Lithographie von Schloss Friedersdorf / Quelle: dpa
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Farblithographie von Schloss Friedersdorf nach einem Aquarell von C.G. Gemeinert | Bild: dpa/akg-images

- Schloss Friedersdorf

Den Besuch auf Schloss Friedersdorf nutzt Fontane, um die Geschichte zweier Brandenburgischer Adelsfamilien zu erzählen: "von der Marwitz" und "von Görztke". 

Theodor Fontane – Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Band II "Oderland":

In der Nähe von Gusow liegt Friedersdorf, seit Ende des siebzehnten Jahrhunderts im Besitze der Familie von der Marwitz.

Vom Städtchen Seelow aus erreicht man es in einer Viertelstunde. Die Landschaft ist reizlos, im wesentlichen auch das Dorf, und erst in der Mitte desselben, wo wir die Parkbäume, die bis dahin den Hintergrund des Bildes bildeten, in einem flachen, weit gedehnten Teiche sich spiegeln und die weißgrauen Wände des Schlosses durch das ziemlich dichte Laubwerk hindurchschimmern sehen, wird es uns leichter ums Herz. Und jetzt noch eine Biegung, und durch eine von zwei Obelisken gebildete Einfahrt hin führt uns unser Weg bis vor die gastlich geöffnete Tür.

Das Friedersdorfer Herrenhaus ist so recht das, was unsere Phantasie sich auszumalen liebt, wenn wir von »alten Schlössern« hören. Die Frage nach dem Maß der Schönheit wird gar nicht laut; alles ist charaktervoll und pittoresk, und das genügt. Auch hier. Die Front- und Seitengiebel sind staffelförmig mit Türmchen besetzt, und die hohen und deshalb schmal erscheinenden Fenster mit ihren desto breiteren Pfeilern dazwischen steigern nur den Eindruck des Eigentümlichen und geben ein Ansehen von Halt und Festigkeit. Rosenbäume wachsen über die Glastür hinaus, die von der Halle her in Park und Garten führt, vor der Front des Hauses aber, inmitten eines von Kieswegen umzirkten und von mächtigen alten Kastanien überschatteten Grasplatzes, stehen ein paar gußeiserne Böller und mahnen an den kriegerischen Geist, der hier durch viele Generationen hin lebendig war.

Wir betreten das Haus und verwundern uns über seine Raumfülle. Das macht, es stammt noch aus jener vornehmen Zeit her, wo man die vorhandene Gesamträumlichkeit in wenige imposante Gemächer teilte, statt sie wie jetzt in zahllose Stuben und Stübchen hotelartig zu verzetteln. Die Baumeister waren damals noch bei keinen Hauswirten in die Schule gegangen und hatten noch nicht gelernt, der trivialsten Ökonomie die Schönheit und Stattlichkeit der Verhältnisse zu opfern. Es war noch die Epoche der Treppen und Korridore, die Zeit der Renaissance.

Die Halle des Hauses nimmt uns auf, und zahlreiche Familienportraits blicken auf uns nieder, als stattlichstes unter ihnen ein Portrait über dem Kamin. Es ist das überlebensgroße Bildnis des alten Generallieutenants von Görtzke, des sogenannten »Paladins des Großen Kurfürsten«, der im Jahr1652 Schloß Friedersdorf erstand, es renovieren ließ und in ihm verstarb. Wie derselbe lebenslang neben Derfflinger gestanden und den Ruhm des alten Feldmarschalls geteilt hatte, so fand er sich auch schließlich wieder auf nachbarlicher Scholle mit ihm zusammen.

Dieses Bildnis über dem Kamin interessiert uns aus mehr als einem Grunde. Ganz geharnischt, den Kommandostab in der Rechten, die leichte Feldbinde um den Hals, so steht der Alte da. Sein Helm ruht neben ihm auf einem Felsenvorsprung, und das lange Haar fällt dunkel und beinah lockig herab. Finsterer Ernst und kalte Bestimmtheit sprechen aus seinen Zügen. Es knüpft sich ein anekdotischer Hergang an dieses Bild, charakteristisch für den Mann und die Zeit und vielleicht auch für die Stellung, die die schönen Künste damals in brandenburgischen Landen einnahmen. Görtzke war bei Lützen schwer verwundet worden und hinkte seitdem; sein linker Fuß war zu kurz geheilt, und eine dicke, handhohe Holzsohle mußte wiedergutmachen, was das Unglück oder das Ungeschick des Arztes verschuldet hatte. Es scheint, daß er sich an diesen Holzfuß nicht gern erinnern ließ oder eine Vorstellung von der Pflicht des Idealisierens hatte, die dem romantischsten Vertreter der ehemaligen Düsseldorfer Schule Ehre gemacht haben würde. Als der Maler ihm das Bild brachte, fiel Görtzkes Auge zuerst auf die Holzsohle, die natürlich nicht fehlte, und im Unmut über den gewissenhaften Realisten warf er ihn die Treppe hinunter. Eine kaum minder empfindliche Strafe folgte: Görtzke behielt das Bild und verweigerte die Zahlung.

 

Video: „Märkische Wanderungen: Mit Günther de Bruyn auf den Spuren Fontanes" vom 14.10.1990

Das Friedersdorfer Herrenhaus ist so recht das, was unsere Phantasie sich auszumalen liebt, wenn wir von »alten Schlössern« hören.

Theodor Fontane