Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
Bild: picture alliance / Heritage-Images

- Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Sie wollten schon immer "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen? Besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Deswegen haben wir uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen bzw. zu hören.

Wir begleiten die Lesung mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert, denn dieses Werk ist wie eine Gipfeltour: herausfordernd, aber jede Mühe wert!

Darüber wollen wir auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Kommentieren und tauschen Sie sich aus. Schreiben Sie uns eine Mail an proustlesen@rbbkultur.de.

Oder treten Sie unserer Facebook Gruppe "Proust lesen mit rbbKultur" bei: www.facebook.com/groups/4824467260960056

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Kommentarfunktion zum Kommentieren von Beiträgen.

1105 Kommentare

  1. 1105.

    ... Lebens-Leiden vollständig in sich zu sammeln/zu inventarisieren, hatte der E. zuvor mit der Formel vom „Gesamtbestand unseres Wesens“ umschrieben. -
    Mir vermittelt die Lektüre den Eindruck, dass - bevor A. in den Hintergrund gerückt oder besser: in den „Gesamtbestand“ eingeordnet werden könnte – noch eine Zuspitzung erfolgen solle. Der Text fasst einmal die Grundspannung - Leiden saugen aus der Unmöglichkeit, ins Wesen anderer einzudringen, bei anhaltendem Begehren nach deren „totalem Besitz“ oder „Macht“ (über A.) – in das Bild der „Flut“, die über „einen unbedeutenden Wellenbrecher hinwegbraust“. Da werden alle anderen/Frauen zu austauschbaren Partikeln, nur nicht der Erzähler. Dem ist es wichtig, sich über A. abschließend „ein allgemeines Urteil“ zu bilden, nämlich zu „wissen, ob sie mich belogen hatte“. In diesem Urteil schmelzen die so bezeichneten Liebe, Schmerz und Trauer zur „Hölle“ zusammen.

  2. 1104.

    Zu heute u. gestern:
    „...was uns gestattet (...) inmitten von Leiden, Lügen, Laster oder Tod unseren Weg zu verfolgen“ -
    Ist der Tod für Prousts Erzähler auch nur eine Spielgröße im selbstbezüglichen Entwerfen denkbarer Konstellationen, die das Ich darauf absucht, welche Gefühlswerte ein anderer Mensch (hier Albertine) diesem Ich zuführen könnte - sei es in der dem Tod nachträglich angehängten Erinnerung oder der ihn umdeutenden Phantasie eines Fortlebens der Toten?

    Der Text atmet in keiner Zeile Mitgefühl. Auch Argwohn, Leiden, Zuneigung sind, so scheint es, der Selbstbefriedigung dienende Figuren auf einem Spielbrett, auf dem deren Kombinationsbreite ausprobiert wird. So ist auch die Imagination, A. könnte in ihren Tod gegangen sein mit einer Beichte, um „in ihm zu sterben“(dem „Freund“), nur eine bizarre Hypothese, mit deutlicher Signatur von Ego-Manie - so wie auch der Wunsch, die Tote mit Aimés Recherchen zu konfrontieren.

    Sein Ich-Projekt, alles ...


  3. 1103.

    Lesung heute:
    Der Erzähler erweitert seine Reflexionen um eine nicht unwichtige Facette: ‚Liebt’ er einen bestimmten Frauentypus in Albertine? Und führt der Gedanke der Austauschbarkeit nicht zu der Erkenntnis, die Wahl A.s sei nicht „notwendig“ gewesen? Plötzlich ist Gilberte wieder im Spiel ...
    Solche Gedankenspiele tasten nachträglich und zugleich generalisierend ab, was das Ich (des Erzählers) am Weiblichen anziehend finden könnte.
    Blinder Fleck/Leerstelle: Nie wird erwogen, welcher Typus Mann im Erzähler selbst denn wohl auf die diverse (imaginierte) Weiblichkeit attraktiv gewirkt haben oder wirken könnte ...

  4. 1102.

    Grünewalds Antonius, zu Boden geworfen, wird heimgesucht, gepeinigt von widerlichen Dämonen. Die Szene ist sicherlich zu verstehen im Kontext heilgeschichtlicher Erwartung und Erlösung. Sie veranschaulicht - an der Extremgestalt des Eremiten und Heiligen, der die Welt flieht - die Fehlbarkeit des heilsbedürftigen Menschen, der nicht davor gefeit ist, vom rechten Weg abzuweichen, sog. Versuchungen zu unterliegen. Antonius ist unterworfen den Mächten des Bösen - und des Guten, letztlich geborgen in Gottes rettender Hand.
    Proust stülpt das ‚Heilsgeschichtliche’ völlig um: Der entscheidende Unterschied scheint mir in der Gestalt des Erzählers zu liegen: Nach allen Seiten hin verströmt und behauptet er seine Ich-Absolutheit. Er selbst macht sich zum Zentrum und Bezugspunkt ... , letztlich liegt alles in seiner Hand. Und sollte sich ihm etwas entziehen, so gehört es nicht in einen anderen Kontext, sondern wird als erlittener Mangel („Leiden kostend“) seinem Ich einverleibt.

  5. 1101.

    Lieber Herr Reimann, Grünewalds berühmtes Gemälde zeigt einen Menschen, der von seinen Dämonen buchstäblich in Stücke gerissen zu werden droht. Die Dämonen sind zugleich Sinnbilder seiner „Versuchungen“. Auf diesen Entsprechungen beruht mein Vergleich, nicht auf dem Einsiedlertum.

  6. 1100.

    Lesung heute: Der Erzähler erforscht seine Reaktion auf die Nachricht vom Tod Albertines. Beim Durchgehen seiner Gefühle und Erinnerungsbilder wird ihm die Zeitstruktur all dessen bewusst.
    Erleben, Leiden und Erinnerung erscheinen ihm in sich wandelnder Perspektive und Bedeutung, da Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sich einerseits in der Erinnerung verschränken (lassen) - z.B. vergangene Zukunft - und weil nun, nachträglich, neben das Erinnerte das Moment des denkbar oder wünschbar! Möglichen tritt. Jede Facette des auf A. Bezogenen wird v.a. zu einer neuen Facette des Ich. Dessen Vielheit wird durch A.s Tod vergrößert, dank der Sensibilität (wechselnder „Tönungen“ der Vorstellungen und „seelischen Atmosphäre“) des Ich. Vorrang und Dominanz s e i n e r Wahrnehmung und Wünsche machen sich im Umgang mit dem Todes-Faktum („A. war tot“) erst recht geltend. –
    In die „summa“ muss der "Wandel der Zeit" Eingang finden.

  7. 1099.

    ... Hoffnungen und (Selbst-)Täuschungen (> „halb bewusste Selbstverblendung“) gedanklich-systematisch zu verarbeiten versucht. Einen Eremiten im strikten Sinn sehe im E. nicht.

  8. 1098.

    ... Im scholastischen Abklopfen der denkbaren Variablen wird auch die Möglichkeit von Vergessen reflektiert. Auch das Vergessen erscheint dem E. unter wechselnden Vorzeichen, mal als Katastrophe, mal als Trost oder gar Hoffnung. In allen diesen Fällen aber fungiert es als Hypothese so wie die anderen Momente im steten Hin- und Herwenden auch – und wird, da es (gedachte) Negation des Erinnerns ist, als Grenzwert mitbedacht.
    Schließlich ein Gedanke zum Wirken von Vernunft, Bewusstem und Unbewussten: Der E. registriert und schildert mit Eifer und hellwach das Mit- und Gegeneinander seines Hypothesen-Räsonnements und seiner körperlichen Symptome (vgl. Philosoph/Barometermännchen). Auch das wäre gleichsam mönchisch-meditativ oder scholastisch im o.g. Sinne, weil die summa gerade auch die Unterfälle der unbewussten Regungen, ...

  9. 1097.

    Liebe Frau Windeck, danke für die ausholende Erwiderung. Ich möchte meine Lesart auf Ihre beziehen:
    Der Erzähler leidet an ‚Dämonen’ wie Weiblichkeit und Laster - und betätigt sein Leiden in den Gestalten Zweifel, Eifersucht und Schmerz. Albertines Laster sind die der Stufe 1 ihrer Abwesenheit (vor Flucht und Tod). Mit den Erzähl/Schreib-Exerzitien meine ich die genannten gelehrten (scholastischen), im Wechselspiel von „Hypothesen“, im dialektischen Wenden aller Konnotationen, deren Vorzeichen (+/-) ständig umschlagen. Diese Berserkerarbeit - nichts soll in der summa fehlen - dient keiner Befreiung, richtig, die wird auch immer wieder verworfen!, sondern - paradox - einer Befriedung. Die ist dem E. gar nicht denkbar ohne das vollste Ausschöpfen aller Formen und Möglichkeit des Leidens – und deren Einverleibung in die summa/das Ich.
    (...)

  10. 1096.

    …halb bewusster Selbstverblendung hervor, in der der Erzähler sich lange Zeit zu bewegen gezwungen fühlt. Um auf das Bild des Mönchs (als Eremit) nicht zu verzichten, fiele mir die „Versuchung des Heiligen Antonius“ von Matthias Grünewald (und von Max Ernst) ein.

  11. 1095.

    Vorerst drängt sich mir ein weniger suggestives Bild auf: das des Analysanden und seines Analytikers. Dass der Erzähler/Autor beide Funktionen simultan ausübt, macht es nicht leichter, auch nicht, dass sich retrospektive Einsichten mit Gedanken und Empfindungen verschiedener Gegenwarts- und Vergangenheits-Ichs überlagern; aber Proust-Leser der ersten Stunde sind ja einiges gewöhnt. Interessant die mehrfach wiederholte Erkenntnis, das unbewusste sei hellsichtiger als das bewusste Ich. Das auf der Vernunftebene argumentierende gaukelt dem Erzähler vor, die Trennung von Albertine entspräche seinen tiefsten Wünschen. Er reagiert mit Herzschwäche und anderen körperlichen Symptomen, die ihrerseits eine Art Gaukelspiel betreiben,als deren Spielball sich der Erzähler erlebt. Vernunft, Bewusstes und Unbewusstes bringen gemeinsam eine Form …

  12. 1094.

    …in Wahrheit existieren wir allein. Wir können ein anderes Wesen nicht kennen, außer in uns selbst,heißt es wörtlich.Je länger er von Albertine getrennt ist, weiß der Erzähler, desto eher wird sie „vom Vergessen verschlungen“ und in ihm ausgelöscht sein; dies ist die wahre Katastrophe, die tiefste Angst. So lange der Gedanke an Albertine ihm Leiden verursacht – und sei es der Schmerz über ihren Verlust – (wir erinnern uns: Schmerz und Eifersucht sind nach seiner Erfahrung stärker als Liebe),so lange lebt sie für ihn, unabhängig von ihrer Existenz in der Außenwelt.

  13. 1093.

    Das Bild des Mönchs, der an einer alle durchlebten und erlittenen Zeiten umfassenden summa arbeitet und dabei in seiner dunklen Kammer ständig neue Laterna-magica- Bilder projiziert, sagte mir auf Anhieb zu und ging mir die ganze Woche nicht aus dem Kopf. Seine Liebe zu Albertine, sein Leiden an ihr und an den Dämonen des Zweifels und der Eifersucht kann man durchaus als Besessenheit ansprechen;doch versucht der Erzähler keineswegs, sich von seinen Dämonen zu befreien. Er steigert, vertieft und verlängert sein Leiden so weit als möglich, doch nicht im Sinne mönchischer Exerzitien. Nur so lange sein Leiden anhält, existiert Albertine für ihn und in ihm. Diese Woche hat er erneut seine Auffassung dargelegt, wonach „wir“ alles tun, um die Illusion aufrechtzuerhalten, wir könnten eine Verbindung, eine Beziehung zu einem anderen Wesen haben;…

  14. 1092.

    Es ist erstaunlich, wie weit Proust seinen Erzähler die Exerzitien der Selbsterforschung vorantreiben lässt - bis zu Extrembefunden.
    Hatte er zuvor diverse Albertine-Bilder übereinandergelegt, getauscht usw., so entzieht sich ihm jetzt ihr Bild in dem Maße, wie er in ihrer Abwesenheit die Gegenstände, die ihren Duft ... tragen, an ihre Stelle setzt und sie als ihre Repräsentanten imaginiert (hallo Fetisch). An sich selbst entdeckt der E., der zuvor sein Ich als Vielzahl von Ichs (vgl. auch die Passage vom Barometermännchen) wahrnahm, dass er in dem Maße, wie er in seinen Projektionen aufgeht, sich gleichsam verliert, zum blinden Fleck wird, zur Leerstelle.
    Überhaupt Leerstelle: Jetzt triumphiert die Abwesenheit (Negation). Die Situation wird verschärft: A. ist erst fort, geflohen – jetzt tot. Mal sehen, wie diese Leerstellen gefüllt werden; mit welchem Leiden, welchen Bildern (von A.) - von einem „Wesen, das nicht aus sich heraus kann“, erklärtermaßen.

  15. 1091.

    Zu "Die Entflohene" Lesung 2: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? ;-)))

  16. 1090.

    „Albertine fort!“ - Zeit für eine Zuspitzung:
    Unentwegt, ein Mönch in seiner Klause, arbeitet der Erzähler gleichsam mit allen Kunstgriffen scholastischer Dialektik und Rhetorik an einem Kompendium, einer summa aller Zeiten, die er durchlebt und erlitten hat. Es sind Exerzitien der Selbsterforschung mit dem Wunsch auch nach Teufelsaustreibung, als wolle er einen Gottesbeweis aus sich herauspressen, um darin inneren Frieden zu finden. Zu jeder Seite dieser Recherche entstehen neue Laterna-magica-Bilder; wie zur Gegenprobe, angesichts seiner Zweifel, projiziert er sie ständig wechselnd in seiner dunklen Kammer.
    Wie herzerfrischend daneben die Existenz der Françoise!

  17. 1089.

    Auch Proust:
    Seine Prosa ist durchsetzt mit Motiven, in denen ein tieferes, aufs Absolute gestimmtes Bedürfnis seines Schreibens und - analog - des inneren Begehrens seines Erzählers aufscheint. Hier wird es sichtbar am Beispiel des Blau: Von Albertines Fortuny-Mantel wird eine Linie gezogen zum Himmel über Versailles, auch Combray, das unvermischte Blau erahnt als reines Medium in unerschöpflicher Verschwendung, in dessen Substanz „man immer tiefer ... hätte eindringen können, ohne auch nur auf ein Atom von etwas anderem zu stoßen als immer auf dieses gleiche Blau“. Das könnte eine Umschreibung des Ideals der Aneignung von Welt, Schönheit, Wahrheit u. Liebe? sein. Albertine darf Anteil haben am Blau, immerhin, aber dank einer materiellen Verschwendung, des (Venedigverzicht-)Geschenks für sie als Gefangene. Der E. erlebt des Himmels Blau zugleich kosmisch als auch vermessen und gemeistert durch Technik (Aeroplan) - moderner Blick, ein Anflug des Futurismus?

