Kooperation mit Agentur für Arbeit - Wie der Krankenhausbetreiber Vivantes junge Pflegekräfte gewinnt

Mo 25.03.24 | 11:20 Uhr | Von Anja Herr
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Wie der Krankenhausbetreiber Vivantes junge Pflegekräfte gewinnt. (Quelle: rbb)
Video: rbb24 Abendschau | 25.03.2024 | Anja Herr | Bild: rbb

Das Klinikum Spandau geht auf der Suche nach Pflegekräften neue Wege. Es bietet längere vergütete Praktika an – für junge Menschen, die wegen schlechter Noten oder Sprachbarrieren nicht direkt eine Ausbildung starten können. Von Anja Herr

Blutdruck messen klappt schon gut bei Ayman Rakri – 120 zu 80 hat er gerade bei einer Patientin abgelesen. "Das ist gut", verkündet der 18-Jährige. Isabell Reinicke neben ihm nickt. Sie ist gelernte Pflegekraft und begleitet den jungen Mann während des Praktikums im Klinikum Spandau. "Ich schaue, ob noch Dinge optimiert werden können, manchmal assistiere ich auch."

"Ich möchte mehr junge Menschen in diesen fantastischen Beruf bringen", sagt Kathleen Gernandt, Pflegedirektorin im Vivantes Klinikum Spandau. Denn weiterhin mangelt es an Pflegepersonal. Deshalb setzte Gernandt sich mit Steffen Hell von der Arbeitsagentur Berlin Nord zusammen und entwarf mit ihm einen Plan.

Sie beschlossen, das Instrument der so genannten Einstiegsqualifizierung zu nutzen, das die Arbeitsagentur Betrieben normalerweise als Einzelmaßnahme anbietet. Bei Vivantes wurde es bisher nicht angewendet – und hier wird es jetzt auch gleich für eine ganze Gruppe genutzt. Das Pilotprojekt läuft seit Oktober.

Sechs Monate Theorie, Praxis und Sprachunterricht für Pflege-Ausbildung

Bezuschusst von der Agentur für Arbeit absolvieren jetzt also zehn junge Menschen für 700 Euro pro Monat im Klinikum Spandau ein halbjähriges Praktikum. Hier bekommen auch Jugendliche eine Chance, die wegen schlechter Noten oder Sprachbarrieren nicht direkt eine Ausbildung beginnen könnten.

In den sechs Monaten können sie testen, ob der Beruf etwas für sie wäre. Dabei werden sie durch eine erfahrene Pflegekraft eng betreut. Nach dem Praktikum sind sie dann im Idealfall so weit, dass sie eine Ausbildung starten können.

Ayman Rakri ist froh über diese Möglichkeit. Er ist vor ein paar Jahren aus Eritrea nach Berlin gekommen. Seine Schulnoten waren nicht die besten und seine Sprachkenntnisse reichten noch nicht für eine Ausbildung. Als ihm die Agentur für Arbeit vorschlug, dieses Praktikum zu machen, war er zunächst skeptisch, ob er die Anforderungen erfüllen kann und ob er dem Stress gewachsen sein wird. Jetzt sagt er: "Es ist mein Traumberuf." Er mag es, Menschen zu helfen – alten wie jungen.

Sieben von zehn Teilnehmenden starten eine Pflege-Ausbildung

So wie ihm ging es auch anderen Praktikanten, die an dem Pilotprojekt teilgenommen haben. Schon jetzt ist klar: Sieben der insgesamt zehn Teilnehmenden starten im Mai eine Ausbildung. Zwei lassen sich zur Pflegefachkraft ausbilden, fünf wollen Pflegefachassistenten werden.

Auch die 17-jährige Fatusche Luma hat sich dazu entschieden. Sie hat gerade in der Küche zu tun, bereitet Mahlzeiten für die Patienten zu. Nach dem Schulabschluss hatte sie "keinen Plan, wohin es geht", erzählt sie. Das Angebot von der Arbeitsagentur für dieses Praktikum nahm sie gern an. "Es macht Spaß", sagt sie. Und es sei so viel besser, als zuhause zu sitzen und nichts zu tun.

