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Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes – die Folgen 22 bis 26

In unserer Lesung von Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit" rührt der Roman diese Woche an historische Fakten: Die Dreyfus-Affäre. Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm musste da erstmal ihr Geschichts-Wissen auffrischen. Aber es hat sich gelohnt, findet sie.

Dreyfus und andere Schlafmittel

Ein Glück, dass ich kein öffentliches Amt bekleide. Ich dachte nämlich, die Dreyfus-Affäre geht wieder weg, wenn ich sie lang genug ignoriere. Aber die Sache spitzt sich eher noch zu – da spiegelt der Roman wohl sehr schön die damalige Realität, aus der Proust den Justizskandal eins zu eins übernommen hat.

In dem Salon, wo wir mit seinen ansonsten fiktiven Figuren diese Woche unsere Zeit verbringen, ist Dreyfus praktisch das einzige Gesprächsthema. Also kam ich ums Nachlesen kam ich dann doch nicht herum. Für alle, denen es ähnlich geht, hier nochmal die "fun facts" zur Affäre – naja, eigentlich sind sie "not so fun": Jemand aus der französischen Armee hatte Militärgeheimnisse an die Deutschen verraten. Verdächtigt und verhaftet wurde schnell mal der (zuuufällig jüdische) Offizier Alfred Dreyfus, der dann lange in Haft saß und später, obwohl seine Unschuld herauskam, ewig nicht rehabilitiert wurde. Klingt alles nach "lang, lang ist's her", allerdings hat die französische Armee, als letzte der beteiligten Institutionen, Dreyfus' Unschuld erst 1995 (!) öffentlich bekannt gegeben.

So weit sind die Gäste im Roman-Salon von Madame de Villeparisis natürlich noch lange nicht: Sie plaudern ganz munter und voll persönlicher Eitelkeiten über die Affäre und geben sich dabei lustvoll ihrem endlich, ja: salonfähig gewordenen Antisemitismus hin. Es habe in seiner Familie niemals einen Tropfen jüdischen Blutes gegeben, sagt stolz ein Herr, und eine Dame schämt sich selbstkritisch-beifallheischend für ihre Schicht: "Während man alten Vettern in der Provinz, mit denen man blutsverwandt ist, seine Tür verschließt, öffnet man sie den Juden. Jetzt haben wir den Dank davon. Ach!"

Das Ganze gipfelt in einer üblen, aber literarisch grandios gebauten Szene beim Abschied von Bloch, dem jungen Freund des Erzählers. Seine jüdische Herkunft hat sich langsam im Salon herumgesprochen, und die Gastgeberin fürchtet, es sich mit ihren nationalistischen Freunden zu verscherzen. Aber sie will sich auch Bloch warmhalten.

Das Ergebnis sieht so aus: "Als [er] zu ihr trat, um sich zu verabschieden, schien sie in den Tiefen ihres großen Lehnstuhls in einer Art von Halbschlaf zu ruhen. […] Die Worte, mit denen Bloch sich empfahl, vermochten im Antlitz der Marquise eben ein schwebendes Lächeln zu entfachen, entlockten ihr jedoch kein Wort; sie reichte ihm auch nicht die Hand. […] 'Ich glaube, sie schläft'", sagt der naive Bloch irritiert.

Treffender kann man schleichende Abwertung kaum bebildern. Danke Marcel! Auch für den Anstoß zur Geschichts-Nachhilfe. In der Dreyfus-Affäre steckt nämlich vieles, über das man heute gut mal wieder nachdenken kann. Zum Beispiel Verschwörungstheorien, ein Sicherheits-Apparat, der vor allem sich selbst verpflichtet scheint oder auch, wie die Schamlosen davon profitieren, sich an die Ressentiments der richtigen Leute anzubiedern. Daran hat sich seit Proust nicht viel geändert.

Doris Anselm, rbbKultur