"Correctiv"-Lesung im Berliner Ensemble - "Als Zivilgesellschaft nicht pennen"

Do 18.01.24 | 08:40 Uhr | Von Cora Knoblauch
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"CORRECTIV enthüllt - Rechtsextremer Geheimplan gegen Deutschland" am Berliner Ensemble am 17.01.2024: v.l. Max Gindorff, Andreas Beck, Veit Schubert, Constanze Becker, Oliver Kraushaar (Quelle: © Kolja Zinngrebe)
Video: rbb24 Abendschau | 18.01.2024 | C. Tietze | Bild: © Kolja Zinngrebe

Eine Gruppe Politiker und Rechtsextremer plant die Deportation tausender Menschen aus Deutschland. Das Recherchenetzwerk "Correctiv" deckte den "Geheimplan gegen Deutschland" auf. Nun zeigt das Berliner Ensemble eine szenische Lesung, die die Geschehnisse darstellt. Von Cora Knoblauch

Im November 2023 traf sich ein exklusiver Zirkel von AfD-Politikern, Unternehmern und Akteuren aus der rechten Szene in Potsdam, um sich darüber auszutauschen, wie rechte Politik in Deutschland strategisch geplant und umgesetzt werden kann. Unter anderem ging es dabei um die Abschiebung von Millionen von Menschen aus Deutschland.

Das unabhängige Investigativkollektiv "Correctiv" hat das Treffen dokumentiert und seine Ergebnisse vergangene Woche unter dem Titel "Geheimplan gegen Deutschland" veröffentlicht. Am Mittwochabend wurde die Recherche in einer szenischen Lesung im Berliner Ensemble (BE) vorgestellt, über 40 Theater in ganz Deutschland haben den Abend übertragen.

Weitere Recherche von "Correctiv"

Die meisten Fakten der Recherche sind bereits seit vergangener Woche bekannt. Neu präsentiert das Recherchenetzwerk an diesem Abend im Berliner Ensemble den Inhalt einer Rede von Mario Müller [correctiv.org] Der ist verurteilter Gewalttäter, Neonazi und arbeitet derzeit als sogenannter wissenschaftlicher Mitarbeiter eines AfD Abgeordneten im Bundestag. Bei dem Treffen in Potsdam brüstet er sich offenbar damit, Zugang zu sensiblen Daten zu haben, die sich auf Personen aus der linken Szene beziehen. Er fabuliert von der Möglichkeit einer neuen Version der Gestapo und berichtet, dass er mit gewalttätigen Mitteln geschafft habe, einen Kronzeugen im Prozess gegen die Linksradikale Lina E. zum Reden zu bringen. Mittlerweile bestreitet Mario Müller, über diese Dinge in Potsdam gesprochen zu haben.

Recherche auf der Bühne - geht das?

Viel ist über die Recherche von Correctiv in der vergangenen Woche diskutiert worden, vor allem in Social-Media-Kanälen und in den Medien. Im Publikum sitzt tatsächlich vor allem die Berliner Kultur- und Intellektuellenszene. Vor dem Haus: Polizeischutz und Security, ein gewöhnlicher Theater- oder Diskussionsabend ist es nicht. Das BE bietet einen kostenlosen Videostream auf seiner Internetseite für den restlos ausverkauften Abend an, über 40 Theaterhäuser haben sich kurzfristig angeschlossen und den Abend übertragen.

Reales, Erinnerungen, Fiktionales

Auf der Bühne steht ein langer Tisch, er ist elegant gedeckt mit Kerzen und Stoffservietten. So in etwa sah es aus im Hotel Adlon in Potsdam, in dessen Räumlichkeiten sich vor wenigen Wochen knapp 30 Menschen aus AfD und Neonazikreisen trafen, um einen "Geheimplan gegen Deutschland" zu diskutieren. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem Berliner Ensemble nehmen an dem Tisch Platz: Andreas Beck, Constanze Becker, Max Gindorff, Oliver Kraushaar, Veit Schubert und Laura Talenti.

