Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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- Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Sie wollten schon immer "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen? Besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Deswegen haben wir uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen bzw. zu hören.

Wir begleiten die Lesung mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert, denn dieses Werk ist wie eine Gipfeltour: herausfordernd, aber jede Mühe wert!

Darüber wollen wir auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Kommentieren und tauschen Sie sich aus. Schreiben Sie uns eine Mail an proustlesen@rbbkultur.de.

Oder treten Sie unserer Facebook Gruppe "Proust lesen mit rbbKultur" bei: www.facebook.com/groups/4824467260960056

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Antwort auf [Martin Reimann] vom 30.11.2021 um 15:16
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1103 Kommentare

  1. 1103.

    Lesung heute:
    Der Erzähler erweitert seine Reflexionen um eine nicht unwichtige Facette: ‚Liebt’ er einen bestimmten Frauentypus in Albertine? Und führt der Gedanke der Austauschbarkeit nicht zu der Erkenntnis, die Wahl A.s sei nicht „notwendig“ gewesen? Plötzlich ist Gilberte wieder im Spiel ...
    Solche Gedankenspiele tasten nachträglich und zugleich generalisierend ab, was das Ich (des Erzählers) am Weiblichen anziehend finden könnte.
    Blinder Fleck/Leerstelle: Nie wird erwogen, welcher Typus Mann im Erzähler selbst denn wohl auf die diverse (imaginierte) Weiblichkeit attraktiv gewirkt haben oder wirken könnte ...

  2. 1102.

    Grünewalds Antonius, zu Boden geworfen, wird heimgesucht, gepeinigt von widerlichen Dämonen. Die Szene ist sicherlich zu verstehen im Kontext heilgeschichtlicher Erwartung und Erlösung. Sie veranschaulicht - an der Extremgestalt des Eremiten und Heiligen, der die Welt flieht - die Fehlbarkeit des heilsbedürftigen Menschen, der nicht davor gefeit ist, vom rechten Weg abzuweichen, sog. Versuchungen zu unterliegen. Antonius ist unterworfen den Mächten des Bösen - und des Guten, letztlich geborgen in Gottes rettender Hand.
    Proust stülpt das ‚Heilsgeschichtliche’ völlig um: Der entscheidende Unterschied scheint mir in der Gestalt des Erzählers zu liegen: Nach allen Seiten hin verströmt und behauptet er seine Ich-Absolutheit. Er selbst macht sich zum Zentrum und Bezugspunkt ... , letztlich liegt alles in seiner Hand. Und sollte sich ihm etwas entziehen, so gehört es nicht in einen anderen Kontext, sondern wird als erlittener Mangel („Leiden kostend“) seinem Ich einverleibt.

  3. 1101.

    Lieber Herr Reimann, Grünewalds berühmtes Gemälde zeigt einen Menschen, der von seinen Dämonen buchstäblich in Stücke gerissen zu werden droht. Die Dämonen sind zugleich Sinnbilder seiner „Versuchungen“. Auf diesen Entsprechungen beruht mein Vergleich, nicht auf dem Einsiedlertum.

  4. 1100.

    Lesung heute: Der Erzähler erforscht seine Reaktion auf die Nachricht vom Tod Albertines. Beim Durchgehen seiner Gefühle und Erinnerungsbilder wird ihm die Zeitstruktur all dessen bewusst.
    Erleben, Leiden und Erinnerung erscheinen ihm in sich wandelnder Perspektive und Bedeutung, da Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich einerseits in der Erinnerung verschränken (lassen) - z.B. vergangene Zukunft - und weil nun, nachträglich, neben das Erinnerte das Moment des denkbar oder wünschbar! Möglichen tritt. Jede Facette des auf A. Bezogenen wird v.a. zu einer neuen Facette des Ich. Dessen Vielheit wird durch A.s Tod vergrößert, dank der Sensibilität (wechselnder „Tönungen“ der Vorstellungen und „seelischen Atmosphäre“) des Ich. Vorrang und Dominanz s e i n e r Wahrnehmung und Wünsche machen sich im Umgang mit dem Todes-Faktum („A. war tot“) erst recht geltend. –
    In die „summa“ muss der "Wandel der Zeit" Eingang finden.

