Rennrad am Baum lehnend, © Arno Orzessek
Bild: Arno Orzessek

Miteinander, mehr oder weniger - "Warum mir Corona nicht weh tut"

Ist es zynisch, zu sagen, dass die Coronakrise auch ihre guten Seiten hat? Unser Autor Arno Orzessek sieht durchaus positive Wirkungen der Situation. Wie er diese Zeit erlebt, hören Sie in seiner Kolumne "Warum mir Corona nicht weh tut".

Als vor Wochen der Shutdown begann, wusste ich natürlich auch nicht genau, was da auf mich zukäme und wie stark mein Alltag und mein Lebensgefühl beeinträchtigt würden. Doch rasch fiel mir auf, dass ich durch mancherlei Zufälle oder – um ein großes Wort zu nennen – vom Schicksal bevorzugt bin. Es hat mich nämlich nahezu perfekt für die Corona-Krise präpariert.

Überall hört und liest man ja, dass Covid-19 unser komplettes Dasein umkrempelt und eigentlich alles heikler, schwieriger und schlechter macht. Für mich persönlich gilt das nicht. Und es wäre unredlich, anderes zu behaupten, um im Chor der Betroffenen mitsingen zu können.

Eine große Qual
Freunde erzählen mir, dass das Leben auf der Datsche – wohin sie immerhin ausweichen konnten – mit zwei kleinen Quälgeistern oft eine große Qual ist. Andere Freunde winken ab: Pah, was große Qualen sind, weißt du erst, wenn in deiner kleinen Wohnung Quälgeister hocken, die gerade schwitzend pubertieren.

Ich jedoch lebe gern allein. Ich müsste mich schon selbst quälen, um mit besagten Freunden gefühlsmäßig gleichzuziehen – ein Akt der Solidarität, auf den ich verzichte. Dennoch verspüre ich keine Einsamkeit – was nicht daran liegt, dass ich die Sozialen Medien überstrapazieren würde. Nein, an der großen Bank unterm Baum vor unserem Haus treffe ich wie immer – bei mittlerweile stark sinkender Abstandsmoral – Nachbarn und Freunde. Sie sind in Pausenlaune, weil sie dort vom Sozialstress in ihren bevölkerten Wohnungen pausieren. Ich erfahre, was alles nicht mehr geht: Fußball im Verein, Karate im Verein, Tango tanzen im Club. Meine Sportarten dagegen – Motorrad-, Rennrad-, Kajakfahren – sind wunderlicherweise total Corona-kompatibel.

Andere plagen sich mit Video-Konferenzen im Homeoffice herum. Ich arbeite auch sonst im Homeoffice, bin aber so unwichtig, dass mich nie jemand zu nervigen Video-Konferenzen bittet.

Früher habe ich Romane geschrieben und war das, was dieser Tage viele Romanschreiber sind, die keine Lesungen veranstalten können: ein armer Schlucker. Das fand ich nicht schön – und profitiere heute von dem kunstfeindlichen Entschluss, Texte nur zu schreiben, wenn der Rubel rollt.

Und geeignete Vorerkrankungen, die dem Virus mörderische Attacken erleichtern könnten, kann ich trotz vieler Unfälle und Klinikaufenthalte auch nicht vorweisen. Wie man es also dreht und wendet: Mir persönlich tut Corona nicht weh. Und ich weiß von einigen – es sind nicht wenige: Es geht ihnen wie mir.

Ein spezielles Problem
Selbstverständlich schwimme ich wie alle anderen im monothematischen Nachrichtenstrom. Aber es liegt eine frappierende Kluft zwischen dem objektiven Unheil, das Corona in die Welt brachte, und meinem persönlichen Wohlbefinden in der Zeit des Unheils.

Immerhin: Ein spezielles Problem habe ich. Denn wenn alles so furchtbar ernst ist, weil so viele so furchtbar von Corona geplagt werden, ich jedoch stehe unbeschadet und lebensfroh herum ... Tja, dann kann ich mich manchmal selbst nicht richtig ernst nehmen. Aber klar: Das ist ein echtes Luxus-Problem.

Kolumne