Malcolm Ohanwe © Özgün Turgut
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Ein Gespräch mit Malcolm Ohanwe - Kritisches Weißsein: "Schwarze müssen immer erklären, warum sie existieren. Wir wollen, dass weiße Personen sich diese Frage stellen"

Nachdem der Afroamerikaner George Floyd in den USA von einem weißen Polizisten brutal getötet wurde, finden weltweite Solidaritätsdemonstrationen und Diskussionen um Rassismus und Polizeigewalt statt. Auch hierzulande wird das Thema divers und auch kontrovers diskutiert. Hat Deutschland ein Problem mit Rassismus? Darüber diskutieren wir mit dem Journalisten Malcolm Ohanwe. Er fordert unter dem Hashtag #kritischweisssein von Weißen, ihre Rolle im System zu hinterfragen, eigene Konzepte zu entwickeln und neue Terminologien im Diskurs zu finden.

rbbKultur: Malcom Ohanwe, was bedeutet es für Sie als nicht weißen Menschen in Deutschland, sich immer wieder mit Ihrer Hautfarbe auseinandersetzen zu müssen?

Malcom Ohanwe: Ja, natürlich möchte man sich mit anderen Dingen beschäftigen, die mehr Spaß machen, die vermeintlich wichtiger sind, die die Persönlichkeit ausmachen. Aber es sind natürlich genau solche Fragen wie diese, die einen immer wieder daran erinnern, dass man sich damit beschäftigen muss. Es ist ein bisschen ermüdend. Aber es ist natürlich ein wichtiges Gespräch, weil andere schwarze Personen sich dadurch gesehen oder gehört fühlen.

rbbKultur: Sie sind ARD-Kollege, haben einen eigenen Podcast zusammen mit dem Journalisten Marcel Abu Rakia “Die kanakische Welle“. Da beschäftigen Sie sich zusammen mit Ihren Gästen mit dem Thema Identität im Einwanderungsland Deutschland. Ich würde fast sagen in der Einwanderungsgesellschaft hoffentlich bald Deutschland. Nun fordern Sie in Ihrem Hashtag #kritischweisssein weiße Menschen dazu auf, sich mit ihrem Weißsein zu beschäftigen. Warum? Was wollen Sie damit anregen?

Ohanwe: Josephine Apraku tut das gleiche gerade auf Instagram und ihre Aktion heißt #kritischeWeiß_heiten. Wir haben das unabhängig voneinander begonnen und haben uns mittlerweile zusammengeschlossen, mit ähnlichen Zielen. Es geht darum, dass wir auf Dauer diese ganze Arbeit nicht leisten können. Ich bin zwar Journalist und sie ist Journalistin und wir werden dafür bezahlt, aber grundsätzlich können schwarze Menschen nicht die ganze Zeit auf Promotour gegen Rassismus gehen. Diese Arbeit muss verteilt werden und hier kommen weiße Personen ins Spiel. Diese sollen nicht nur das wiedergeben, was Schwarze schon die ganze Zeit tun und dafür die Lorbeeren bekommen. Wir fordern weiße Personen heraus, neue Konzepte zu entwickeln und sich mit ihrem Weißsein zu beschäftigen.

Die weiße Forscherin Robin DiAngelo hat das tolle Konzept von weißer Zerbrechlichkeit etabliert. Hierbei geht es darum, dass weiße Personen, wenn sie damit konfrontiert werden, dass sie zum Beispiel etwas Rassistisches getan haben oder, wenn sie weiß genannt werden, eine Abwehrreaktion zeigen. Weiße Personen reagieren im Kollektiv, indem sie sagen: “Das ist beleidigend, du spaltest uns damit, warum bezeichnet du mich als weiß? Ich sehe keine Farben, ich finde, du bist der Rassist.“ Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr. Ich glaube, dass andere weiße Menschen in Deutschland, spezifisch in unserem Diskurs, tolle Konzepte entwickeln könnten. Ich glaube an die weißen Menschen, da sind viele Intelligente dabei und die können uns helfen.

rbbKultur: Nun ist weiß nicht gleiche weiß, es gibt viele Menschen, wenn auch nicht alle, die ich nenne es mal Differenzerfahrung machen. Das müssen nicht immer solche rassistischer Natur sein. Wo kann man den Menschen abholen, die zu dem Thema meinen nichts zu sagen zu haben, also die sogenannte Intersektionalität?