Kooperation für Fachkräfte soll ausgeweitet werden

Weil die erste Bilanz so positiv ausfällt, soll die Kooperation fortgesetzt und ausgeweitet werden. Bei der Suche nach Fachkräften müsse man schauen, wo Nischen sind, sagt die Pflegedirektorin. "Jungen Menschen, die es vielleicht ein bisschen schwerer haben beim Berufseinstieg, wollen wir eine Chance geben, einen Ausbildungsplatz zu bekommen." Dabei sei es wichtig, dass der Sprachunterricht noch ausgebaut werde. Die Begleitung durch erfahrene Pflegekräfte wolle man unbedingt beibehalten, sagt Gernandt.

Steffen Hell von der Arbeitsagentur führt den Erfolg des Projekts auch darauf zurück, dass den Jugendlichen in der Klinik Gemeinschaft vermittelt werde. "Man hat es geschafft, die Jugendlichen so gut an sich zu binden und ihnen das Gefühl zu geben, dass man hier in einer kleinen Familie ist." Deshalb seien sie nicht abgesprungen, vermutet er.

Ayman Rakri hat mittlerweile begonnen, das Essen zu verteilen. Er hat sich entschlossen, hier eine Ausbildung zu beginnen. Im Mai geht es los.

Sendung: rbb24 Inforadio, 25.03.2024, 7:30 Uhr

Beitrag von Anja Herr

20 Kommentare

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  1. 20.

    Ja, ein verdammt schwerer, aber auch erfüllender Beruf. Es sind mal wieder die Begleitumstände, die den Beruf unattraktiv machen. Es sollte aber nicht gleich wieder jeder Versuch, junge Menschen zu begeistern, in Misskredit geredet werden. Jeder Versuch , für Berufe egal welcher Branche zu gewinnen und unterstützen, sollte gefördert werden. Deutschland kann sich aber auch weiter ausbremsen statt mal etwas zu wagen. Ich bin für Wagnis und Mut.

  2. 19.

    Pflegeberuf? Heute sagt man Gesundheitspflege..Ich habe noch die Krankenpflege gelernt. Ergibt sich aber aus dem Text.

  3. 18.

    Der Beruf Pflegekraft ist ein psychisch und körperlich Arbeit .Ob diese jungen Menschen wissen was für ein ehrenwerte aber schlechte gelohnt arbeit sie werden errichten .Und ausserdem das ist nicht der erste erfolglose Versuch von Vivantes mit ausländischen jungen Menschen zu starten.

  4. 17.

    Einfach mal den kopletten Bericht lesen, dann erübrigt sich Ihre Frage.

  5. 16.

    Was denn für eine "Ausbildung"? Als was?

  6. 15.

    Ich hoffe dass alle Teilnehmenden die Ausbildung bestehen und anschließend von den Kliniken übernommen werden.
    Meine erste Ausbildung vor 20 Jahren war auch über das Arbeitsamt finanziert worden, danach war man als motivierter Azubi auf den Arbeitslosenmarkt geschmissen worden, wo sich die Arbeitgeber mit Dumping-Löhnen gegenseitig unter trafen und es nur hieß, friss oder stirb . Es war aber auch aus heutiger Sicht eine andere Zeit.
    Trotzdem könnte wie hier schon geschrieben wurde seit 20 Jahren mehr Fachkräfte Branchenweite haben, wenn man auch mal andere Wege geht.

  7. 14.

    Genauso ist es. Man lernt nur in der Praxis durch die Praxis!

  8. 13.

    Die bessere Qualität ist ja verstanden worden. Nur, der Erfolgsbegriff ist ein anderer als bei Ihnen... Der Einstieg ist wenig wert. Ein guter Anfang schon.

  9. 12.

    Die bessere Qualität ist ja verstanden worden. Nur, der Erfolgsbegriff ist ein anderer als bei Ihnen... Der Einstieg ist wenig wert. Ein guter Anfang schon.

  10. 11.

