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Weiter lesen - das LCB im rbb - Richard Ford und "irische Passagiere"

"Ich schreibe über Dinge, vor denen ich Angst habe"

Ich habe diese kleine Maxime: Literatur wird dann interessant, wenn der Bösewicht die Wahrheit sagt. Also versuche ich immer ein paar Bösewichte da zu haben, die uns Sachen sagen, die sonst niemand gesagt hätte.

Richard Ford

"Wenn dein Vater stirbt und du bist erst sechzehn, dann ändert sich vieles." Typischer kann eine Erzählung von Richard Ford kaum beginnen. Mit einem Satz steckt man mitten in der Geschichte.

Ford, geboren 1944 in Jackson, Mississippi, ist der große Chronist der weißen amerikanischen Mittelschicht, von der man nicht weiß, wie lange es sie noch geben wird. "Irische Passagiere" (Hanser Berlin, aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert) enthält neun Erzählungen, die alle davon handeln, wie ein Leben aus der Bahn geworfen werden kann – und dass auch die Kleinigkeiten ganz schön groß sein können.

Anne-Dore Krohn spricht mit Richard Ford über das neue Buch, sein Leben zu Corona-Zeiten, seine Freundschaft zu Raymond Carver und seinen Glauben an die Kraft der Literatur.

Anne-Dore Krohn im Gespräch mit Richard Ford

Richard, Sie leben in einem abgeschiedenen Teil des Bundesstaates Maine. Wo sitzen Sie gerade, wie kann ich mir Sie vorstellen?

Meine Frau und ich leben in einem Haus am Meer, das Grundstück hat 12000 Quadratmeter. Es ist ein altes Fischerhaus, ein umgebautes Cape Cod Style Haus. Das Meer ist nur 50 Meter entfernt. Jetzt gerade sitze ich im Haus. Ich habe zwei Arbeitszimmer, eins hier oben, und dann gibt es meinen Schreibort. Das ist das Bootshaus, da haben früher Fischer gelebt und ihre Hummerfallen gebaut. Es ist buchstäblich nur zwei Meter neben dem Meer.

Das heißt Sie verlassen jeden Tag das Haus und gehen tatsächlich zur Arbeit.

Ja genau - meine Frau ist auch Schriftstellerin und sie schreibt gerne im Haus. Ich dagegen bin gerne allein, ohne Internet, ohne Telefon, ohne irgendwas. Es ist genau richtig für uns: nicht zu weit voneinander entfernt zu sein aber gleichzeitig doch an anderen Orten.

Ihr Kurzgeschichtenband "Irische Passagiere" sollte im April herauskommen, der Erscheinungstermin hat sich dann verzögert. Das ist aber bestimmt nicht das Einzige, das sich in den letzten sechs Monaten in Ihrem Leben verändert hat. Oder stimmt das gar nicht? Was Sie gerade erzählt haben, klingt als sei Soziale Distanz bei Ihnen sowieso Alltag.

Ja, Maine ist der Bundesstaat des Social Distancing. Ich bin hier vor 22 Jahren hingezogen – und das war nicht wegen des Soziallebens. Sondern um meine Ruhe zu haben. Ehrlich gesagt, hat sich mein Alltag nicht sehr verändert. Die größte Veränderung ist, dass ich nicht mehr reise. Ich hätte jetzt gerade auf Lesereise in Deutschland sein sollen. Ich fahre auch gerne nach Irland, wo einige der Geschichten aus dem Buch spielen. Aber: Ich bin nicht krank geworden bisher, zum Glück, so alt wie ich bin!

Haben Sie mehr gearbeitet als sonst?

Und ob! Ich wollte Mai und Juni eigentlich in Irland verbringen. Weil das nicht ging, habe ich seit Mai 250 Seiten an einem Roman geschrieben, das ist ziemlich gut für mich.

Verraten Sie uns, woran Sie geschrieben haben? Oder ist das geheim?