  18. 1088.

    Hydra Albertine?
    Ist nicht das Wuchern von Kopfgeburten die Eigenart des Erzählers, vielköpfig und wechselhaft s e i n e Projektionen? In Frauen sieht er, wie es einmal heißt, Ewigfliehende. Proteushaft sind die Bilderfolgen und Epitheta, die er (sich) ausmalt, liebt oder erleidet – auch ganz ohne Albertines Antwort oder Gegenwart. Bedrohlich (weil fremd) erscheint ihm A. als Frau. Er inszeniert sich zwar als Drachen/Laster-Töter, kämpft aber nicht wirklich mit ihr, sondern mit sich.
    Nochmal: Der E. ist Zentrum und Motor des allgegenwärtigen Metamorphosenhaften. Die ständige Verwandlung seiner (Selbst-)Wahrnehmungen und Assoziationen, das permanente Verknüpfen, Vergleichen oder Vertauschen der Sphären von Realität und Phantasie, von Natur, Kunst, Technik usw. wird zum Aneignungsmodus von Welt und Mitwelt - für ihn.
    Ich möchte bei meiner Hypothese bleiben: A. (als Frau) repräsentiert ein Objekt (für den Erzähler) und einen Stoff (für den Autor) zum ‚Einverleiben’.

  19. 1087.

    Lieber Herr Reimann, wie gut, dass Sie nicht ermüden und uns jedes Mal bedenkenswerte neue Aspekte liefern. Analogien und Entsprechungen zwischen der Figur Albertines und dem (entstehenden) Werk sind auch mir aufgefallen. Proust und sein Erzähler bedürfen der Fliehenden, sich Entziehenden, um „Leiden zu saugen“ aus quälender Ungewissheit und Eifersucht. Ich bin allerdings nicht sicher, ob es ihm darum geht, in Albertine einen widerspenstigen Stoff zu meistern und dem Werk „einzuverleiben“. Es ist ein Kampf mit der Hydra, doch ein Sieg über sie wäre sinnlos. Auch ähnelt diese Hydra sehr dem Meeresgott Proteus, der sich jedem Zugriff zu entziehen weiß, indem er alle Augenblicke eine andere Gestalt annimmt. Er ist stets ein anderer und bleibt nie derselbe; oder vielleicht doch?

  20. 1085.

    …in dem die angespannte Konzentration auf sich selbst nachlässt. Jede Situation, in der er sich befindet, ist tiefernst und wird noch ernster, da Albertine sich nun dauerhaft entzieht ; für Leserin und Leser gibt es vorerst kein Aufatmen.

  21. 1084.

    Vor meinem inneren Auge sah ich diese Woche einen unerträglich selbstgefälligen Oberstudienrat fortgeschrittenen Alters, der sich beim Nachmittagsschläfchen einen seiner Wunschträume gönnt. Genussvoll und ungebremst doziert er über seine beispiellos scharfsinnigen Ansichten und Einsichten zu Musik und Weltliteratur, während seine Lieblingsschülerin starr vor Bewunderung mit Sternenäuglein zu ihm aufblickt. Ihren Einsatz als Stichwortgeberin meistert sie stets perfekt. Wie erlösend wäre es, diese ganze Szene als Parodie zu lesen und sich Proust oder den Erzähler als jemanden vorzustellen, der gelegentlich von sich selbst einen Schritt zurücktritt und über eigene Schwächen (die er ja dem Leser nicht verschweigt) schmunzeln könnte. Im Text gibt es aber kaum Hinweise, dass eine solche Lesart vorgesehen ist; vorläufig scheint es für den Erzähler keinen Augenblick zu geben, …

  22. 1083.

    ... verallgemeinernd - die Grenzen seines Vermögens, in die Seele, die Tiefe anderer einzudringen („Vergesslichkeit der Natur“ – die „mythische Einheit der Körper“ aufgehoben), wohl auch eine versteckte Anspielung auf sein grundlegendes Geschlechterproblem. -
    Im Grunde spürt er mit jedem Umblättern des inneren Albums - ob aus Wahrnehmung, Phantasie oder Erinnerung - seine Abhängigkeit von A. ständig wachsen, sie wird ihm zur „mächtigen Göttin der Zeit“.

  23. 1082.

    Das Pianola – bizarre Szene:
    Von seinem Bett aus, zuhörend und schauend zugleich, lässt sich der Erzähler von Albertine auf einem modernen Walzenklavier Vinteuil-Werke vorspielen. Die Verhörszene hat sich zu einer Lektion ausgeweitet, zu einer éducation musicale et littéraire. Albertine gegenüber betätigt der E. sein intellektuelles und materielles (Geschenke!) Imponierbedürfnis; für sich selbst sucht er so viel Hochgefühl wie möglich aus den Bestandteilen des Arrangements zu ziehen.
    Seine Worte gelten daher nur vordergründig seiner Gefangenen, eigentlich spricht er zu sich selber und meint sein eigenes literarisches Sensorium, wenn er z.B. Dostojewski erklärt. Albertine, ihre Glieder, ihr Teint und Haar setzt er in einer Bilderfolge zusammen, taxiert sie als Kunstwerk oder Engel. Da sie sich ihm entziehe, beklagt er - auf sie gemünzt und ...

  24. 1081.

    Liebe Redaktion,
    liebe Hörer und Schreibende,
    wo bleibt das Audio in dieser Woche von Doris Anselm, wo bleiben die Beiträge?!

    Viele Grüße
    Ihr Hörer und aufmerksamer Leser

    Jörg Locke

  25. 1080.

    Der Wolf sagt zu Rotkäppchen: "...du weißt, dass mein Maul nicht groß genug ist, um kleine Mädchen zu verspeisen..."
    und der Erzähler sagt zu Albertine: "...du weißt, dass ich nicht die Fähigkeit habe, mich lange zu erinnern..."

  26. 1079.

    ... eine paradoxe ‚Aneignung’ Albertines: ein Festhalten und ein Fernhalten vom Ich, damit dieser „Schatz“ als „Ewigfliehende“ und „Sappho“ dem entstehenden (noch schlummernden) Werk einverleibt werden kann. Eine widersprüchliche Vorbedingung für das gelingende literarische Werk.
    In der Konstruktion Prousts hütet der Erzähler die Frau (A.) als Objekt seiner Einbildungskraft und als Material, als Stoff für das in ihm reifende Werk - ein ihm widerspenstiger Stoff, den er meistern will.

    Nicht zu vergessen: Die Albertine-Szenen stehen im Kontext von Reflexionen über Malerei, Musik und Literatur, die um das Problem des ‚echten Werks’ kreisen, in dessen je eigenem Ton die Seele des Künstlers, sein tiefstes Glücks- und Leidensgefühl, seine Weltsicht eingeschrieben seien.

  27. 1078.

    ... Erlebnis der Kreativität und des ungeteilten Glücks (Kirchtürme von Martinville) zu finden.
    Albertine ist verhängnisvoller Schatz in dem Sinne, dass sie - in Anziehung wie Abstoßung - das dem Erzähler fremde Weibliche repräsentiert, das er gleichwohl seinem schlummernden Werk einverleiben muss und will.

    Die Lügen-Vorwürfe an Albertine sind dialektische Manöver des E., sie weiter an sich zu fesseln, sie zu besitzen, zu beherrschen - bereit, Leiden zu saugen aus der Unmöglichkeit, ihre Geheimnisse auszuloten.
    Nach dieser Lesart handelt es sich in der Szene um eine Versuchsanordnung, in der die Pendelschläge zwischen den beiden Personen durchgespielt werden: auf der einen Seite das Ich, das seine Albertine-Bilder zu vervollständigen sucht – und auf der anderen Seite eine A., die als Frau unnahbar, fremd und flüchtig bleibt.
    Wir sehen ...

  28. 1077.

    „Dieses magische Zauberbuch, das so klar und deutlich vor mir lag und in meinem Geiste exakte, ganz nahe Bilder abzeichnete ...“ - ich hoffe auf Diskussion im Januar:
    Der Blick des Erzählers, sonst aus seinem (verdunkelten) Zimmer nach draußen gerichtet, kehrt sich nun um: von der Straße zum Zimmer Albertines, seiner Gefangenen. Wie ein transparenter Bühnen-Vorhang zur sich öffnenden neuen Szene (Verhör Albertines) erscheint dieser Moment, in dem wir erfahren, dass der E. hinter den parallelen „goldenen“ Lichtstreifen einen „Schatz“ verborgen hält: sein Zuhause nicht mehr Gefängnis A.s, sondern sein Tresor. Der E. weiß sich an diesen fremden, flüchtigen Schatz gefesselt, selbst Gefangener seines Verhältnisses zu A., das ihn daran hindere, die „Nahrung“ zu verarbeiten oder in sich neu zu schöpfen, die er „von außen“ erhält.
    Ich lese hierin Andeutungen auf das Problem des (Schriftsteller-)Ich, das auf der Suche danach ist, den Anschluss an ...

  29. 1076.

    Lieber Herr Reimann, liebe Proust-Diskutantinnnen und -leser, wir wünschen Ihnen und Ihren Familien und Freunden ebenfalls eine friedliche Zeit, beste Gesundheit und weiterhin einen anregenden Gedankenaustausch. Herzliche Grüße aus der Literatur-Redaktion.

  30. 1075.

    Ich wünsche allen, die dieses Proust-Forum ob aktiv oder passiv mit Interesse und Leidenschaft begleiten - die rbb-Redaktion selbstverständlich inbegriffen -, frohe Festtage, freundliche Gedanken und Gefühle, guten Appetit, produktive Muße und - stabile Gesundheit. M.R.

  31. 1074.

    ... Saint-André-des-Champs, Giotto, Botticelli (für Swann), die imaginierten Friese, Vermeer; das Ensemble reicht von der Laterna magica und von Kunstdrucken über Spiegel zu Fotografien. –

    Die Brichot-Passage (Lesung heute) über den Salon Verdurin ist angelegt analog der ‚Bildproduktion’ des Erzählers (z.B. der je vorgestellten Albertine), wenn von der Verwandlung in den „durchscheinenden Alabaster unserer Erinnerungen“ die Rede ist: Solche Bilder (sogar von Gegenständen) seien so individuell beseelt, dass sie in ihrer Farbe, ihrem Ton und Duft letztlich nicht mitteilbar sein können. Wer sie im Innern sieht, gleiche einem Maler: „Erinnerungen, die ... Möbel ... gleichsam ausschnitten und mit einer Rahmenlinie umzogen“; so entstehe „Form“ als „Urgestalt“ (hier: des Salons).

  32. 1073.

    ... Elstir macht er zum Maler-Pendant, der Bilder malt/baut, die er der Natur wie gemalte Äquivalente gegenüberstellt (der Natur gleichsam ebenbürtig) und die dem betrachtenden Auge als ein Gegenüber aus lauter Verwandlungen durch ein neues Sehen erscheinen (Cézanne!). Das Erzählen aber muss das Bewegliche nicht in den festen Rahmen eines Bildes stellen, ähnlich der Musik kann es sich als Komposition in der Zeit entfalten.

    Das Optische, das Augen-Moment, das Einzelbild wird indes nicht überspielt. Der Autor P. stellt der Gesellschaft einen Parallel-Kosmos gegenüber, seine Protagonisten sind Vis-à-vis-Gebilde, beweglich und wandelbar angelegt in der Folge von Bildern aus der Perspektive (hauptsächlich) des erzählenden Ich. Oder anders: Kopfgeburten des Autors und – im Binnenverhältnis des Romans – des Erzählers. – Auch fungieren im Erzählfluss der Verwandlungen Bilder gleichsam dynamisch als Vor-Bilder oder als (Selbst-)Erkennungsmarken: siehe die Skulpturen von ...

  33. 1072.

    „gleitende, biegsame Unterbauten“ – ja!
    Prousts Ausflüge in Malerei und Musik sind wie Wegweiser zu seinem Erzählen, das über bloßes synästhetisches Changieren oder Pendeln zwischen den Sinneseindrücken oder Künsten hinausführt.

    Prousts Roman, denke ich, entfaltet sich wie eine erzählerische Partitur. Das schließt mehr ein als das Harmonische (in der Malerei z.B. Farbharmonien à la Whistler) oder das Impressionistische der Wiedergabe simultaner (Oberflächen-)Reize. Solche Elemente haben gewiss Anteil an seinem Erzählen. Doch - wie in der Wagner-Passage - die musikalischen Motive als Bauformen der Komposition in ihrem Wechselspiel, ihrer Entwicklung und ihrem Wandel wahrgenommen und ästhetisch genossen, ja existentiell erfahren werden, so bewegt sich das Proust’sche Erzählen in stetem Umbauen und in Motiv-Verwandlung seiner ‚Stoffe’ oder ‚Gehalte’.
    Das Tandem Form-Gehalt (oder umgekehrt) geht bei Proust auf in einer komplexeren Bauform aus Metamorphosen, Echos und Vis-à-vis: ...

  34. 1071.

    Hallo, geschätzte und einfühlsame Kommentatorin Frau Anselm,
    lesen Sie ab und zu Trivial-Literatur? Dann könnte Sie, wenn ich Ihren gestrigen Kommentar aufmerksam lese, das Buch "Schweigen der Lämmer" von Thomas Harris vielleicht zum Prickeln bringen...
    Stets zu Diensten!

  35. 1070.

    …geistige Werdegang des Erzählers spiegeln. Sie lassen tatsächlich die Beschaffenheit der gleitenden, biegsamen Unterbauten ahnen, auf denen die Recherche ruht. Musik, so das Credo vieler Künstler der damaligen Epoche, stünde über allen anderen Künsten, da nur in der Musik die vollkommene Verschmelzung des gedanklichen Gehalts mit der ‚Form‘ gelingen kann. Ganz in der Form aufgelöst, wird der Gehalt ununterscheidbar von ihr, Form und Gehalt sind eins. „All art constantly aspires towards the condition of music“ schrieb Walter Pater, der Ruskin kurz vor der Jahrhundertwende als ‚Kunstpapst‘ in England ablöste. Seine Kunstphilosophie beeinflusste auch Prousts Denken. Zu erinnern wäre hier auch an Whistler, dem die Romanfigur Elstir viel verdankt. Er gab seinen Gemälden bewusst musikalische Titel wie „Symphony in White“, „Nocturne in Blue and Gold“ etc.

  36. 1069.

