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- Kultursenator Klaus Lederer

... zur aktuellen Lage der Berliner Kultur

Kulturpolitik in einer Zeit, in der das öffentliche Kulturleben praktisch stillsteht und die finanzielle Situation für viele freischaffende Künstler und kleinere Kunsteinrichtungen schon jetzt dramatisch ist – das muss in Berlin jetzt Kultursenator Klaus Lederer als Kultursenator stemmen. Im Gespräch auf rbbKultur ging es um die neue Kulturplattform im Internet, berlinalive, aber auch um die finanzielle Unterstützung für freie Künstlerinnen und Künstler.

rbbKultur: Auf welche Resonanz sind die finanziellen Soforthilfen gestoßen, die seit Freitag in Berlin beantragt werden können? Wie groß ist der Andrang?

Klaus Lederer: Also der Andrang ist riesig, aber das hat wahrscheinlich auch mit der spezifischen Situation hier zu tun. Wir haben mit 220.000 Solo-Selbständigen, Freiberuflerinnen und Freiberuflern in Berlin gerechnet. Und da wir hier in Berlin die Leute nicht erst mal auf die Grundsicherung verweisen, sondern sagen, man kann auch die privaten Betriebskosten, die Ausfälle und dergleichen mit in die Rechnung reinnehmen, haben wir natürlich das Feld nochmal viel, viel größer gemacht. Das macht der Bund mit seinen Soforthilfen nicht, sondern da werden die Leute erst mal auf die Grundsicherung verwiesen. Aber natürlich ist es klar: eine kleine Förderbank wie die IBB stemmt da im Augenblick wirklich Großartiges, indem sie versucht, möglichst schnell und unbürokratisch dafür zu sorgen, dass die Menschen die Hilfen auf ihr Konto kriegen. Die erste Welle sind sechsstellige Zahlen. Ich rechne schon damit, dass wir hier bei 250.000 bis 300.000 Anträgen am Ende landen. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen.

rbbKultur: Und das Geld reicht?

Klaus Lederer: Das Geld reicht. Wir haben uns jetzt verständigt, dass wir an dieser Stelle nicht ein Windhundrennen entfachen und sagen also die ersten 20.000 oder die ersten 40.000 kommen durch, die anderen haben Pech und gucken in die Röhre. Das wäre auch der Sache nicht angemessen. Insofern haben wir jetzt in einer ersten Welle gesagt, wir gucken und müssen dann gegebenenfalls nachsteuern. Und das kostet jetzt das Land Berlin tatsächlich eine ganze Menge. Aber so ist es dann eben.

rbbKultur: Die Frage, die uns alle, und die auch die Künstler*innen natürlich umtreibt, ist: Wie lange wird das dauern mit diesem Stillstand? Auch Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne, stellt diese Frage jetzt in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur. Womit rechnen Sie, wie lange wird es dauern? Wann kann der Kulturbetrieb wieder hochgefahren werden?

Klaus Lederer: Also es wird so lange dauern, bis es uns gelungen ist, die Zahl der Neuinfektionen in einen Bereich zu drücken, indem das Gesundheitswesen in der Lage ist, notleidenden Menschen die entsprechenden intensivtherapeutischen Behandlungen zu gewähren. Das ist das Zentrale. Hier geht es am Ende um Leben und Tod, hier geht es darum, dass wir die Verantwortung haben, dafür zu sorgen, dass alle Menschen, die medizinische Hilfe brauchen, diese medizinische Hilfe bekommen. Und dazu ist es jetzt nötig, Kontakte zu unterbrechen, und zwar möglichst nachhaltig und nachdrücklich. Und das tun wir hier in Berlin. Und wenn Sie mich jetzt fragen, wie lange das noch dauert, dann sage ich Ihnen ich bin weder Virologe, aber selbst die kapitulieren im Augenblick bei Voraussagen zu dieser Frage. Aber letztlich ist es derzeit so für uns alle: Wir fahren auf Sicht. Wir beurteilen die Lage jedesmal wieder neu und vor dem Hintergrund nicht nur der wirtschaftlichen, sondern auch der grundrechtlichen Beeinträchtigungen. Ich meine, als Linker ist mir die Frage der Bürgerrechte auch wichtig. Es ist klar, dass wir keine Maßnahmen länger aufrechterhalten, als es tatsächlich unbedingt nötig ist. Aber ich rechne durchaus auch damit, dass das ein schrittweises wieder Hochfahren des gesellschaftlichen Lebens wird. Das heißt, wir werden vermutlich erst einmal die ganz großen Theatersäle nicht als allererstes öffnen.

rbbKultur: Sie habe sich wahrscheinlich dann doch schon Gedanken gemacht über mögliche Szenarien für so ein stufenweises Hochfahren?

