Ingo Schulze zu Gast im kulturradio; Foto: Gregor Baron
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Die rbb Kulturgespräche - Ingo Schulze: "So eine Krise macht manches deutlicher."

Die Corona-Krise hat den Berliner Schriftsteller Ingo Schulze kurz vor seiner geplanten Lesereise erwischt. Er musste sie absagen. Schulze wollte aus seinem Roman "Die rechtschaffenen Mörder" lesen, der in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war. Kurzerhand hat er sich in sein Wohnzimmer gesetzt und dort gelesen, von seiner Tochter gefilmt.

rbbKultur: Ingo Schulze, als Schriftsteller dürfte Sie ja gefreut haben, dass Buchläden zumindest in Berlin und Sachsen-Anhalt als systemrelevant eingestuft wurden und somit geöffnet bleiben können. Sind denn Bücher aus Ihrer Sicht so relevant, dass eine Gesellschaft ohne sie nicht auskommen kann oder sollte?

Ingo Schulze: Ich glaube, dass wir alle Erzählungen brauchen. Wie die dann aussehen und wo man die sich herholt, das ist eine andere Sache. Viele, denen Literatur etwas bedeutet, die haben natürlich eine Menge Bücher zu Hause stehen. Aber ich hab das doch als sehr angenehm empfunden, jetzt nicht nur, weil ich Bücher im Buchhandel loswerden will, sondern auch einfach da hingehen kann und warten, bis man dann allein hineintreten und dann sich doch so umschauen kann als wäre es wie immer. Oder auch bestellen kann, und am nächsten Tag hat man’s.

rbbKultur: In Ihrem aktuellen Roman "Die rechtschaffenen Mörder" beschreiben Sie den Werdegang eines Antiquars zum Rechtsradikalen in Dresden. Derzeit scheinen ja rechtspopulistische und rechtsradikale Meinungen eher in den Hintergrund gerückt zu sein. Die Bundesregierung hat, glaubt man den Umfragen, an Ansehen gewonnen. Meinen Sie denn, dass die Rechten nach der Corona-Krise wieder Aufwind bekommen? Oder wird sich die politische Landschaft möglicherweise wiederum ganz anders entwickeln?

Ingo Schulze: Das ist schwer zu sagen. Es gibt, glaube ich, jetzt so einen Hang zum leicht Konservativen. Man möchte eigentlich, dass endlich wieder alles so ist wie immer. Und wenn man sich die Umfragen anschaut, dann sind wir doch so auf dem Stand vor zwei, drei Jahren etwa. Eine Lösung für gesellschaftliche Fragen wird das jetzt, glaube ich, nicht sein. Es zeigt halt die Punkte, an denen meiner Ansicht nach etwas verändert werden müsste. Das war auch vorher klar, aber so eine Krise macht doch manches deutlicher, kenntlicher.

rbbKultur: Aber da gibt es ja geteilte Meinungen darüber, wieviel Potential in so einer Krise steckt. Wie stehen Sie denn dazu? Was, glauben Sie, wird tatsächlich sich durchsetzen im veränderten Denken?

Ingo Schulze: Das kann ich jetzt schwer sagen. Ich würde mir beispielsweise wünschen, dass man jetzt durch die Erfahrungen dieser Krise noch verstärkt sagt, dass gerade unser Gesundheitswesen nichts ist, dass Profitinteressen unterliegen sollte. Wir hatten ja vorher überlegt, also wir als Gemeinwesen, ob nicht Krankenhäuser noch geschlossen werden müssen, weil sie nicht so profitabel sind. Ich meine, wenn Krankenhäuser Hedge-Fonds gehören oder überhaupt so betrieben werden, dass man sich davon Profit verspricht, das ist, glaube ich, nicht die beste Lösung für unser Gesundheitswesen.
Und wie Schulen organisiert sind, dass da das Private jetzt nicht so eine Rolle spielen darf. Man merkt ja jetzt, wie wichtig es ist, dass das Gemeinwesen agiert, in Form des Staates auch.

rbbKultur: Kapitalistische Strukturen interessieren Sie auch immer wieder als Schriftsteller und als Denker, als Intellektueller. Zurzeit kann man da ja große Unterschiede wahrnehmen, wie Menschen so zu recht kommen; Menschen, die in einem großen Unternehmen angestellt sind, haben es deutlich besser als jemand in der Gastronomie oder als Freiberufler. Die einen vereinsamen zu Hause, die anderen ertragen ihre Kleinfamilie schon nicht mehr. Haben Sie das Gefühl, es entstehen gerade neue Bruchlinien in unserer Gesellschaft?

Ingo Schulze: Na ja, was im Gesellschaftlichen passiert, das geschieht auch im familiären Bereich. Also wer eine halbwegs schöne Wohnung hat und vielleicht jetzt schon größere Kinder, die sich auch selbst beschäftigen, und in guter Ehe oder Zweisamkeit, oder wie auch immer zusammenlebt, wird das natürlich ganz anders durchstehen können, als jemand, bei dem das nicht so funktioniert. Es geht ja auch meistens doch um diese Ungewissheit: Was wird? Wann kann ich wieder in meinen Alltag zurück? Alle diese Faktoren, die in einem „normalen“ oder normalisierten Leben eine Rolle spielen, die werden jetzt vielleicht kenntlicher, klarer; das was angelegt ist, spitzt sich zu, im Guten wie im Bösen.

rbbKultur: Wie gehen Sie mit der Ungewissheit um?

Ingo Schulze: Für uns ist es so, dass wir zu Hause arbeiten können. Ich wär froh, auch auf Lesereise zu sein. Und das ist ja auch eine finanzielle Sache. Andererseits habe ich Glück, dass sich das Buch gut verkauft, und es ist weiß Gott keine Strafe, zu Hause sitzen zu müssen mit der Familie. Also ich kann’s sogar eher noch genießen. Aber ich weiß halt, dass viele verrückt werden und dass es einfach existenzbedrohend ist für sehr, sehr viele.

rbbKultur: Ingo Schulze, Sie sitzen auch gerade an eine Kurzgeschichte. Geht es denn da auch um diese seltsame Corona-Zeit?

Ingo Schulze: Kurzgeschichten sind ja so etwas wie Sonden in die Zeit. Da kann man doch vieles von dem, was einen gerade unmittelbar beschäftigt, mit hinein fließen lassen. Das ist dann eher so am Rande, aber prägt auch die Figuren, wie es einen selbst prägt.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg

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