Als ob ich etwas hätte, das es wert sei, geheim gehalten zu werden! Es ist das wahrscheinlich letzte Buch der Serie über Frank Bascombe, an der ich seit den 80er Jahren schreibe. Der neue Band heißt "Be mine". Frank ist 75 Jahre alt und sein Sohn, Paul Bascombe, hat sich mit einer tödlichen Krankheit angesteckt. Und er bringt seinen Sohn in die Mayo Klinik, eine berühmte Klinik in Minnesota. Es ist ein Buch über einen Mann und seinen Sohn und ihre letzte gemeinsame Zeit als Sohn und Vater. Und es ist lustig. Ich habe mir vorgenommen, und das war die Herausforderung, ein tief trauriges Buch lustig zu machen. Das ist bei mir oft so: Ich muss lustige Sachen schreiben, egal wie ernst sie eigentlich sind. Weil ich glaube, dass so das Leben ist. Ich habe diesen alten Spruch in meinem Kopf: Wenn nichts lustig ist, ist auch nichts ernst. Das ist es, woran ich glaube.

Ein neuer Frank Bascombe! Das ist wirklich eine Nachricht! Ich würde Ihnen gerne schildern, was Ihre Geschichten bei mir ausgelöst haben. Sie trösten mich irgendwie. Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel: bei Raymond Carver ging es mir ähnlich. Carver habe ich gelesen, als ich als Austauschschülerin in einem furchtbar langweiligen Dorf in Kalifornien war. Carver hat mir gezeigt, dass unter der Oberfläche Tiefe sein kann. Beim Lesen von „Irische Passagiere“ habe ich mich daran erinnert. Dass überall Schönheit sein kann, auch in kleinen, scheinbar unbedeutenden Dingen.

Das macht mich sehr glücklich. Ich glaube, dass es das Leben verdient, dass man ihm sehr genau Aufmerksamkeit schenkt. Raymond Carver und ich waren gute Freunde. Wir haben oft zusammengelesen, vor allem in England. Wenn er Geschichten aus seinem zweiten Kurzgeschichtenband las „Worüber wir reden, wenn wir von Liebe reden“ – traurige, auch sehr brutale Geschichten, hat das Publikum oft Lachanfälle bekommen. Ich komme aus einer Familie, die über Sachen gelacht hat, die andere überhaupt nicht lustig fanden. Da waren Ray und ich uns ähnlich. Das hat uns verbunden.

In Ihren Geschichten passiert an der Oberfläche oft wenig. Ein Mann trifft seine Exgeliebte wieder. Ein Mann und eine Frau versuchen es mit einer zweiten Ehe und lassen sich wieder scheiden. Ein Mann, frisch geschieden, nimmt eine Fähre nach Irland. Aber dann: nur wenige Worte, ein Satz – und eine ganze Welt, eine ganze Biographie scheint sich auszuklappen.

Ich glaube das ist es, was Literatur kann. Ich weiß nicht, ob das Leben selbst so gewissenhaft sein kann, so besessen, die Dinge ganz genau zu betrachten. Aber Literatur lädt meines Erachtens fast dazu ein. Ich weiß nicht, ob es eine Art tieferliegenden Sinn gibt, aber ich weiß, dass Literatur einen dazu bringen kann, sich mehr für das eigene Leben zu interessieren. Meine Geschichten streben danach, so aufrichtig zu sein wie möglich. Ich würde es furchtbar finden, wenn man meine Texte als zynisch wahrnehmen würde - denn das bin ich ganz sicher nicht.

Ich hatte auch niemals den Eindruck, dass Sie sich über Ihre Figuren lustig machen. Manchen Autorinnen und Autoren nehme ich ihre Figuren nicht ab. An Ihre Figuren aber glaube ich. Die berühmte Eisbergtheorie: Sie geben uns nur einen kleinen Einblick, aber Sie wissen so viel mehr über sie. Wie werden diese Figuren lebendig? Wie viel von ihnen ist echt? Und machen die sich manchmal selbstständig und tun was sie wollen?