Klaus Lederer: Na ja, im Augenblick mache ich mir vor allem Gedanken darüber, wie wir verhindern, dass wir, wenn wir das Coronavirus besiegt haben, nicht den Sieg dieses Virus über die Kulturlandschaft zu beklagen haben. Das heißt, wir sind jetzt in der vergangenen Woche vornehmlich damit beschäftigt gewesen, mit den Verbänden gemeinsam und dem Senat, entsprechende Nothilfen auf den Weg zu bringen. Und da sind wir auch ein Stück weit immer noch dabei. Denn die derzeit vorliegenden Hilfsmaßnahmen, sind für einen Teil der Kulturszene tatsächlich sehr hilfreich. Die sind lebensnotwendig. Aber es gibt andere Bereiche, in denen drohen jetzt auch Insolvenzen, Betriebsabwicklungen. Und da geht es tatsächlich um Traditionskulturbetriebe: die Berliner Clublandschaft oder auch das Kabarett "Die Stachelschweine", das Mahler Chamber Orchestra, die Freie Volksbühne Kulturvolk. Also bei mir kommen ständig Briefe von Menschen, die jetzt sehr viel Vertrauen in uns setzen, dass wir die nötigen Maßnahmen ergreifen, um diese Kulturlandschaft vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

rbbKultur: Was bräuchten Sie denn an Geld, sowohl vom Land Berlin als auch vom Bund, um das Berliner Kulturleben bis zum Sommer durchhalten zu lassen?

Klaus Lederer: Ich kann Ihnen nur sagen, dass für unsere städtischen Theaterbetriebe der Einnahmeausfall im Monat bei 15 Millionen und für die gesamte Kulturlandschaft, so wie wir das überschlagen haben, bei 70 Millionen liegt. Das sind natürlich Unsummen, und wir können jetzt auch nicht sagen und garantieren: Hier wird also bis ins Letzte alles möglich, denn natürlich sind die Möglichkeiten eines Bundeslandes bei finanzieller Unterstützung relativ begrenzt. Ich muss aber eben auch zur Kenntnis nehmen, dass die Bundesmaßnahmen derzeit doch eher die normale Wirtschaft adressieren und auf die Besonderheiten des Kulturbetriebs nur begrenzt Rücksicht nehmen. Denn was soll ich denn jemandem erzählen, der mit Einnahmen und Ausgaben ausgeglichen über Jahre hinweg immer wieder seinen Kultur-Betrieb am Laufen hatte, der versucht hat, seinen Beschäftigten anständige Löhne zu zahlen, aber dem am Ende nicht viele Rücklagen auf dem Konto verblieben sind? Wenn ich jetzt sage: "Hol dir doch Überbrückungskredite", dann ist natürlich jetzt die Situation, dass viele sagen: "Na, das sind ja Mühlsteine, die ich mir um den Hals hänge, damit komme ich dann vielleicht über die Krise, aber danach breche ich dann zusammen." Also da müssen wir wirklich noch einmal genau gucken, ob die derzeit ergriffenen Maßnahmen wirklich das halten, was sie eigentlich leisten sollen. Derzeit sehe ich da durchaus noch Förderlücken.

rbbKultur: Es gibt ja die Befürchtung: Was jetzt zumacht, das macht nie wieder auf. Also teilen Sie diese Befürchtung?

Klaus Lederer: Ja, natürlich. Also die Kulturlandschaft aufzubauen ist ja nichts gewesen, was man durch Umlegen eines Schalters zustande gebracht hat, sondern da ist viel Wissen, zum Teil über Generationen, weitergetragen worden. Das sind kleine Familienbetriebe. Das sind selbst organisierte Gruppen aus der freien Szene. Das sind Künstlerinnen und Künstler, die sich in Ensembles zusammengeschlossen haben und die versucht haben, die Ressourcen aufzubringen, um einen solchen Betrieb ans Laufen zu bekommen. Und ich glaube, es gilt vielleicht nicht für jeden, dass das, was einmal kaputt ist, nie wieder aufmacht. Aber ich glaube schon im Großen und Ganzen, dass die Schäden, wenn wir jetzt nicht handeln, beträchtlich werden.

rbbKultur: Und Sie haben es ja schon angedeutet, wenn die Finanznöte in allen Bereichen zudnehmen, also im Gesundheits- und Wirtschaftsbereich, dann wird doch die Kultur eigentlich zwangsläufig hinten runter fallen müssen oder nicht?

