Klaus Lederer; © Gregor Baron
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Chorsingen in Berlin - "Manchen Menschen kann man weiter nur raten, auf das Singen in geschlossenen Räumen zu verzichten"

Das Singverbot in geschlossenen Räumen für die über 300 Chöre in Berlin soll demnächst aufgehoben werden. Es gilt zum Schutz vor der Verbreitung des Corona-Virus. Die Kulturverwaltung will in den nächsten zehn Tagen ein Hygiene-Rahmenkonzept erarbeiten. Kultursenator Klaus Lederer darüber, wie es weitergeht – nachdem er sich mit Vertreter*innen aus Wissenschaft, von Kirchen und Chorverbänden getroffen hatte.

rbbKultur: War denn eigentlich schon vor Ihrem Treffen am Dienstag klar, dass man dieses Singverbot in geschlossenen Räumen so nicht länger aufrechterhalten wird?

Lederer: Wir haben das aus der Situation heraus gemacht, wo wir gemerkt haben, wir bewegen uns auf ganz unsicherem Boden. Das heißt, bei der Entwicklung der Ausbreitung der Infektion - da hat sich etwas verschoben von der ursprünglichen Tendenz, Schmierinfektionen und Tröpfcheninfektionen als besonderes Problem anzusehen. Da ist das neue Problem der Aerosole hinzugetreten. Also Schwebeteilchen, die lange in der Luft bleiben und denen die Virenlast anhaftet und die sich dann anderthalb, zwei oder drei Stunden lang in einem Raum hin und her bewegen. Und wenn ein “Superspreader“ mittendrin ist – das sind Menschen, die in besonderer Weise infektiös sind - dann kann das dazu führen, dass auf einen Schlag ganz, ganz viele Menschen angesteckt werden. Und wenn man nicht so richtig weiß, was richtig ist, und wenn man nicht so richtig genau die Befunde kennt, dann hat man zwei Möglichkeiten. Die eine ist: wir machen es trotzdem, völlig egal. Und die andere ist, dass wir erstmal versuchen, mehr rauszubekommen. Insofern war von vornherein auch für uns klar, dass wir uns ran arbeiten wollen an differenzierte Regelungen, die uns wirklich helfen, die uns Sicherheit geben. Aber wir haben eben auch gemerkt: hier gibt es eine besondere Gefahr, hier gibt es ein besonderes Problem - und deswegen müssen wir besonders gründlich arbeiten, wenn wir verhindern wollen, dass die Ansteckungszahlen in die Höhe gehen, dass sich das Virus ausbreitet und wir möglicherweise Ansteckungswege eröffnen, die wir nicht wollen.

rbbKultur: Für den Umgang mit einer Corona-Pandemie gibt es keine Blaupause. Da sind Politiker*innen gefordert, schnelle Entscheidungen zu treffen, zu handeln. Würden Sie jetzt im Nachhinein sagen, dieses vollständige Singverbot in geschlossenen Räumen war ein Fehler?

Lederer: Also ich würde sagen, für den Moment, um sich die Zeit zu nehmen, tatsächlich auch mit Expertinnen und Experten, mit Strömungstechnikern, mit Epidemiologen, Pneumologen, Hygieniker*innen und auch den Chören und dem Chorverband darüber reden zu können und in intensiven Diskurs treten zu können, haben wir uns Luft verschafft. Und wir wissen auch jetzt, wie schwer das sein wird: Es sind ganz viele Faktoren, von denen es abhängt, ob man bedenkenlos singen kann. Und man muss eigentlich sagen, in geschlossenen Räumen - vor allem ohne Belüftungsanlagen - kann man überhaupt nicht einfach bedenkenlos singen, sondern da sind die Hürden, da ist die Verantwortlichkeit, der man da ausgesetzt ist, besonders groß. Also Raumgröße und Abstände spielen eine Rolle. Die Dauer des Gesangs. Die Belüftungssituation - Fensterlüftung ist ein Riesenproblem, maschinelle Lüftung ist schon besser. Und draußen ist es sowieso immer besser. In diesen Abwägungen befinden wir uns. Und man muss einfach ganz klar sagen: solange der Reproduktionsfaktor so niedrig ist wie jetzt, solange die Ansteckungszahlen so niedrig sind wie jetzt, haben wir kein Problem. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch sich in einer Gruppe von 80 oder 100 Leuten befindet, die ist überschaubar. Aber wir müssen die Situation abwarten: Was passiert, wenn die Urlaubsrückkehrer kommen, wenn Kita und Schule den Betrieb wieder aufnehmen? Wir sind ja gerade hier in Deutschland die ‘Insel der Seligen‘, wenn man nach Spanien oder nach Israel, in die USA – nach Texas und nach Lateinamerika schaut. Die sind entweder immer noch tief in der ersten Welle, die lange anhält, oder sie stehen der zweiten Welle jetzt unmittelbar gegenüber. Das sind Situationen, wo man gegebenenfalls auch schnell reagieren muss. Also, es bleibt kompliziert.

