Demonstrant mit umgehängten Plakat mit der Aufschrift: "Wir fordern Frieden, Freiheit und Wahrheit" © Sachelle Babbar/ZUMA Wire/dpa
Bild: Sachelle Babbar/ZUMA Wire/dpa

- "Tag der Freiheit"

An die 22.000 Demonstranten werden in Berlin am Wochenende laut Polizei erwartet. Gut 10.000 sind allein unter dem Motto "Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit" angemeldet. Ein breites Bündnis aus Verschwörungstheoretikern, Rechtsextremisten und Corona-Leugnern. Jörg Magenau hat sich angesehen, mit welcher Sprache und zu welchem Zweck da mobil gemacht wird.

Den "Tag der Freiheit" gab es schon einmal. Allerdings nicht am 1. August, und nicht in Berlin, sondern im September 1935 in Nürnberg, wo die NSDAP ihren "Parteitag der Freiheit" abhielt. Hauptredner war damals Adolf Hitler, Hauptprotagonist die paradierende Wehrmacht, Panzer und Flugzeuge. Ins Bild gesetzt wurden sie alle von Leni Reifenstahl, die auf "Sieg des Glaubens" und "Triumph des Willens" den "Tag der Freiheit" folgen ließ. Dass dort auch die Nürnberger Rassengesetze gegen die Juden erlassen wurden, thematisierte Riefenstahl nicht.

Natürlich ist es unfair, gleich mit der Nazi-Keule zu kommen. Doch wer mit der heutigen Großdemonstration in Berlin erneut einen "Tag der Freiheit" ausruft, muss sich zumindest fragen lassen, ob er das mit Absicht oder aus Unwissenheit tut. Die versammelten Wutbürger berufen sich in ihrem Kampf gegen Staat und Medien und das, was sie das "Corona-Regime" nennen, auf liberale Tugenden, das Grundgesetz und die Grundwerte der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Wie wirr es in den betreffenden Köpfen jedoch zugeht, machen die politischen Ziele deutlich, die Initiator Michael Ballweg, ein IT-Unternehmer aus Stuttgart, verkündet. Sein wichtigster Punkt, Zitat: "Die Bevölkerung entscheidet sich, die Corona-Pandemie zu beenden." Na gut, könnte man da sagen, warum bei der Gelegenheit nicht auch gleich alle anderen Krankheiten beenden? Schluss mit Durchfall, Schnupfen, Krebs und Herzinfarkt? Das wäre dann doch endlich mal ein echter Triumph des Willens.

Wie altbacken die selbsternannten Erneuerer der Demokratie in Wirklichkeit sind, sagt schon ihr Name. Wer sich ernsthaft als "Querdenker" bezeichnet, gehörte schon in den 90er Jahren zur peinlichsten Spezies der Alles-Besser-Wisser und hat seither also nichts dazugelernt. Die Flugblätter dieser "Querdenker" lesen sich, als wären sie aus den Pamphleten der vergangenen Jahrzehnte wild zusammengerührt – nur dass die links- und rechtsradikalen Demonstranten sich damals freiwillig und entgegen der Staatsdoktrin maskierten, während sie heute die Maskenpflicht als staatliche Repression ablehnen, sie sogar als "Instrument zur Gedankenkontrolle" empfinden. Verrückte Zeiten.

Mit links und rechts hat das schon lange nichts mehr zu tun. Machtmisstrauen (alle korrupt), Globalisierungskritik (der Kapitalismus wird untergehen) und Umweltbewusstsein („Bitte Mülltüten mitbringen!“) führen schnurstracks dazu, den Rücktritt der Regierung, Neuwahlen und die Abschaffung von ARD und ZDF zu fordern. Man könnte darüber hinwegsehen, wenn dieser neudeutsche Sieg des Glaubens oder vielmehr die Ideologie der Ahnungslosigkeit nicht den schlimmen Nebeneffekt hätte, Halbgares, Verblendung, Phrasen und ehrenwerte Begriffe solange durcheinanderzuwirbeln, bis Wahrheit und Irrsinn, Basisdemokratie und Volksverhetzung, Aufklärung und Propaganda, Machtkontrolle und Paranoia ununterscheidbar geworden sind. Donald Trump hat diesem Prinzip der Wahrheitsverdrehung in seinen Tweeds zur Weltherrschaft verholfen. Jetzt müssen wir mit den Folgen und allen subalternen Querdenkern leben.

Jörg Magenau, rbbKultur

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4 Kommentare

  1. 4.

    na herzlichen glückwunsch herr magenau. leute wie sie sind das paradebeispiel dafür, dass 90% der mainstream-medien inkl. rbb nicht mehr ernst genommen werden können. sie schaffen es in 50 zeilen genau NULL aussagekräftige argumente zu liefern. das muss man erstmal schaffen. stattdessen bringen sie eine - zugegebenermassen geschickt formulierte - wilde aneinanderreihung von leeren allgemeinplätzen, stellen sie in wahllose zusammenhänge und sind wahrscheinlich auch noch stolz auf soviel verbalen dünnschiss. schämen sie sich!

  2. 3.

    Selbstverständlich gab es den. Ganz offensichtlich hier nachzulesen und sogar mit Bildbeispielen, die den Untertitel "Tag der Freiheit" ebenfalls ganz konkret belegen:

    https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=17943196146&searchurl=hl%3Don%26sortby%3D20%26tn%3Dreichstagung%2Bin%2Bn%25FCrnberg&cm_sp=snippet-_-srp1-_-title10

    Die Bände zu den jährlichen Reichsparteitagen wurden offiziell im Nachhinein von NS-Medien publiziert und u.a. von Julius Streicher herausgegeben. Der war Verantwortlicher für das Hetzblatt "Der Stürmer"! ... aber das gab es sicher auch nicht, klar. Alles nur erstunken und erlogen! ;)

  3. 2.

    Selbstverständlich gab es den. Ganz offensichtlich hier nachzulesen und sogar mit Bildbeispielen, die den Untertitel "Tag der Freiheit" ebenfalls ganz konkret belegen:

    https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=17943196146&searchurl=hl%3Don%26sortby%3D20%26tn%3Dreichstagung%2Bin%2Bn%25FCrnberg&cm_sp=snippet-_-srp1-_-title10

    Die Bände zu den jährlichen Reichsparteitagen wurden offiziell im Nachhinein von NS-Medien publiziert und u.a. von Julius Streicher herausgegeben. Der war u.a. Verantwortlicher für das Hetzblatt "Der Stürmer! ... aber das gab es sicher auch nicht, klar. Alles nur erstunken und erlogen! ;)

  4. 1.

    "10.–16. September 1935: Reichsparteitag der Freiheit: Mit Freiheit war die wiedereingeführte allgemeine Wehrpflicht und damit einhergehende 'Befreiung' vom Versailler Vertrag gemeint." Wikipedia

    Es gab keinen "Tag der Freiheit" im September 1935.
    Ihr Bezug ist falsch und wahrscheinlich nur versucht worden herzustellen, damit Sie Ihre Diffamierung verknüpfen können. Funktioniert aber nicht. Sie diskreditieren sich selbst.
    Versuchen Sie doch mal, sich die Reden anzuhören und die Stimmung und schreiben Sie danach nochmal...