Klaus Lederer: Es gibt Menschen, die sagen ja. Es gibt ja auch diese Metapher von der brotlosen Kunst, wer sich für die Kunst entscheidet, ist dann halt selber Schuld, man hätte auch etwas Ordentliches machen können. Na, da kann ich nur sagen, dass Kunst und Kultur in einer demokratischen Gesellschaft schon essenziell sind. Also ich kann mir eigentlich eine materielle, lebendige Demokratie ohne die Intervention der Künste, ohne die kritische Befragung der gesellschaftlichen Zustände, ohne das Denken in Sphären, die sich auch mal den Machbaren entziehen, überhaupt nicht vorstellen. Und vor diesem Hintergrund ist Kultur durchaus so etwas wie systemrelevant, wenn man es so will. Und viele von denjenigen, die heute zuhause sitzen, und jetzt schon seit längerer Zeit nicht wirklich rauskommen, merken schon auch, was ihnen fehlt. Und deswegen bin ich auch froh darüber, dass viele Künstlerinnen und Künstler derzeit viele Möglichkeiten nutzen, um auch Kunst, um ihre Produktionen auch auf digitale Art und Weise an die Leute zu bringen. Das ist schon toll. Ich erlebe einen Haufen Solidarität, und wir haben ja vor einer Woche gemeinsam mit dem rbb, gemeinsam mit 3PC und vielen, vielen anderen Unterstützern auch unsere Kulturplattform "berlinalive" ins Netz gebracht, damit auch diejenigen, die jetzt selbst zuhause sitzen, als Kunstschaffende die Möglichkeit nutzen können, ein bisschen was dazu beizutragen, dass der Alltag anderer Menschen, die jetzt auf die Wohnung zurückgeworfen sind, nicht ganz so fade, nicht ganz so trübe wird, sondern dass auch im Rahmen des jetzt möglichen Kunst und Kultur in den Wohnzimmern stattfinden kann.

rbbKultur: Was bietet "berlinalive" für den Nutzer?

Klaus Lederer: Na, es ist de facto eine Art digitaler Veranstaltungskalender, wenn Sie so wollen, ich empfehle allen, einfach mal drauf zu gucken. Man kann dort eigene Veranstaltungen einstellen, sich mit einer entsprechenden Spendenplattform verlinken und versuchen, solidarische Unterstützung einzuholen. Die Clubs in Berlin haben es auch vorgemacht mit United We Stream. Die haben also dafür gesorgt, dass in den leeren Clubs jetzt DJanes und DJs auflegen. Und haben aber umgekehrt auch gehofft, dass das den Solidar-Effekt hat, dass Menschen, die es sich leisten können, jetzt auch solidarisch helfen, die Existenzgrundlagen der Clubszene zu sichern.

rbbKultur: Also Spenden sind wichtig, aber auf der anderen Seite ist es einfach auch eine Plattform, wo man ziemlich einfach und übersichtlich Angebote findet, was man sich zuhause ins Wohnzimmer holen kann?

Klaus Lederer: Also das ist im Grunde von der Kinder-Märchengeschichte zum Einschlafen, über das klassische Konzert, über die Performance, über Quarantäne Lesungen alles dabei.

rbbKultur: Wo sich jetzt soviel ins Internet verlagert, was meinen Sie, wird nach Corona die Kultur durch diese Onlineangebote, die gerade entstehen, eine andere sein?