Was nun folgt, ist eine ungewöhnliche Mischung aus Lesung, Szenenschauspiel und Kommentaren zu Personen und Akteuren. Die Schauspieler spielen Schlüsselszenen des Geheimtreffens nach, eine Art Reenactment, kommentierten die Rolle des jeweiligen Redners, seine Biografie. So ist Veit Schubert mal AfD-Kandidat, mal Vorstandsmitglied des Vereins Deutscher Sprache. Den exakten Wortlaut aller Reden gibt "Correctiv" nicht wieder. Protokolle der Gespräche wurden aus der Erinnerung geschrieben, behaupten zumindest die Schauspieler, manches sei fiktional.

"CORRECTIV enthüllt - Rechtsextremer Geheimplan gegen Deutschland" am Berliner Ensemble am 17.01.2024: v.l. Max Gindorff, Andreas Beck, Veit Schubert, Constanze Becker, Oliver Kraushaar (Quelle: © Kolja Zinngrebe)

Wieviel Einblick die Journalistinnen und Journalisten in die Veranstaltung wirklich hatten oder ob sie gar einen Maulwurf am Esstisch im Hotel Adlon platzieren konnten oder sogar eine Wanze, das bleibt an diesem Abend offen. Dass unter anderem mithilfe einer in einer Armbanduhr versteckten Kamera gefilmt wurde, dieser Coup im Stil von James Bond wird mit dem Publikum augenzwinkernd geteilt.

Komik, wo es nichts zum Lachen gibt

Um Klagen und Anzeigen zu entgehen, betont jeder Darstellende seine Figur als Schauspieler, bevor er in die Rolle eines Redners schlüpft. Es gibt dem Abend einige slaptstickhafte Momente, wenn Constanze Becker zum Beispiel sagt: "Mein Name ist Gerrit Huy, AfD-Abgeordnete im Bundestag. Ach nee, ich bin eine Schauspielerin, die Gerrit Huy spielt und die im Bundestag sitzt." Anschließend redet die Schauspielerin, die Gerrit Huy spielt, lieber gleich von Deportationen als von der wolkigen Remigration, einen Euphemismus, den einige Teilnehmende der Runde offenbar für salonfähig halten.

Diese Momente der Komik passen nicht so recht zu Dramatik der in Potsdam verhandelten Inhalte.

"Unsere Demokratie nicht kaputt machen lassen"

Die aufgeladene, angespannte Stimmung im Publikum entlädt sich, als Schauspieler Veit Schubert einen emotionalen Appell ans Publikum richtet: "Vielleicht wird dieser Abend Teil einer neuen Erzählung, die damit beginnt, dass wir uns gegen die faschistischen Kräfte in diesem Land wehren. Es könnte eine Erzählung sein, die zeigt, dass wir viele sind, dass wir laut sind. Dass wir als Zivilgesellschaft nicht pennen, sondern dass wir hellwach sind. Und dass wir uns unsere Demokratie nicht kaputt machen lassen." Es folgt ein minutenlanger, frenetischer Applaus.

Zumindest eines hat dieser Abend gezeigt: Die Theaterhäuser sind mitnichten im Tiefschlaf, sondern hellwach und bereit, aktuellen politischen Diskursen eine Plattform zu geben.

Die Aufzeichnung sowie Texte der Veranstaltung können online nachgeschaut werden [berliner-ensemble.de].

Beitrag von Cora Knoblauch

11 Kommentare

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  1. 11.

    "Die Politik" kann den persönlichen Brass und den teilweisen Unwillen von Menschen zu etwas nicht ändern. Allein das Gewährenlassen einer Hetzkampagne, wobei das einschlägige Gesetz allenfalls in Kladde formuliert war und noch nicht einmal die erste Stufe der parlamentarischen Beratung erreicht hatte, spricht Bände.

