Picknick am Strand © www.imago-images.de
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- Unter freiem Himmel

Das Leben nach draußen zu verlagern, ist nicht nur eine Notwendigkeit in Corona-Zeiten, sondern hat auch sonst einen ganz besonderen Reiz. Das gilt für Open-Air-Theater und Freiluftkino genauso wie für ein Picknick unter freiem Himmel. Viele Dinge sind draußen viel schöner als drinnen. Jörg Magenau hat darüber nachgedacht, warum das eigentlich so ist.

Der Himmel ist immer oben. Der Himmel ist Wetter, ist Licht, ist Luft. Der Himmel ist aber auch der Ort der Gedanken, der Erinnerung und der Poesie. So wie in Bertolt Brechts Gedicht "Erinnerung an Marie A.", wo zwar das Gesicht der Geliebten, die er einst küsste, längst vergessen ist, nicht aber die Wolke, die währenddessen "sehr weiß und ungeheuer oben" am Sommerhimmel hing.

Der Kuss muss ziemlich lang gedauert haben. Das Mädchen von damals, heißt es am Ende des Gedichts, hat "jetzt vielleicht das siebte Kind, / doch jene Wolke blühte nur Minuten, / und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind." Trotzdem ist die Wolke das bleibende Ereignis, haltbarer als die Liebe, und nur wegen ihr geriet der Kuss nicht in Vergessenheit. Die Wolke zog vorbei und ist doch ewig im Gedächtnis.

Wer in den Himmel schaut, erkennt, dass es keinen Stillstand gibt. Alles ist in Bewegung. Der Himmel ist immer da, aber er lässt sich nicht fassen. Es sind flüchtige Momente, die sich da oben zur Ewigkeit zusammenballen, und vielleicht kommt es daher, dass der Mensch seine Götter stets im Himmel oder wenigstens auf dem Gipfel des Olymp angesiedelt hat. "Die Götter halten die Waage / eine zögernde Stunde an", dichtete Gottfried Benn in spätsommerlicher Vergänglichkeitsmelancholie: "Noch einmal die goldenen Herden / der Himmel, das Licht, der Flor / was brütet das alte Werden / unter den sterbenden Flügeln vor?"

Um diese Erfahrung zu machen, muss der Mensch aus dem Haus. Wer nur in der Stube sitzt, dem fällt irgendwann die Decke auf den Kopf. Im Haus ist es eng, da gibt es keinen Horizont. Zwar hat das Wort Himmel etymologisch auch etwas mit Decke, Hülle, Gewölbe zu tun, so dass die Germanen und die Gallier, wie wir aus Asterix und Obelix wissen, nichts so sehr fürchteten, als dass ihnen der Himmel auf den Kopf fallen könnte.

Für uns Heutige ist der Himmel aber nicht mehr aus Stein gebaut, sondern ein durchlässiges und durchsichtiges Gebilde, ein Gasgemisch, bei dem uns allenfalls der Ozon- und der CO2-Gehalt Sorgen bereiten. Die Klimakatastrophe kommt, wie früher die Götter, als Strafgericht von oben und fällt uns auf die Füße. Himmelsmächte, Himmlische Heerscharen: Sie sind nicht verschwunden, sie ändern nur, wie die Wolken, ihre Gestalt.

Nach oben gibt es keine Grenze, nur Grenzwerte, und wenn Tom Petty einst sang: "The sky was the limit", dann hieß das doch, dass es eben kein Limit gibt, wenn nur der Himmel das Limit markiert. "Into the great wide open" heißt dieser Song, in dem der Himmel für die Hoffnung auf ein besseres Leben steht, die sich aber bald als Illusion erweist. Die Freiheit ist eben nicht über den Wolken, sondern entsteht mit dem eigenen Wunsch. Doch der Himmel und die Weite und die Bewegung helfen dabei, ins Offene zu denken. Wo sonst könnte das gelingen als unter freiem Himmel.

Jörg Magenau, rbbKultur