Nikolaus Heidelbach (c) dpa
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- Illustrator Nikolaus Heidelbach: "Was die Pandemie mit uns macht, hat auch etwas Lustiges"

Nikolaus Heidelbach ist einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Illustratoren und Autoren, und das keineswegs nur von Kinderbüchern. Seine Markenzeichen: ein Sinn fürs Fantastische und ein ziemlich abgründiger Humor. Und jetzt gibt es von ihm ein neues Buch mit dem Titel „Alles gut?“ - über unser Leben in der Corona-Krise mit Mundschutzmaske.

rbbKultur: Herr Heidelbach, Ihr neues Bilderbuch ist eine Art Tagebuch der letzten Wochen und Monate, ein Mann allein in Quarantäne in einer riesengroßen Wohnung. Er ist damit beschäftigt, ständig Fieber zu messen und Abstand halten zu üben und dann passieren in dieser Wohnung lauter unerklärliche, merkwürdige Dinge. Warum?

Heidelbach: Vielleicht muss ich erklären, warum ich dieses Buch gemacht habe. Ich sitze jeden Tag zu Hause und male, und irgendwann im Laufe des März hieß es dann plötzlich: Homeoffice - was für mich überhaupt nichts geändert hat, außer dass ich sehr aufmerksam im Radio zugehört habe, was so an Außennachrichten kommt.

Wahrscheinlich war der Ausgangspunkt folgende Nachricht: Irgendwann kam in diesem Fall im WDR die Nachricht, dass in Bayern die Polizei zwei illegale Friseurläden in einem Keller ausgehoben hat. Und da musste ich so lachen, weil der Kommentar hieß dann, aufmerksame Nachbarn hätten das beobachtet.

Jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass irgendwelche jungen Männer völlig verstrubbelt in einem Keller verschwinden und dann mit diesen Assyrer Bärten und diesen geschnitzten Scheiteln wieder rauskommen. Und das wird dann registriert und zur Anzeige gebracht.

In diesem Moment habe ich gedacht, diese ganze Affäre hat auch was Lustiges und habe angefangen zu überlegen: Was könnte eigentlich passieren, wenn einer nur noch in seiner Wohnung sitzt und dabei zusehen muss, wie entweder er oder die Wohnung verrückt wird?

rbbKultur: Was passiert dann zum Beispiel in der Wohnung?

Er registriert natürlich sehr genau seine Umwelt und ist am Beginn des Buches bereits vier Wochen in freiwilliger Quarantäne gewesen. Und er beginnt jetzt am Weltfrauentag tagebuchartige Notizen zu machen, weil er Angst hat, den Überblick zu verlieren, und findet zum Beispiel, dass in seinem Schlafzimmer auf seinem Bett etwas ist, was ihm nicht gefällt. Deswegen zieht er aus und baut sich ein Notbett. So geht die Sache los.

Ab dann belebt sich die Wohnung und wir wissen natürlich nicht genau: Stimmt das eigentlich, was der alles erzählt? Oder leidet er unter Einbildung? Also, wenn er zum Beispiel einen kompletten Vormittag lang das quietschende Geräusch von trockener Haut auf einem Holzgeländer hört und dann aber zu seiner Beruhigung feststellt, es gibt in der ganzen Wohnung überhaupt kein Geländer, dann sind wir ungefähr auf der Ebene, auf der er sich bewegt.

rbbKultur: Zum Beispiel auch die Vorstellung, im Keller wohne jemand, die ihn umtreibt, bis ihm dann einfällt, dass er ja gar keinen Keller hat...

Heidelbach: Ja, das ist auch sowas.

rbbKultur: Aber dann gibt es auch die merkwürdigsten Wesen. Zum Beispiel begegnet ihm eine alleinerziehende Qualle im Flur mit Kind, "Abstand gehalten" ist dann die Notiz. Oder es gibt ein Wesen, das plötzlich geschmolzen ist. Kein Mensch weiß genau, was es für ein Wesen ist, es lässt sich aber nicht entfernen. Oder im Partyraum macht sich eine Schlange über das Tapetenmuster mit Brezel-Girlanden lustig. Wie kommen Sie auf diese Ideen?

Heidelbach: Vielleicht muss ich dazu ganz kurz ausholen: Ich lese seit meinem zwanzigsten Lebensjahr mit großer Begeisterung Tagebücher. Diese Situation hat mir die Gelegenheit gegeben, etwas über Tagebücher zu machen, was mich immer schon fasziniert hat. Nämlich: Tagebücher sind per se fantastisch, weil niemand nachprüfen kann, ob das stimmt, was da jemand hingeschrieben hat.

