Treppenhaus im Haus des Rundfunks © Anne-Dore-Krohn
Bild: Anne-Dore-Krohn

- Gruß aus einer anderen Epoche

Neulich fiel mir ein Foto von der letzten Buchmesse in die Hände. Eine Party auf einer Terrasse, Menschen unter Heizpilzen, mit Getränken, im Gespräch, einander zugewandt - und das erste, was ich dachte, war: "Mein Gott! Auseinander, Leute! Wie könnt Ihr so nah beisammen stehen!"

Die Buchmesse war im Oktober, aber das Foto fühlt sich an wie ein Gruß aus einer anderen Epoche. Eine Epoche, in der niemand über eine Fahrradlänge Abstand, über Mundschutz oder Klopapier nachdachte.

Wie schnell sich die Automatismen verschoben haben! Es ist erst zwei Wochen her, dass in Berlin die Ausgangssperren ausgesprochen wurden. Aber der Sicherheitsabstand hat sich etabliert, als habe es ihn schon immer gegeben; wir haben - jeder für sich - einen unsichtbaren Kreis mit 2-Meter-Radius um uns gezogen, wenn jemand näher kommt, ist man fast schon empört. Wir sind in diesen Tagen die isolierten Mittelpunkte von zwölf Quadratmeter großen Kreisflächen, und da drin kann es manchmal verdammt einsam sein.

Manche Forscher sagen, dass es mindestens 21 Tage dauert, bis man eine Verhaltensänderung nicht mehr als Irritation empfindet. Ging das beim Abstandhalten nicht sogar schneller? Die Markierungen auf dem Boden vor der Supermarktkasse, das Ausweichen auf der Straße, der Plausch mit den Nachbarn über das halbe Treppenhaus hinweg - das ist die neue Norm, die hinterfragt keiner, die Argumente sind ja auch bestechend.

Irritierend geworden dagegen die Vorstellung, Freunde zur Begrüßung zu umarmen; sich im Restaurant probieren zu lassen, womöglich von der selben Gabel; im Yogastudio schwitzen, Matte an Matte; im Theater dem Sitznachbarn einen Pfefferminzbonbon anbieten. Unvorstellbar.

Wein im Videochat ist das neue Ausgehen. Der sogenannte Elbow Bump, also Ellbogen an Ellbogen, ist schon die gewagtere Begrüßung dieser Tage; die Herzlichen unter uns simulieren das Küsschen, Küsschen jetzt aus ein paar Metern Entfernung. Und "Tschüß" sagt fast keiner mehr, sondern: "Bleib gesund".

Das Perfide an der momentanen Situation ist, dass wir etwas für die Gemeinschaft tun, indem wir uns isolieren. Die Großeltern schützen, indem wir sie nicht treffen. Ein fieses Paradox. Nähe durch Distanz, denen, die wir lieben, fernbleiben.

Aber was macht das langfristig mit uns, wenn Andere vor allem potentielle Virenträger sind, und wir selbst auch, allesamt Gefährder?

Und dann - das vergißt man ja manchmal innerhalb dieses 12 Quadratmeter kleinen Kreises, sind ja auch die Grenzen zu, man kann nicht verreisen, darf nicht mal picknicken, auf der Parkbank ein Bier trinken oder einfach nur draußen herumlümmeln. Wir leben unter einem virulogischen Imperativ, den man moralisch zwar kaum anzweifeln kann, aber ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem, dass unsere Freiheiten in Nullkommanichts über den Haufen geworfen wurden.

Der Schriftsteller Mark Twain hat mal gesagt: Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muss sie die Treppe herunterprügeln, Stufe für Stufe.  

Wenn es also irgendwann wieder aufwärts geht, dann geht es hoffentlich schnell bergab - mit so mancher neuer Gewohnheit, ich kann es kaum erwarten, sie ohne Sicherheitsabstand mit anderen gemeinsam die Treppen hinunterzuprügeln, Stufe für Stufe.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur