Hermann Parzinger © Christoph Soeder
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SPK – Hermann Parzinger zur Empfehlung des Wissenschaftsrats - "Eine schöne Aufgabe, Dinge neu aufzustellen und effektiver zu gestalten"

Seit Montag liegen die Ergebnisse des Gutachtens des deutschen Wissenschaftsrats zur Lage der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor. Es empfiehlt eine tiefgreifende Reform der Stiftung und ihre Auflösung. Wir sprachen mit Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung, über die zukünftigen Aufgaben der größten, deutschen Kultureinrichtung, den langen Prozess, der nun vor der Preußenstiftung liegt und die damit verbundenen Chancen.

rbbKultur: In den vergangenen Tagen war von einer Zerschlagung der Stiftung zu lesen. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sollen das Gutachten des Wissenschaftsrates als eine "Bombe" bezeichnet haben. Was sagen Sie dazu?

Parzinger: Zerschlagung klingt sehr martialisch. Natürlich hat es wie eine Bombe eingeschlagen, weil es geleaked wurde. Die Nachricht erschien vorab auf Zeit Online und für die Mitarbeiter war es natürlich eine Überraschung zu lesen, dass ihr Arbeitgeber aufgelöst wird. Wenn man das alles einmal runterkocht, enthält das Gutachten viele Empfehlungen, die eine große Chance für die Stiftung darstellen. Wir wissen, wir sind schwerfällig, es ist eine komplizierte, historisch gewachsene Struktur. Wir müssen uns fit für die Zukunft machen und das alles auf den Prüfstand stellen. Das ist selbstverständlich. Frau Grütters, die Staatsministerin und unsere Stiftungsratsvorsitzende, hat schon gesagt, eins zu eins werden die Dinge nicht umgesetzt. Das ist ein Prozess im Schulterschluss mit der Politik, mit der Staatsministerin, mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, um dann zu sehen, wie können wir wirklich mit dieser Stiftung und mit diesen Empfehlungen in die Zukunft marschieren?

rbbKultur: Wenn Sie sagen "viele Empfehlungen", dann klingt das ein bisschen wie, ab in den Papierkorb damit. Sollen jetzt noch jahrelange weitere Diskussionen folgen, oder wie sehen Sie den näheren Zeitplan?

Parzinger: Da haben Sie mich nun völlig falsch verstanden. Nein, ein Gutachten des Wissenschaftsrats kann man nicht einfach zur Seite wischen. Aber es ist natürlich klar, dass es ein Prozess ist, der jetzt beginnt. Es muss eine Art Strukturkommission oder Arbeitsgruppe geben, die diesen Prozess steuert. Man kann so eine Stiftung nicht mal schnell auflösen, sondern es muss mit Bedacht gemacht werden. Wir müssen auch eine Herleitung der Empfehlungen, eine Folgebetrachtung machen. Der Wissenschaftsrat sagt, dass im Grunde die Verselbständigung der einzelnen Einrichtungen der Stiftung, nur Sinn ergibt, wenn es mit einem erheblichen Aufwuchs an Finanzen verbunden ist, an Personalstellen, an Geldmitteln. Insofern muss man da mit vielen Partnern sprechen. Die Rolle der Länder muss beschlossen werden, wenn die Stiftung dann aufgelöst wird, um verschiedene unabhängige Einrichtungen zu schaffen. Da braucht es ein neues Bundesgesetz. Der Bundesrat muss mitsprechen und natürlich die Einrichtungen, die dann sehr stark und sehr eng am Bund hängen, deren Unabhängigkeit gewährleistet sein muss. Also viele Fragen, die zu lösen sind.

rbbKultur: Wäre dieses Gutachten ein Schulzeugnis, dann wäre es wohl eine glatte fünf. Die Probleme sind seit langem bekannt. Warum gab es keine Reformbemühungen in den letzten Jahren? Warum erst jetzt? Warum brauchte es dieses Gutachten?

Parzinger: Da möchte ich widersprechen. Die Staatsbibliothek, das geheime Staatsarchiv und das iberoamerikanische Institut haben Bestnoten bekommen. Die Museen kommen in der Tat ein bisschen schlechter weg. Ich glaube, da braucht es einen gedanklichen Neuanfang, große Ausstellungen und auch die Frage, dass man die Hierarchien flacher macht, dass es mehr Autonomie für die einzelnen Direktoren gibt. Man muss auch sagen, dass die Stiftung einer der größten Bauherren in Berlin ist. Seit der Wiedervereinigung und seit den späten 90er-Jahren stehen wir mitten in einem Sanierungsprozess vieler Gebäude, haben große Neubauprojekte. Das absorbiert viel Kraft, die andere Einrichtungen, die diesen Sanierungs- und Neubauprozess nicht haben, in die Modernisierung ihrer Strukturen stecken können. Zum anderen, das sagte Frau Grütters auch sehr klar, braucht es einen längeren Atem, um so etwas in Gang zu bringen. Wir waren uns da alle einig und haben vor einigen Jahren schon mit dem Wissenschaftsrat gesprochen, das jetzt in Gang zu bringen. Wir reden jetzt nicht über die vielen Stellschrauben der Modernisierung, die man innerhalb der Stiftung machen will. Wenn man einen großen Schnitt machen will, dann braucht es ein solches Gutachten, das allein eineinhalb Jahre gekostet hat.

rbbKultur: Wie tiefgreifend muss Ihrer Meinung nach die Reform sein, die jetzt in den nächsten Tagen entwickelt werden muss?

Parzinger: Das ist ein Prozess eher von Jahren als von Tagen, aber es muss ja auch vernünftig sein. Es muss tragen, wenn wir die größte deutsche Kultureinrichtungen, eine der größten weltweit, auflösen. Und da braucht es auch eine öffentliche Debatte. Wie wollen wir die größte, deutschen Kultureinrichtung in Berlin haben? Welche Aufgaben soll sie erfüllen? Welche Erwartungen gibt es? Ich glaube, das ist schon wichtig, diese Fragen zu erörtern und dann die Prozesse auf den Weg zu bringen.

rbbKultur: Da sind sie ganz nah bei Monika Grütters: "Das alles ist kein Sprint, sondern ein Marathon". Rechnen Sie damit, dass zum Abschluss ihrer Amtszeit in fünf Jahren diese Reform mehr ist als nur eine auf dem Papier?

Parzinger: In fünf Jahren muss diese Reform abgeschlossen sein. Mehr ist der Institution und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch nicht zumutbar. Die wollen auch irgendwann einmal wissen, wo die Reise hingeht. Für mich wird es eine schöne Aufgabe sein für den Rest meiner Amtszeit Dinge neu aufzustellen, effektiver zu gestalten und dann die Stiftung oder die Stiftungen oder eben die Einrichtungen dann in neue Hände zu geben. Ich glaube, das ist ein realistisches Ziel. Aber es muss dann auch abgeschlossen sein, denn wenn es länger dauert, dann läuft es sich irgendwann tot. Wir bleiben also dran und zwar mit Hochdruck.

Das Gespräch führte Frank Schmid

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