    Sehr treffend beobachten Sie, wie Proust in der Beschreibung der Vinteuil-Komposition die Struktur der Recherche abbildet. Mir fielen solche Entsprechungen zuerst in den Passagen über Werke der bildenden Kunst auf; im 1. Band waren es Elemente romanischer Architektur und Giottos Fresken der Tugenden und Laster in der Arena-Kapelle, die auch der Erzählsprache und Erlebnisweise etwas Konkret-Anschauliches, Gegenständliches geben, das zu der(vermuteten) Altersstufe des Erzählers stimmt. In „Im Schatten…“ bricht die Malerei der Impressionisten, Whistlers u.a. Maler der damaligen Avantgarde geradezu über den Text herein, sprengt die Wahrnehmungsgewohnheiten des Erzählers und wandelt Sprache und Erzählrhythmus. Die Passagen über Musik, die wir zuletzt gehört haben (auch die Meditation am Klavier), greifen höher und weiter, da sich in ihnen nicht nur individuelle Befindlichkeiten oder der…

  37. 1068.

    Das Vinteuil-Septett - heute großartiger Proust:
    Gehörte Klangfarben werden imaginiert. In einer Folge von Bildern und Bildräumen - um die Farbe Rot herum - teilt der Erzähler sein Musik-Erleben und seine Deutung der Komposition mit. Er erlebt sich zugleich selbst als tiefer Versteher Vinteuils, des ringenden, leidenden Schöpfers dieser Tonkunst, der im gelingenden Werk zum Glück gefunden habe. Und indem er sich in Vinteuil versetzen, sich ihm anverwandeln kann, ahnt (und findet) er in sich die originäre, nur ihm selbst eigene Künstlerkraft und -existenz.
    Der Text macht, denke ich, die erlebte Komposition der musikalischen Motive („musikalische Fresken“) zum Spiegel der Werk- u. Erzählstruktur des Romans - darin eingeschlossen das Wechselwetter der Innenwelt des erzählenden Ich und dessen „einzigartigen Tonfall“. –

    >> Das Audio 27/44 ist momentan leider nicht online !?!

  38. 1067.

    Heute Abend, 20 Uhr wird ein Hörspiel über Marcel Proust auf Deutschlandfunk gesendet.

  39. 1066.

    …unsere Sinne sich täuschen lassen: wir sehen und hören eher, was wir (oft unbewusst) erwarten, als das,was ‚da ist‘. Wie Sinneswahrnehmungen aufgrund einmal gewonnener Überzeugungen fehlgeleitet werden, illustriert Proust nacheinander an mehreren Beispielen. Francoise ist oft „taub“gegenüber klaren Anweisungen; der erste Diener hält unbeirrt an der falschen Aussprache des Wortes „Pissoir“ fest; das Personal eines Restaurants sieht in der jugendlichen Nichte von Mme de Guermantes eine aufgetakelte alte Schachtel, weil der Oberkellner ihnen (wohl halb im Scherz) einredet, sie sei über achtzig Jahre alt. Dieses Beispiel illustriert auf humoristische, aber auch beunruhigende Weise die Manipulierbarkeit unserer Wahrnehmung nicht nur ‚von innen‘ (wie bei Francoise), sondern auch von außen. Influencing wäre hier (unter anderen) ein aktuelles Stichwort.

  40. 1065.

    Schon im Bericht von Bergottes Tod werden die Gedanken unmerklich auf die fragwürdige ‚Wahrheit‘ unserer Sinneseindrücke gelenkt. Dass es Proust genau darum geht,wird in den folgenden Leseabschnitten deutlich: Albertine versteht so ‚natürlich‘ zu lügen, weil ihre Aussagen für den Erzähler wahrscheinlicher sind als die Wahrheit (sie hat weder Bergotte getroffen noch die Freundin, die seit Monaten nicht in Paris ist). Daran knüpft sich über Zwischenstufen die Überlegung, dass das „Zeugnis der Sinne“ uns nicht unmittelbar gegeben, sondern eine „Tätigkeit unseres Geistes“ ist: er bringt die Überzeugung hervor, die dann die Evidenz erst schafft. Das sind brisante, hochaktuelle Schlussfolgerungen, die es zu Prousts Zeit in der Wissenschaft nicht mal ansatzweise gab. Sie werden von der heutigen Neuropsychologie bestätigt. Viele Experimente haben nachgewiesen, wie leicht…

  41. 1064.

    Die Unfassbarkeit Albertines gründet in der Unfassbarkeit des Erzählers selbst. Die Relativierung aller Möglichkeiten/Wirklichkeiten wird so auf die Spitze getrieben, dass nichts mehr wirklich fassbar wird, Es wird so ausgeleuchtet, dass man nichts mehr klar sehen kann. Das Unbehagen oder das Rätselhafte, dass ich an der Figur des Erzahlers empfinde, liegt für mich zum Großteil eben auch in dessen eigener Unfassbarkeit: Er entgleitet mir als Leser, wie ihm das Personal des Romans, hier insbesondere Albertine immer wieder entgleitet, je präziser seine Beobachtungen und Selbst-Beobachtungen anscheinend werden. Ein Orkan an Kopfgeburten, eine frühe "Anleitung zum Unglücklich sein"?.

  42. 1063.

    ... des Erzählens in Vergleichen/Metaphern: Der Erzählfluss, die Satzgetüme tauchen die Handlungen/Personen in einen ständigen Wechsel von Perspektiven, Realsphären, Sinneswahrnehmungen, Ansichten (auch im übertragenen Sinn); was wir Reflexionen nennen, ist im jeweiligen Bildraum des Romans ein Hin- und Herschieben (gedankliche Schiebetüren) von möglichen Wirklichkeiten oder wirklichen Möglichkeiten; die Wir- und Man-Form dient der Selbstbestätigung des Ich durch (den Schein der) Verallgemeinerung.
    Könnte der Erzähl-Kontrast zu Flaubert, der heute vor 200 Jahren geboren wurde, größer sein? Und doch, ganz merkwürdig - kann Prousts Ich-Erzählen, auf die Spitze getrieben, auch als eine - verwandelte - Form von impassibilité empfunden werden. Mir geht es so.

  43. 1062.

    Heute Flaubert-Tag -
    Obwohl in der Lesung jetzt Charlus und Morel dran sind, ein paar Anmerkungen zu Albertine in der „Recherche“:
    Sie steht ganz unter der Beobachtung des Erzählers - real und imaginiert. Er möchte und kann sie doch nicht fixieren. Es fällt auf, dass Albertine nie als ein unmittelbares Du erscheint, nie in direkter, spontaner emotionaler Zuwendung, sondern gleichsam wie durch einen Filter hindurch, einen Filter aus Bildern, die sich der Erzähler von ihr macht. Albertine ist immer sein jeweiliges Bild (oder die Bilderfolge) von ihr. Begehren oder Eifersucht gelten nie unmittelbar der Person, dem Menschen Albertine, sie äußern sich stets - gefiltert, gehemmt, gesteuert - in einem Medium aus vorgestellten oder erinnerten Bildern. Wenn der Erzähler liebt, folgt er dem selbstgemachten bzw. erinnerten Bild seines Liebesobjekts. Sein Erzählen erzeugt und bekräftigt diese egozentrische Konstruktion.
    Dem entspricht die vorherrschende Stilfigur ...

  44. 1061.

    … sie kleine, abgeschlossene Kunstwerke von seltener Vollkommenheit bilden. Von jedem könnte man meinen, Prousts Text bezöge sich darauf. Bei der exakten Lokalisierung des Mauerstücks in der „Ansicht von Delft“ ist Jaubert vorsichtig; der Behauptung, Proust habe sie einfach so dazuerfunden, würde er aber sicher widersprechen. Dies nur zur Ergänzung; ich möchte keine kleinkariert-rechthaberische Diskussion anstoßen. Solche Einzelheiten können interessant sein; interessanter wäre die Frage nach dem Stellenwert des kleinen Mauerstücks innerhalb des Romans. Wichtig finde ich dagegen Ihre Vermutung, dass es das kleine gelbe Mauerstück für Bergotte auf dem Gemälde wirklich gegeben hat, er also in der „Ansicht von Delft“ etwas sah, das – vielleicht- nicht ‚da ist‘ und das Proust nicht dazuerfinden musste.

  45. 1060.

    Liebe Frau Anselm, Ihr Eindruck, in der Fachwelt sei man sich einig, Proust habe das gelbe Mauerstück dazuerfunden, ist nicht ganz vollständig. In Frankreich zumindest ist es nicht so: die Herausgeber der Proust-Studienausgabe, die für alle, auch wissenschaftliche Publikationen maßgebend und zitierfähig ist, sind anderer Auffassung und verorten das Mauerstück („pan“ ist im Französischen keine Ecke, sondern eine Mauer- oder Wandfläche) am äußeren rechten Rand des Gemäldes (Proust: La Prisonnière, herausgegeben von P.-E. Robert, Gallimard Folio Classique 1989, Neuauflage 2021, S.176-177 und S.429).Der Kunsthistoriker A.Jaubert (Autor der Arte-Reihe „Palettes“), zitiert in einer Betrachtung der Werke Vermeers Prousts Beschreibung und weist nach, dass es in mehreren Vermeer-Gemälden Wandflächen gibt, die mit solcher Kunstfertigkeit gemalt sind, dass…

  46. 1059.

    Lieber Herr Bissem, liebe Hörerinnen und Hörer, das fehlende Audio (22/44) ist nun online. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

  47. 1058.

    Zu Frau Anselms Text diese Woche: aber die gelbe Mauer ist doch da! oder schau ich falsch?

  48. 1057.

    Wo ist/bleibt das Audio von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Teil 5: Die Gefangene (22/44)?

    Mit freundlichen Grüßen
    Hans Bissem

  49. 1056.

    Ich werde mir Ihren Hinweis auf die Emotionalität (Prousts) merken und in Zukunft darauf achten, ob ich diesen Eindruck teilen kann. -
    Der Roman-Komplex Albertine war für mich als Erstleser nie ein Fremdkörper. Sollte er tatsächlich nicht ursprünglich dazugehört haben, könnte das evtl. ein Indiz dafür sein, dass Proust sich bewusst wurde (etwa so): die Hauptachse Zeit/Erinnerung allein sei nicht tragfähig, das ICH im Zentrum müsse als begehrendes Ich lebendig werden ...

    Übrigens gab es in der Lesung gestern (21/44) eine merkwürdige Stelle, die die Reflexion vom Nachmittag über Kunst (Erzähler am Klavier) neu wendete und für ‚Unschärfe’ sorgte, auch weil zudem ein Zusammenhang mit dem Verlust von Ruhe und Freiheit hergestellt wurde.

  50. 1055.

    Soweit ich weiß, waren die Albertine-Romane in der ursprünglichen Anlage der Recherche nicht vorgesehen. Und ja, ich denke auch, dass Proust hier das Verhältnis zwischen sich als Schreibenden und dem Ich-Erzähler ändert. Die Selbstoffenbarung hat eine andere, nicht allein beschreibende Quali(denti)tät. Die Grenzen beginnen zu verschwimmen wie in Balbec( Natur) und in der Malerei Elstirs (Kunst) schon antizipiert. Der Himmel verläuft sich im Meer und umgekehrt.
    Je näher die Zeit des Erzähler-Ichs der Gegenwart des Schreibenden sich annähert, desto emotionaler wird Proust. Da wird etwas zusammengefügt und aufgehoben (Aufhebung im Sinne Hegels, negiert und gleichsam bewahrt)

  51. 1053.

    Jemand sagte, es kein UTOPIA als JENSEITS eines Kaninchenlochs gabe.
    Was für andere kommende „Stürze“ {durch solche quasi-Löcher wie Jockey-Club -sowie- CERCLE-DE-L`UNION - CERCLE-DE-LA-RUE-ROYALE-Mitgliedschaften} ausserhalb Karl Swann {der auch ums Leben gekommen ist} dürfte man das heutige Zitat {ver}gleichen.. Mir gefällt eine echte KONSTATIERUNG- als Zitat -„Hui, spaetestens an dieser Stelle nahm auch mein Schwindelgefühl {[türlich] beängstigend} zu“. Bei Proust -"DAS SCHWINDELGEFÜHL NAHM ZU [".." oder "..." bedeutete gazing at PRECIOUS wall]SO HÄTTE ICH SCHREIBEN SOLLEN".Zitatende -die aber bedeutete überhaupt nicht, dass MP - Bergotte {k}ein-ANATOL-FRANCE-Figur gegeben hatte. Nicht mehr so eine Romanfigur? Warum?

  52. 1052.

    Als ImmernochEleve in Sachen Proust freut mich, wie Sie meine Anmerkungen aufgreifen, Frau Windeck. Ich liebe nämlich auch die Unschärfen! Die Proust-Lektüre ist mir gerade wegen der ständigen Verwandlungen sympathisch.
    Ich bin dem guten Marcel bisher so willig und begierig gefolgt, weil er hartnäckig provozierend das Miteinander unter den Menschen ins Säurebad seines Scharfsinns und Humors! taucht. Oder, um in Ihrem Bild zu bleiben, sein Erzählen auch als Vexierspiel anlegt: unser aller Holzwege aufzeigend auch als erzählender Fallensteller. Für den Wechsel von Perspektiven und all die Unschärfen war mir das ‚Kaleidoskop’ eingefallen. Daneben steht selbstgewiss Prousts Credo zu Kunstwerk und Künstlerexistenz. -
    Wie aber denkt und gestaltet er den Zusammenhang der Sphären Leben u. Kunst? Ich vermute, wenn wir darauf eine Antwort suchen, gab sie P. in den Ich-Formen seines Werks und seiner Sprache, die auf ‚Durchlässigkeit’ hält („durchlässig“ ein Proust-Wort).

  53. 1051.

    Kein schwankender Sinn, keine bewusst herbeigeführten Mehrdeutigkeiten dagegen in den Passagen, in denen über Kunst nachgedacht wird, wie zuletzt in der Klaviermeditation über Wagner und die Möglichkeit der Lebens- und Selbstverwirklichung durch das Werk, das den Künstler überdauert. Selbst wenn die letzte Vollkommenheit nicht erreicht wird (wie in den Werken Bergottes), kann es dem Künstler doch gelingen, aus sich selbst heraus den eigenen, mit keinem anderen vergleichbaren Ausdruck zu finden und sein Inneres in ihm und durch ihn wiederzugeben(und damit sein Leben vor sich selbst und vor der Nachwelt zu rechtfertigen). Es gibt keinen Grund zu zweifeln, dass Proust hier ausspricht, wovon er zutiefst überzeugt ist.

  54. 1050.

    …ausnahmsweise einmal nicht zu bohren, zu analysieren, aufzudröseln oder auf Untiefen zu achten. Der Dichter John Keats sprach von der „capability of the mind of being in uncertainties“. Eine solche Fähigkeit auszubilden, kann bei der Lektüre der Recherche mitunter hilfreich sein, so jedenfalls meine Erfahrung. Missverstehen Sie mich bitte nicht: ich halte es für völlig legitim, den ‚Marcel-Wink‘ als Signal zu verstehen, dass in der Tat eine Schranke gefallen sei. Es bleibt abzuwarten, zu welchen Schlussfolgerungen diese Lesart uns führen wird.

  55. 1049.