rbbKultur: Es gibt ein wirklich hohes Infektionsrisiko wegen der Aerosole. Anfang April wurde bekannt, dass sich mehr als die Hälfte der Mitglieder des Berliner Domchores bei einer Probe angesteckt hatte. Können Sie jetzt, Herr Lederer, schon sagen, was für Standards eingehalten werden müssen, damit Proben tatsächlich wieder drinnen stattfinden können?

Lederer: Also ich kann das noch nicht im Detail sagen, weil wir gestern zweieinhalb Stunden ganz intensiv gesprochen haben. Und es gab ganz wichtige Fragen, die auch die Chöre hatten, die auch die Verbändevertreter hatten, die gefragt haben: Wie verhält es sich eigentlich hiermit und hiermit? Und da ist sehr, sehr schnell deutlich geworden: Es gibt nicht immer die eine Antwort, und es gibt vor allem bei manchen Fragen auch bis heute noch keine ganz genaue Sicherheit, weil Studien oder Testergebnisse noch nicht vorliegen, die uns einen genauen Hinweis geben. Aber wir wollen natürlich Mut machen, wir wollen natürlich ermöglichen - also ich meine, ich bin Kultursenator … Ich will natürlich, dass so viel kulturelles Leben wieder stattfinden kann, wie es irgend möglich ist. Aber wir müssen umgekehrt natürlich Verantwortung für die öffentliche Gesundheit übernehmen. Und wir müssen auch denjenigen, denen wir sagen, unter den Bedingungen können wir gemeinsames Singen wieder verantworten, dass die sich auch verlassen oder sicher sein können, dass wir eine Risikoabschätzung getroffen haben, die sie betrifft. Eines wird aber immer so bleiben: Menschen, die sich ansatzweise nicht wohlfühlen, oder Menschen, die diesen sogenannten vulnerablen Gruppen angehören, denen kann man weiter nur raten, auf das Singen in geschlossenen Räumen zu verzichten. Das Risiko ist dann am Ende eben doch da, und das ist eine ganz, ganz schwierige Abwägung: Wie ist es mit dem physischen Wohlbefinden? Singen macht ja auch Spaß, singen hält ja auch gesund. Aber auf der anderen Seite …

rbbKultur: … das ist das Paradoxe daran ...

Lederer: Ja, aber wo Risikogruppen sind, da fällt die Abwägung dann eben schnell anders aus. Also, wir erarbeiten das jetzt. Wir werden den Chören und den Verbänden auch die Gelegenheit geben, sich dazu noch mal zu positionieren, gegebenenfalls auch noch einmal nachzufragen. Wir müssen das dann mit der Gesundheitsverwaltung abstimmen. Und dann wird es ein Hygiene-Rahmenkonzept geben. Und mit Sicherheit wird dieses versuchen, Eckdaten aufzuzeigen und Kategorien zu schaffen: da ist das Risiko gering, da ist das Risiko mittel und da ist das Risiko so hoch, dass ihr es lieber lassen solltet.

rbbKultur: Und wann konkret können wir mit diesen Entscheidungen rechnen?

Lederer: Wir arbeiten jetzt mit Fiebereifer. Wir sind insgesamt mit der Corona-Pandemie befasst, und im Kulturbereich liegt es natürlich an vielen Ecken im Argen. Aber wir arbeiten so schnell wie möglich. Dann müssen wir das Ganze mit der Gesundheitsverwaltung abstimmen. Die werden auch noch ein paar Tage brauchen. Aber ich hoffe, dass wir in anderthalb, zwei Wochen dann auch ein Hygiene-Rahmenkonzept haben. Und jetzt sind ja zum Glück noch Sommerferien. Und auch danach werden wir die Lage genau beobachten und müssen gegebenenfalls - je nachdem, wie die Pandemie sich entwickelt - auch nachjustieren.

Das Gespräch führte Anja Herzog.


www.landesmusikrat-berlin.de

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