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Miteinander, mehr oder weniger - Mehr menschliche Intelligenz

Ist es zynisch, zu sagen, dass die Coronakrise auch ihre guten Seiten hat? Matthias Käther sieht durchaus positive Wirkungen der Situation. Sie erinnert ihn an den Umbruch von 1989 …

Ist es zynisch, zu sagen, dass die Coronakrise auch ihre guten Seiten hat? Ich jedenfalls nehme einige positive Auswirkungen wahr, die auch Zukunftsforscher wie Matthias Horx oder der Soziologe Franco Ferrarotti sehen. Etwa in Fragen des Umgangs zwischen Ost und West. Wann immer ich Wessis zu erklären versucht habe, wie es ist, wenn innerhalb von Wochen eine Welt zusammenfällt, die man für selbstverständlich hielt und von der man glaubte, dass sie ewig hält, hatte ich den Eindruck: Sie versuchen, es zu verstehen, aber so ganz klappt es doch nicht.

Ohne Gewissheiten
Wir Ossis, die die Wende bewusst erlebt haben, wissen, wie es ist, wenn alle Gewissheiten wegbrechen: was morgen kommt, ob wir die Arbeit verlieren und alles, was bisher Normalität war. Wir wissen auch gelassener damit umzugehen, wenn es im Supermarkt mal nicht genau das gibt, was es sonst immer gab. Oder dass jeder von bestimmten Produkten nur eine rationierte Menge bekommt. Ich muss zugeben, dass das Anstehen nach Bananen mehr Würde hatte als das nach Klopapier. Wenn das Klopapier alle war, haben wir das "Neue Deutschland" genommen. Kein Grund zur Aufregung.

Krise als Chance
Für viele Wessis war der gravierende Umbruch, der das Leben der Ossis radikal umgekrempelt hat, ein Fernseh-Ereignis. Nun erleben alle Deutschen eine radikale Ungewissheit. Das wird uns vielleicht mehr einen als alles andere. Wie überhaupt eine gemeinsam durchgestandene, gesamtdeutsche Krise die Menschen durchaus stärker miteinander verbinden könnte.

Denn nach der Corona-Krise, fürchte und hoffe ich zugleich, wird die Welt eine andere sein. 2020 bedeutet eine Zäsur wie 1789, 1914 oder 1989. Eine Zeitenwende, die dazu führt, dass frühere Probleme schrumpfen und Menschen vielleicht mit einer gewissen Belustigung auf sie zurückblicken. Schon jetzt strahlen die Werbeplakate in der Stadt etwas Nostalgisches und leise Lächerliches aus – so wie die übriggebliebenen DDR-Banner im Jahre 1990.

KI war gestern
Womöglich werden wir es albern und morbid finden, dass Krimis in der Alten Welt immer brutaler und mordlüsterner wurden. Vielleicht werden wir die Flut von Ratgebern belächeln, die Probleme behandelten, die uns jetzt ziemlich schnurz sind, und wahrscheinlich werden wir nicht mehr verstehen, warum man versucht hat, die Welt zu entpersonalisieren. Ich frage mich jetzt schon, warum man lebende Stimmen auf Bahnhöfen und am Service-Telefon durch Automaten ersetzt, wenn sich doch so viele Menschen einsam fühlen.

Künstliche Intelligenz, so prophezeit der Zukunftsforscher Horx, werde nach in dieser Krise weniger verheißungsvoll wirken. In Krisensituationen wie dieser wird so schmerzlich wie beglückend klar, dass es vor allem auf eins ankommt: auf die menschliche Intelligenz.

Matthias Käther, rbbKultur

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