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Debatte um das "Eigenheim" - Eigenheim - so was von out!

Die Debatte um das "Eigenheim", die der Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter losgetreten hat, wird scharf geführt. Einfamilienhäuser verbrauchten zuviel Platz und sind wahre Umweltsünde, so die einen. Das sei ein übler Angriff auf das redliche Ziel hart arbeitender Bürger, empören sich die anderen. Für unseren Architekturkritiker Nikolaus Bernau ist Hofreiters Vorstoß mehr als überfällig. Allein das Wort "Eigenheim" ist für ihn einfach nur so was von "out".

Erst einmal zur Klarstellung: Ich bin in einem Einfamilienhaus von 1915 aufgewachsen, und es war großartig. Der Garten, die Bäume, das eigene Zimmer quasi mitten in der Birke. Dennoch wurde auch damals schon, vor vierzig Jahren, von Stadtplanern klar gesagt: Einzelne solcher Häuser sind wunderbar. Der Häuslebauer- Brei aber, der unsere Großstädte seit dem Zweiten Weltkrieg umwachsen hat, er ein Desaster.

Nikolaus Bernau; Foto: Carsten Kampf
Bild: Carsten Kampf

Die Debatte um Einfamilienhausviertel ist also alles, aber wirklich nicht neu. So wenig wie die Kritikpunkte an ihnen: Um sie zu bauen, wird kostbarer Ackerboden abgebaggert, werden ökologische Zusammenhänge und Wasserhaushalte zerstört, wird immens viel Energie und Material verbraucht. In Einfamilienhausvierteln sei die ökologische Vielfalt größer als auf dem Land, lesen wir beruhigt. Aber das liegt weniger an umweltgerechten Gärten als daran, dass die Lage auf dem Land für Insekten, Pflanzen oder Füchse noch schlimmer ist, als in den Städten.

Einfamilienhausviertel betonieren, weil die Häuser teuer sind, soziale, ethnische und kulturelle Grenzen. Sie sind auch sonst teuer für die Gesellschaft: Kämmerer westdeutscher Mittel- und Großstädte klagen schon seit Jahren über die immensen Folgekosten für Straßen, Leitungen, soziale Services in ihren dünn besiedelten Einfamilienhausvierteln. Aber auch die Familien belasten sich über Jahrzehnte mit Abzahlungen, binden damit genau das Kapital, das Vermögen, das wir im dichtbesiedelten, deswegen teuren Europa eigentlich bräuchten, um in der Konkurrenz mit Amerika und China bestehen zu können. Statt in neue Ideen zu investieren, versenken wir unser Geld in Beton. Weil das doch die beste Alterssicherung sei.

Das wird uns seit einem Jahrhundert von konservativen, liberalen und sozialdemokratischen Politikern, von Bausparkassen, von der Bauwirtschaft, von jedem Häuser-Magazin erzählt. Und dabei das Schreckgespenst des sozialistischen Massenwohnungsbaus an die Wand gemalt. Was für ein Unsinn. Luftige Apartmentblöcke um grüne Innenhöfe, dichtgepackte Terrassen-, Reihen- und Hofhaussiedlungen, Hochhäuser, die inzwischen sogar zu hängenden Gärten werden können – es gibt sehr viele Alternativen zum Einfamilienhaus.

Der Mensch hat seine Kultur nicht in Häuschen mit je einer Familie, sondern in dicht gebauten und sozial turbulenten Dörfern, Städten und Metropolen entwickelt. Die Grünen haben also völlig Recht: Wir sollten die Fehlentwicklung der Nachkriegszeit nicht immer weiter fortsetzen durch die Ausweisung immer neuer Baugebiete und endlich Schluss machen mit der Zersiedlung unserer Umwelt. Auch wenn der Traum vom Leben im Haus mit Garten einfach hinreißend bleibt.

Nikolaus Bernau, rbbKultur

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