  5. 1099.

    ... Hoffnungen und (Selbst-)Täuschungen (> „halb bewusste Selbstverblendung“) gedanklich-systematisch zu verarbeiten versucht. Einen Eremiten im strikten Sinn sehe im E. nicht.

  6. 1098.

    ... Im scholastischen Abklopfen der denkbaren Variablen wird auch die Möglichkeit von Vergessen reflektiert. Auch das Vergessen erscheint dem E. unter wechselnden Vorzeichen, mal als Katastrophe, mal als Trost oder gar Hoffnung. In allen diesen Fällen aber fungiert es als Hypothese so wie die anderen Momente im steten Hin- und Herwenden auch – und wird, da es (gedachte) Negation des Erinnerns ist, als Grenzwert mitbedacht.
    Schließlich ein Gedanke zum Wirken von Vernunft, Bewusstem und Unbewussten: Der E. registriert und schildert mit Eifer und hellwach das Mit- und Gegeneinander seines Hypothesen-Räsonnements und seiner körperlichen Symptome (vgl. Philosoph/Barometermännchen). Auch das wäre gleichsam mönchisch-meditativ oder scholastisch im o.g. Sinne, weil die summa gerade auch die Unterfälle der unbewussten Regungen, ...

  7. 1097.

    Liebe Frau Windeck, danke für die ausholende Erwiderung. Ich möchte meine Lesart auf Ihre beziehen:
    Der Erzähler leidet an ‚Dämonen’ wie Weiblichkeit und Laster - und betätigt sein Leiden in den Gestalten Zweifel, Eifersucht und Schmerz. Albertines Laster sind die der Stufe 1 ihrer Abwesenheit (vor Flucht und Tod). Mit den Erzähl/Schreib-Exerzitien meine ich die genannten gelehrten (scholastischen), im Wechselspiel von „Hypothesen“, im dialektischen Wenden aller Konnotationen, deren Vorzeichen (+/-) ständig umschlagen. Diese Berserkerarbeit - nichts soll in der summa fehlen - dient keiner Befreiung, richtig, die wird auch immer wieder verworfen!, sondern - paradox - einer Befriedung. Die ist dem E. gar nicht denkbar ohne das vollste Ausschöpfen aller Formen und Möglichkeit des Leidens – und deren Einverleibung in die summa/das Ich.
    (...)

  8. 1096.

    …halb bewusster Selbstverblendung hervor, in der der Erzähler sich lange Zeit zu bewegen gezwungen fühlt. Um auf das Bild des Mönchs (als Eremit) nicht zu verzichten, fiele mir die „Versuchung des Heiligen Antonius“ von Matthias Grünewald (und von Max Ernst) ein.

  9. 1095.

    Vorerst drängt sich mir ein weniger suggestives Bild auf: das des Analysanden und seines Analytikers. Dass der Erzähler/Autor beide Funktionen simultan ausübt, macht es nicht leichter, auch nicht, dass sich retrospektive Einsichten mit Gedanken und Empfindungen verschiedener Gegenwarts- und Vergangenheits-Ichs überlagern; aber Proust-Leser der ersten Stunde sind ja einiges gewöhnt. Interessant die mehrfach wiederholte Erkenntnis, das unbewusste sei hellsichtiger als das bewusste Ich. Das auf der Vernunftebene argumentierende gaukelt dem Erzähler vor, die Trennung von Albertine entspräche seinen tiefsten Wünschen. Er reagiert mit Herzschwäche und anderen körperlichen Symptomen, die ihrerseits eine Art Gaukelspiel betreiben,als deren Spielball sich der Erzähler erlebt. Vernunft, Bewusstes und Unbewusstes bringen gemeinsam eine Form …

  10. 1094.

    …in Wahrheit existieren wir allein. Wir können ein anderes Wesen nicht kennen, außer in uns selbst,heißt es wörtlich.Je länger er von Albertine getrennt ist, weiß der Erzähler, desto eher wird sie „vom Vergessen verschlungen“ und in ihm ausgelöscht sein; dies ist die wahre Katastrophe, die tiefste Angst. So lange der Gedanke an Albertine ihm Leiden verursacht – und sei es der Schmerz über ihren Verlust – (wir erinnern uns: Schmerz und Eifersucht sind nach seiner Erfahrung stärker als Liebe),so lange lebt sie für ihn, unabhängig von ihrer Existenz in der Außenwelt.

