Kahnfahrt bei Lehde - dpa/Patrick Pleul
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Kahnfahrt bei Lehde | Bild: dpa/Patrick Pleul

- Lehder Fließ

Die Fährleute im Spreewald porträtiert Theodor Fontane sehr vorteilhaft. Er findet "eine Haltung und Straffheit gegeben, die man bei der Mehrzahl unserer sonstigen Dorfbewohner vermißt".

Wenn es schon ein reizender Anblick ist, diese schlanken und stattlichen Leute in ihren Booten vorüberfahren zu sehn, so steigert sich dieser Reiz im Winter, wo jeder Bootfahrer ein Schlittschuhläufer wird.

Theodor Fontane

Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Band IV „Spreeland“:

Gleich die erste halbe Meile ist ein landschaftliches Kabinettstück und wird insoweit durch nichts Folgendes übertroffen, als es die Besonderheit des Spreewaldes: seinen Netz- und Inselcharakter, am deutlichsten zeigt. Dieser Netz- und Inselcharakter ist freilich überall vorhanden, aber er verbirgt sich vielfach, und nur derjenige, der in einem Luftballon über das vieldurchschnittene Terrain hinwegflöge, würde die zu Maschen geschlungenen Flußfäden allerorten in ähnlicher Deutlichkeit wie zwischen Lübbenau und Lehde zu seinen Füßen sehen.

Der Boden dieses Inselgewirrs ist fast überall eine Gartenerde. Der reiche Viehstand der Dörfer schuf hier von alters her einen Düngeruntergrund, auf dem dann die Mischungen und Verdünnungen vorgenommen werden konnten, wie sie dieses oder jenes Produkt des Spreewaldes erforderte.

Die Wassergewächse, die von beiden Seiten her uns stromaufwärts begleiten, bleiben dieselben; Butomus und Sagittaria lösen sich untereinander ab, und nur hier und da gesellt sich, unter dem überhängenden Rande geborgen, eine wuchernde Vergißmeinnicht-Einfassung hinzu.

Es ist Sonntag, die Arbeit ruht, und die große Fahrstraße zeigt sich verhältnismäßig leer; nur selten treibt ein mit frischem Heu beladener Kahn an uns vorüber, und Bursche handhaben das Ruder mit großem Geschick. Sie sitzen weder auf der Ruderbank, noch schlagen sie taktmäßig das Wasser, vielmehr stehen sie grad aufrecht am Hinterteile des Boots, das sie nach Art der Gondoliere vorwärts bewegen. Dies Aufrechtstehen, und mit ihm zugleich ein beständiges Anspannen all ihrer Kräfte, hat dem ganzen Volksstamm eine Haltung und Straffheit gegeben, die man bei der Mehrzahl unserer sonstigen Dorfbewohner vermißt. Und zwar in den armen Gegenden am meisten. Der Knecht, der vornüber im Sattel hängt oder, auf dem Strohsack seines Wagens sitzend, mit einem schläfrigen »Hoi« das Gespann antreibt, kommt kaum je dazu, seine Brust und Schulterblätter zurechtzurücken oder sein halb krummgebogenes Rückgrat wieder geradezubiegen, der Spreewäldler aber, dem weder Pferd noch Wagen ein Sitzen und Ausruhen gönnt, befindet sich eigentlich immer auf dem Quivive. Das Ruder in der Hand, steht er wie auf Posten und kennt nicht Hindämmern und Halbarbeit.

Wenn es schon ein reizender Anblick ist, diese schlanken und stattlichen Leute in ihren Booten vorüberfahren zu sehn, so steigert sich dieser Reiz im Winter, wo jeder Bootfahrer ein Schlittschuhläufer wird. Das ist dann die eigentliche Schaustellung ihrer Kraft und Geschicklichkeit. Dann sind Fluß und Inseln eine gemeinschaftliche Eisfläche, und ein paar Bretter unter den Füßen, die halb Schlitten, halb Schlittschuh sind, dazu eine sieben Fuß lange Eisstange in der Hand, schleudert sich jetzt der Spreewäldler mit mächtigen Stößen über die blinkende Fläche hin. Dann tragen sie auch ihr nationales Kostüm: kurzen Leinwandrock und leinene Hose, beide mit dickem Fries gefuttert, und Spreewaldstiefel, die fast bis an die Hüfte reichen.

Es ist Sonntag, sagt ich, und die Arbeit ruht. Aber an Wochentagen ist die Straße, die wir jetzt still hinauffahren, von früh bis spät belebt, und alles nur Denkbare, was sonst auf Knüppeldamm und Landstraße seines Weges zieht, das zieht dann auf dieser Wasserstraße hinab und hinauf. Selbst die reichen Herden dieser Gegenden wirbeln keinen Staub auf, sondern werden ins Boot getrieben und gelangen in ihm von Stall zu Stall oder von Wiese zu Wiese. Der tägliche Verkehr bewegt sich auf diesem endlosen Flußnetz und wird nur momentan unterbrochen, wenn auf blumengeschmücktem Kahn, Musik vorauf, die Braut zur Kirche fährt oder wenn still und einsam, von Leidtragenden in zehn oder zwanzig Kähnen gefolgt, ein schwarzverhangenes Boot stromabwärts gleitet.

 

Audio: Ausschnitt aus "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" gelesen von Wolfgang Büttner (Produktion des BR 1962)