    Auflösen können es diesbezüglich nur Bürger selbst - nicht durch Aufhetzen-Lassen, sondern durch gewollte Informiertheit, was jeweils ansteht und dass die Welt nicht "aus einem Guss" besteht, auch wenn dies Vielen am Liebsten wäre.

  2. 10.

    Alles ganz toll, aber damit hat man noch nicht die derzeit 28 Prozent AfD-Wähler in Brandenburg erreicht. Das kann nur die Politik ändern und keine Schauspieler und Demos!

  3. 9.

    Nein! Mit solchem Gedanken ist sich nicht auseinanderzusetzen. Unter normalen Umstände würde ich Ihnen insoweit zustimmen, dass man sich mit dem politischen Gegner auseinandersetzen muss. Und ich bin auch bei Ihnen, dass die aktuelle Politik leider ihren Beitrag zum Erstarken dieser Partei leistet. Aber spätestens mit dieser "Enthüllung" muss klar sein, dass das allein nicht mehr reicht. Die Menschen, die diese Partei jetzt trotzdem noch wählen, haben sich für eine klare Position entschieden. Da gibt es nichts mehr zu diskutieren und da gibt es auch nichts mehr herauszureden. Und es ist an der Zeit, dass die restliche Gesellschaft dagegen aufsteht. Denn wenn wir schon finden, die Ampel fährt das Land an die Wand, dann reicht die Vorstellung kaum für das, was die AfD mit Deutschland anstellen würde.

  4. 8.

    Danke rbb!

  5. 7.

    Na endlich! Ich frag mich schon lange, wann die Künstler außerhalb der Sparte Politische Satire den Mund aufmachen.

  6. 6.

    ".....die Theaterhäuser sind mitnichten im Tiefschlaf, sondern hellwach und bereit, aktuellen politischen Dikursen eine Plattform zu geben....."
    Na das ist doch super!
    Es wird ja auch langsam mal Zeit, das man miteinander diskutiert!
    Wenn mir jetzt noch jemand sagt, wo ich denn Karten für einen aktuellen politischen Diskurs zwischen AfD, Grünen, Linken und BSW kaufen kann............

  7. 5.

    Na endlich! Ich frag mich schon lange, wann Künstler außerhalb der politischen Satire endlich den Mund aufmachen.

  8. 4.

    Der Stein ist ins rollen gekommen, klasse.
    Daumen hoch und weiter so!

  9. 3.

    Irgendwie erinnert mich das ganze Theater an die Zeiten der DDR, wo auch schon das BE Staatstheater zeigte.
    Statt sich politisch mit dem Gegner auseinandersetzen, wird auf niedrige Instinkte gesetzt, um ein Weiterso zu erhoffen. Derzeitige Wählerumfragen zeigen ein anderes Bild. Die Unzufriedenheit mit der Ampel in der Wählergunst ist nicht mit einer erzeugten Empörung zurück zu gewinnen, zumal bei dem "Geheimtreffen" nur das wiederholt wurde, was im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Grüne und FDP vom 8. Dezember 2021, auf Seite 112 zu lesen stand: „Wir starten eine Rückführungsoffensive, um Ausreisen konsequenter umzusetzen …“ man habt hier einfach nur volksnah, quasi deutschtümelnd, formuliert, denn „Remigration“ existiert erst seit dem "Geheimtreffen"

  10. 2.

    Zum Text oben: Veranstaltungsort des Treffens war mitnichten das Hotel Adlon, sondern das Landhaus Adlon in Potsdam, aber das nur am Rande.
    Dieser Mitschnitt aus dem BE sollte Pflichtveranstaltung jeder deutschen und österreichischen Oberstufenklasse sein. Besser kann man nicht vermitteln, was Demokratie bedeutet, wie wichtig unabhängiger Journalismus ist. Danke BE, Danke Wiener Volkstheater, Danke Correctiv!

  11. 1.

    "Geheimplan gegen Deutschland"
    ...wie kann man das verstehen?...

    Leute, wenn ich dann wieder 54% Wahlbeteiligung lese..
    ....man..und die 46 % heulen jetzt am meisten...

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