Nein, das tun sie nie. Denn ich bin ja der Autor und ich autorisiere alles, und es ist absolut gegen meine Prinzipien, dass ich meinen Figuren Unabhängigkeit oder Spontanität einräume, die nicht meine Unabhängigkeit und meine Spontanität sind. Ich habe diese kleine Maxime: Literatur wird dann interessant, wenn der Bösewicht die Wahrheit sagt. Also versuche ich immer ein paar Bösewichte da zu haben, die uns Sachen sagen, die sonst niemand gesagt hätte. Meine Figuren entsprechen fast nie jemandem, den ich wirklich kenne. Dann wären sie nicht lenkbar genug.

In „Am falschen Ort“ geht es um einen 16-Jährigen, dessen Vater stirbt. Sie haben damit nie hinterm Berg gehalten: Ihr Vater starb, als Sie 16 waren. Ist diese biographische Zäsur ein Grund, warum Sie sich auch in Ihren Texten immer wieder mit dem Thema des Verlusts auseinandersetzen?

Es wäre unaufrichtig das zu leugnen. Andererseits wäre es aber ein Irrtum zu glauben, dass diese Geschichten immer meine Sicht auf die Welt schildern – das tun sie nicht. Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, dann sollten wir ein Glas Wein trinken und Sie erzählen mir Ihre Sicht und ich Ihnen meine. Meine Geschichten zeigen nur das, was ich mir ausdenken kann. Natürlich bin ich dabei immer auf der Suche nach Dramatik, und die Abwesenheit eines geliebten Menschen bietet für Schriftsteller ziemlich viel Dramatik.

Aber ja, ich habe das erlebt: den Tod eines geliebten Menschen, sehr früh in meinem Leben. Allerdings! Und ja, ich werde älter und lebe seit über 50 Jahren mit meiner Frau Christina zusammen, und klar, natürlich habe ich Verlustängste, jeder hat das. Die Schriftstellerin Marsha Norman hat mal gesagt: Schreib über das, wovor Du am meisten Angst hast. Ich glaube, genau das mache ich. Ich schreibe über Dinge, vor denen ich Angst habe und öffne damit eine Art Riss. Und diesen Riss fülle ich mit Sprache, so, dass es, wie Sie vorhin gesagt haben, irgendwie Trost gibt, auch für mich selbst.

Trost, und auch Hoffnung. Was mich bewegt hat, war, dass immer wieder ein Glaube an so etwas wie wahre Liebe aufleuchtet. Sie haben ja eben selbst Ihre Ehefrau Christina erwähnt. Sie widmen ihr sogar jedes Ihrer Bücher. Haben Sie selbst diesen Glauben an tiefe Liebe und gönnen ihn auch einigen Ihrer Figuren?

Ich versuche immer, über den unkonventionellen Umgang mit Konventionen zu schreiben. Wahre Liebe, wie Sie gerade gesagt haben, ist ein sehr konventioneller Begriff. Aber darunter ist es doch sehr viel komplizierter. Mich interessieren die Eigentümlichkeiten der Liebe, die Dinge, die von vielen vielleicht nicht als Liebe wahrgenommen werden. Der konventionelle Blick auf Liebe ist ein Lattenzaun und ein hübsches weißes Haus mit Rosen davor, und alle sind glücklich und froh. Ich kann das nicht bestätigen, das ist einfach nicht die Wahrheit. Ich versuche die Dinge zu finden, die nicht passen, die atypischen Dinge, und mit Hilfe von Sprache suche ich einen Weg, um zu sagen: Das ist auch Liebe!

Ihre Geschichten fangen da an, wo es spannend wird, nämlich nach dem „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“. Auch das Älterwerden gehört dazu – in “Irische Passagiere” gibt es viele, die mit dem Älterwerden ganz gut zurechtkommen. Erleben Sie das so, dass Älterwerden auch heißt, sich mehr Freiheiten nehmen zu können?