Wenn zum Beispiel Thomas Mann in seinem Tagebuch schreibt, morgens aus dem Bett gefallen, Morgennebel, dann ist es etwas rätselhaft, was da passiert. Der andere Pol ist, wenn jemand wie Gombrowicz in seinem Tagebuch schreibt: „Montag: ich, Dienstag: ich, Mittwoch: ich…“ und so weiter, dann ist eine gewisse Fallhöhe schon gegeben, und zwar nicht zuletzt eine für Komik.

rbbKultur: Aber trotzdem hat es natürlich mit diesen Kontrollnotizen auch einen Sinn. Dieser Mensch, der sein Tagebuch schreibt, droht so ein bisschen an sich selbst auch irre zu werden. Und diese Kontrollnotizen sind wahrscheinlich auch eine Art der Selbsthilfe, der Bewältigungsstrategie in dieser Quarantäne.

Heidelbach: Ganz sicher. Die Frage ist nur, wie ernst man das nehmen soll, denn die Struktur von diesem Buch ist natürlich komplett fiktiv. Sie dürfen die Frage nicht stellen, wer macht eigentlich die Bilder in dem Buch? Das heißt, er hat gleichzeitig da wohl eine Art Illustrator sitzen, der für ihn arbeitet. Und ansonsten hat der Mann, wie ich finde, einen hoffnungslosen Humor.

rbbKultur: Sie haben gerade die Illustration angesprochen. Der extra Knüller in diesem Buch sind meiner Meinung nach die Tapeten - groß gemustert, mit geometrischen Formen, Quadrate, Kreise, dann wieder Blumen oder eben doch die schon erwähnten Brezel-Ketten. Warum sind Ihnen die Tapeten so wichtig?

Heidelbach: "Das spart mir den Hintergrund!" hat mal der große Kollege Draxler zu mir gesagt. Das ist aber nicht ganz wahr. Es stimmt zwar, dass ich deswegen keine weiten Landschaften malen muss, aber ich verreise ab und zu ganz gerne und vor allem in Länder, wo es Pensionen und Hotels mit seltsamen Tapeten gibt, also vorzugsweise Belgien und Frankreich.

Dann gibt es einen Zeichner, den ich sehr verehre, der heißt Edward Gorey. Der hat damit angefangen, Tapeten zu zeichnen, allerdings netterweise in Schwarz-Weiß, sodass für mich auch noch ein bisschen Platz war, mir den schönsten Blödsinn auszudenken, den man an die Wand kleben kann.

Ein drittes ist, dass ich als Kind mit meinen Geschwistern zusammen ein Buch hatte, das hieß "Das Tapetenbuch", das war unglaublich schwer und da waren echte Tapetenmuster drin. Und ich finde das bis heute faszinierend.

rbbKultur: Ihr Zeichenstil ist sehr realistisch. Manche sagen "altmeisterlich": gedämpfte Farben, Pastelltöne… das sind wunderbar komponierte Bilder. Und Sie haben einen sehr starken Sinn für realistische Details. Warum ist Ihnen dieser Realismus, dieses Detailgetreue so wichtig?

Heidelbach: Naja, weil es die Quelle für Einfälle ist. Ich würde das lieber anders nennen. Realistisch ist immer eine Frage. Aber es geht mir um Stofflichkeit. Ich habe noch nie verstanden, dass man als Zeichner darauf verzichten soll, dass Pelz etwas anderes ist als Holz, Metall…nehmen Sie irgendetwas… Nudeln oder Lebensmittel… Das heißt, da ist der halbe Einfall schon da, wenn man in der Lage ist, einen Pelz auf Haut zum Beispiel zu malen oder zu zeichnen. Und mir ist es völlig geläufig, dass man damit umgeht und dass ich zum Beispiel damit spielen kann.

Ich kann eben eine richtige Schnecke malen. Wenn ich die an die Wand setze und behaupte, dass die über Nacht das Spielzimmer renoviert hat, indem sie mit ihrem Klebestreifen neue Muster dahin macht, dann gefällt mir das.

rbbKultur: Wie zeitaufwendig ist eigentlich das Zeichnen? Also einerseits natürlich die Idee, das Entwerfen. Aber dann geht es ja wahrscheinlich auch um so etwas wie kolorieren. Sind das Tätigkeiten, bei denen man noch etwas anderes nebenbei machen könnte?

