Berlinale-Wettbewerb | "Pepe" - Das Nilpferd in der Zwischenwelt

Di 20.02.24 | 16:58 Uhr | Von Fabian Wallmeier
"Pepe" von Nelson Carlos De Los Santos Arias © Monte & Culebra
Monte & Culebra
Audio: rbbKultur | 20.02.2024 | Carsten Beyer Download (mp3, 8 MB)

Bitte kurz festhalten: Die Hauptfigur des Wettbewerbsbeitrags "Pepe" ist ein Nilpferd. Doch der Film von Nelson Carlos De Los Santos Arias ist keine Albernheit, sondern eine lustvolle labyrinthische Entdeckung. Von Fabian Wallmeier

Der Wettbewerb geht zwar noch ein paar Tage, aber so viel steht fest: Sehr viel ungewöhnlicher als der Beitrag von Nelson Carlos De Los Santos Arias dürfte er nicht mehr werden.

"Pepe" erzählt eine zwei Kontinente umfassende Geschichte aus der Warte eines Nilpferds. Dieses Nilpferd Pepe ist historisch verbürgt: Der Drogenboss Pablo Escobar, der jahrelang Terror in Kolumbien verbreitete, hielt sich auf seinem Anwesen vier Nilpferde. Als sein Schreckensreich zerschmettert war und die Farm langsam verlotterte, brachen die vier Tiere aus - und vermehrten sich im Laufe der Jahre so stark, dass sie zum Problem für die Bevölkerung wurden.

Eines dieser Tiere wurde zur traurigen Berühmtheit: Pepe war das erste und bisher einzige Nilpferd, das außerhalb des afrikanischen Kontinents erschossen wurde. Sein behördlich genehmigter Abschuss brachte Tierschutzaktivist:innen auf den Plan, seine Geschichte ging um die Welt.

Auf drei Sprachen gegrunzt

Dieser Pepe erzählt nun seine Geschichte, von Südwestafrika bis Kolumbien, in verschiedenen Sprachen (Afrikaans, Mbukushu und Spanisch) und mit verzerrter, tiefer Stimme. Langsam, von Grunzen und einem kehligen Lachen unterbrochen und ein bisschen bedrohlich. Es ist eine Geschichte, die zwischen existenziellen Fragen und Selbsterkundungen und historischen Ereignissen springt.

Das Tier klagt nicht an. Der Film hat mehr im Sinn als eine einfache Botschaft über die Verkommenheit des Menschen im Umgang mit der geschundenen Kreatur oder ähnliche Banalitäten.

Pepe erzählt aus einer Zwischenwelt, die Traum und Wirklichkeit immer mehr verwischen lässt. Zumindest eines ist dem um Worte, Begriffe, Wahrnehmung, die eigene Existenz ringenden Tier aber klar: Es ist tot. Doch ist Pepe ein vertrauenswürdiger Erzähler? Natürlich nicht, aber man ist trotzdem geneigt, ihm und seinem Regisseur in alle Winkel ihrer fragmentarisierten Fabulierkunst zu folgen

Schwerfällig und überraschend brutal

Immer wieder sind Nilpferde zu sehen. Beim schwerfälligen Stampfen, beim Baden, im überraschend brutalen Kampf. Wir sehen dabei zum Glück nie, wie Erzähler Pepe das Maul bewegt beim Sprechen - auf tricktechnische Gimmicks dieser Art verzichtet De Los Santos Arias. Pepe spricht aus dem Off, egal was gerade im Bild zu sehen ist.

Eine konstante Geschichte gibt es zunächst nicht. Der Film ist mehr eine Abfolge von Spielszenen und Bild-Collagen, unterbrochen und mehr oder weniger verbunden von Pepes Erzählungen. Es gibt kurze Cartoon-Szenen mit einem Zeichentrick-Pepe, betörende Aufnahmen aus südafrikanischen und lateinamerikanischen Flusslandschaften und immer wieder längere Spielszenen mit Menschen.

Mal erzählt da ein deutscher Reiseleiter im Bus seinen Safari-Gästen auf der Fahrt durch die Steppe, dass sie sich nicht auf längere Gespräche mit den "Einheimischen" einlassen mögen. Mal streitet ein älteres kolumbianisches Ehepaar laut und leidenschaftlich.

Dann kommt es zu einigen unliebsamen nächtlichen Begegnungen von Mensch und Nilpferd. Ein älterer Mann rast mit seinem Boot los und sucht den Fluss nach dem Tier ab. Doch er macht kehrt, als er sieht, wie groß es ist.

Der Tod ist nah

Am Ende liegt Pepe von Gewehrschüssen getroffen auf einer Wiese. Der Tod, von dem er von Anfang an wusste, ist nun auch in seiner suchenden, von Traumbildern geleiteten Erzählung in der Wirklichkeit der Gegenwart angekommen. Er kontempliert ein letztes Mal - dann übernimmt in einer letzten großen Rückzugsbewegung der Kamera, die hier nicht verraten wird, doch noch einmal die Schönheit der erzählerischen Zwischenwelt das Ruder.

Auf "Pepe" muss man sich einlassen. Und auch wenn der historische Hintergrund um Escobar gleich zu Beginn eingeführt wird, betritt man danach zunächst einmal eine überaus labyrinthische, zerstückelte, zwischen den filmischen Formen wechselnde Erzählung. De Los Santos Arias gelingt zum einen, dass man sich gern darin verliert. Und zum anderen, dass man sich eben nicht verliert. Denn je weiter der Film voranschreitet, desto mehr fügt er sich zu einer konsistenten Erzählung zusammen. Vielleicht ist das die größte Leistung dieses ungewöhnlichen und unbedingt sehenswerten Films.

Sendung:

Beitrag von Fabian Wallmeier

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