Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #13 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 16 bis 19

Die Lesung des Romanzyklus' "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", die wir seit Anfang des Jahres immer montags bis freitags um 11.10 Uhr senden, hat 329 Folgen. Zum Glück gibt’s dazu auch noch unsere Kolumne "Lust und Frust mit Proust" von Doris Anselm. Die Berliner Schriftstellerin liest, wie wahrscheinlich viele von Ihnen, den Roman zum ersten Mal und redet jede Woche darüber, wie es so läuft zwischen Proust und ihr. Diese Woche fragt sie sich allerdings, ob der Autor sie überhaupt dabeihaben will.

Wir und die Frauen

Jedes Mal fall ich wieder drauf rein. Wenn Proust universelle Erfahrungen beschreibt, dann benutzt er oft das Wort "Wir". Dieses "Wir" erschafft einen behaglichen Lagerfeuerkreis, wo der Erzähler inmitten seiner Lesenden zu sitzen scheint. Es klingt wie eine Einladung: "Leute, ich hab eine echt gute Erkenntnis übers Menschsein, lasst uns mal gemütlich einen trinken und eine rauchen, dann erzähl ich Euch davon, ja?"

Oh ja, das klingt gut. Also trete auch ich ans Feuer, hol innerlich mein Tabaktäschchen raus, höre zu und denke anfangs tatsächlich: "Ach klar! Kenn ich, dieses Gefühl!" oder "Mein Gott, ja, genau so hab ich auch schon gelitten".

Aber dann passiert es. Immer, wenn ich gerade richtig platznehmen will zwischen den Anderen, entdeckt Marcel Proust mich, guckt mich von oben bis unten an, schüttelt den Kopf und sagt irritiert: "Hä? Nee, Du nicht! Ich meinte natürlich die Männer." Denn mit schöner Regelmäßigkeit folgt ihm aufs Allgemeinmenschliche plötzlich irgendein Brocken wie "… können WIR UNS unmöglich den Geisteszustand einer Frau vorstellen…" oder "Für Frauen, die MAN liebt, gilt XY" oder "so kommt es, dass eine Frau durch jedes neue Leiden, dass sie UNS zufügt" und so weiter und so fort.

Plötzlich ist das "Wir" für mich wie ein Rausschmiss. Es klingt, als seien LeserINNEN für den Autor gar nicht vorhanden. Leute wie ich sind eben meist doch nicht "automatisch mitgemeint", wie die Verfechter des generischen Maskulinums gern behaupten. In Wahrheit müssen Leute wie ich nämlich doch bei jedem Maskulinum, das uns unterkommt, vorsichtshalber überlegen, ob hier jetzt wirklich Alle eingeladen sind, oder doch nur die Männer. Und selbst ein scheinbar an mich gerichtetes "Wir" kann mich ausschließen. Das heißt: Ich stehe nie stabil am Lagerfeuer. Ich stehe immer in Frage.

Man kann Prousts Leseransprache auch rein logisch kritisieren. Denn schon zu seiner Zeit machten Frauen einen erheblichen Teil der Lesenden von Romanen aus. In der Frühzeit der Gattung so erheblich, dass das Romanlesen als regelrecht weibliches Laster galt, unzählige Texte und Bilder bezeugen das. Deshalb hört sich dieses ganze "Wir und die Frauen"-Ding bei Proust für mich auch wie gezieltes "Ankumpeln" männlicher Literaturbetriebs-Bosse an.

Tja, Proust hatte es damals nötig: den ersten Band wollte zunächst kein Verlag. Inhaltlich besteht der Roman zu siebzig Prozent aus Herzschmerz, dessen minutiöse Schilderung mich oft an ein anderes Literaturgenre denken lässt: "Hach, wann ruft ER mich endlich an, warum ruft er NICHT an, vielleicht hat er ja angerufen, als ich unterwegs war, oder sollte ICH ihn anrufen, hach nein, lieber nicht."

Ja, das nervt. Und es nervt auch bei Marcel Proust. Aber ob ein Buch abwertend zur "Frauenliteratur" erklärt wird oder aufwertend zur Weltliteratur, entscheidet sich eben auch daran, wieviel gesellschaftliche Macht diejenigen besitzen, die darin als Lesende angesprochen werden. Da sind "Wir" uns doch einig, oder?

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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