Regine Ahrem; © Privat
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Miteinander, mehr oder weniger - Laufen unter hohen Bäumen

In jeder Krise liegt die Chance für Veränderungen. Das wurde unserer Kollegin Regine Ahrem klar, als sie nach anfänglicher Schockstarre angesichts der Corona-Krise das Laufen entdeckte und die Leichtigkeit des Seins wiederfand. "Laufen unter hohen Bäumen" heißt ihre Kolumne in unserer Reihe "Miteinander, mehr oder weniger".

Mitte März sagte der Virologe, das sei jetzt die Phase, wo sich das Meer zurückzieht – wie bei einem Tsunami. Tatsächlich fühlte sich Corona an wie eine Naturkatastrophe, die man in Zeitlupentempo – aber doch in voller Gewissheit – auf sich zurollen sehen konnte.

Unter der Flut der täglich über uns hereinstürzenden Hiobsbotschaften, brachen in Windeseile alle Systeme und Gewissheiten, in denen wir uns so scheinbar mühelos eingerichtet hatten, zusammen. Diese ersten Tage und Wochen waren besetzt von der ängstlichen Frage: Unser schönes Leben. Was werden wir davon noch in die Zukunft retten können?

Eine Perspektive
Nach der ersten Schockstarre passierte bei mir folgendes: Ich begann in die Natur zu gehen. (Gesegnet sei die Stadt, das Land wo selbiges noch möglich ist.) Ich begann zu laufen. Unter freiem Himmel. Unter hohen Bäumen.

Ich lief täglich – weil bei mir vorm Haus – entweder am Schlachtensee oder an der Krummen Lanke. Nach ein paar Wochen zog ich größere Kreise, indem ich mit dem Auto zum Startpunkt meiner gewählten Laufstrecke fuhr: Dahlem, Babelsberg, Grunewald, Tiergarten. Auf diese Weise entdeckte ich auch ganz nebenbei meine Stadt aus einer ganz neuen Perspektive heraus.  

Ein Wunder

Und dann an einem der ersten Apriltage passierte ein Wunder: Ich schaute um mich und sah das schimmerndste Licht, das hellste Grün, das zarteste Rosa – Frühling also, in jeder Facette und in seiner ganzen Größe. "Da ist sie wieder", dachte ich, "die Leichtigkeit des Seins". Sie zeigt sich dann, wenn wir sie am allerwenigsten erwarten. Trotz oder vielleicht gerade wegen Corona. Irgendwie bin ich auf diese Weise der Schockstarre der ersten Wochen davongelaufen. Das Vertrauen ins Leben war zurückgekehrt.  

Zahlreiche Studien belegen, dass Spaziergänge in der Natur den Stressabbau mindestens ebenso erfolgreich befördern wie Psychopharmaka. Die Japaner haben dafür einen eigenen Terminus: "Waldbaden". Das erinnerte mich an Albert Hofmann – den Entdecker des LSD – der  noch im Alter von über 100 Jahren täglich beseelt seinen Spaziergang über die heimische Ritti Matte machte – "unter hohen Bäumen" – wie er erklärte.

Ein Weckruf
Und dann passierte das zweite Wunder: Die Ansteckungskurve begann sich abzuflachen, ja auch das. Aber darüber hinaus mischten sich in die allgegenwärtigen Schreckensnachrichten auf einmal zarte Pflänzchen der Hoffnung. Das Wasser in der Lagune von Venedig sei so kristallklar wie seit Menschengedenken nicht. Und die Satellitenbilder über China und Europa zeigten Industriegebiete, die frei waren von jedem Smog. Im Jahr 2020 wird – soviel ist jetzt schon klar – der CO2-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal fallen. Das klang wie ein Weckruf, die alten ausgetretenen Pfade zu verlassen und unbekanntes Terrain zu beschreiten.

Eine Zukunft
Vielleicht ist ja nicht mehr die Frage, wie wir unser schönes Leben zurückkriegen. Vielleicht wollen wir es gar nicht mehr zurückkriegen. Weil wir erkannt haben, dass irgendwas faul dran war – zu dicht, zu schnell, zu überhitzt. Oder um mit dem Zukunftsforscher Matthias Horx zu sprechen: Dass es zu sehr in eine bestimmte Richtung gerast ist, in der es keine Zukunft gibt. Er empfiehlt:

System reset!
Cool down!
Musik auf den Balkonen!

Und – möchte ich noch hinzufügen:
Laufen!
Laufen unter hohen Bäumen!

Regine Ahrem, rbbKultur

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Antwort auf [MacCarsty] vom 05.05.2020 um 14:24
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1 Kommentar

  1. 1.

    Noch am 1. Mai, nach einer Radtour durch die stillgelegte Berliner Innenstadt, hätte ich diesem hoffnungsfrohen Tenor zugestimmt. Aber nach dem 2. Mai, nach dem Trubel in den EInkaufszentren und auf den Straßen, habe ich meine Zweifel ...

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