67. Internationale Filmfestspiele in Berlin, 17.02.2017, Photocall «Hao ji le - Have a nice Day»: Komponist David Liang (l), Regisseur Liu Jian und Schauspieler Yang Cheng (r). (Quelle: dpa/Monika Skolimowska)

Rezension | "Have a Nice Day" - Laut, schnell – und doch fast bewegungslos

Am letzten Tag startet ein Film in den Wettbewerb, der aus dem Rahmen fällt. "Have a Nice Day" aus China ist ein Animationsfilm, eine witzige Krimi-Groteske mit hochstilisierten Bildern – und einem Kurzauftritt von Donald Trump. Von Fabian Wallmeier

Eine Million Yuan sind nach Wechselkurs vom Freitag 137.148 Euro. Das ist die Geldsumme, um die sich im einzigen chinesischen Wettbewerbsbeitrag, dem Zeichentrickfilm "Have a Nice Day", alles dreht. Die Tasche mit der Million wechselt im Laufe der 75 Minuten immer wieder den Besitzer, auch innerhalb einer Familie.

Das Figurentableau ist von Anfang an unübersichtlich. Erst nach und nach stellen sich die Verbindungen zwischen einzelnen Figuren heraus – und ständig kommen neue dazu. Es gibt den Bauunternehmer und Gangster Onkel Liu, seinen Neffen, einen bedrohlichen Mann in Schwarz, einen Tüftler mit Röntgenbrille, ein Slacker-Pärchen, einen gekidnappten Maler und viele mehr.

Regisseur und Autor Liu Jian (zugleich Produzent und Animator) zieht seine Geschichte allein schon durch diese Häufung von Personen ins Groteske. Der Film schlägt mehrere Haken, wechselt rasant zwischen den Handelnden.  Doch der Plot ist genau strukturiert, die meisten losen Enden werden wieder zusammengeführt.

"Have a Nice Day" zerfällt in vier Teile, die mit eingeblendeten Zahlen voneinander abgetrennt werden. Am Ende jedes Teils liegt irgendwer bewusstlos am Boden oder hat es einen Unfall gegeben. Keiner traut dem anderen, jeder kämpft für sich, alle mogeln sich durch, so gut es geht.

Bewegungen sind auf ein Minimum reduziert

Dem Stil des Zeichentrickfilms merkt man an, dass Liu zu Beginn seiner Karriere Malerei studiert hat. Er steht im Kontrast zum schnellen, komplizierten Plot, soll ihn vielleicht ein bisschen erden. Liu setzt eher auf hochstilisierte starke Einzelbilder als auf durchanimierte Bewegungsabläufe. Er hat sämtliche Bewegungen auf ein Minimum reduziert, selbst Autoverfolgungsjagden und Kampfszenen werden nur angedeutet. Spricht eine Figur, geht nur der Mund gleichmäßig auf und zu. Figuren und Körperteile, die gerade keine handlungsentscheidende Bewegung verrichten, bleiben komplett reglos. Auch im Bildhintergrund bewegt sich nichts, nur aus den Zigaretten, die einige Figuren ständig zwischen den Lippen stecken haben, steigt der Rauch auf.

Zwischendurch lässt Liu alles zur Ruhe kommen, mit Schwarzblenden, bei denen nur der Soundtrack weiterläuft, und am deutlichsten mit einer Traum-Sequenz zu Beginn des dritten Filmviertels. Ungewöhnlich lange ist da nichts das graue Meer zu sehen, es wird mit dem Sonnenaufgang langsam heller, dann wird die Leinwand langsam komplett dunkel. Außergewöhnlich ist an dieser Szene auch, wie hier die Bewegung gezeichnet wird: nicht durch Andeutungen, wie im Rest des Films, sondern sehr naturgetreu bis ins kleinste Detail sieht man die Wellen gleiten.

Donald Trump spricht

"Have a Nice Day" ist randvoll mit Zitaten - so voll, dass nicht jedes wirklich zünden kann. Es gibt beispielsweise einen herrlich albernen Musikvideo-Einschub im Siebdruck-Look des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol, Verweise auf "Rocky", "Der Pate" und Lius Debütfilm "Piercing 1" - und wir hören Donald Trump. Ein kleiner Schnipsel im Auto-Radio, in dem er Hillary Clinton ein vergiftetes Lob für ihren Wahlkampf ausspricht, ist die einzige direkte Referenz des Wettbewerbs an den auf Pressekonferenzen und in anderen Gesprächen allgegenwärtigen amerikanischen Präsidenten.

Hier allerdings ist seine Erwähnung wohl vor allem dafür da, den Film auch für internationale Zuschauer eindeutig in der Gegenwart verortbar zu machen. Dass hier, mitten im chinesischen Kleingangstermilieu, auf einmal Trump aus dem Radio ertönt, ist außerdem einer der vielen äußerst komischen Einfälle Lius. Es geht meist derb und laut zu in seinem Film, die Dialoge sind schnell und oft screwballhaft. Nicht jeder Gag ist ein Feuerwerk, aber kurzweilig ist "Have a Nice Day" allemal. Da ist es am Ende auch absolute Nebensache, wer am Ende die eine Million Yuan nun eigentlich abgestaubt hat.

Fazit: Kurz vor Schluss der Berlinale kommt der einzige chinesische Beitrag und einzige Animationsfilm des Wettbewerbs als Abwechslung gerade recht. "Have a Nice Day" ist eine kurzweilige Krimi-Groteske mit vielen Zitaten und einem verwirrenden, aber gut durchdachten Plot.

Bärenwürdig? - Das sagen die RBB-Kritiker

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Beitrag von Fabian Wallmeier

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