    Ich stimme Ihnen zu, dass die Namensnennung ‚Marcel‘, die eine Identifikation mit dem Autor nahelegt, eine Zäsur im Roman darstellt. Allerdings ist mein Eindruck, dass damit wenig geklärt und der Leser im Gegenteil auf weitere Holzwege gelockt wird. Die Vexierspiele werden noch unüberschaubarer, die Möglichkeiten und Mehrdeutigkeiten nehmen eher zu. Der „Erzähler“(den der Leser mittlerweile im Plural zu denken gewöhnt ist), „Marcel“ und schließlich auch „Proust“ sind allesamt keine verlässlichen Führer durch das Labyrinth der Recherche, weil sie ihre Karten nie ganz aufdecken (können). Man darf sogar mit der Möglichkeit rechnen, dass das Ariadneknäuel zeitweise – absichtlich oder unabsichtlich- verlorengeht. Als Recherche-Leser(in) muss man, glaube ich, Spaß daran haben, sich ab und zu in einen an der Oberfläche trügerisch gemächlichen Strudel hineinziehen zu lassen und dabei…

  56. 1048.

    …nach ihrer Kommunikationsfähigkeit aus meiner Sicht nur negativ beantworten. Nach dem bisher Gehörten ist Proust in dieser Hinsicht kompromisslos pessimistisch, wofür er zahlreiche Gründe anführt. Natürlich ist es sinnvoll zu fragen, ob das so sein muss und unter welchen Bedingungen Kommunikation gelingen könnte; doch das ist ein weites Feld, wie Vater Briest sagen würde. Wir müssten die Recherche ganz und gar umschreiben.

  57. 1047.

    Ich finde es gar nicht vermessen, von der Recherche als einer Robinsonade zu sprechen, die u.a. die subjektiven Erkenntnismöglichkeiten auszuloten versucht. Seit geraumer Zeit scheint es mir immer plausibler, die Recherche als Ganzes bis auf weiteres vorwiegend als erforschende Auseinandersetzung Prousts mit sich selbst zu lesen; zugespitzt gesagt, als monumentales unausgesetztes Selbstgespräch, das dialogisierte Formen und Romanfiguren einschließt. Ich denke, Herr Reimann hat Recht mit dem Hinweis auf die ‚Durchlässigkeit‘ des „Autors“ und der von ihm geschaffenen Figuren, die auf ihn wie auch aufeinander einwirken und Anstoß geben für immer neue Verwandlungen, wobei das ‚Ich‘ Ausgangs- und Zielpunkt ist und bleibt. Angesichts der Praktiken, die sämtliche Liebende im Roman gegenüber den jeweils Geliebten anwenden, lässt sich die Frage …

  58. 1046.

    ... auch eine ‚Erlösung’ zu finden hoffen. -
    Nun heißt es genau in jener Wagner-Passage, dass die Liebe solcherart Verwandlung nicht zuwege bringe. Wir sind hier beim Kommunikations-Problem, und Proust gibt eine seiner Antworten. Für Proust ist augenscheinlich das Ich jeweils Ausgangspunkt und auch Zielpunkt, weil es gegenüber einem Du usw. primär immer um einen neuen Anlauf zur Ich-Selbstvergewisserung gehe.
    Deshalb auch das ständige Schwanken im Verhältnis zu Albertine – und damit verbunden die wechselnde, janusköpfige Selbstdeutung, z.B. Herr/Sklave. Der Proust’sche Vorrang des Ich in der Kommunikation findet sich auch in der Passage über Albertine, in der man eine Abwandlung des Phaidros-Motivs sehen könnte: Das Erzähler-Ich verleiht A. einerseits Flügel und gibt ihr - so der Text – Freiheit, Farbe und Schönheit; andererseits sperrt es A. ein, nimmt ihr – mit dem Erlöschen des Verlangens – allen Flügel-Zauber: Freiheit, Farbe und Schönheit.

  59. 1045.

    ... wie erinnernd die Zeit(en) abgeschritten werden (linear oder sprunghaft). -
    Ein oder zwei Seiten später wird dieses ‚Antworten’ der Figuren abgewandelt aufgegriffen, und zwar am Beispiel der Musik Wagners: Das Ich, das sich in ein gelungenes Kunstwerk vertieft, heißt es, steigt ins eigene Innen herab. Und verwandelt sich. Das Ich wird in zweifacher Weise in ein Anderssein verwandelt. Genau diese – gehäufte – Verwendung des Begriffs Verwandlung durch Proust hat mich bewogen, von Metamorphose zu reden. (Sie ist ja auch ein erzählerisches Stilmittel des Romans und zeigt sich in den zahllosen Vergleichen/Metaphern.) Übrigens greift Proust in der eingefügten Passage zum Tod Bergottes den Gedanken der ‚Antwort’ des vollkommenen Kunstwerks wieder auf. –
    Was das Ich, so Proust, in der Liebe nicht erlangen kann, kann die Kunst ihm geben. Für den Künstler/Schriftsteller heißt das wahrscheinlich, dass er Erfüllung (nur) durch sein Werk selbst erlangt. Er mag in dieser ‚Lösung’ ...

  60. 1044.

    Ich versuche verständlicher zu reden.
    Zur Wendung „beider Ich füreinander durchlässig“ (1031): Mit dem ‚Marcel’-Wink ist die Schranke zwischen Autor und Erzähler durchbrochen. Der Autor gibt zu verstehen, dass wir a) die Innenwelt des Erzählers auch als Innenwelt des Autors deuten dürfen, allerdings (weil die Unterscheidung von Autor/Erzähler bleibt) nicht platt 1:1, sondern in dem Sinne, dass der Autor seine Erfahrungen, Imaginationen, (Alb-)Träume in die Gestaltung seiner Figuren, auch des Erzählers, einarbeitet. Aber nun b): Durchlässig bedeutet auch, dass der Autor sich von seinen Figuren bereichern lässt. Anders ausgedrückt: Indem der Autor seinen Roman schreibt, seine Figuren schafft und ausstattet, werden sie fiktiv lebendig und geben ihm selbst gleichsam Antworten zurück; der Autor tritt mit seinem Werk in Dialog, führt ein kreatives Selbstgespräch, wenn man so sagen will. Proust setzt in der „Recherche“ beider Ich in Szene, immer wieder neu und anders – in dem Maße, ...

  61. 1043.

    Über die Möglichkeiten bzw Unmöglichkeiten von Kommunikation zwischen den Menschen gibt es 1 Studienfach!
    Mein Patentkind (Miss 'KommWiss') schreibt gerade eine Masterarbeit. Ich selbst bin weit entfernt von einer Masterschaft, trotz jahrzehntelanger Forschung. 2 schmächtige Erkenntnisse sind geblieben, hier einmal flappsig vorgetragen:
    "Jede Jeck is anders", wie mein 5 Monate alter Neffe Lennart aus Köln später einmal sagen wird und
    "Was nicht passt, kann leider auch nicht passend gemacht werden" - entgegen der Versprechungen von Werbestrategen.
    Zu Band 5 der Recherche:
    Auch Monsieur Proust kann mächtig herumschwurbeln. Aber ist ja Weltliteratur.
    Wie auch Mister Melville zum Beispiel, der gern ganze Lexikon-Artikel in sein bekanntestes Werk einarbeitet...

  62. 1042.

    Nun, ich gebe ja schmunzelnd zu, dass die 'richtigen' Fragen stets die sind, die man sich selbst stellt. Eine der für mich wichtigen Fragen ist z. B. die nach der Funktion des Selbstgesprächs im Text, im Leben. Die Recherche - da vermesse ich mich jetzt vielleicht - ist ja doch auch eine Robinsonade, ein Erforschen der Einsamkeit unter der Schädeldecke, ein Ausloten der subjektiven, vielleicht sogar nicht dialogisierbaren Erkenntnismoglichkeiten. Das ginge dann in Richtung Scheuklappenproblematik.
    Eine andere Frage wäre: Kann Kommunikation zwischen Menschen eigentlich gelingen und wie sähe ein solches Gelingen aus. In der Recherche scheint mir Kommunikation per se zum Scheitern verurteilt, weil im Untergrund immer die Machtfrage und der Wille zur Über'zeugung' steht. Am Ende kommt immer etwas heraus, was niemand gewollt hat. Kann man dem entkommen...?

  63. 1041.

    Ein Beispiel (Proust dt):
    „Sehr verschieden darin von der Gesellschaft Albertines, half mir die Musik, in mich selbst hinabzusteigen, dort Neues zu entdecken: das Anderssein nämlich (...) Um ein zweifaches Anderssein handelt es sich dabei (...) die Essenz und Empfindungen eines andern kennenzulernen, in welche die Liebe zu einem Wesen uns nicht einzudringen erlaubt. (...)
    Das ist schon ziemlich erschütternd, oder?
    Und: Diese Textstelle, vollständig genommen, ist noch um einiges reicher.
    So – nun wäre es schön, wenn wir darüber diskutieren könnten.
    Die Devise: Fasse dich kurz und präzise ... könnte allerdings ein Hindernis sein ... –
    Vielleicht noch was zum Reinwerfen von Begriffen: Was mich die ganze Zeit beschäftigt, ist die Suche nach Ausdrücken, die das Komplexe, den Reichtum der inneren Bezüge im Proust’schen Text irgendwie (metaphorisch/begrifflich) auf den Punkt bringt. Meine Wortwahl ist ein Angebot. Und vorläufig.

  64. 1040.

    Gleich welche Interessen uns leiten: Gerade bei einer Beschränkung auf 1000 Zeichen sollte man vielleicht die alte Journalisten'weisheit' (Sorry, Herr Buchwald für die Anführungszeichen und die Klammern, hier sind sie angebracht) beherzigen : Fasse dich kurz und präzise.

  65. 1039.

    Lieber Herr Reimann, ich will Sie doch in keiner Weise angreifen, und Ihr Erkenntnisinteresse an der Lektüre der Recherche verstehe ich durchaus. Und glauben Sie mir, ich möchte Sie auch verstehen. Doch nun eingestanden: Es fällt mir bei Ihnen meistens schwer. Ich bin ein Anhänger ganzer und klarer Sätze, aus denen hervorgeht, was der Schreiber denkt. Was ich nicht teile, aber durchaus respektiere, ist eine akademische Auseinandersetzung mit Texten, die die eigene Erschütterung außen vorlässt und sich darauf beschränkt, das Handwerkszeug des Autors zu begreifen. Das soll man halten, wie man will.

  66. 1038.

    Wie es scheint, nehmen die Missverständnisse kein Ende: die ‚Scheuklappen‘ sind ein selbstironisches Bild für die ausschließliche, hartnäckige Konzentration auf den geschriebenen/gehörten Text; das ‚unbeirrte Selbstdenken‘ meint die grundsätzliche Skepsis gegenüber jeglicher „Sekundärliteratur“ (Selbstzeugnisse Prousts sowie biographische und zeitgeschichtliche Hintergründe rechne ich nicht dazu). – Die Anmerkung zu Frau Anselm bezieht sich auf den Text von Kolumne 47. - In der Kunst, die „richtigen Fragen“ zu stellen, könnten Sie uns vielleicht gelegentlich mit ein paar Beispielen auf die Sprünge helfen?

  67. 1037.

    Nach 1029 die nächste heftige Reaktion, Herr Stellmann. Sie haben zu Recht angemahnt, wir sollten uns fragen, ob wir die richtigen Fragen stellen.
    Nun habe ich mich einfach gefragt, WIE in der „Recherche“ erzählt wird und was sich nach und nach ZUSAMMENFÜGT, und diesen Fragen bin ich weiter nachgegangen. Auf die Textstellen/Gedanken Prousts, auf die sich das sog. Geschwurbelte bezieht, sind Sie wahrscheinlich auch gestoßen. Ich würde mich freuen, wenn Sie, bitte, sich dazu inhaltlich äußerten. Und auch den Wortlaut des Romans dabei aufgreifen.
    Vergessen Sie auch nicht das 1000-Zeichen-Limit, das Argumentation und Satzbau Fesseln anlegt. Gruß vom Stakkato.

  68. 1036.

    Zu 1030 - 1033. Aaahja! Danke für die Schlüssel...aber ich finde leider nicht die Tür. Bitte, bitte hören Sie auf mit diesem verschwurbelten Jargon. Fassen Sie mir zurliebe einen Gedanken in klaren Sätzen, ohne ständig Ihren Wortschatz präsentieren zu müssen. Reingeschmissene Begriffe sollten vielleicht mal erklärt und stakkatohaftes Rumgedudel vermieden werden.

  69. 1035.

    Noch einmal ein Filmtipp, wieder in der Arte Mediathek: Die Welt des Marcel Proust.

  70. 1034.

    Wieso kann man die Kolumne https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/programm/schema/sendungen/der_tag/archiv/20211129_1930/kultur_aktuell_1945.html
    DIE GEFANGENE (15 - 19) zwar lesen aber nicht hören? Schade!
    M.f.G.
    Hans Bissem

  71. 1033.

    ... mit den „Holz“ des Bildhauers). –
    Nachträgliche Reflexion (Vorrede) und Zyklus-Findung (oder auch die Atelierarbeit Elstirs) sind weitere Stichworte zur Selbstdeutung des Romans: Proust integriert nachträgliche Reflexion in Form des rückschauenden, erinnernden Erzählers, in Form der Etablierung einer doppelten Erzähler-Ebene, die es ermöglicht, Wahrnehmung und Imagination, Bilder, Töne ... zu reihen oder zu spiegeln, übereinanderzulegen – bildhaft gestaltet/gestaffelt in der Reihe der ‚Skope’ von der Laterna magica aufwärts über die Bellevue-Ansichten bis zu den Werken Elstirs.
    Wobei P. darauf Wert legt zu betonen, dass echte Einheit (des Werkes) am Anfang nichts von sich wisse, lebendig, nicht logisch entstehe, aus Eingebung geboren sei ... >> Freude, Jubel, Beflügeltsein des Schaffenden und: Rückbindung an „unermüdliche Arbeit“ und „stoffgebundene Apparate“.


  72. 1032.

    ... auf einer Meta-Ebene die unbedingte Ich-Setzung des Romans. Daneben soll gelten die Skepsis gegenüber jeder Art von Du- oder Wir-Illusion. Allein die Hervorbringung von Kunst, Musik, Literatur ... soll die Ich-Widersprüche aufheben und eine wirkliche Ich-Hervorbringung=Individualität erzeugen können.
    Der Erzähler kann dieser Idee zufolge - sich am Klavier in die Musik vertiefend – in sein Innen eintauchen und darin sogar ein „Anderssein“ wahrnehmen, die Grenzen nur ich-bezogener Individualität überschreiten. Die Passage öffnet, erweitert das Erzähler-Ich zum Autor, zu sich selbst wie zum Anderssein. – Die anschließenden Reflexionen zur Handhabung der Motive in der Musik Wagners sollen wahrscheinlich auf die Erzählstrukturen der „Recherche“ hindeuten. Die Leistungen und Formen des Erinnerns bilden die ‚Partitur’ heraus, in der jeweils Aneignung, Festhalten und Wiedergabe der Motive sich erzählend vollziehen, deren je eigenen „Klang“ respektierend (Vergleich ...

