Die Autorin Nora Bossong, Frankfurt/M. 2015; © dpa/Jens Kalaene
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Kritisches Weißsein - Nora Bossong: "Es ist kein Privileg, weiß zu sein."

Warum sollten eigentlich People of Colour ständig ihre Hautfarbe und ihre Diskriminierung thematisieren? Warum sollten nicht die Weißen ihre Hautfarbe und die damit verbundenen Privilegien hinterfragen? "Critical Whiteness", kritisches Weißsein, heißt dieser Gedankenansatz. Die Autorin Nora Bossong kommentiert.

Ein Privileg ist etwas, das man selten spürt, solange man es besitzt. Wir nehmen es als Normalität und unser Gerechtigkeitsempfinden wird oft erst dann unangenehm berührt, wenn andere mehr als wir, mehr als das "Normale" bekommen. All jene, die weniger haben, werden es schon selbst verschuldet haben, so die einfache, meist nicht einmal bewusste Erklärungsstrategie.

Weiß zu sein in einer Gesellschaft wie der unseren bedeutet, nicht damit behelligt zu werden, welche Pigmente auf der Haut verteilt sind. Nicht danach beurteilt zu werden, wie sich die Haare anfühlen, es sei denn auf dem Friseurstuhl. Ist das schon ein Privileg? Ist es das Ausbleiben einer Diskriminierung?

Es ist kein Privileg, weiß zu sein. Aber an den Umstand, weiß zu sein, wurden immer wieder Privilegien geknüpft. Bis heute. Natürlich, es gibt nicht nur die Hautfarbe, die darüber entscheidet, wie unsere Wertschätzung, unsere Chancen, unsere Partizipationsmöglichkeiten beschaffen sind. Dieses Unterscheidungsmerkmal, an das über Jahrhunderte Überlegenheitsfantasien festgemacht wurden, zieht sich aber als eines der augenfälligsten durch die Geschichte.

Dass Hautfarbe auffällig, überhaupt sichtbar ist, wurde mir nie so deutlich wie im vergangenen Jahr, als ich in Kigali, der Hauptstadt Ruandas, an einer Gedenkveranstaltung teilnahm. Ich war eine der wenigen Weißen im Publikum, doch erst, als der Redner auf die koloniale Vergangenheit zu sprechen kam, als er die Frage stellte: Haben wir die Belgier, die Deutschen eingeladen, uns zu kolonisieren?, fühlte ich mich im wahrsten Sinne unwohl in meiner Haut, und ich merkte, wie schlecht man sie ausziehen kann, wie wenig verstecken.

Ich fühlte mich von allen angestarrt, obwohl niemand zu mir blickte. Der Redner hatte nicht mich, nicht einmal meine Hautfarbe, sondern allenfalls meine Nationalität angesprochen, und nicht einmal wirklich meine Nationalität, denn ich bin nie Bürgerin des deutschen Kaiserreichs gewesen.

Aber jenes Privileg, jene Vormachtstellungen und Sonderrechte, die sich weiße deutsche Europäer und Europäerinnen herausgenommen hatten, deren Geschichte, aber zum Teil auch Gegenwart aus jener Überlegenheitsideologie zehrt, die, wenn ich sie auch ablehne, mir doch bis heute Vorteile sichert, das alles klebte an mir, so zumindest fühlte ich es. Und das, eben das war unangenehm. Peinlich. Mit Scham verbunden.

Ein Privileg ist etwas, das man nicht spüren will, solange man es besitzt.

Nora Bossong, rbbKultur

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1 Kommentar

  1. 1.

    Weiß ist auch die Mehrzahl der Obdachlosen hierzuland, weiß und männlich.
    Weiße obdachlose Männer waren auch bevorzugte Opfer rechtsextremer Gewalt, verharmlosend "Pennerklatschen" genannt.
    Folgt aber dem aktuellen Diskurs, ist es ungleich schlimmer, nach seiner ethnischen Herkunft gefragt zu werden,
    als obdachlos zu sein.

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