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Kulturköpfe | Rechtsanwalt Peter Raue wird 80 - "Shoppingmalls öffnen, Theater und Museen aber zu schließen, ist verfassungswidrig"

Ohne Lockdown wäre er auch jetzt abends immer irgendwo anzutreffen, im Theater, in einer Galerie oder einem Konzertsaal. Peter Raue ist "Anwalt der schönen Künste" - er ist Kunstsammler und -förderer, hat Heiner Müller verteidigt und Christoph Schlingensief unterstützt, das Erzbistum Berlin vertreten für den umstrittenen Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale. Er ist ein begnadeter Redner und Kulturmensch durch und durch. Am 4. Februar wird Peter Raue 80 Jahre alt.

rbbKultur: Sie sind einer der aktivsten Theater- und Operngänger weit und breit. Sie sind renommierter Anwalt, Kunstsammler, Feingeist, Strippenzieher, Ehrenpräsident der Freunde der Nationalgalerie, Honorarprofessor für Urheberrecht an der Freien Universität Berlin und vielfach für Ihr Engagement ausgezeichnet. Herr Raue, wie geht es Ihnen denn damit, dass seit Monaten schon alles geschlossen ist?

Raue: Man kommt sich schon ein bisschen vertrocknet vor. Ich sehe die guten Seiten dieser neuen Situation: man ist mehr zu Hause, ich bin viel intensiver mit meiner Frau zusammen, wir essen jeden Abend und reden - das ist schon ein großer Gewinn. Aber irgendwann denkt man, man vertrocknet. Kein Theater, kein Konzert, keine Oper, keine Kneipe, kein Kino - das ist schon scheußlich. Für mein Leben ist das eine Kraftquelle – ich gehe durch den Tag und freue mich auf den Abend, an dem irgendetwas schon stattfinden wird. Und das Danach fehlt. Ich gehe plötzlich um zehn, halb elf ins Bett – das ist seit Jahren nicht passiert.

rbbKultur: Morgen wird es vielleicht besonders seltsam für Sie sein – dann werden Sie 80 Jahre alt. Es würde sonst bestimmt ein rauschendes Fest geben. Wie sehen Sie jetzt dem morgigen Tag entgegen?

Raue: Mit großer Freude. Der Gedanke, dieses Fest mit meinen beiden Kindern und Kindeskindern und mit meiner Frau zu verbringen und mit sonst niemandem, hat was ganz wunderbar Intimes und Schönes. Darauf freue ich mich.

rbbKultur: Sie haben sich im November sehr aufgeregt und Ihren Zorn darüber geäußert, dass Shoppingmalls und Märkte noch geöffnet bleiben konnten, als Museen und Theater schließen mussten. Jetzt hat der Verlauf der Pandemie seitdem gezeigt, dass es eben doch noch zu viele Kontakte gab und das öffentliche Leben immer weiter runtergefahren werden musste. Haben Sie sich da vielleicht ausnahmsweise mal an der falschen Stelle aufgeregt?

Raue: Ich glaube nicht. Ich habe mich nie über einen totalen Shutdown aufgeregt. Wenn das das Richtige ist, akzeptiere ich das. Aber Shoppingmalls offen zu lassen und die Museen, die ich in der kurzen Zeit, die wir im Sommer hatten, besucht habe – so wie Theateraufführungen mit großen Abständen – da hat sich doch nie irgendjemand angesteckt. Das ist einfach nicht durchdacht. Und ich glaube auch, dass es verfassungswidrig ist. Die Einstufung der Theater und Opernhäuser als Freizeitgestaltung neben Bordellen und Nagelstudios ist einfach nicht vertretbar.

rbbKultur: Haben Sie als renommierter Anwalt auch überlegt, rechtliche Schritte zu unternehmen?

Raue: Ja, wir haben die Verfassungsbeschwerde auch fertig vorbereitet. Dann kam wieder der ganz strenge Shutdown. Und dann haben wir gesagt, wenn alle schließen müssen, dann kann man nicht die Theater präferieren. Und doch denke ich darüber nach, was ist das eigentlich, dass die Gotteshäuser – da bin ich sehr dafür – offen sind und die Museen geschlossen sind? Ob ich nun vor einem Andachtsbild in mich hineingehe oder vor einem Mantegna - das kann die gleiche Kraft haben und genauso gefährlich oder ungefährlich sein. Ich glaube, da ist noch nicht genügend nachgedacht worden.

rbbKultur: War das auch ein Einschnitt für den Umgang mit Kultur hierzulande?