Heidelbach: Wie ich Ihnen schon gesagt habe: Man kann wunderbar Radio hören und man kann nachdenken. Im Zweifelsfall kann man auch noch rauchen und im vierten Fall kann man auch noch telefonieren. Das geht, das heißt, es gibt ein Stadium, wo ich quasi meiner Hand zugucken kann, wie die das von alleine macht. Das kennen aber alle Zeichner.

rbbKultur: Trotzdem noch mal zurück zur Corona-Krise und zu Ihrer Zeit im Homeoffice. Das klingt jetzt alles sehr lustig und als wenn es Sie nicht groß gekratzt hätte. Aber in dem Buch hat man schon den Eindruck, dass da so eine Verunsicherung ist, als wenn einem der Boden in der Wohnung unter den Füßen weggezogen werden könnte und das eben auch eine Rolle spielt als wichtige Erfahrung in dieser Zeit?

Heidelbach: Es stimmt. Es ist eben nicht zu leugnen, dass wir seit geraumer Zeit in einer Ausnahmesituation leben, und zwar mit dem Hinweis, dass die Gefahr eine potenzielle ist, und deswegen finde ich den Stoff faszinierend und bekenne mich dazu auch. Ich gucke mit großer Spannung zu, wie die Leute darauf reagieren.

Vor zwei Monaten habe ich noch gelacht, als ich vor einem Zeitungsladen eine Frau gesehen habe, die sich den Mundschutz gerade soweit weggeschoben hat, dass sie im rechten Mundwinkel eine Zigarette rauchen konnte. Das ist ein Motiv.

Wenn ich sehe, dass sich gestandene Frauen und Männer irgendwo hinstellen und "Freiheit! Freiheit!" rufen, dann wird mir auch ein bisschen schlecht, vor allem, wenn man gleichzeitig sieht, wie es Leute in Belarus machen und unter welchen Bedingungen. So viel zum Ernst der Lage.

Aber ich würde gerne insgesamt sagen: Ich halte nichts davon, angesichts einer ernsthaften Lage seinen Humor oder seinen Witz zu vergessen. Es gibt kaum etwas, was vor Witz geschützt ist, und dafür bin ich manchmal zuständig.

rbbKultur: Und sie haben ja das Coronavirus auch gezeichnet. Und zwar als eine rosa Raupe!

Heidelbach: Ich tue so, als hätte ich es gesehen. Das musste ich machen, wir kriegen ja dauernd gesagt, dass niemand das sehen kann. Und dann springen einige seltsame Leute darauf an und sagen „also gibt es das auch überhaupt nicht!“. Insofern war ich herausgefordert, irgendwann so eine Art Tier zu malen.

Aber es gibt bei mir auch ein Tier in der Badewanne, von dem eigentlich keiner weiß, was es sein soll, was dann sang- und klanglos wieder verschwindet. Und ich weiß es nicht. Glauben Sie, dass das das Coronavirus ist, was da in die Wohnung kommt? Was ist mit den drei Affen an der Wand?

rbbKultur: Ja, was ist mit den drei Affen an der Wand? Da bleiben viele Rätsel übrig in ihrem Buch. Aber das ist wahrscheinlich ein Hintergedanke.

Heidelbach: Vielleicht kann ich die Leute noch ein bisschen neugierig machen? Stellen Sie sich vor, Sie sind in ihrer Wohnung und stehen morgens auf und finden hinter dem Badezimmer einen Raum, in dem jemand ein Spargelfeld angelegt hat. Wenn Sie sich das vorstellen können, wissen sie, in welchem Zustand ich war, als ich dieses Buch gemacht habe.

Das Gespräch führte Andreas Knaesche

Buchtipps

Nikolaus Heidelbach: "Alles gut?"

Kampa Verlag, Zürich, 2020
Pappband, 64 Seiten
16,00 Euro
ISBN 978 3 311 25013 5

Nikolaus Heidelbach, Alma und Oma im Museum © 2019 Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz
Beltz & Gelberg in der Verlagsgruppe Beltz

Ab 6 Jahren - Nikolaus Heidelbach: "Alma und Oma im Museum"

Zu einem vergnüglichen Ausflug ins Museum lädt Nikolaus Heidelbach mit seinem Bilderbuch "Alma und Oma gehen ins Museum". Der preisgekrönte Illustrator präsentiert darin 16 religiöse Meisterwerke und verwickelt in ein Gespräch über Kunst.

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