Klaus Lederer: Also ein wünschenswerter Effekt der Krise, wenn man das so formulieren möchte, kann sein, dass allen Beteiligten auch im Kulturbetrieb das Digital Mindset klar wird, dass es sozusagen dazugehört, ergänzend zu analogen Angeboten, auch die digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Digitale Möglichkeiten können ja auch Barrieren absenken, sie können Zugänge eröffnen für Menschen, die vielleicht auch aus Mobilitätsgründen oder anderswie eingeschränkt sind, Kulturangebote wahrzunehmen. Sie können helfen, Kultur anders zu verbreiten. Aber natürlich kann die digitale Kulturlandschaft diejenige im analogen Bereich nicht ersetzen, sondern bestenfalls ergänzen. Aber es zeigt sich für uns in Berlin jetzt schon auch, dass es richtig und gut war, dass wir in den letzten drei Jahren einen großen Schwerpunkt darauf gesetzt haben, gerade bei den öffentlichen Bibliotheken, dass die digitale Infrastruktur ausgebaut und verbessert wurde. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was jetzt los wäre, wenn unsere Zentral- und Landesbibliothek und die angeschlossenen bezirklichen Bibliotheken nicht in der Lage wären, auf die Situation zu reagieren. Viele nutzen jetzt das Angebot, was unsere Zentral und Landesbibliothek und der Verbund öffentlicher Bibliotheken hier in Berlin bereitstellen.

rbbKultur: Trotzdem für Sie als Kulturmensch – das Erlebnis des direkten Kontakts zwischen Künstler und Publikum ist nach wie vor wichtig?

Klaus Lederer: Na selbstverständlich, ich mag mir das auch nicht wirklich vorstellen, wie Theater ohne Publikum sein soll. Applaus ist das Brot des Künstlers, heißt es immer so schön. Für eine bestimmte Zeit mag das ganz nett sein, dass ich mir eine Inszenierung von Thomas Ostermeier auch mal im Internet angucken kann. Aber natürlich kann das das Live Erlebnis nicht ersetzen. Für jeden, der das schon mal am eigenen Leib gespürt hat, ist das auch klar.

rbbKultur: Wo Sie gerade Thomas Ostermeier erwähnen. Er hat ja, wie gesagt, in einem Interview gerade gesagt: Wann wird es zu Ende sein mit diesem Stillstand? Wie lange wird es dauern? Kurzarbeit ist jetzt beantragt für die Mitarbeiter der Schaubühne, also ich vermute mal, dass viele auf mit dieser drängenden Frage auf Sie zukommen. Und Sie können immer nur sagen: ich weiß es auch nicht?

Klaus Lederer: Naja, die Wissenschaft kann uns Hilfen geben bei der ganzen Beurteilung der Lage, kann uns auch Hilfen geben, dann einzuschätzen sind unsere Maßnahmen, wie wir sie jetzt getroffen haben, richtig oder müssen Sie nachjustiert werden? Aber ich bleibe erst mal dabei: Wer in andere europäische Länder guckt, kann im Augenblick sehen, was passiert, wenn man den Virus nicht rechtzeitig an der Ausbreitung hemmt. Man stellt Ärzte vor die humanitäre Katastrophensituation, entscheiden zu müssen, wer noch behandelt wird und wer nicht mehr behandelt werden kann. Und ich glaube, dass jetzt erst einmal das im Mittelpunkt stehen muss, dass den Menschen geholfen werden kann, die diese Hilfe benötigen. Und das, glaube ich, sehen auch alle

Kulturschaffenden so. Und dass parallel wir uns Gedanken machen, wie wir Stück für Stück, dann das von allen gewohnte, das Angebot des Direktkontakts, wieder zurück in die Gesellschaft bringen, das gehört genauso dazu, damit man nicht verrückt wird. Und da sind natürlich die öffentlich geförderten Kultureinrichtungen und die öffentlichen Kultureinrichtungen noch in einer vergleichsweise privilegierten Situation was die soziale Situation ihrer Beschäftigten angeht. Das ist bei dem bei dem Club oder bei der kleinen Privatbühne oder beim Kabarett ganz, ganz anders.

rbbKultur: Aber Sie rechnen nicht damit, dass bis zum Sommer da irgendwie was passieren kann oder doch?

Klaus Lederer: Ich würde mir wünschen, es wäre morgen alles vorbei, und wir könnten unsere Theater und Kinos, unsere Musikclubs, unsere Galerien alle wieder öffnen. Aber wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen. Und wir müssen versuchen, unter den Bedingungen dieser Pandemie so solidarisch, so verantwortungsvoll wie möglich mit der derzeitigen Situation umzugehen.

rbbKultur: Die Auswirkungen des Corona Virus auf das Kulturleben - darüber haben wir mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer gesprochen. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch.

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