  73. 1031.

    Heute einige ‚Schlüssel’ zum Verständnis der Romankonzeption.
    Die Depesche Albertines an ‚Marcel’ wie eine Fermate im Erzählkontinuum. Der Erzähler findet Momente der Entspannung und nutzt sie - am Klavier – zur Meditation.
    Zunächst wird à la Hegel ein ‚dialektischer’ Umschlag: Herr/Sklave intoniert: die Ich-Spannung, der innere Widerspruch des begehrenden Ich (Vergnügen, Lust gegen Leiden, Kummer, Eifersucht). Die ‚Aufhebung’ soll nicht in der Liebe möglich sein. -
    Die Erzählung bietet uns eine andere Art/Form/Sphäre dafür an - eine ‚Lösung’ mit Hilfe der Musik (oder allgemein der Kunst): Nach Proust soll maßgeblich sein die Verwandlung des Ich, hier exemplifiziert am Erzähler-Ich; das Eingangssignal ist der Name Marcel, eine Erzählwendung, die das Erzähler-Ich öffnet zum Autor und beider Ich füreinander durchlässig macht. Dieser Kunstgriff muss von Proust entschieden gewollt gewesen sein, denke ich. Er manifestiert ...

  74. 1030.

    Liebe und Eifersucht: Begriffsverwirrung oder Begriffserhellung durch Proust?
    Das Erzähler-Ich ist dermaßen erfüllt vom Verfügenwollen, die Ich-Perspektive so sehr in Szene gesetzt und ausgestattet mit gleichsam energetischen Eigenschaften eines Mittelpunkts oder Kraftzentrums, das anzieht und abstößt, dass Gefühl(sbegriff)e wie Liebe und Eifersucht in äußerste Relativität gerückt erscheinen (sophistisch?).
    Der Erzählbewegung folgend, werden die Gefühle kaleidoskopartig wahrgenommen und in steter Bewegung gehalten. Nie erreicht die Bewegung ein Stadium des Amorphen, weil stets (auch ausgelöst durch äußere Anstöße) neue Vergleiche, Spiegelungen, Schichtungen erfolgen, welche Form annehmen und anbieten: ein Erzählen in Metamorphosen sozusagen.

  75. 1029.

    Scheuklappen haben den Vorteil, unbeirrtes Selbstdenken zu fördern? Ihr Ernst? Unbeirrtes Denken?
    Und ja, alles lässt sich philosophisch und als Philosophie lesen. Ich schaue aus dem rechteckigen Fenster und schaue auf rechteckige Fenster und in der Pizza steckt die Sehnsucht nach Harmonie...grins.
    Und woher nehmen Sie Ihr Urteil, dass Frau Anselm so wenig Sinn für Sprach- und Klangkunst hat?
    Und ein durchgehendes platonisches Denken habe ich Proust nicht unterstellt; das gibt es auch wohl auch nicht., Aber es gibt ein motivisches,an Fragestellungen orientiertes Denken. Und dann steht die Frage, ob wir überhaupt die richtigen Fragen stellen. Und da hilft Sprachverliebtheit ein wenig, aber nicht viel..

  76. 1028.

    Schade, dass Frau Anselm so wenig Sinn für die Sprach- und Klangkunst hat, die in der besprochenen Passage geradezu ‚entfesselt‘ wird. Hier ist die Lesung durch Peter Matic jeder Lektüre des geschriebenen Textes haushoch überlegen. Dank gebührt auch der Übersetzerin, die Melodie, Rhythmus und Klang bewahrt , indem sie vieles in der Originalsprache belassen und die deutschen Übersetzungen diskret in den Text eingeflochten hat.

  77. 1027.

    Sie schreiben: "Die Liebe würde ich zur (gelebten, geträumten und imaginierten) Erinnerung rechnen."
    >> Kann ich nachvollziehen, und ist eine Lesart, denke ich, die ihre Berechtigung findet im Obsessiven, das schon so oft zur Sprache kam.
    Und doch scheint mir, verweist das Obsessive auf mehr als Erinnern: auf das durchgängig spürbare Begehren. Der Roman ist doch ein großes Bekenntnis zum Eros! Lieben als Aneignenwollen (wie vergänglich und schwankend auch immer). Und gerade die Wiederaufnahme der Urszene Mutterkuss (Lesung vom 24.11.) offenbart die Grundspannung oder auch den Grundwiderspruch hinsichtlich der Liebe: Der Erzähler sucht kein Du (vgl. Nr.1001), aber weiß sich als „Du der Mutter“ und sucht diesen Halt.

  78. 1026.

    Ich würde mich freuen, wenn Musik-Kenner sich in diesem Forum zu Wort meldeten. Die Lesekapitel dieser Woche sind insbesondere dem Hören von Stimmen gewidmet, ihrer Folge und Schichtung - gerade dies auch hineingenommen in die Schilderung der Phasen des Aufwachens; und dass Proust seinen Roman hier wie ein Musikstück komponiert, sprachlich Klangfarben spielen lässt usw. liegt für meine Begriffe auf der Hand. Kann jemand etwas beitragen zur Erhellung dieser Proust-Partitur?

  79. 1025.

    Nun sind wir also unversehens in der Philosophie gelandet :-). Ich denke, fast jeder neuzeitliche Roman lässt sich in dem von Ihnen skizzierten Sinn als „philosophische Erzählung“ lesen. Die Haltung des Erzählers in der Recherche scheint mir in Ihrer Schlussbemerkung gut gekennzeichnet: er möchte sich „durch Kunst und Erinnern“ vom Vergänglichen so viel wie möglich aneignen.Die Liebe würde ich zur (gelebten, geträumten und imaginierten) Erinnerung rechnen.

  80. 1024.

    Auf den zweiten Blick erscheinen mir die Parallelen zu Platon eher als Echo von Prousts klassischer Bildung, die damals jeder Absolvent einer höheren Schule intus haben musste. Sie betreffen Grundkonstellationen, die zu Gemeinplätzen geworden sind (so wie wir heute Freud ‚kennen‘, ohne ihn genau gelesen zu haben). Genuin „platonisches Denken“ habe ich bisher in der Recherche nicht gefunden. Trotzdem haben Sie zweifellos Recht mit der Vermutung, dass es zu dem Thema meterweise Sekundärliteratur gibt. Auf die Suche danach werde ich mich sicher nicht begeben. Bei allen Nachteilen, die die erwähnten Scheuklappen mit sich bringen, haben sie den Vorzug, unbeirrtes Selbstdenken zu fördern.

  81. 1023.

    Ich stimme dem zu, dass man Prousts Roman als philosophische Erzählung lesen kann. Schopenhauer hätte seine Freude daran.
    Die „Recherche“ erzählt von den Schwierigkeiten, das Ich auszuloten, ich-glücklich zu sein, Liebe zu empfinden. Die Welt als ein Ensemble von Reizen (schön und hässlich), die Mitwelt der Menschen Anstoß und Hindernis, Zumutung, Täuschung – lauter Ungewissheit und Kränkung. Die „Recherche“ erzählt von den Anstrengungen des Ich, diesen Fesseln seinen Ich-Willen entgegenzusetzen ... sich selbst zu verstehen, Liebender zu sein, sich nicht täuschen zu lassen, im stetigen Wechsel und Wandel Wahrheit festzuhalten.
    Daher „Gefangennahme“ (Musterfall Albertine) als Reaktion auf das Gefangensein. Liebe und Kunst und Erinnern: Notwehr im ego-istischen Verlangen, für sich vom Ungewissen und Vergänglichen so viel wie möglich in Aneignung zu verwandeln.

  82. 1021.

    Lach, es ist wohl eher Prousts Blick, der so weite Bogen spannt.
    Ich habe keine Ahnung, ob es in den stehenden Metern der Sekundärliteratur Untersuchungen gibt, die dem Einfluss der antiken Philosophie von den Vorsokratikern bis Aristoteles auf die Recherche nachgehen. Die Einflüsse sind jedenfalls da, von Denkbildern, Methodik bis hin in die inneren Dialoge des Erzahlers. Falls es dazu keine Untersuchung gibt – was ich mir nicht vorstellen kann–, wäre es eine Masterarbeit oder eine Dissertation wert..

  83. 1020.

    Das Bild der Laterna magica hat mich seit Beginn der Lesung fasziniert; aber die Parallele zum Höhlengleichnis ist mir weder auf- noch eingefallen. Danke für Ihren Blick, der so weite Bogen spannt. Ich lese wohl manchmal mit einer Art ‚Proust-Scheuklappen‘, die viel zu eng anliegen…

  84. 1019.

    Über den dreiseitigen Zuspruch freue ich mich sehr. Das hat mir wieder klargemacht, wie wichtig Reaktionen und ‚Rückmeldungen‘ in diesem Forum sind. Vielleicht war ich schon dabei, mir eine Schere in den Kopf zu montieren, ohne es selbst recht zu merken.

  85. 1018.

    ... und im übrigen, Frau Windeck: mit dem 'Beflügeln' oder 'Flügel verleihen' hat's Proust auch. Er modifiziert das sokratische Verhältnis allerdings im Sinne seiner Ich-Setzungen - werden wir nachvollziehen können, wie ich beim neugierigen Weiterlesen festgestellt habe.

  86. 1017.

    Warum, Frau Windeck, sollte denn jemand Häme ausschütten? Proust ist doch voll von Anspielungen auf Platon/Sokrates. Das beginnt sinnigerweise schon in seiner Kinderhöhle in Combray mit dem Lichtzauber der laterna magica...

  87. 1016.

    Das passt doch aber sehr, Prousts Text bietet ja gerade auch an vielen Stellen Assoziationen in ganz unterschiedliche Richtungen...

  88. 1015.

    Ich glaube nicht, dass Sie ungenau gelesen haben, lieber Herr Reimann. Ich kann keine „plausibleren“ Alternativen zu Ihren Formeln und Thesen aufstellen. Mein Kommentar (1001-03) enthält alles, was ich derzeit zu dem Thema zu sagen habe, auch zur „obsessiven besitz-/machtheischenden Haltung des Erzählers“.

  89. 1013.

    Schön, dass Sie sich einmal wieder einschalten. Durch die Erwähnung von Neuenfels und Ihre Formulierung hatte ich unwillkürlich eine Assoziation, die bis in die Antike zurückreicht: in Platons „Phaidros“ heißt es, der Liebesgott sei in und mit dem Liebenden, nicht dem Geliebten. Sokrates erzählt, wie die Seele des Liebenden durch die Gegenwart des Geliebten buchstäblich „beflügelt“ wird und er ohne den geliebten Menschen nicht mehr leben zu können glaubt … dies gesagt auf die Gefahr, dass Kommentarleser, die lieber das Handfeste sehen, nun kübelweise Häme ausgießen über einen so ‚weltfremd‘ schöngeistigen Assoziations-Exkurs, der noch dazu ein gutes Stück von Proust wegführt. In Zeit und Raum näher bei Proust steht dagegen sein Schriftstellerkollege Montherlant, der in „Die jungen Mädchen“ den Romanhelden erklären lässt, es sei das Ideal der Liebe, …

  90. 1012.

    Liebe Frau Windeck, es ist komisch: Auch ich halte wenig von derartigen Kurzschlüssen vom Autor auf den Erzähler – aber: Wenn ich die obsessive besitz-/machtheischende Haltung des Erzählers gerade im Abschnitt „La prisonnière“ vor mir habe, gemünzt immer wieder auf Frauen!, frage ich mich doch, was im Autor dabei vorgegangen ist. Welche Alternative zu meiner These/Hypothese wäre denn plausibler oder ausgewogener?
    Meine Formel „Schwäche-Stärke“ (994) findet wohl Bestätigung im Wort Angst, das nun gehäuft auftritt. -
    Es ist übrigens bei Ihnen (Nr. 1003) auch vom Autor und dessen Innenwelt (Sie nennen: Wunschvorstellungen, Erfahrungen, Träume, Ängste und Albträume) die Rede. Oder habe ich ungenau gelesen? -

    Noch ein Wort zum Festhalten in zweierlei Hinsicht (Nr. 1011): Ihre Unterscheidung ist treffend.

  91. 1011.

    Lieber Herr Stellmann, es war nicht meine Absicht, eine Diskussion darüber anzuzetteln, was heutige Leser/Leserinnen wohl unter ‚Liebe‘ verstehen. Ich habe einen Minimalkonsens vorausgesetzt in Hinblick auf den Grad von Eigenständigkeit, den die Partner einander zugestehen, ohne dass Zeichen von ‚Eigenleben‘ als Bedrohung empfunden werden. – „Nichts lässt sich festhalten“. Das mag schon so sein. Nur hat Proust die „Recherche“ erklärtermaßen nicht zuletzt geschrieben, weil er sich genau damit nicht abfinden wollte und konnte. Die ‚Liebe‘ allerdings würde in dem Augenblick enden, da ein „Festhalten“ möglich wäre. Das Sich-Entziehen, die Unerreichbarkeit ist eine ihrer Voraussetzungen.In der Erinnerung aber ist das Erlebte aufbewahrt und festgehalten; es kann – unter günstigen Umständen – ‚heraufgeholt‘ und ‚neu erschaffen‘ werden.

  92. 1010.

    Lieber Herr Reimann, es gibt so viele Lesarten der „Recherche“, wie es Proustleser gibt. Jeder muss die ihm angemessene selbst finden. Meine (vorläufigen und unabgeschlossenen) Überlegungen habe ich zur Diskussion gestellt. Warum ich wenig von der Interpretation literarischer Werke auf der Grundlage von biographischen ‚Forschungsergebnissen‘ halte, habe ich schon früher ausführlich dargelegt.

  93. 1009.

    Beischlaf als Auskosten der Allmacht über die Ohnmacht -

    Insbesondere die Lesung dieser Woche vermittelt das Denken und Reden eines, der in hellster Wachheit und Entschiedenheit sein Ego gleichsam algorithmisch abzuarbeiten beschlossen hat.
    Materielle Beschränkungen seines Tuns scheint es nicht zu geben.

    Was der Erzähler uns schildert: Wenn sich Existenz und Bild des Gegenübers immer wieder entziehen, muss das darunter leidende Ich eben zu Experimenten schreiten und gründlich Hand anlegen ... kalte Hitze, Allmachtswünsche ...

  94. 1008.

    Wohl ein treffender Punkt, erinnert an eine Bemerkung von Hans Neuenfels zu Rigoletto (vor Jahren anlässlich einer Inszenierung an der Deutschen Oper) zur Frage, warum sich Gilda für den Herzog opfert (was uns heute ja eher unpassend erscheint): nicht, weil sie gerade ihn so liebte und ohne ihn nicht leben könnte oder wollte, sondern weil sie ihr durch ihn ausgelöstes intensives Lebensgefühl, die "Liebe", nicht missen möchte - aber wäre das dann heute anders? "Liebe" hat eben vielleicht mehr mit dem liebenden als dem geliebten Menschen zu tun. Schön jedenfalls, dass Proust dem Thema weitere Facetten hinzufügt.