Raue: Das ist kompliziert. Gerade Kultursenator Lederer hat sich schon sehr viele Gedanken gemacht und hat das nicht auf die leichte Schulter genommen. Da ist das Rügen etwas schwierig. Da bin ich etwas vorsichtiger.

rbbKultur: Sie haben vielfältige Kontakte in alle möglichen Bereiche der Gesellschaft. Was hören Sie denn? Wie stehen die Chancen für eine Wiedereröffnung von Museen, Theatern, Kinos, wenn die Inzidenz dann wieder unter 50 bzw. noch weiter darunter ist?

Raue: Die Chancen sind, glaube ich, hoch. Ich glaube, man hat jedenfalls erkannt, dass man nicht hergehen und sagen kann: ihr könnt in die Shoppingmalls gehen und ihr könnt in die Modeläden gehen - aber ihr könnt nicht ins Museum und ins Theater gehen. Vor allen Dingen, weil die Theater in Berlin alle bereit waren, die Abstandsregelungen einzuhalten. Ich habe im Sommer Salzburg erlebt - dort haben 5.000 Menschen Theater und Oper gesehen, mit strengen Abstandsregeln. Kein einziger hat sich dort angesteckt. Das Fahren in der S-Bahn, das Nebeneinandersitzen im Flugzeug - das sind doch viel gefährlichere Momente als der Besuch des Museums oder Theaters.

rbbKultur: Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn alles wieder losgeht?

Raue: Fast hätte ich gesagt: auf das Umfeld. Wieder ins Theater zu gehen, wieder diese Aufregung zu haben, wenn das Licht ausgeht. Wieder diese Spannung - es gibt ja kaum eine Theateraufführung, wo ich nicht jemanden kenne, der daran beteiligt oder in den Entstehungsprozess verwickelt ist. Dieses Erlebnis, das ist der Hunger, wie der Sportler sagt: ich muss mit den Skiern eine Abfahrt fahren, so geht es mir. Ich möchte wieder in dieses Bad hinein.

rbbKultur: Wie stehen Sie dazu, dass gegen Corona geimpfte Menschen Möglichkeiten haben sollten, die ungeimpfte erstmal nicht haben? Das würde schließlich auch Möglichkeiten für die Kultur eröffnen …

Raue: Das ist ein ganz schwieriges Feld - jedenfalls so lange, wie Menschen deshalb nicht geimpft sind, weil sie nicht geimpft werden können. Man wird ja das Impfmanagement unserer Politiker nicht gerade als eine Meisterleistung und Präzisionsarbeit bezeichnen dürfen. So lange halte ich das für problematisch. Wenn später mal alle geimpft werden können und irgendwelche Leute sagen, dass sie sich nicht impfen lassen - ob man dann differenzieren und sagen kann: du darfst nur fliegen, du darfst nur ins Theater gehen, wenn du geimpft bist … Wohl ist mir dabei eigentlich nicht. Wenn ich beim Eintritt ins Theater meinen Impfpass herzeigen muss, habe ich bad feelings.

rbbKultur: Der Impfverlauf bisher ist keine Meisterleistung, sagen Sie. Regt Sie das auf?

Raue: Das ist das falsche Wort. Auch da: man muss es erstmal machen. Und es ist sicher schwierig, ob man nun auf ganz Europa hört oder sagt: ich pfeife auf Europa wenn es ernst wird und mache mein eigenes Ding. Ob das der bessere Weg ist? Ich bin mit der Kritik vorsichtig, allerdings finde ich das Ergebnis desaströs und ich finde, man kann auch als Politiker oder Politikerin mal sagen, dass man etwas falsch eingeschätzt hat. Diese Bemerkung, die wir jetzt immer wieder lesen, dass alles richtig gemacht wurde, ist eigentlich viel empörender als zu sehen, dass man manches nicht richtig gemacht hat.

rbbKultur: Zu Ihrem Handeln als Kunstsammler haben Sie einen libidinösen Satz gesagt: "Ich bin der Don Giovanni der Kunst – es muss immer Liebe sein". Das heißt, Sie sind zu allen vielen hundert Werken Ihrer privaten Kunstsammlung in Liebe entbrannt?

Raue: Ich will es mal ein bisschen weniger pathetisch sagen: Ich habe aus Liebe gekauft. Bei fast allen Arbeiten, die ich besitze, kenne ich die Künstler und Künstlerinnen, die sie geschaffen haben. Ich lebe mit diesen Arbeiten. Ich weiß, wo sie herkommen. Es gibt keine Arbeit, wo ich nicht genau sagen kann, wann ich sie erworben habe. Und das ist keine Spekulation, weil jemand in den Kompass geschrieben hat: der steigt oder die fällt oder ähnliches – es ist immer der Liebesakt. So, wie wenn man im Buchladen ein Buch sieht und sagt: das muss ich jetzt lesen. Es gibt dafür auch eigentlich keine Begründung.

