weiter lesen | Thorsten Dönges, Anne-Dore Krohn, Thomas Geiger und Natascha Freundel © Tobias Bohm
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weiter lesen - das LCB im rbb - Bücher des Jahres

Mit Thorsten Dönges, Natascha Freundel, Thomas Geiger und Anne-Dore Krohn

Am Mikrofon:

Kurz vor Weihnachten stellen wir unsere Lieblingstitel des Jahres vor: Welche Bücher haben wir in diesem Jahr besonders gerne gelesen? Und wir werfen einen Blick auf das gesamte Literaturjahr 2020: Wichtige Preise wie der Büchnerpreis und der Literaturnobelpreis gingen an Lyrikerinnen, und den Deutschen Buchpreis gewann ein Heldinnenepos. Wie aber steht es um den Roman in Zeiten von Corona? Wie ging es dem Literaturbetrieb? Und wie viel Kitsch ist erlaubt?

Darüber diskutieren Natascha Freundel und Anne-Dore Krohn von rbbKultur mit Thorsten Dönges und Thomas Geiger vom Literarischen Colloquium Berlin.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos, Verlag/Buchcover: Matthes & Seitz Berlin
Matthes & Seitz Berlin

Anne Weber: "Annette, ein Heldinnenepos"

(Matthes & Seitz, 2020, 208 S., 22 Euro)

Ein sehr ungewöhnliches Buch, weil es an diese alte Tradition der Heldenepen anknüpft. In einer Zeit, wo uns ja Helden und das Heroische komplett suspekt sind. Meine Güte, wie viele Biografien durch das 20. Jahrhundert haben wir schon verfolgt. Aber hier ist eine Frau, die wirklich unglaublich viel getan hat, zunächst als sehr junge Frau. Sie ist mittlerweile 96 Jahre alt, diese Anne Beaumanoir, die als junge Frau in der Resistance war, die jüdischen Kindern das Leben gerettet hat. Wenn man dieses Buch zum ersten Mal in die Finger kriegt, hat man vielleicht ein bisschen Angst vor der Form. Aber ich muss sagen: einfach anfangen. Einfach rein gehen in dieses Buch. Denn irgendwann und das ist das Besondere, dann vergisst man, dass es ein Epos ist und liest weiter.

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin

Buchcover - David Grossman: Was Nina wusste, Verlag: Carl Hanser Verlag
Carl Hanser Verlag

- David Grossman: "Was Nina wusste"

(Hanser, 2020, 352 S., 25 Euro)

Das ist ein Buch, das mich tief berührt hat. Vielleicht, weil es eine Familiengeschichte erzählt, eine ganz vertrackte Beziehung von Mutter zu Tochter und Enkelin. Eine Geschichte über drei Generationen, vom kommunistischen Jugoslawien unter Tito bis in die Gegenwart in Israel. Leute, die vielleicht auch in komplizierteren Familienbeziehungen aufgewachsen sind – und sind wir das nicht alle? - kann das sehr ansprechen.

David Grossman schöpft wirklich aus dem Vollen, auch sprachspielerisch. Er gibt seinen Figuren jeweils eine ganz eigene Sprache, bravourös übersetzt von Anne Birkenhauer. Zugleich schöpft er aus dem Vollen der Landschaftsbeschreibung. Ich finde es interessant, welche gespaltenen Reaktionen dieser neue Roman von David Grossman ausgelöst hat. Das zeigt vielleicht auch, dass wir es nicht mehr gewohnt sind, mit so einem gewaltigen Roman umzugehen.

Natascha Freundel, rbbKultur

Thomas Kling: Werke in vier Bänden © suhrkamp
suhrkamp

Thomas Kling: "Werke in vier Bänden"

(Suhrkamp 2020, 2692 S., 148 Euro)

Thomas Kling ist ein Autor, der für die gesamte deutsche Lyrik den ganzen Laden richtig aufgemischt hat. Er hat versucht, die Lyrik als performative Kunst noch mal neu zu erfinden. Er konnte die innere Subjektivität der 70er- und 80er-Jahre nicht leiden, sondern er war ein Performer, der schrie, der leise war, der laut war. Er trat mit Musikern auf, und er verstand sich als Sprachzertrümmerer und Sprachinstallateur. Und er ist tatsächlich für viele Autoren und Autorinnen ein Vorbild geworden. Also die Lyrik nach ihm war eine andere als vorher. Das waren nicht nur Liebesgedichte, sondern das waren Gedichte, die die seine Stimmungen und die Stimmungen seiner Generation wiedergaben.