  95. 1007.

    Dass Proust unter „Liebe“ etwas anderes versteht als der heutige Leser, .....da würde mich dann doch interressieren, was der heutige Leser unter Liebe versteht....? Und was versteht die heutige Leserin darunter? Liebe bei Proust ist doch Quatsch... Ein hormoneller Unsinn, der vergeht, sobald er nicht die Eigenliebe massiv befriedigt. Was bleibt ist Gewöhnung. Liebe ist ein ideologischer Begriff, etwas, das wir uns einreden, weil wir sonst den ganzen Quatsch nicht aushalten würden.
    Eines des Erzählers psychologischer Paradigmen ist das Besitzenwollen gegen alle Vernunft. Dagegen dämmert es : Nichts lässt sich festhalten...und das ist gut so...

  96. 1006.

    ... eine Albertine zum Spielball egozentrischer Projektionen gemacht wird oder es von Anfang an - Balbec, Strand - ist. Verstärkend wirkt in dieser Konstruktion die Sappho-Brandmarkung, flankiert übrigens durch ihre Entsprechung in den Charlus-Episoden.
    Eifersucht wird so zu einer der Selbstbefriedigung dienenden Strategie. Der Erzähler ist die Figur, in der der Autor mit sich selber spielt. Die Grundspannung Autor/Erzähler ergießt sich - ist die Erzählschleuse einmal geöffnet - in Leidenssüße, Besitzanspruch, latenter Aggression und Mutterfixierung, Gefangensein im eigenen Körper. Alles in erlesenstem Sprachfluss. – Offene Fragen: Wozu dann das Streben nach vollständiger Erinnerung? Wessen Innenwelt wird uns präsentiert? Bietet mir Proust Nähe an oder Distanz?

  97. 1005.

    Liebe ohne das Du! Das sollte dann auch für das Gefühl Eifersucht gelten.
    Die allumfassende Egozentrik und Hyper-Introspektion auf Seiten des Erzählers - dieses Konstrukt – resultiert wohl nicht zuletzt daraus, dass er in die Handlung hineingeschickt wird als einer, der Frauen begehrt, von einem Autor, der mit diesem Begehren sein Leben lang nicht klargekommen ist und nun eine Form wählt, dieses – sein! - Problem erzählerisch, gestaltend, ästhetisch zu verarbeiten. Also vor sich/von sich weg hinzustellen, zu objektivieren, zu bannen. Insofern ist es nur konsequent, wenn ...

  98. 1004.

    Brilliant.danke....

  99. 1003.

    Albertine entwickelt sich unter Marcels Einfluss (Kleidung etc.) nun auch äußerlich zu dem, was sie im Grunde (innerhalb des Romans) von Anfang an war: sein Geschöpf. Ungeachtet der genauen Beobachtungen und jenseits diverser real existierender ‚Modelle‘, die Kritiker aufgespürt haben, erscheint mir Albertine in erster Linie als ein Wesen, das in der Phantasie des Autors lebt; in ihr fließen Wunschvorstellungen, Erfahrungen, Träume,Ängste und Albträume zusammen. Es bleibt immer ein heikles Unterfangen, als Geschehen auf einer ‚Handlungsebene‘ der ‚Außenwelt‘ darzustellen, was sich in der Innenwelt abspielt.

  100. 1002.

    …sich von Albertine (die ihn längst langweilt) zu trennen. Er fasst diesen Entschluss, als nähme er ein unabwendbares Schicksal auf sich, das sein künftiges Leben zu einem Leidensweg machen wird. Wenn wir den Text unter Ausblendung aller Unwahrscheinlichkeiten als Bericht im Sinne eines realistischen Romans lesen wollen, können wir Denken und Verhalten des Erzählers mühelos mit einem ganzen Begriffskatalog aus der Psychopathologie belegen. Sich zum Ziel zu setzen, einen anderen Menschen (ob Frau, Mann, Kind) so total zu „besitzen“, dass von ihm nichts Eigenes mehr übrigbleibt, bezeichnen wir mit Recht als krank und gefährlich, zumal der ‚Besessene‘ nicht nur sich selbst, sondern notwendig auch das „geliebte“ Wesen zugrunde richtet. In der Welt der „Recherche“ lässt der Autor dies nicht zu. …

  101. 1001.

    Dass Proust unter „Liebe“ etwas anderes versteht als der heutige Leser, konnten wir seit „Combray“ immer wieder feststellen, und er erläutert es mehr als einmal: im Mittelpunkt steht das Gefühl selbst, unabhängig von dem Wesen, auf das es sich richtet. Er glaubt nachweisen zu können, dass der Eindruck, es würde von einer bestimmten Person ausgelöst und sei an sie gebunden, eine Illusion ist. Folgerichtig ‚existiert‘ die jeweilige Person für den Erzähler nur insofern, als sie auf sein Gefühl, seine Gedanken und Empfindungen bezogen ist. Er sucht kein „Du“. Thema ist ausschließlich das eigene Erleben und Erleiden. Er erlebt und beschreibt sich als Opfer: Albertine bringt seine (potentiell tödliche) Krankheit und ist gleichzeitig das einzige Palliativ. Man denkt an Suchtkrankheiten mit vorhersehbar tragischem Verlauf. Noch stärker als „Liebe“ wirkt für ihn Eifersucht: erst als er erfährt, wie sie zu Mlle de Vinteuil steht, gibt er den Entschluss auf,…

  102. 1000.

    Wenn Sie die aktuelle Seite der Lesung aufrufen, Herr Bissem, finden Sie oben rechts einen Kalender: dort bitte den gewünschten Tag mit den Lesungen der von Ihnen vermissten Folge anklicken! Sie müssten wohl zum Monat Oktober (Pfeil nach links) zurückblättern. Dort finden Sie die Folge 46-50.

  103. 999.

    Leider fehlt von der Serie "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - Teil 4 - Sodom und Gomorrha (01 bis 56)" die Folgen 46-50. Kann das bitte noch nachgeliefert werden?

  104. 998.

    In der Essenz kommt mir der Erzähler manchmal vor wie Mademoiselle Langstrumpf: ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt..Kindlich, nicht erwachsen, zurechtgebogen, auf der Suche nach einer Haltung und immer müder werdend im Versuch etwas ständig Vergängliches zu retten. Das Wunder der Kindheit löst sich auf ins Nichts...immer wieder...und nichts hilft.... Es wird kalt, immer kälter, je mehr sich der Erzähler erhitzt...

  105. 997.

    Die Gefangene/1:
    Ein großartiger erzählerischer Auftakt, zur Schilderung der Eindrücke, Empfindungen und Erinnerungsbilder des Erzähler-Ich/Ego wird ein Ensemble bekannter Motive (und ein neues!) wachgerufen: das morgendliche noch dunkle Zimmer, die Wonne des Alleinseins und zugleich das symbiotische Wand an Wand der Doppelräume (Großmutter, Mutter, jetzt Albertine; das evoziert auch wieder die Zwitterpflanze/Vanille im Hof der Guermantes) - das Aufwachen in einen neuen Tag hinein: ein weiterer Jahresring (Erinnerungsphase) im Wachstum der Erzählung. –
    Die Einbildungskraft verankert im erinnerten Combray, subtil verstreut die Facetten: das Bett an Bett/Mutter, die Sévigné-Maximen; Saint-André-des-Champs/Françoise, die Kirchtürme von Martinville/Schreibanfang und schließlich - neu und stark! – das Barometermännchen: ein Kapuzen-Kommentar der Selbstdistanzierung - durch ein Ich, das sich - jetzt - die Küsse Albertines wie eine Kommunion gefallen lässt.

  106. 996.

    Kleiner Tipp für Filmfreunde: In der arte-Mediathek ist zur Zeit der Film "Die wiedergefundene Zeit" von Raúl Ruiz zu sehen. Der Film lässt sich auch herunterladen. Schön für alle, die vielleicht erst die Roman-Lektüre beenden möchten...

  107. 995.

    Lesung 56:
    Zitat: „Zu diesen Gottheiten stellt die Frau für uns die Beziehung her, solange unser Beisammensein währt, weiter tut sie im Grunde nichts.“
    Ist das ein mutiges Bekenntnis? - der Unfähigkeit, eine Frau anders zu lieben als so: die Frau nutzen als Leitmedium, das die elektrische Kraft dunkler Gottheit auf den Mann strömen lässt. Weil dem Mann (uns!) solche erregende Unterstromsetzung=Liebe not tut, geht es nicht ohne Frau in diesem göttlichen Verhängnis. Ihm verdankt die Frau einen schönen metallischen Sekundärwert. Aber bitte Ergebenheit, Schönheit, Geist und Güte! So der Erzähler.

  108. 994.

    Lesung 55:
    Unser Erzähler - ja, er horcht in sich hinein und versteht dann seine Worte gezielt zu setzen: welch robuste Energie in all dem Herzschmerz! Da ist sofort Kraft da für Erfindungen/Lügen, eine Schwäche-Stärke, profunde und produktive Wehleidigkeit (die Mutter nebenan), Leidensgenuss und Aggressivität; Hauptsache, die Kontrolle über die Frau geht nicht verloren, denn Lieben heißt für dieses Ich Zweifeln ...
    Ist das widersprüchlich?
    Der Kraftakt des Aufschreibens, die Entlastung – sie stehen noch bevor. Aber wann - was muss noch geschehen?

  109. 993.

    Fein, man braucht keinen sprachlichen Overkill, um Proust nahe zu kommen. Reinhören ins ich...das hat Proust gemacht... Und darum geht es m.E... mit allen Widersprüchlichkeiten, Unzulänglichkeiten, Kompositionsproblemen. Das Leben ist nicht auf einen Nenner zu bringen, auch nicht romanhaft..,. Und wer erzählt nicht Romane über sein Leben..girins

  110. 992.

    Lesung 54
    Die Kleinbahnstrecke: für den E. eine Kette der Freundschaften. Zwar Entzauberung der Ortsnamen, aber reiche Entschädigung durch Tilgung von Angst und Trauer; die Balbec-Region scheinbar verwandelt in vertrautes Zuhause, die Atmosphäre leicht einzuatmen, sogar die Stille besteht aus dem Schlaf von Freunden; und Brichot (der alle Namen auslotet) entbietet das griechische Lebewohl.-
    Das Kleinbahnabteil auch Ort der Dreiecke mit Albertine: erst Charlus und Saint-Loup, jetzt Andrée und Mlle Vinteuil als Dritte. Der E. macht das Kleinbahnabteil zum Ort von Täuschung und Lüge - und ihn ereilen - wie in griechischer Tragödie - Rache und Züchtigung: neue intermittences du cœur statt friedlicher Ruhe – die Wendung pays de connaissance entpuppt sich als trügerisch und doppeldeutig.

  111. 991.

    Ich empfehle jetzt mal als Sekundärliteratur zu Proust: Eric Berne, Spiele der Erwachsenen...

  112. 990.

    Liebe Frau Dienhardt,
    der Anklickpunkt für die wöchentliche Kolumne steht immer rechts von unseren Kommentaren (auf dem PC-Monitor) (Schmalzphone zeigt vielleicht anders an). Auch für die aktuelle. Dort finden Sie schnell sämtliche Anselms, von der ersten Folge (Swann 1-5) bis heute.
    Lediglich die Folgen Sodom 11-15 und 26-30 fehlen - aber wer von uns war nicht einmal krank zwischendurch oder gelangweilt...
    Hüstel --
    wie Frau Dr. Erika Fuchs gesagt hätte

  113. 988.

    Ich sehe das Dreieck auf andere Weise: Charlus und Morel manipulieren als Rivalen um die Dominanz in ihrer sexuellen Liaison (das eigentliche Duell!), deren Spannung zugleich geprägt ist von sozialem Kontrast und pekuniärem Interesse. Statt Opfer-Täter wohl eher Wechselwirkung von Sadist und Masochist.
    Der Dritte nicht Helfer, sondern interessiert-intimer Begleiter und Mitspieler, der sich beobachtend und einfühlend der Spannung aussetzt, sie aufsaugt – Bedürfnis v.a. nach Wiedergabe/Entlastung durchs Erzählen. Parallel manipuliert er mit Albertine.
    Reprise der Szenen mit Rahel und Saint-Loup (neben der Begehrens-Affäre Herzogin G.). –

    Das Drei- oder Viereck Mutter(Großmutter)-Vater-Sohn steht wohl in einem anderen, übergreifenden Kontext.

  114. 987.

    Wo bleibt die Kolumne für die Folgen 51 -55 bzw. 56 ???

  115. 986.

    Zu Folge 49... Ein aus meiner Sicht perfekt dargestelltes Dramadreieck. Opfer, Ankläger, Helfer wechseln darin ihre manipulativen Rollen. Manipulation ist dabei nicht allein Tätersache, sondern auch Opfersache...Dem Helfer - in diesem Falle dem Erzähler, ist ein Nein, ein Entziehen kaum möglich, weil er in früher Kindheit in Dramadreiecken – Kind - Mutter - Vater groß geworden ist.
    Die Beredsamkeit Prousts gründet in der Sprachlosigkeit der Väter...
    Stelle ich jetzt mal so hin...

  116. 985.

    Liebe Frau Anselm,
    Ihren Kommentar zur Woche, ach was, bis zum Jahresende, empfinde ich einmal mehr als erfrischend, bodenständig und aufrichtig.
    Für mich fängt - fast - jede Woche dadurch wunderbar an, wie nach einer prickelnd heiss-kalten Montagmorgendusche und danach trockenfrottieren.
    Schön.
    Danke!

  117. 984.

    Wir sollten....? aber nein! – ich zumindest will das nicht. Und ich werde mich da auch nicht vereinnahmen lassen. Ich werde mir keine Richtung vorgeben lassen, in der ich Proust zu lesen habe.

    Ich will auch für mich keine handfesten Aussagen über Proust machen oder gar haben, mit denen ich hausieren kann. Ja, Proust führt mich auf die K(l)ippe, immer wieder und nach der dritten Lektüre wieder einmal anders. Mich interessiert an Literatur eigentlich nur die Frage, was die Geschichte mit mir zu tun hat, nicht ein objektivierendes, einordnendes Interresse. das !angweilte mich, gerade bei Proust. Proust im Zettelkasten von Literaturwissenschaftlern begraben...das hat er nicht verdient...

  118. 983.
    Antwort auf [Zofia Pavel] vom 01.11.2021 um 06:13

    Yo, ein echtes WUNDER, liebe Zofia, dass Sie die strenge Zensur der Redaktion erfolgreich passiert haben - fragen Sie unseren allseits beliebten Kommentator Martin Reimann.
    Vielleicht hat Dr. Ogundele sogar ein Heilmittel gegen Logorrhoe?! Das wäre nicht schlecht, denn meine Gedanken zu Proust fließen, durchmischt mit vielen überflüssigen "Anführungszeichen", oft ganz unkontrollier- und redigierbar nur so aus mir heraus...