Ohanwe: Ja, es geht auch an alle anderen nichtschwarzen Personen. Es kann auch eine Person betreffen, die nicht weiß, aber vielleicht asiatischen Ursprungs ist. Man hat Angst, dass man nichts dazu beitragen kann, doch als weiße Person kannst du etwas dazu beitragen, genauso wie Männer etwas zum Feminismus beitragen können. Wir sollten uns hierbei aber mit unserer eigenen Identität beschäftigen, dass wir als Männer seziert werden, das Weiße sich mal als Weiße beleuchten, dass sie sich überlegen, wann habe ich das erste Mal realisiert, dass ich weiß bin, was ist meine Daseinsberechtigung? Schwarze müssen immer erklären, warum sie existieren, warum sie hier sind, warum sie in Deutschland sind. Wir wollen, dass weiße Personen sich diese Frage stellen. Der erste Impuls ist der, dass man merkt, dass es ziemlich schwierig ist, kluge Gedanken zur eigenen Identität zu finden, was Schwarze und nicht-weiße Personen die ganze Zeit machen müssen. Wir müssen immer wortgewandt unsere Herkunft erklären und Weiße müssen das nie. Ich glaube, wenn sie das tun würden, könnten richtig gute Gedanken dabei herauskommen.

rbbKultur: Das, was Sie fordern, die sogenannte critical whiteness, ist in den USA schon lange ein Thema. Hierzulande scheint es da zu wenig Bewusstsein zu geben. Wie erklären Sie sich das?

Ohanwe: In Deutschland haben wir keine “Races“, das bedeutet, es gibt keine Rassenkategorien wie in anderen Ländern. Allein der Begriff klingt schlimm für uns und insofern haben wir auch kein Bewusstsein dafür, dass es hier verschiedene kulturelle Gruppen gibt. Wir haben die Terminologien “mit Migrationshintergrund“ und “ohne Migrationshintergrund“. Das bedeutet, es gibt nicht einmal weiße Menschen in Deutschland. Dass Weiße weiß sind, ist ja schon ein Kampf. Deswegen glaube ich, dass es an der Sprache liegt. Wir müssen überlegen, vielleicht ist es die Kartoffel? Oder ist es der Alman? Oder es ist etwas ganz anderes, der Herkunftsdeutsche oder der Migrationslose. Es geht darum, was es macht, wenn man nicht aufgrund seiner Herkunft als anders oder schlechter wahrgenommen wird.

rbbKultur: Eigentlich könnte es da schon ganz andere Allianzen geben. Finden Sie derzeit irgendwelche?

Ohanwe: Ja, es gibt immer Schulterschlüsse zwischen feministischen anti-kapitalistischen, antirassistischen und antiantisemitischen Gruppen. Und das ist sehr wichtig. Ich glaube, wenn weiße Personen lernen mit Schwarzen gute Verbündete zu sein und mit anderen Nicht-weißen, können da tolle Gedanken entstehen. Das stößt im Moment auf viel Abwehr. Das erstmal sacken zu lassen, wäre wichtig. Es fühlt sich unangenehm an, dass ich jetzt diese Dinge sage und viele Leute empfinden das sicher als polemisch. Glaubt mir, Schwarze machen das die ganze Zeit. Erlebt einmal ganz kurz diesen kleinen Schmerz und arbeitet damit, lasst euch inspirieren und denkt nicht, dass ich eine böse Absicht habe. Ich glaube, das ist ganz wichtig.

rbbKultur: Nicht um das rassistisch-destruktive meinen Sie geht es, Sie wollen etwas anregen.

Ohanwe: Genau, dann kann man auch zusammen gut arbeiten und wirklich an Rassismus arbeiten. Michael Jackson hat es ja schon gesagt ganz klischeehaft, du musst mit der Person im Spiegel anfangen - the man in the mirror.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg

Thema

Die Autorin Nora Bossong, Frankfurt/M. 2015; © dpa/Jens Kalaene
dpa/Jens Kalaene

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