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich sollte es so sein, dass man weiser werden sollte. Dass man nicht immer wieder dieselben Fehler macht. Ich weiß nicht, ob das auf mich zutrifft. Ich bin ein Glückspilz. Ich habe keine schlimme Krankheit, ich bin kein Alkoholiker, ich bin nicht verletzt. Das Leben fühlt sich nicht anders an. Vielleicht fragen Sie den Falschen. Vielleicht sollten Sie jemand fragen, der unvoreingenommener ist.

Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute alt werden. Ich kenne einige, die sind ruhig, ausgeglichen, gefasst. Und andere, die gehetzt wirken, depressiv, wütend.

Ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin launisch und unberechenbar. Meine Frau könnte Ihnen das bestätigen. Ich bin launisch, aber sie ist auch launisch. Wir haben keine Kinder, also haben wir auch keinen, zu dem wir irgendwie nett sein müssen, außer zueinander. Wir kriegen das ziemlich gut hin. Ich bin auf keinen Fall depressiv. Ich bin interessiert. Oder, noch eher: engagiert.

Deprimiert Sie die aktuelle Politik?

Ja, ich bin in Panik. Jeder, der in Amerika lebt und ein bisschen Grips hat, sollte in Panik sein, wenn diese Wahl an Mr. Trump geht.

Mit was für einer Stimmung sehen Sie der Wahl im November entgegen? Mit Hoffnung, Verzweiflung, mit geschlossenen Augen, mit geballten Fäusten?

Ich versuche mich moralisch zu wappnen, falls es schiefgeht. Ich muss mich nicht wappnen, wenn Mr. Biden gewinnt. Ich weiß nicht, was ich über mein Land denken soll, aber ich weiß, dass es schlimmer wird, wenn Mr. Trump gewinnt. Und ich versuche mich moralisch zu wappnen, um ein nützlicher und aktiver und engagierter Bürger zu sein für diesen Fall.

In der Erzählung “Überfahrt” lassen Sie eine Frau auf der Fähre sagen: ”Ist das nicht alles ein Scheißladen, wo wir leben, Tom. Mit diesem hirnlosen Präsidenten und so. und schuld daran sind ganz allein wir selbst.“ Stimmen Sie dem zu?

Ja. Ich gebe uns selbst die Schuld. Das ist die einzige Haltung, die man im Moment einnehmen kann. Schließlich sind die demokratischen Institutionen der Amerikanischen Regierung so weit intakt, wir haben Wahlen, wir haben Wahlkampf, wir haben Parlamentsdebatten. Wir sollten uns selbst die Schuld geben – nur wenn jeder die Verantwortung übernimmt, sind wir handlungsfähig. Anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, lag mir noch nie. 2016, als Trump an die Macht kam, habe ich im Guardian einen Essay geschrieben, der hieß „Ich bin schuld“. Ich bin mit schuld daran, dass Trump Präsident ist.

Als einer der berühmtesten Gegenwartsautoren in den USA sind Sie ja einer, dem viele Leute zuhören. Tragen Sie deshalb besonders viel Verantwortung?

Nein. Es ist verantwortungsvoll, wählen zu gehen. Und ein verantwortungsvoller Bürger zu sein. Ich sehe mich nicht in der Pflicht, ein politischer Autor zu sein. Wenn ich irgendwann das Gefühl habe, mich nützlich machen zu können, werde ich das auch tun. Aber wirklich nur dann.

Dann halten wir mal die Daumen für die Wahl im November. Letzte Frage: Wenn Sie noch einmal Ihr jüngeres Selbst treffen könnten, Richard Ford im Alter von ungefähr 20 Jahren, was würden Sie ihm sagen?

Meine Güte, wo haben Sie diese Fragen her? Also, hm, mein 20-jähriges Selbst… hm. Also, okay: Ich sage Ihnen, was ich ihm sagen würde: Bleib bei Deiner Freundin! Meine Freundin von damals ist nämlich dieselbe wie heute.

Das Interview führte Anne-Dore Krohn.

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