  11. 1093.

    Das Bild des Mönchs, der an einer alle durchlebten und erlittenen Zeiten umfassenden summa arbeitet und dabei in seiner dunklen Kammer ständig neue Laterna-magica- Bilder projiziert, sagte mir auf Anhieb zu und ging mir die ganze Woche nicht aus dem Kopf. Seine Liebe zu Albertine, sein Leiden an ihr und an den Dämonen des Zweifels und der Eifersucht kann man durchaus als Besessenheit ansprechen;doch versucht der Erzähler keineswegs, sich von seinen Dämonen zu befreien. Er steigert, vertieft und verlängert sein Leiden so weit als möglich, doch nicht im Sinne mönchischer Exerzitien. Nur so lange sein Leiden anhält, existiert Albertine für ihn und in ihm. Diese Woche hat er erneut seine Auffassung dargelegt, wonach „wir“ alles tun, um die Illusion aufrechtzuerhalten, wir könnten eine Verbindung, eine Beziehung zu einem anderen Wesen haben;…

  12. 1092.

    Es ist erstaunlich, wie weit Proust seinen Erzähler die Exerzitien der Selbsterforschung vorantreiben lässt - bis zu Extrembefunden.
    Hatte er zuvor diverse Albertine-Bilder übereinandergelegt, getauscht usw., so entzieht sich ihm jetzt ihr Bild in dem Maße, wie er in ihrer Abwesenheit die Gegenstände, die ihren Duft ... tragen, an ihre Stelle setzt und sie als ihre Repräsentanten imaginiert (hallo Fetisch). An sich selbst entdeckt der E., der zuvor sein Ich als Vielzahl von Ichs (vgl. auch die Passage vom Barometermännchen) wahrnahm, dass er in dem Maße, wie er in seinen Projektionen aufgeht, sich gleichsam verliert, zum blinden Fleck wird, zur Leerstelle.
    Überhaupt Leerstelle: Jetzt triumphiert die Abwesenheit (Negation). Die Situation wird verschärft: A. ist erst fort, geflohen – jetzt tot. Mal sehen, wie diese Leerstellen gefüllt werden; mit welchem Leiden, welchen Bildern (von A.) - von einem „Wesen, das nicht aus sich heraus kann“, erklärtermaßen.

  13. 1091.

    Zu "Die Entflohene" Lesung 2: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? ;-)))

  14. 1090.

    „Albertine fort!“ - Zeit für eine Zuspitzung:
    Unentwegt, ein Mönch in seiner Klause, arbeitet der Erzähler gleichsam mit allen Kunstgriffen scholastischer Dialektik und Rhetorik an einem Kompendium, einer summa aller Zeiten, die er durchlebt und erlitten hat. Es sind Exerzitien der Selbsterforschung mit dem Wunsch auch nach Teufelsaustreibung, als wolle er einen Gottesbeweis aus sich herauspressen, um darin inneren Frieden zu finden. Zu jeder Seite dieser Recherche entstehen neue Laterna-magica-Bilder; wie zur Gegenprobe, angesichts seiner Zweifel, projiziert er sie ständig wechselnd in seiner dunklen Kammer.
    Wie herzerfrischend daneben die Existenz der Françoise!

  15. 1089.

    Auch Proust:
    Seine Prosa ist durchsetzt mit Motiven, in denen ein tieferes, aufs Absolute gestimmtes Bedürfnis seines Schreibens und - analog - des inneren Begehrens seines Erzählers aufscheint. Hier wird es sichtbar am Beispiel des Blau: Von Albertines Fortuny-Mantel wird eine Linie gezogen zum Himmel über Versailles, auch Combray, das unvermischte Blau erahnt als reines Medium in unerschöpflicher Verschwendung, in dessen Substanz „man immer tiefer ... hätte eindringen können, ohne auch nur auf ein Atom von etwas anderem zu stoßen als immer auf dieses gleiche Blau“. Das könnte eine Umschreibung des Ideals der Aneignung von Welt, Schönheit, Wahrheit u. Liebe? sein. Albertine darf Anteil haben am Blau, immerhin, aber dank einer materiellen Verschwendung, des (Venedigverzicht-)Geschenks für sie als Gefangene. Der E. erlebt des Himmels Blau zugleich kosmisch als auch vermessen und gemeistert durch Technik (Aeroplan) - moderner Blick, ein Anflug des Futurismus?

