schulen geschlossen. Was man jetzt alles mit seinen Kindern machen kann! Nach einer Woche berichtet Kirsten Dietrich von ihren Erfahrungen – in der rbbKultur Kolumne "Miteinander, mehr oder weniger".

Das waren schöne Nachrichten organisierterer Eltern, als sich die Schließung aller Schulen abzeichnete: Was man jetzt alles mit seinen Kindern machen könne. Stelzen laufen lernen, Hütten bauen, gaaanz viel lesen und basteln ... Und dass man die Krise als Chance sehen solle, sich als Familie noch mal ganz neu zu erleben.

Nach einer Woche würde ich sagen: schwierig, das alles. Denn ob die Situation ohne regelmäßige Schulzeiten und mit viel Zeit zusammen zur Chance wird oder doch zur Hölle, hat doch vor allem mit Privilegien zu tun, mit sozialer Absicherung – und ob man in sich genug Interessen und Inhalte hat, die einen beschäftigen.

Meine Familie ist privilegiert
Mein Partner und ich können beide problemlos zu Hause arbeiten und haben uns die Betreuung der Kinder schon in Vor-Corona-Zeiten geteilt. Wir werden das Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens auf dem Konto merken, aber es wird uns nicht umhauen. Die Ressource, die bei uns wirklich umkämpft ist, ist Zeit. Und diese Knappheit verschärft sich erstaunlicherweise, wenn alle aufeinanderhocken. Jedenfalls dann, wenn man auch Zeit für sich braucht, sei es fürs Arbeiten oder einfach zum Durchatmen und Nachdenken.

Ich brauche diese Zeit. Deswegen finde ich es anstrengend und völlig utopisch, schulische Bildung jetzt komplett an den heimischen Küchentisch zu verlagern. Das Lernen anderer sinnvoll anzuleiten, ist eine hohe Kunst – nie war mir das so bewusst wie in den vergangenen Tagen.

Lernen um zu zocken
Mein älterer Sohn wird von seiner Schule gut aus der Ferne betreut – heißen Dank an alle Lehrkräfte. Die Klasse hat einen virtuellen Klassenraum auf einer Lernplattform des Berliner Senats, die Lehrenden stellen regelmäßig Aufgaben ein und fordern auch ihre Erledigung.

Der jüngere Sohn – schwimmt. Ein Mathebuch konnte er sich am Montag nicht mehr ausleihen, die waren schon alle weg. Wer kein Buch hat, möge eine Lern-App benutzen, hieß es. Auf der klickt er sich leidenschaftslos voran, richtig, falsch, wen juckt das, Hauptsache, es kommen genug Belohnungsmünzen zusammen, mit denen sich dann ein Spiel zocken lässt. Auf der Lernplattform. Immerhin ist die Grafik des Spiels so alt, ich würde mal sagen: Space-Invaders-alt, dass sich das Ganze als Geschichtslektion abbuchen lässt. Also schreiben wir jetzt Diktate, haben "Harry Potter 7" zum Corona-Leseprojekt erkoren und werden demnächst in die Verfertigung eigener Mathe-Arbeitsblätter einsteigen. Wenn die dringenden Projekte erledigt sind, für die wir bezahlt werden. Also: Wer weiß, wann wir die Zeit finden.

Den Tag selber gestalten
Seine Zeit selber strukturieren zu lernen, ist eine hohe Kulturtechnik. Man drückt sich leicht vor dieser Aufgabe, weil der Alltag normalerweise von anderen geplant wird. Schimpft ein bisschen übers frühe Aufstehen oder das Üben für den Gitarrenunterricht. Aber hat ein Gerüst für den Tag. Dieses Gerüst selber zu gestalten, jeden Tag, aus Wünschen Taten werden zu lassen, das ist eine echte Herausforderung, für Kinder wie für Erwachsene.

Wir tasten uns jetzt vorsichtig an diese Struktur heran. Manches klappt super: Ausschlafen ohne schlechtes Gewissen oder gemeinsames Tischtennis-Training. Manches hakt noch: Hausaufgaben und Schreibarbeit tatsächlich erledigen. Sich herausfordernden Aufgaben stellen und nicht hinter der fernen Schulklasse wegzuducken. Den eigenen Interessen Form zu geben – und sich nicht nur vom nächsten Level beim Computer-Zocken herausfordern zu lassen.

Schön wär's, wenn wir wirklich aus und in dieser erzwungenen Auszeit dazulernen würden. Aber ich freue mich schon jetzt darauf, einen Teil dieser Arbeit wieder in gesellschaftliche Hände zu legen.

Kirsten Dietrich, rbbKultur

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