Den Vergleich mit Don Giovanni halte ich gerne aufrecht, weil es darauf ankommen muss, dass man es liebt. Ich habe keine Stilrichtung gesammelt, ich habe mit eher abstrakten Arbeiten angefangen, mit Arte Povera-Arbeiten. Ich habe realistische Bilder in meiner Sammlung, ich habe Fotografien, ich habe Skulpturen – es gibt keine Linie, es gibt keine Sammlung, es gibt ein Sammelsurium. Ich sehe darin so etwas wie ein Mosaik meines Lebens.

rbbKultur: Es gab vor fünf Jahren eine Ausstellung mit einer kleinen Auswahl aus Ihrer Sammlung im Haus am Waldsee. Da sah man auch, dass fast jedes Ihrer Werke eine persönliche Widmung der Künstlerin/des Künstlers hat – dabei waren u.a. David Hockney, Rebecca Horn, Joseph Beuys und Cy Twombly. Sind diese Widmungen auch Dokumente der Freundschaft für Sie?

Raue: Das Wort Freundschaft ist ein großes Wort – aber eine persönliche Nähe. Ich habe Andy Warhol erlebt, er nahm ein Plakat und signierte mir das - da würde ich noch nicht Freundschaft sagen. Aber die Arbeiten eines Gotthard Graubner, eines Bob Wilson, eines Geccelli sind alles Arbeiten, die ich oft aus dem Atelier oder über Galerien, in denen die Künstler*innen vertreten sind, erworben habe.

rbbKultur: Wo bringen Sie diese große Sammlung eigentlich unter?

Raue: Es ist ein Riesenproblem, dass ich niemals abgehalten werde, eine Arbeit zu kaufen mit dem Satz: "Ich habe keinen Platz". Die Arbeiten hängen zu einem großen Teil im Büro, das sind vier Etagen am Potsdamer Platz, und es hängen in den Sekretariaten, in allen Besprechungszimmern Arbeiten - und kein Anwalt kriegt als Oktroi: "Das musst Du jetzt hinhängen". Es geht immer so, dass sie kommen und sagen: "Ich würde gern dieses Bild in mein Zimmer hängen". Das gefällt natürlich auch wieder, weil das auch wieder so eine Art libidinöser Akt da ist – "es muss zu mir".

rbbKultur: Es heißt, dass die Bildende Kunst gar nicht die erste Liebe in ihrem Leben war, was die Kunst angeht – sondern, dass Sie eigentlich mal Schauspieler werden wollten …

Raue: Das ist richtig. Auch da bleibe ich beim Don Giovanni. Es ist natürlich nicht nur die Bildende Kunst - die größte Leidenschaft ist vielleicht das Theater. Ich habe mit 13 Jahren mein erstes Abonnement auf meine Mutter im Residenztheater bekommen. Ich habe Fritz Kortner auf der Bühne erlebt, Will Quadflieg und Gustaf Gründgens. Da war ich 13, 14, 15 und 16 Jahre alt. Ich könnte heute noch jeden Abend ins Theater gehen, um ein Stück in der sechsten, siebten oder zehnten Fassung zu sehen. Inszenierung zu sehen ist für mich nicht ein Grund, nicht hinzugehen, sondern erst recht hinzugehen.

rbbKultur: Wenn junge Menschen sich für etwas interessieren, für etwas brennen – sollten sie das zu ihrem Beruf machen oder sich als ewige Liebhaberei erhalten und einen anderen Beruf ergreifen? Sie haben sich entschieden, Rechtsanwalt zu werden und die die Künste lieber nicht zu Ihrem Beruf zu machen. Ist das bis heute die richtige Entscheidung?

Raue: Ja, ich würde sagen, ein Mensch, der sich die Frage stellt, ob er es machen soll oder nicht, der soll kein Künstler werden. Künstler kann nur der werden, dem vollständig egal ist, was rauskommt, der sagt: ich muss Kunst machen. Anders entsteht Kunst nicht. Und wenn die jungen Leute studieren, dann wissen sie nicht, ob sie es zum Zeichenlehrer schaffen oder zum Weltstar. Man hat oft über Lüpertz und andere Künstler gesagt, sie seien so arrogant, weil sie sagen, dass sie die besten Künstler der Welt sind. Das muss ein Künstler sagen. Er muss überzeugt sein, dass er der Welt etwas zu sagen hat.

rbbKultur: Sie haben viel angestoßen und in Bewegung gebracht. Ist Ihr Hauptwerk der Verein der Freunde der Nationalgalerie, den Sie 1977 mit ganz wenigen Mitstreitern gegründet haben? Heute hat dieser Verein sehr viele Mitglieder und Sie haben ihn über 30 Jahre lang geleitet.