  119. 982.

    Unsere Aussagen in der Diskussion sind immer wieder auf der Kippe, weil wir bei Proust augenscheinlich zwischen Autor und Erzähler nur schwer unterscheiden können, wenn es um solche Haltungen geht wie ‚xy-Feindlichkeit’ (oder ‚-Freundlichkeit’). Ich neige deshalb dazu, so wenig wie möglich generelle Aussagen zu treffen und stattdessen (generalisierende WIR/MAN-) Aussagen im originären Proust-Text mit Frage- und Ausrufungszeichen zu versehen. Kann ja sein, dass sie im Gefüge des Romans (und/oder in der Summe) sich wechselseitig relativieren (‚jeder kriegt sein Fett weg’- oder seine Gerechtigkeit). –
    Und dennoch (altes Lied meinerseits): Am Ende zählt - Ich-Form!! - die Stimmigkeit der Erzähler-Perspektive. Ich glaube gern, dass P. zutiefst menschlich ist. Wir sollten des Autors Haltung erkunden - an seinem Werk.

  120. 981.

    Kurze Ergänzung zu 979. Wenn ich von Vergewaltigung gesprochen habe, so bitte ich dieses nicht im engen strafrechtlichen Sinne zu verstehen.

    Ob Proust und sein Erzähler frauen-, männer- oder gar menschenfeindlich sind, vermag ich nicht zu sagen. Sein kristalliner Blick versucht lediglich menschliche Persönlichkeiten in möglichst vielen ihrer Facetten auszuleuchten, auch bis in die unangenehmsten Winkel hinein. Dass das nicht immer schön ist... Nun ja, wer trägt keine modrigen Abgründe mit sich herum....
    Nein, ich glaube, Proust ist zutiefst menschlich und menschenfreundlich...

  121. 980.

    Danke, Herr Stellmann, das klingt schon anders und sogar richtig gut!
    An der betreffenden Romanstelle gab's bei Proust die provozierende Generalisierung im apodiktischen Stil: „Die Unterhaltung einer Frau, die man liebt ..." MAN! - und dann folgte noch "heimtückisch" ...
    Sprach da etwa ein Beschädigter? Der engere Kontext enthüllt die Aussage als Ausgeburt von ‚Eifersucht’ (= Eigenliebe?). Dass ‚Männer’ bei Proust keineswegs glänzend wegkommen, d’accord.

  122. 979.

    Kalter Tropfen der misogynie? Der umfassende Versuch einer Vergewaltigung folgt erst noch... Aber sämtliche Vergewaltigungsversuche und reale Vergewaltingungen sind geschlechterunabhängig und beruhen auf dem Willen zur Macht, der seine Wurzel in der eigenen, vielleicht nur empfundenen, vielleicht realen Ohnmacht hat.
    Und ich lese Proust auch als durchaus männerfeindlich. Den fettesten Panzer trägt nicht Proust...

  123. 978.

    Lesung der Woche (SG/46ff.)
    Ich gebe zu: Ich habe schon ein paar Seiten weiter gelesen.
    Mein Gefühl trog wohl nicht: Morel als heimliches Epizentrum der Kapitel. Die filigrane Schilderung der Befindlichkeiten und Manöver des Barons de Charlus - offen gesagt, sie nervt mich inzwischen; natürlich setzt Proust immer wieder auf Komik, aber auch die klingt wie Falschgeld. Was zum Teufel treibt sich der Erzähler dabei so intim-kennerisch herum? Ist er auf dem Weg, das, was auf der Hand liegt, an langer Leine heranzuführen: Charlus’ Masochismus? –
    Und was macht Proust noch? Einen Erzähljoker deckt er auf: der Prinz von Guermantes als ‚Sodom-Verwandter’ von Charlus! Richtig gute Komik dabei die Szene, in der Morel über die Guermantes-Familienfotos stolpert.
    Seinen Ich-Erzähler stattet P. derweil mit allumfassender Unwiderstehlichkeit aus: überall mühelos Zugang, saugt seine Eindrücke auf und kann sich eine Albertine halten.

  124. 977.

    Mhm ..., gefragt war nach Proust, also: Würde der Autor/Erzähler die Aussage („gefahrvoller Wasserlauf“/“durchdringende Kälte einer unsichtbaren Flut“) auch auf einen Mann münzen? Würde daraus ein Proust-Schuh?
    Oder quillt hier ein durchdringend kalter Tropfen Misogynie von unten durch den Proust-Boden?

  125. 976.

    Wenn Sie "Mannes" durch "Menschens" ersetzen, könnte ein Schuh drauswerden. Ist doch egal, ob Mann oder Frau oder divers...lach

  126. 974.

    Nach krankenhausbedingter Pause melde ich mich zurück, vorerst als aufmerksame Kommentar-Leserin. Ein Weilchen möchte ich das Geschehen im Forum mal aus der komfortablen Position unserer Logenabonnenten verfolgen.

  127. 973.

    Lesung dieser Woche (SG/41-45):
    Weiterhin brillante Beschreibungen von Landschaft u. Natur, sehr schön die originären Wahrnehmungen des Perspektivenwandels durchs Autofahren. -
    Aber die Szenen mit Albertine !?
    Mir fällt dazu leider die abgedroschene Wendung ein: Er kommt nicht zu Potte. Natürlich kann man wie Frau Anselm in der einen oder anderen Kurzszene sexuelle Anspielungen oder auch Sexspielchen ausmachen, aber das Bemerkenswerte ist doch wohl: Die Szenen atmen Hilflosigkeit. Peinlich, finde ich, ist die Fixierung Albertines auf die Objektrolle - ob in Begehren oder Eifersucht; da ist das Personenverhältnis im Kontrastpaar Morel/Charlus (angereichert durch den Chauffeur) aspektreicher (kenntnisreicher?) ausgestaltet. Hübsch meinetwegen der Aventiure-Moment zu Pferd, als durch die Lichtung im dunklen Wald plötzlich der Halbgott Aeroplan erscheint.-
    Sind die häufigen Vorblenden Anzeichen von Kompositionsproblemen?

  128. 972.

    Könnte auch d i e s e r Satz ein Proust-Satz sein: „Die Unterhaltung eines Mannes, den man liebt, gleicht einem Boden, der über einem unterirdischen, gefahrvollen Wasserlauf liegt; man spürt in jedem Augenblick unter den Worten die Gegenwart, die durchdringende Kälte einer unsichtbaren Flut; hier und da bemerkt man, wie sie heimtückisch durch den Boden sickert, aber sie selbst bleibt immer im verborgenen.“ ??
    (Lesung heute, nach 18 Min.)

  129. 971.

    Danke, Frau Krings -
    Proust über Schlaf und Erwachen, der Erzähler (die „Eule“ in Erwartung des erlösenden Todes) spricht.
    Faszinierend die Beschreibungen der Übergänge vom Wachen in den Schlaf und umgekehrt. Der Schlaf sei Zustand und Zeit von ‚Abwesenheit’ – aber welcher? Die Bilder/Szenen im Schlaf nennen wir Traum. Vom Ich im Traum ist kaum die Rede, seltsam. Der Erzähler beschreibt den Schlaf (besser: Traum) als Ort/Sphäre der Vermischung und Vertauschung, auch der Konfrontation (Frau/Mann > „androgyn“; Dinge/Belebtes/Menschen; Freunde/Feinde), in einer weiteren Reflexion: als der „Zeit“ enthoben. Im Schlaf/Traum ‚erleben’ wir Leiden und (sexuelle) Lust. Was ihn beschäftigt, ist der unklare Ich-Zustand („niemand“) im Erwachen. Ihm ist zwar klar, dass Bewusstsein, Gedächtnis und auch Erinnerung ans Wachsein gebunden sind, aber das „Meer“ Schlaf trage der „Halbinsel“ Leben ein ‚tiefere Wahrheit’ zu, eben die Potenzen aller Ich-Vertauschtheit und - Impulse fürs Erinnern.

  130. 970.

    Was für eine faszinierende Passage über die eigene Welt des Schlafs und den Moment des Erwachens beschreibt der Erzähler am Ende der Woche. Ich bin berührt und begeistert ob dieser phantasievollen Bilder, die treffender nicht sein könnten.

  131. 969.

    Lesung heute: eine Gelenkstelle des Romans?
    Proust nimmt das Thema ‚Wachen-Schlaf-Traum’ wieder auf. Im Doncières-Kapitel (Guermantes-I) hatte der Erzähler bereits über die Arten des Schlafes und das Aufwachen reflektiert und andere, aber ähnliche Metaphern zur Veranschaulichung gefunden. Einmal hieß es: „Ich erzähle das, weil man das Leben der Menschen nicht richtig beschreiben kann, wenn man es nicht auch in den Schlummer hinein verfolgt, von dem es Nacht für Nacht umspült wird wie eine Halbinsel vom Meer.“ Am Ende ging es um die „Drehscheibe des Erwachens“.
    In „La Raspelière“ war es dem Buffo-Paar Cottard vorbehalten, die Phänomene des Nickerchens nach guter Mahlzeit durchzuspielen. Dem Erzähler kam es so vor, als führten Voreingenommenheit und Interesse durchaus (Teil-)Regie bis ins Schlafverhalten der Arzt-Gattin hinein.
    Die wechselseitige Durchlässigkeit der „Wohnungen“ Wachsein und Schlaf wurde bereits im Hotelzimmer von Doncières intensiv beleuchtet.

  132. 968.

    III ‚Funktion’
    5) Die gesamte Szenerie im Salon erweckt den Eindruck, dass das ‚beabsichtigte Thema’ noch aufgeschoben wird. Zunächst nur Ambiente und Kulisse, gesellschaftliche Atmosphäre, Denk- und Redestereotype.
    6) Das ‚beabsichtigte Thema’? Wahrscheinlich das in der Szene Lauernde, eben ‚Sodom und Gomorra’, angedeutet in den Momenten, in denen Morel (> Charlus) und Albertine (> Erzähler) in den Blick geraten.
    7) Wichtig scheint Proust die Form zu sein: a) die erzählerische Zwischenphase eines ‚Anlaufens’ - ein ‚Durchatmen’ und ‚Aufsaugen’ von ‚Roh-Stoff’; b) in der sensiblen ‚Wiedergabe’ der Gespräche Darbietung einer ‚Tonkunst’ - Aufklingenlassen einer ‚Welt’, die sich ‚selbst aussprechen’, kenntlich werden soll (die Sprache verrät unmittelbar, was ein Kommentar nur umschreiben würde).

  133. 967.

    ... das groteske Pärchen mit den schief-starren Gesichtern - ein sprechendes Doppelbild.

    II Erzähler und Autor
    3) Der Erzähler lässt diese Gesellschaft als Reigen von Egoisten und Nervösen, voller Selbstbezüglichkeiten und Täuschungen vorüberziehen. Als Beobachter wahrt er Distanz und Ironie (dank der Hintergrundregie des Autors, der die Blickrichtungen steuert, indem er die Spiegel der Betrachtung ständig umarrangiert).
    4) Daneben Einschübe der Ernsthaftigkeit, den Erzähler betreffend – aber springend zwischen Erleben und Kommentar.
    E. bleibt s e i n e r Perspektive treu (die Tiefenschichten von Natur, Gesellschaft, Kunst wahrnehmen und in Bilder/Szenen transplantieren): siehe seinen Enthusiasmus (Höhenlage La Raspelière) , sein Kunst-Credo (Elstirs „innerer Garten“) - dazu der Blick auf die drei Adjektive der alten Mme Cambremer: ihr „Diminuendo“ als eigentümliche Vertikale der Umwertung - vgl. den Blick von der Höhe aufs Meer: Gletscher statt Gebirge.
    ...

  134. 966.

    Anmerkungen zum Roman-Abschnitt „La Raspelière“/ Mittwochskreis
    I Schauplatz
    1) Das Landhaus als Objekt der Rivalität zweier sozialer Aufsteigertypen (Mmes Cambremer-Legrandin u. Verdurin). Der „kleine Kreis“ der Verdurins muss beim Aufeinandertreffen mit den Cambremers und dem Neu-Gast Charlus die Rangordnung für den Abend neu ausfechten. Morel das heimliches Epizentrum.
    Dem Salon für ‚Progressivität’ wird der Spiegel vorgehalten, die Protagonisten selber in dauernder Spiegelfechterei und Ausstecherei, allg. Imponiergehabe. Jeder hat, wenn er seinen Nachbarn anspricht, zugleich andere im Visier.

    2) Facetten von Komik, Ironie; Satire bis hin zur Groteske in Proust’scher Kleinzeichnung:
    Zum Repertoire gehören Hampelmänner und bunte Hunde wie Saniette, Ski und der Norweger; Brichot und Cottard als Fermente der Unterhaltung. Alle wollen Treffer landen, den nächsten Stich machen usw.
    Großartig übrigens Mme V. und Marquis C. als ...

  135. 964.

    Jetzt reicht's mir für ein paar Tage (mindestens).

  136. 963.

    ... macht's Proust eben mit Haken und Ösen: Er lässt den Erzähler 'mitschwinmen' (Tischgespräche) und zugleich am 'Ufer' stehen. Involvierter und Beobachter - Dilemma oder Problem?
    Ich lese fragend so mit: (wie) passt's zusammen?

  137. 962.

    Also beharrlich mein alter Punkt: die Figur des Erzählers. Wie glaubwürdig?
    Auch wenn wir uns (vgl. Nr. 944) dem großen Fluss genießend überlassen wollen, ...

  138. 961.

    Donnerstag - Der Gesprächsfluss wird abgelöst durch Passagen nicht nur der Beobachtung, auch der Kommentierung (aus Distanz!) so v.a. über Charlus. Der Erzähler taxiert aufs intensivste den „Invertierten“ – so bohrend-wissend, dass ich mich frage, woher diese Erfahrung kommt. Dann springt er scheinbar wieder ins Gespräch und lässt doppeldeutig mit sich und seinen Erstickungsanfällen spielen.

  139. 960.

    ... tut mir leid - liefere notgedrungen Bruchstücke
    Freitag - Abgründige Komik pur, Proust schaut den Herrschaften aufs Maul. Und der Erzähler: mit am Tisch und als Beobachter am Rand. Frei von Erstickungsanfällen quält er sich mit Aussichten auf Verlobung und Heirat, das hörnchentunkende Kind sieht die Last des Erwachsenseins vor sich.

  140. 959.

    Unter den humoristischen Kabinettstückchen grandios die Beschreibung des Marquis Cambremer mit Augen und Nase vom Cotentin. Proust zieht bei der Charakterisierung der Protagonisten seine Landschaftsregister. Nebenbei reibt er uns eine ‚Theorie’ der Verwurzelung menschlicher Eigenheiten (ironisch) unter die Nase.

  141. 958.

    ... wieder blockiert ... rbb liest mit? und meldet sich eventuell?

