Portrait von Bloggerin und Journalistin Jasmin Schreiber (Bild: Jasmin Schreiber)
Jasmin Schreiber
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Jasmin Schreiber, Autorin - "Bei meinen Online-Lesungen ist Pflicht, einen Pyjama anzuziehen"

Jasmin Schreiber hat in diesem Jahr ihren ersten Roman "Marianengraben" veröffentlicht, der gleich ein Bestseller geworden ist. Außerdem ist sie ein äußerst aktiver Mensch: Sie ist Biologin, sie zeichnet Comics, wurde als Bloggerin ausgezeichnet. Außerdem ist sie ist als freie Journalistin unterwegs und hat über 30.000 Follower auf Twitter. Sie hat als Kommunikationsexpertin gearbeitet und war ehrenamtliche Sterbebegleiterin.

rbbKultur: Frau Schreiber, wie passt das alles in nur ein Leben? Sind Sie sich denn selbst ganz sicher, dass da draußen nicht noch weitere Jasmin Schreibers unterwegs sind und all diese Dinge tun?

Schreiber: Als ich das letzte Mal gezählt habe, war ich noch allein!

rbbKultur: Zuletzt haben Sie an dem Roman "Marianengraben" gearbeitet – und natürlich wurden auch alle Ihre Lesungen abgesagt, trotzdem ist Ihr Buch nur so eingeschlagen. Die ersten 10.000 Exemplare waren schon vor dem Erscheinen des Buches verkauft. Wie haben Sie das angestellt?

Schreiber: Ich habe das gar nicht mal so doll angestellt. Aber ich hatte das große Glück, dass die Buchhändler*innen das Buch sehr mochten und schon vorab empfohlen haben. Das hat mich ziemlich umgehauen.

rbbKultur: Was Sie auch anstellen, um das Buch weiter publik zu machen, sind "Pyjama-Lesungen". Da lesen Sie selbst im Pyjama. Und wer zuhört, soll sich auch im Pyjama dazusetzen. Stimmt das?

Schreiber: Ganz genau. Da jetzt Homeoffice angesagt ist und alles ein bisschen legerer zugeht als auf einer richtigen Lesung, ist es bei mir Pflicht, bei meinen Online-Lesungen einen Pyjama anziehen. Und natürlich müssen die Zuschauer auch einen tragen, die Einlasskontrolle ist ziemlich hart. Sonst kommen sie nicht rein!

rbbKultur: Eine der Quellen Ihres Romans ist ein Albtraum, den sie öfter hatten: der Tod ihres Bruders. Können Sie uns zählen davon, was Sie da mehrfach geträumt haben?

Schreiber: Das war eine Phase, als ich jünger war. Gerade als Kind hat man manchmal sich wiederholende Albträume. Und ich habe geträumt, dass ich mit meinem Bruder auf dem See bin und er vom Boot fällt. Dann springe ich hinterher, finde ihn aber nicht mehr. Er ist in diesen See gefallen und nicht mehr aufgetaucht.

rbbKultur: Sie wollten eigentlich einen Roman über die Liebe zwischen zwei Geschwistern schreiben. Aber es geht doch recht oft um das Sterben in dem Buch. Wie ist das zusammengekommen, die Geschwisterliebe und das Sterben?

Schreiber: Ich habe mir einfach beim Schreiben die Frage gestellt, was passiert, wenn eine Person, die einem sehr nahesteht, auf einmal weg ist. Und der Tod ist natürlich das Heftigste, weil er unumkehrbar ist. Es geht darum, wie man damit umgeht, wenn der Protagonist, in diesem Fall mein kleiner Bruder, stirbt. Das hat trotzdem für mich beim Schreiben hauptsächlich mit Liebe zu tun. Viele Leser sagen, für sie sei das ein Buch über Liebe, für andere ist ein Buch über das Sterben. Andere wiederum sagen, für sie es ein Buch über Biologie. Es gibt es kein Richtig oder Falsch.

rbbKultur: Sie sind Anfang 30, haben sich aber schon viel mit dem Tod beschäftigt. Sie waren ehrenamtliche Sterbebegleiterin. Sie fotografieren "Sternenkinder" - Kinder, die tot geboren wurden oder kurz nach der Geburt starben. Was hat Sie dazu gebracht, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen?

Schreiber: Das war tatsächlich Zufall, weil ich damals ein neues Ehrenamt gesucht habe. Beim Kinderhospiz "Sternenbrücke" in Hamburg habe ich die Wände und Decke bemalt. Ich hatte starke Berührungsängste, aber es war gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe. Da habe ich gemerkt, dass das ein Themenbereich ist, mit dem ich anscheinend zurechtkomme.

rbbKultur: War es wichtig für die Arbeit an dem Buch, dass sie diese Erfahrungen gemacht haben?

Schreiber: Ich habe mir vorher nicht gesagt, dass ich ein Buch über das Sterben schreiben werde. Wie es als Schriftstellerin halt ist: Man hat eine Idee und fängt an zu schreiben. Thomas Mann hat seine Kapitel immer geplant. Ich krache einfach rein in der Geschichte und warte, was passiert. So kam das Sterben automatisch mit hinein. Und auch viel Biologie, weil ich damit auch viel zu tun habe.

rbbKultur: Dass Sie über Geschwisterliebe schreiben wollten, hatten Sie aber schon im Kopf?

Schreiber: Ich kann es gar nicht beschreiben. Ich habe mich nie hingesetzt und gesagt, ich schreibe ein Buch. Der kleine Bruder kam sehr spät. Helmut war eigentlich mein erster Protagonist.

rbbKultur: … ein alter Mann, die zweite Hauptfigur in dem Buch. Eine weitere wichtige Figur ist Lutz, ein Huhn, das die Erzählerin findet und, wie ein Baby, vor den Bauch gebunden mit sich rumschleppt.

Schreiber: Als ich meiner Agentin den Plot erzählt habe, kam es wirklich aus dem Nichts und mir war klar: da muss dieses Huhn rein. Lutz hat einen sehr großen Fankreis unter der Leserschaft.

rbbKultur: Ihre Erzählerin Paula ist nach dem Tod des Bruders in eine Art Trauerdepression versunken. Sie selbst gehen offen damit um, dass Sie an depressiven Schüben leiden. Jetzt sind Sie aber gleichzeitig so ungemein aktiv und kreativ - wie geht das?

Schreiber: Es ist nicht so, dass ich immer aktiv und kreativ bin. Das sage und schreibe ich immer ganz offen. Dass kein falscher Eindruck entsteht. Man kann schließlich nur die Sachen sehen, die ich hinkriege. Es ist ein bisschen zweischneidig. Ich bin aber keine "bessere Depressive".

Das Gespräch führte Frank Meyer.