    Das hat schon eine andere Qualität als ein übliches „leicht zu findendes Praktikum“. Es gibt: eine Vergütung durch die Agentur, es gibt die Möglichkeit der Anrechnung auf die Ausbildungszeit und es findet in der Regel eine enge Betreuung durch das Unternehmen statt. Sie führt dazu, dass gemäß der Auswertungen mehr als die Hälfte der Jugendlichen danach eine Ausbildung beginnen. Also: zur Nachahmung empfohlen.

  11. 10.

    Hallo Anni, das haben Sie richtig toll in die richtigen Worte gepackt!

  12. 9.

    Das Projekt ist eine gute Idee, aber das Ergebnis ist noch offen, da zwischen Praktikum und einer abgeschlossenen Ausbildung liegen jedoch "Welten", zumal wenn man schlechte Noten hatte.

    Übrigens, einen Job als Praktikant findet man leicht.

  13. 8.

    Die Kommentare zeigen, dass ein positives Projekt zum Heranführen so wahrgenommen werden, als wenn man mit schlechten Noten Ausbildungserfolgreich ist. Das liegt an der Wortwahl und dem inflationär verwendeten Begriff Erfolg. Aber ich bin mir sicher, dass der rbb über die Abschlussquoten berichten wird? Denn dann ist es erst erreicht. Das eigentliche Ziel!

  14. 7.

    Ein tolles Projekt und eine Win-win-Situation für alle Beteiligten - ich wünsche weiterhin viel Erfolg!

    Hoffentlich macht das Beispiel Schule und findet auch in anderen Kliniken Nachahmer.

  15. 6.

    Ich kann den positiven Bericht nur bestätigen. Eine Angehörige von mir wird gerade im Krankenhaus Köpenick behandelt. Auch dort sind offenbar mehrere junge Menschen in diesem Projekt beschäftigt und es ist für alle Beteiligten ein absoluter Mehrwert. Den jungen Leuten macht es Spaß und das merken auch die Patienten. Gerade für kranke Menschen ein wichtiger Faktor.

  16. 5.

    Endlich mal ein positiver Bericht der Zuversicht gibt. Es müsste viel mehr von diesen Projekten geben. Und mehr Berichte über die positiven Dinge in unserer Stadt kann auch jeder gebrauchen.

  17. 4.

    Genauso ist es richtig. Gefällt mir sehr gut. Man kann nicht immer nur auf studierte Menschen hoffen, den anderen muss man auch eine Chance geben. Das Unternehmen kümmert sich selber um seinen Nachwuchs und schreit nicht nach der Politik. Nur so gelingt Integration. Viel Erfolg allen Beteiligten.

    Dasselbe könnte man auch im Wohnungsbau machen. Die Ankömmlinge mit in einfachen Zuarbeiten daran beteiligen.

  18. 3.

    Ein sehr gelungenes Projekt! Wunderbar mal wieder positive Nachrichten zu lesen. Mögen diesem Pilotprojekt viele weitere an anderen Kliniken folgen. Ich wünsche dem Team weiterhin viel Erfolg und Kreativität im Umgang mit eventuell auftretenden Problemen!

  19. 2.

    Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass Arbeitgeber zusammen mit der AfA auch Schülern mit schlechten Noten die Möglichkeit zur Ausbildung bieten.
    Wie viel Fachkräfte hätten wir heute, wenn damit bereits konsequent vor 20 Jahren in sämtlichen Berufen angefangen worden wäre.
    Allen Auszubildenden wünsche ich viel Glück und Erfolg!
    Zieht Eure Ausbildung durch!
    Ihr werdet später von dieser Leistung Euer ganzes Leben lang profitieren.
    Arbeit ist der Einstieg zu vielen anderen neuen Jobs und Entwicklungsmöglichkeiten.

  20. 1.

    Ein tolles Projekt. Hier wird Integration gelebt und beide Seiten profitieren.
    Es macht überhaupt keinen Sinn, die Neuankömmlinge monatelang nicht arbeiten zu lassen. Es kommen keine fertigen, deutschsprechenden Facharbeiter. Es kommen Menschen, die man aufnehmen muss und die lernen müssen, wie das Leben hier funktioniert.

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