  16. 1088.

    Hydra Albertine?
    Ist nicht das Wuchern von Kopfgeburten die Eigenart des Erzählers, vielköpfig und wechselhaft s e i n e Projektionen? In Frauen sieht er, wie es einmal heißt, Ewigfliehende. Proteushaft sind die Bilderfolgen und Epitheta, die er (sich) ausmalt, liebt oder erleidet – auch ganz ohne Albertines Antwort oder Gegenwart. Bedrohlich (weil fremd) erscheint ihm A. als Frau. Er inszeniert sich zwar als Drachen/Laster-Töter, kämpft aber nicht wirklich mit ihr, sondern mit sich.
    Nochmal: Der E. ist Zentrum und Motor des allgegenwärtigen Metamorphosenhaften. Die ständige Verwandlung seiner (Selbst-)Wahrnehmungen und Assoziationen, das permanente Verknüpfen, Vergleichen oder Vertauschen der Sphären von Realität und Phantasie, von Natur, Kunst, Technik usw. wird zum Aneignungsmodus von Welt und Mitwelt - für ihn.
    Ich möchte bei meiner Hypothese bleiben: A. (als Frau) repräsentiert ein Objekt (für den Erzähler) und einen Stoff (für den Autor) zum ‚Einverleiben’.

  17. 1087.

    Lieber Herr Reimann, wie gut, dass Sie nicht ermüden und uns jedes Mal bedenkenswerte neue Aspekte liefern. Analogien und Entsprechungen zwischen der Figur Albertines und dem (entstehenden) Werk sind auch mir aufgefallen. Proust und sein Erzähler bedürfen der Fliehenden, sich Entziehenden, um „Leiden zu saugen“ aus quälender Ungewissheit und Eifersucht. Ich bin allerdings nicht sicher, ob es ihm darum geht, in Albertine einen widerspenstigen Stoff zu meistern und dem Werk „einzuverleiben“. Es ist ein Kampf mit der Hydra, doch ein Sieg über sie wäre sinnlos. Auch ähnelt diese Hydra sehr dem Meeresgott Proteus, der sich jedem Zugriff zu entziehen weiß, indem er alle Augenblicke eine andere Gestalt annimmt. Er ist stets ein anderer und bleibt nie derselbe; oder vielleicht doch?

  18. 1085.

    …in dem die angespannte Konzentration auf sich selbst nachlässt. Jede Situation, in der er sich befindet, ist tiefernst und wird noch ernster, da Albertine sich nun dauerhaft entzieht ; für Leserin und Leser gibt es vorerst kein Aufatmen.

  19. 1084.

    Vor meinem inneren Auge sah ich diese Woche einen unerträglich selbstgefälligen Oberstudienrat fortgeschrittenen Alters, der sich beim Nachmittagsschläfchen einen seiner Wunschträume gönnt. Genussvoll und ungebremst doziert er über seine beispiellos scharfsinnigen Ansichten und Einsichten zu Musik und Weltliteratur, während seine Lieblingsschülerin starr vor Bewunderung mit Sternenäuglein zu ihm aufblickt. Ihren Einsatz als Stichwortgeberin meistert sie stets perfekt. Wie erlösend wäre es, diese ganze Szene als Parodie zu lesen und sich Proust oder den Erzähler als jemanden vorzustellen, der gelegentlich von sich selbst einen Schritt zurücktritt und über eigene Schwächen (die er ja dem Leser nicht verschweigt) schmunzeln könnte. Im Text gibt es aber kaum Hinweise, dass eine solche Lesart vorgesehen ist; vorläufig scheint es für den Erzähler keinen Augenblick zu geben, …