Jörg Magenau © Karo Krämer
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Betrachtungen über die Zeitwahrnehmung während Corona - Corona und die Zeit

Das hat was von Scheuklappenblick gerade, den wir alle haben … einzig gerichtet auf die Corona-Pandemie… Dabei übersehen wir, dass sich gerade auch unsere Wahrnehmung von Zeit ändert. Selbst Langzeit-Projekte wie der BER scheinen nun fertig zu werden. Und anderes geht rasend schnell. Betrachtungen über die Zeitwahrnehmung während Corona von Jörg Magenau.

Das Zeitgefühl hat sich während der Corona-Pandemie gründlich verändert. Mit der frischen Erfahrung, alle Zukunftspläne (aus dem Home-Office heraus) jeden Tag aufs Neue über den Haufen zu werfen, kommt es auf ein paar Jahre mehr oder weniger nicht mehr an. Der Flughafen BER passt da als Symbol der Entschleunigung wunderbar in diese Zeit, in der die Dinge ohne ihr Zutun ihre Bedeutung verändern. Vor einem Jahr hieß es noch, der Flughafen sei schon jetzt, lange vor der Eröffnung, zu klein, müsse also gleich erweitert werden. Nun jedoch, wo es coronabedingt kaum noch Flüge gibt und die Fluggesellschaften ums Überleben kämpfen, scheint er eher zu groß. In jedem Fall ist er das Überbleibsel von Planungen aus einer Vergangenheit, die während der überlangen Bauzeit obsolet geworden sind. Wie lange wird der Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg wohl gedauert haben, wenn er in zehn Wochen tatsächlich eröffnet werden sollte? Vermutlich wird das dann schon niemanden mehr interessieren, und nur ein paar Ältere erinnern sich noch an den netten Herrn Wowereit, der einst den Grundstein legte.

Wie die Gegenwart sich in die Zukunft hinein überschlägt, zeigt dagegen der Elektro-Autobauer Tesla im Brandenburgischen Grünheide. Der Bau der Fabrik hat kaum begonnen, doch schon im kommenden Jahr sollen die ersten Fahrzeuge vom Band rollen; die Grundkonstruktion der Fertigungshalle steht bereits. Zu klein wird dort bestimmt nichts sein, wo die Produktion auf 500.000 Fahrzeuge pro Jahr ausgerichtet ist. Bei Tesla scheint man den Bau als Wettlauf mit der Zeit zu begreifen. Und dieser Wettlauf ist umso leichter zu gewinnen, je mehr das Land drum herum im pandemischen Stillstand liegt.

Um Berlin herum, in Regionen, in denen Corona eher als Gerücht und ferne Erregung existiert, hat die Zukunft schon begonnen. Hier entscheidet sich, wie das Land in zehn, zwanzig Jahren aussehen wird. Das entscheidet sich jetzt, mitten im Stillstand, ja gerade da, weil der Stillstand kein Stillstand ist. Er fühlt sich nur so an. So rollt derzeit unterm Radar der eingeschlafenen öffentlichen Aufmerksamkeit eine große Solaranlagen-Antragswelle auf das Land Brandenburg zu. Die ersten Anlagen stehen bereits, doch nun soll auch gutes Ackerland in Industriegebiet verwandelt und das Land verschandelt werden, weil es lukrativ ist und weniger Arbeit macht, als den Boden mühsam zu bewirtschaften. Außerdem muss ja auch der Strom für all die Elektroautos aus Grünheide irgendwo herkommen.

Geschwindigkeit ist immer eine Frage der Relation: Wer aus dem Zugfenster heraus den Zug auf dem Nachbargleis rückwärts abfahren sieht, glaubt plötzlich, selber vorwärts zu fahren. Deshalb sind im Corona-Stillstand auch die Langsamen schnell. Da wird sogar der BER fertig. Wer etwas vorhat, wer etwas aufbauen will, der macht es jetzt. Nie war der Zeitpunkt günstiger. Doch es könnte sein, dass das Land, wenn es einmal aus dem Corona-Dornröschenschlaf erwacht, nicht mehr wiederzuerkennen ist. Wir sollten unser Zeitgefühl rechtzeitig überdenken.

Jörg Magenau, kulOnline

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