Thomas Geiger, Literarisches Colloquium Berlin

Iris Wolff © Klett Cotta
Klett Cotta

Iris Wolff: "Die Unschärfe der Welt"

(Klett-Cotta, 2020, 216 S., 20 Euro)

In ihren Romanen kehrt Iris Wolff immer wieder zurück in das Land ihrer Kindheit. "Die Unschärfe der Welt" stellt das Leben in einem kleinen Dorf im Banat scharf, so dass man das Gefühl hat, man ist dabei, in dieser Ecke der Welt, "wo der Teufel seinen Hut verloren hat". Wolff spannte einen großen Erzählbogen vom Ende der 1960er-Jahre bis in die Gegenwart hinein. In sieben Kapiteln kreist sie um den Jungen und später den Mann Samuel. Der besondere Trick ist, dass keines dieser sieben Kapitel aus seiner Perspektive erzählt ist, sondern sieben andere Figuren, die ihm nahestehen, über ihn berichten. Ein sehr vielfältiger Roman, poetisch, politisch, psychologisch klug, beglückend.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc. © Klett-Cotta
Klett-Cotta

Bernardine Evaristo: "Mädchen, Frau etc."

(Klett-Cotta, 2021, 512 S., 25 Euro – auf Deutsch am 23.01.2021; erhältlich bereits auf Englisch: "Girl, woman, other", Hamish Hamilton, 464 S. 28,99 Euro)

Ich wusste von dieser Autorin nichts, Booker Prize hin oder her. Es geht los mit einer Theatermacherin, die gerade vor ihrem ersten Durchbruch in einem großen Londoner Theater steht. Dann geht es weiter mit der Tochter, dann mit der besten Freundin. Wir kommen den Figuren sehr nahe, kriegen ihre Geschichte mit und auch die Konflikte, den Rassismus, die Klassengesellschaft. Evaristo bringt aktuelle gesellschaftliche Debatten und Diskurse wahnsinnig intelligent in das Buch hinein, durch die Gespräche, die diese Figuren miteinander führen. Sie geht sehr eigenwillig mit Satzzeichen um und mit den Satzstrukturen; etwas ganz Eigenes, und das geht oft ins Poetische und ist literarisch sehr, sehr gelungen.

Thorsten Dönges, Literarisches Colloquium Berlin

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit; Montage: rbbKultur
Klett-Cotta

- Wolfram Eilenberger: "Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten"

(Klett-Cotta, 2020, 400 S., 25 Euro)

Die Jahre 1933 bis 1943, am Beispiel von vier Frauen: Hannah Arendt, Ayn Rand, Simone de Beauvoir und Simone Weil, die sich gegen die Totalitarismen ihrer Zeit wehren, mit ihrem eigenen intellektuellem Weg. Eine alternative Philosophiegeschichte, eine Philosophiegeschichte der Frauen dieser Zeit, erzählt von einem Philosophen, der das Handwerk des Erzählens hervorragend beherrscht. Ich glaube, dass die Beschäftigung mit individueller Freiheit nicht zuletzt in der Corona Pandemie eine große Herausforderung darstellt. Wir haben noch nicht die letzten Antworten, was die Rolle von staatlicher Reglementierung und persönlicher Freiheit betrifft. Solche Bücher helfen da – sie sind gewissermaßen ein Kompass für die Orientierung.

Natascha Freundel, rbbKultur

Monika Helfer: Die Bagage © Hanser Literaturverlage
Hanser Literaturverlage

- Monika Helfer: "Die Bagage"

(Hanser, 2020, 160 S., 19 Euro)

Ich bin rundum begeistert von diesem kleinen Roman von Monika Helfer, mit dem sie endlich die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie verdient. Im Zentrum steht Monika Helfers Großmutter, die während des Ersten Weltkrieges mit fünf Kindern in einem kleinen Bergdorf wohnte. Als ein kleines Mädchen geboren wird – Helfers Mutter – ist nicht klar, ob es vielleicht ein Kuckuckskind ist und wird fortan vom Vater ignoriert. Ein kluger Familienroman über weitergereichte Traumata, der klug und erzählerisch geschickt mit dem Thema der fragmentierten Erinnerung und der Rekonstruktion umgeht. Autofiktion im besten Sinne.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

Jonas Eika liest Nach der Sonne © Hanser Berlin
Hanser Berlin

- Jonas Eika: "Nach der Sonne"

(Hanser, 2020, 160 S., 20 Euro)

Jonas Eika, Jahrgang 1991, ist der jüngste Empfänger des Literaturpreises des Nordischen Rates. Dieses Buch spielt ganz in der Gegenwart. Was mich begeistert hat, war, dass er seine Erzählungen realistisch beginnt, sie aber dann erweitert: Wo die dänische Nationalbank war, taucht zum Beispiel plötzlich ein großes Loch auf. Oder ein Mann kriegt einen surrenden Metallgegenstand, den er sich in die Halswirbelsäule pflanzt. Das Ganze hat auch immer einen politischen und möglicherweise sogar antikapitalistischen Impuls. Es war eine große Leseüberraschung.

Thomas Geiger, Literarisches Colloquium Berlin

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rbbKultur und das Literarische Colloquium Berlin sind zu Beginn der Corona-Pandemie in eine Art Literatur-WG zusammengezogen: Dort tauschen wir Bücher, erzählen uns von Begegnungen mit Autor*innen, und sitzen stundenlang am Küchentisch und quatschen über Lesen, Lieben und Leben.