Kind auf Wiese; © Anne-Dore Krohn
Bild: Anne-Dore Krohn

Miteinander, mehr oder weniger - Vom kollektiven Abstandhalten

Wir sollen Abstand halten, in diesen Tagen, mindestens zwei Meter. Das haben wir begriffen – aber was macht das mit uns? Anne-Dore Krohn über die Bedeutungsverschiebung von Sprache und das Leben im Paradox.

Eine Formulierung der Stunde, die man gerade überall hört und liest, ist das sogenannte "Social Distancing". Soziale Distanz. Distancing, mit "-ing" am Ende, also im Gerundium, der Verlaufsform, das heißt: anhaltend. Eine anhaltende, fortwährende Distanz zu anderen. Ein Vorgang, etwas, das noch eine ganze Weile nicht abgeschlossen sein wird.

Nicht persönlich nehmen!
Halten Sie heute Abstand, hat Bundespräsident Steinmeier gesagt, damit Sie sich morgen wieder umarmen können. Und Angela Merkel sagte: Wir müssen aus Rücksicht voreinander Abstand halten.

Im Supermarkt lächeln wir uns entschuldigend an, wenn wir meterweit voneinander an der Kasse stehen. Neulich lief ein Mann an mir auf dem Bürgersteig vorbei und machte einen riesigen Bogen um mich herum, "Nicht persönlich nehmen!" rief er mir fröhlich zu. Mit einer Nachbarin habe ich mich auf ein Glas Wein verabredet, im Hofgarten, als die Kinder schliefen, wir standen – in einer Hand ein Glas, in der anderen ein Babyphone – mehrere Meter voneinander entfernt, es war schön und schrecklich gleichzeitig, aber besser als nichts.

Distanz als Bürgerpflicht
Unsere Sprache steht in diesen Tagen auf dem Prüfstand wie lange nicht, es gibt drastische Bedeutungsverschiebungen. Mit Formulierungen von heute haben wir damals, vor wenigen Tagen, noch etwas ganz anderes gemeint:

- Einen Bogen umeinander machen
- Auf Abstand gehen
- Distanz wahren
- Sich nah kommen
- Berührt sein

Der Abstand ist zum Bindemittel geworden. Man tut sich Gutes, indem man sich auf Distanz hält. To flatten the curve – schon wieder Englisch, um die Kurve der Ansteckungen flach zu halten. Plötzlich wird die Distanz zur Bürgerpflicht.

Wer ist meine Kernfamilie?
Seine Kontakte soll man auf die Kernfamilie beschränken. Wer aber ist der Kern? Für Familien, die zusammenleben, ist der Fall klar. Für Alleinlebene, Alleinerziehende nicht. Auf eine gewisse Weise fühlen sich diese Tage des Sozialen Abstands auch an wie ausgedehnte Feiertage, in ihrer existenziellen Wucht. Man wird zurückgeworfen auf fundamentale Fragen der eigenen Lebenssituation: Wer ist meine Kernfamilie? Mit wem gehe ich noch physische Nähe ein? Wen lässt man in diesen Tagen – buchstäblich – noch weiter als die empfohlenen zwei Meter an sich heran?

Ich verabrede mich weiterhin zum Kaffeetrinken. Oder auf ein Glas Wein. Am Telefon, bei Skype. Da sitzt dann jeder, in seiner eigenen physischen Kernfamilie, im Gerundium, Abstand haltend, und lebt das Paradox. Wir kommen uns entgegen, indem wir einander nicht zu nahe kommen. Wir sind uns nahe, indem wir Abstand halten. Wir sind uns nahe, obwohl wir Abstand halten, gerade weil wir Abstand halten. Im kollektiven Abstandhalten liegt eine gemeinsame Erfahrung, die uns verbindet. Wir gehen zwar auseinander, aber psychisch rücken wir zusammen. Weltweit.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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