Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #9 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 41 bis 44

Diese Woche schaffen wir den ersten Band und fangen mit dem zweiten Band "Im Schatten junger Mädchenblüte" (Folge 1) an. Wie immer liest für Sie mit: die Berliner Autorin Doris Anselm. In ihrer Kolumne geht es diesmal um das Verhältnis von Kopf und Körper.

Was ist mit dem Körper?

Marcel Proust hatte ja wohl ein eher schwieriges Verhältnis zum Thema Körperlichkeit. Da liegt er mit großen Teilen der westlichen Literaturgeschichte auf einer Linie. Was seinem Erfolg bestimmt nicht geschadet hat. Als Gründe für das Körperproblem gelten bei Proust Asthma, Allergien und allgemein schlechte Gesundheit, bei der Literaturgeschichte der christliche Erbsündenkult.

Aber: Diese Woche wird’s in unserem Romanstück ein paarmal körperlich, und ich fand es immens interessant, wie Proust damit umgeht.

Sein junger Erzähler trifft Gilberte wieder, die Tochter von Swann und Odette, das Mädchen, in das er sich bei einer einzigen Begegnung damals in Combray verliebt hat. Jetzt, in Paris, nimmt seine Besessenheit richtig Fahrt auf. Die beiden gehören zu einer losen Gruppe Kinder und Jugendlicher, die sich im Park trifft, um "Barlauf" zu spielen.

Musste ich nachgucken: ein altes Fangspiel, quasi Völkerball ohne Ball. Heißt also für den Erzähler: Kontaktsport mit der Angebeteten! Alle, die schonmal eine Spielplatz- oder Schulhofliebe durchgemacht haben, dürften hier in Lese-Vorfreude ausbrechen darüber, was das wohl mit dem Erzähler macht und wie kunstvoll er seine Gedanken und Gefühle diesmal in Worte fassen wird.

Spoiler Alert: Er tut es – gar nicht. Denn obwohl er Gilberte ständig so dringend sehen muss, obwohl er sich in Gedanken obsessiv mit allem befasst, was sie betrifft und umgibt (bis hin zu ihrem Straßennamen, genau wie Swann damals bei Odette), trotz alldem ist ihre echte körperliche Anwesenheit im Grunde – verzichtbar. Fast mehr eine Störung. Bei Gilbertes Erscheinen muss er immer erstmal aufwendig ihr echtes Gesicht mit dem seiner Träume abgleichen; es grenzt schon an Arbeit, und als "Arbeit" beschreibt er seine Liebe auch.

Einmal berichtet er, wie Gilberte ihm Schneebälle in den Kragen stopft – in einem Nebensatz, und damit hat sich’s. Hier konnte ich einfach nicht mehr anders, als zu trauern um das Unbeschriebene. Welche heißkalten Gefühlskaskaden löst doch eine Handvoll Schnee aus, wenn sie uns von der richtigen Person in den Kragen gesteckt wird! Und wie fantastisch wäre es, darüber was von Proust zu lesen, der so virtuos jedem Gefühl bis in die feinste Verästelung folgen kann. Aber nein, die Leserin muss nehmen, was sie kriegt. Und unser junger Erzähler ist nun mal ein reiner "Nymphobrainiac" – alles, was ihn erregt, hat mit dem Kopf zu tun.

Buchstäblich erotisch ist deshalb auch die Stelle, an der Gilberte ihn das erste Mal beim Vornamen nennt. Das fühlt sich für ihn an - Zitat - "als habe sie für einen Augenblick mich selbst in ihrem Munde gehalten, hüllenlos, entblößt". Ah, vielleicht sollte man darüber nachdenken, bevor man das nächste Mal jemandem das "Du" anbietet.

Ein letztes Fundstück hab ich noch zum Thema Körper: Die Stelle mit den Lebkuchen. Offenbar hat man früher auch aus medizinischen Gründen Lebkuchen verspeist. Stichwort Verdauung. Hier hör ich mal auf – zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie Marcel Proust.

Doris Anselm, rbbKultur

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Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

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