Raue: Es ist ja schon ein ganz wesentlicher Teil. Ich bin seit 50 Jahren Anwalt, der Aufbau der Kanzlei, die Tatsache, dass ich Partner und Partnerinnen habe, mit denen ich seit Jahrzehnten zusammenarbeite, ohne dass es jemals eine Auseinandersetzung von Gewicht gegeben hat, macht mich genauso glücklich. Mich machen meine Kinder, Kindeskinder und meine Frau unendlich glücklich. Es gibt ein paar schöne Momente. Aber was sicherlich nicht so ganz schnell vergeht und dann gewisse Konsistenz hat, das ist schon der Verein der Freunde der Nationalgalerie.

rbbKultur: In meiner Wahrnehmung ist der Verein auch so eine Art Club der "upper class" in Berlin. Muss man es sich leisten können, Mitglied zu sein?

Raue: Der Verein ist ein mäzenatischer Verein und kein Volksbildungsverein. Das heißt, es geht nicht ohne Geld. Jedes Mitglied zahlt 600 Euro im Jahr. Natürlich kann sich das ein Hartz-4-Empfänger nicht leisten. Aber wenn einer brennt, dann findet er das vielleicht einen hinreichenden Grund, hier zu investieren. Wir haben sehr, sehr viele Menschen mit Berufen, von denen ich ganz genau weiß, dass dieser sich das genau überlegt hat, bevor er eingetreten ist. Ob das nun Lehrer sind oder Mediziner. Sie sagen: das ist es mir einfach wert.

rbbKultur: Die Nationalgalerie gehört zum großen Tanker der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Im vergangenen Jahr gab es eine intensive Debatte darüber, ob diese Stiftung aufgelöst werden sollte. Wie stehen Sie dazu?

Raue: Also, das ist, mit Verlaub gesagt, Schwachsinn. Die Stiftung soll und kann nicht aufgelöst werden. Es ist eine große Tradition, die Großes geleistet hat. Dass sie reformiert werden muss, daran wiederum habe ich auch keinen Zweifel. Die Konstruktion: der Präsident, darunter der Generaldirektor, der dann Chef von 12 bzw. 16 Museen ist - ist eine schlechte Konstruktion. Es ist auch falsch, dass der Mann, der verantwortlich ist für die Kunst des 19. Jahrhunderts, für Manet und Caspar David Friedrich, auch für den Hamburger Bahnhof verantwortlich sein musste. Man kann diesen Spagat nicht leisten - da ist tüchtig und möglichst bald zu reformieren.

RbbKultur: Was wären Ihre Vorstellungen bzw. Vorschläge für so eine Reform?

Raue: Eine größere Selbständigkeit der Museumsdirektoren und -Direktorinnen, ein Herausnehmen auch von viel Verwaltungsarbeit aus dem Präsidium und das zurück zu lagern in die Museen, wie es früher mal war. Den Museen eine eigene Selbständigkeit zu geben, dass sie auch den Ehrgeiz haben, etwas auf die Beine zu stellen. Das heißt, wenn man Erfolg hat, dann hat man bessere Einnahmen. Wenn man bessere Einnahmen hat, kann man neue Dinge planen. Man muss die Leute auch "anzünden", dass sie brennen für das, was sie machen. Und manche brennen vielleicht doch nicht so sehr, weil sie sagen, es entscheidet ja eh alles der Generaldirektor.

rbbKultur: So eng, wie Sie mit der Nationalgalerie verbunden sind, kann ich mir vorstellen, dass es ein besonderer Moment für Sie sein wird, nach der langen Sanierung wieder in die Neue Nationalgalerie am Potsdamer Platz zu gehen.

Raue: Ich habe die Bauarbeiten ein bisschen privilegiert verfolgen können. Ich war mehrfach drin und ich habe auch die Fertigstellung jetzt gesehen. Es ist schon absolut irre, wenn man weiß, das Hauptziel war, dass überhaupt keiner merkt, dass renoviert wurde. Es musste alles so bleiben. Jede Platte, die abgenommen wurde, wurde nummeriert, damit sie an dieselbe Stelle kommt. Und trotzdem ist es herrlich, dass diese großen Fenster nicht mehr zweigeteilt sind, dass die Beleuchtung anders ist. Das wird ein Ereignis, das Berlin wirklich mal wieder strahlen lässt. Und nach dieser Sonne haben wir Sehnsucht.

Das Gespräch führte Frank Meyer, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.