  142. 957.

    Ortsnamenkunde doppelsinnig: einerseits Gesellschaftsspiel für die Geladenen, ob adlig oder bürgerlich, Stoff für wetteifernden small talk. Was steckt dahinter, täuschen Namen, wer dominiert beim richtigen Benennen? Schein und Oberfläche, Eitelkeit und Ambition regieren Tischgespräch und soziales Gebaren; man will einander ausstechen, übertrumpfen. Vor allem in Fragen von Geschmack und Distinktion. So ist die ‚Etymologie’ willkommener Zeitvertreib, unverbindlich durchzuspielen, was man meidet offen auszusprechen: dass der Schein zu wahren ist und dass der Schein trügt. Für den Erzähler aber zählt der Blick auf Geschichte und richtiges Benennen tatsächlich. Es ist ihm ernst, ihn interessieren Herkunft und Wandel.

  143. 956.

    Meine Kommentare (Größe unter 500 Z.) werden nicht angenommen - "wegen technischer Probleme" ...

  144. 955.

    Ich bin froh, dass Sie auf die Blicke aufs Meer bei der Ankunft in La Raspeliere hingewiesen haben. Mir fiel vor allem auf, wie er unmittelbar nach der Beschreibung der Horizontverschiebungen (horizontal/vertikal etc) an den Getreuen und Gästen der Verdurins vorführt, dass sich diese Perspektivverschiebung in der (gegenseitigen) Einschätzung der Personen spiegelt: je nach gesellschaftlichem Milieu (und alle beschriebenen sind auf ihre Weise ‚borniert‘) können diametral entgegengesetzte z.T. absurde (Fehl)einschätzungen entstehen. Ist das nicht heute auch so? Da genaue Beobachtung durch die normale Hektik unseres Alltags kaum mehr möglich ist, werden Menschen sogar noch schneller eingetütet und etikettiert, oft ihren Masken entsprechend, ebenso oft durch vermeintliche Demaskierung. In den letzten Folgen gab es außerdem Bedenkenswertes zur Neigung, sich selbst zu belügen.

  145. 954.

    "Fehler: Leider konnte Ihr Kommentar wegen technischer Probleme nicht erfasst werden. "

    Wer hat beim rbb den Schraubenzieher, der die Blockade löst ?

  146. 953.

    Fazit: nur Kürzest-Texte werden transportiert - schade ...

  147. 952.

    ... letzter Versuch heute ...

  148. 951.

    Die Kommentar-Eingabe wird immer noch blockiert ...

  149. 950.

    ... technische Probleme ? ...

  150. 949.

    ... der Höhendistanz könnte auch heißen, dass man aus größerer Fallhöhe manches besser erkennt oder gezeigt bekommt, wenn man sich Zeit nimmt für den Raum. Proust gibt uns einmal mehr eine ‚Seelen-Körper-Schilderung’: Anspielung auch auf oder gar Chiffre für den Wandel von Emotion und Perspektive beim/im Betrachten und Erleben: unstete Welt- und Ichbewältigung. Wiederum Wassermetaphorik wie bei H. Roberts Springbrunnen. - Es knistert im ‚kleinen Kreis’. -

    Frage: Hat schon jemand im Forum auf Thomas Manns ‚Zauberberg’ hingewiesen? Der Blick 'von da oben' ist wahrlich nur eine von unendlichen Vergleichsmöglichkeiten der Romane beider Autoren.

  151. 948.

    Blicke aufs Meer von der Steilküste. Bester Proust. So wird auch klar, dass das Gespann Cottard/Brichot zuvor im Kleinbahn-Talk ‚Botenstoff’ geliefert hat: Proust hat augenscheinlich so etwas wie eine erzählerische ‚Topographie’ im Sinn, die den jeweiligen Ort des sozialen Geschehens - der eitlen Soiree-Gespräche, Rivalitäten und erotischen Ambitionen – in ihren Tiefenschichten ausmisst oder tiefenscharf ausleuchtet. In den Ortsnamen liegt verborgen das Geheimnis der ursprünglichen Besiedlung, Beherrschung, Meisterung, Zivilisierung, Zähmung von N a t u r . Ihre elementare
    B e n e n n u n g und G e s c h i c h t e also. [Nebenbei werden „Irrtümer“ (des Pfarrers) von Combray korrigiert.]
    Das führt hin zum Halt auf dem Höhenzug von „La Raspelière“ und liefert dem Erzähler eine „Reliefkarte“ zu einem neuen verstehenden Wahrnehmen und Genießen der Tiefen-/Höhen- S c h i c h t e n der ‚malerischen Natur’, einer Zwienatur - des Land-Meer-Doppelkörpers. Der Blick aus ..

  152. 947.

    Guter Wedding, schlechter Wedding, schlechter Proust, guter Proust – ja, irgendwann endet des Sängers Höflichkeits-Schweigen.
    Bin nach Tagen einer ausgesprochenen Lektüreunlust erst gestern wieder ‚animiert’ worden. Denn wie war’s: Noch ne Soiree, absehbar im Zeichen der Rivalität der Cambremer/Verdurin, und die Kleinbahn dorthin mit skurrilem Personal. Und heute wieder ein G’schmäckle, das ja keineswegs von Charlus ausgeht, sondern - pardon! - vom Erzähler. Proust hält ihn knapp über Wasser, belastet sein Kommentieren mit der Rolle/Pose des unbedingten Frauenliebhabers oder Heiratskandidaten; ich frage mich, wann er ihm den Rettungsring zuwirft, damit er nicht in Un- oder Halbehrlichkeit untergeht. –
    Gestern endlich richtig guter Proust (damit meine ich nicht, was Frau Anselm zu Recht hervorhebt: Proust als Komödiant der Eitelkeiten und als begnadeter Parodist): Ich habe im Blick – vielleicht schon ein erster Rettungsring - die kurze Passage der Naturschilderung: ...

  153. 946.

    Schön, dass Sie aus der Reserve treten, Herr Buchwald. Ihre Devise ‚Amüsieren statt Enervieren’ ist wahrscheinlich die gesündeste bei einem 4000-Seiter. Und ein deutliches Lob für die Kolumnen von Frau Anselm ist auch angebracht.

    Das Déjeuner sur lit mit Hörnchentunken im Beisein von zwei Frauen hat auch mich amüsiert. Die ‚Genreszene’ ist ganz sicher eine selbstironische Hommage Prousts an die wirkliche Céleste Albaret (seine Haushälterin). Hebel würde noch sagen: Merke, Proust wählt für die Charakterisierung seines Erzählers den Umweg solcher Parodie. Hier ist der junge Mann nicht der vorgebliche Frauenliebhaber, sondern das Kind, das zu stolz ist, einen Latz im Bett zu tragen. – Zu Tropfen und Fluss finden Sie unten (Nr.947f) was. -
    Gruß auch an Herrn Stellmann, der wieder kämpferisch hervortritt, danke. Ich kann mir nicht verkneifen, zu verraten, dass mit der „Papier-Welt“ ganz bestimmt nicht der Proust-Roman gemeint war. - Schön, dass ein paar Tage Schweigen Wirkung zeigt.

  154. 944.

    Ich war amüsiert, ja, begeistert über die Schilderung der beiden Schwestern, die den Protagonisten beim Frühstück im Hotelbett begleiten. Die Beschreibung des kleinen Vögelchens, das und wie es sein Hörnchen in die Milch tunkt, war besser als Film! Und alles nur wörtliche Rede!
    Natürlich fragt sich, standen dem Autor Notizen zur Verfügung? Doch kein Handbuch, kein Forschen.
    Frau Anselm, die mich auf diesen rbb-Seiten stets über Wasser gehalten hat, wenn die sonstige Kommentar-Lektüre doch gar zu enervierend war, hat recht!
    Panta Rhei, auch der Matic-Proust.
    Ich muss nicht die molekulare Struktur jedes Tropfens wissen, der vorüberzieht. Lieber den großen Fluss in seiner Gesamtheit genießen,,,

  155. 943.

    Doris Anselm hat in ihrer Kolumne heute die These aufgestellt: Wer diesen Roman verstehen will, benötigt paradoxerweise auch den Mut zum Nicht-Lesen. Also zur Flüchtigkeit, zum Ignorieren und zur Wissenslücke. Ist das so? Vielleicht ist für einige auch gerade die Zeit, zum Nicht-Kommentieren - wir hoffen aber, Sie sind weiterhin dabei! Und haben bald auch wieder Lust und Muße zum Austausch.

  156. 942.

    Was los hier?
    Klemmt etwa die Taste "Anführungszeichen"???
    Dann verstehe ich das Schweigen natürlich.
    Ein Mangel an Deutungen, Reflexionen, Impressionen, gegenseitiger Beweihräucherung etc pp kann es jedenfalls nicht sein...

  157. 941.

    ... Opernführers; ich hab die Oper noch nie selbst gesehen).

    Übrigens, in puncto Eifersucht ist mir die Häufung der Vorankündigungen im Text aufgefallen (kluge Entscheidung?) und dann diese Bemerkung des Erzählers zu Albertines ‚Geheimnis’: Sie „hing doch an mir, auf eine Weise sogar, dass jene andere Person gewiss eifersüchtiger war als ich“.
    Und der Laster-Vergleich Albertine-Odette (Kokotte) scheint mir ziemlich hergeholt/konstruiert zu sein. Für mich zwei Signale der Eigenliebe des Erzählers mit ihren Windungen zwecks Selbstrechtfertigung.

  158. 940.

    Danke, Frau Windeck, für Ihren Kommentar. Meine ‚Deckmantel-These’ möchte ich gern so stehen lassen, ich weiß selbst, dass ich (in Unkenntnis der weiteren Romanteile) mit dieser Äußerung ‚unabgesichert’ formuliert habe – aber es musste einfach sein!
    Beim ‚Betriebsgeheimnis’ bin ich lernwillig, Sie schreiben, was es nicht sei - aber worauf bezieht es sich denn? Bin ratlos - ich weiß, dass R. Safranski den Begriff auch angewendet hat auf seine Bücher über Heidegger, Nietzsche und Schiller. Es war bei ihm (auch bei mir, siehe Nr. 930/931) nie bezogen auf die Person des Autors, sondern auf das Werk und meinte so etwas wie die ‚innere Uhr’ des Werks oder: wie ‚das System tickt’.

    Zu Debussys P&M: hatte die ‚Männerperspektive’ vor Augen; Eifersucht – natürlich, ja! allerdings maskuline Gewalt/Zartheit als konstitut. Doppel-Momente, übrigens verteilt auf beide Personen (Golaud/Pelléas) – und gegenüber einer Frau‚ deren ‚Geheimnis’ ausstrahlt (abgeleitet aus den Infos meines ...

  159. 939.

    mit der Literatur der deutschen Romantik. Der Begriff bezieht sich nicht auf die Psychologie eines Autors, noch weniger auf seine Biographie. – Prousts homoerotische Neigungen sind bekannt und waren es schon damals, als solches ‚Wissen‘ uneingestanden bleiben musste und ein Höchstmaß an Umsicht und Diskretion erforderte. Die daraus resultierenden (mutmaßlichen)Mystifikationen, denen Sie mit viel Einfühlungsvermögen im Text nachspüren, sind allenfalls ein ‚halboffenes‘ Geheimnis. Ich halte Ihre Beobachtungen für wichtig; ob sie für das Verständnis der Recherche grundlegend sind, lässt sich noch nicht beurteilen. 936: Sie vermuten richtig: ‚Gilberte‘ und ‚Albertine‘ sind aus männlichen Vornamen abgeleitet; die weiblichen Formen existieren, sind aber selten.

  160. 938.

    Ihren Ausführungen zu ‚Sappho‘ und den anschließenden Sequenzen folge ich gern, auch der Art, wie Sie Meeres- und Wellenmetaphern zu einem Bildgewebe verknüpfen und Seelenlandschaften darin erkennen. -Pelléas und Mélisande würde ich unter anderen Stichworten behandeln als „Traum und Trauma“(bisschen platt?)oder „Frauenrätsel“. Wie in der Genoveva-Legende spielt in dem Drama (und Debussys Oper) mörderische Eifersucht eine Rolle.- Ihre „Deckmantel“-These kann ich zwar nachvollziehen, sie geht mir aber in Ihrer Deutung derzeit zu weit über den Text hinaus. – Zu Ihrer früher gestellten Frage: nein,wir rühren bisher an keinerlei ‚Betriebsgeheimnis‘. Offenbar ist es mir damals nicht gelungen, den Riesenirrtum auszuräumen, der bei Ihnen entstanden ist. R. Safranski verwendet den business term im Zusammenhang …

  161. 937.

    ... auf sich selbst. Er kann und will sie nicht missen, gerade w e i l sie eine ‚Sappho’ ist. Und weil er selbst empfänglich ist und Teil hat an diesem ‚Meer’. All das ist bereits ausgesprochen in den zahlreichen Meeres- und Wellenbildern. Das Verdammen des Lasters (‚Gomorra’) hat wahrscheinlich zwei Funktionen: das Wahren gesellschaftlicher Konventionen und Prätentionen einerseits und damit zweitens die Möglichkeit/das (uneingestandene) Begehren, unter diesem Deckmantel als Mann eine Frau zu ‚besitzen’, die sich lieben lässt und liebt, als liebte sie eine Frau.

  162. 936.

    ... sie rings umfluten wie die Woge, die sich an den Felsen bricht“. Das wird ausgesprochen in einer Szene, in der von Argwohn, Schmerz und Leiden wiederholt die Rede ist. Zugleich aber inszeniert das erzählende Ich eine Art Verhör- und Vexierspiel mit dem Hebel einer angeblichen Liebe zu Andrée, Lüge für Lüge, um „von neuem das Heft in die Hand zu bekommen und Ansehen und Übergewicht wieder zurückzugewinnen“. Eine Machtäußerung - die sodann explizit bezogen wird auf „Wesen, die sich analysieren, ohne von sich selbst sehr überzeugt zu sein,“ – doch die gerade dem Ziel dienen soll, die Rolle des Taktgebers für „meine zärtlicher Liebe zu ihr“ zu behaupten. -
    Albertine (weibliche Ableitung eines Männernamens?) sagt im Trotz, sie wolle sich ins Meer stürzen. Cottards Verdikt steckt dem Erzähler in den Knochen, und er assoziiert spontan die Sappho. Ich lese das so: Der Erzähler glaubt Cottards Schlussfolgerung (Lesbos-Liebe/Sappho), er spürt in sich die Anziehungskraft Albertines ...

  163. 935.

    ... „Zauber“, in einer Stimmung „voll verfrühter Wärme“ des Morgens, da die Stimmen und Geräusche „in verschlungenen Flammenlinien den glühenden Strand ausmalten“ – „während das sanft heranflutende Meer, bei jeder Welle, die sich am Ufer hingleitend brach ...“ usw. Ich denke, man kann es gar nicht überlesen, dass hier ‚Seelenbilder’ geliefert werden sollen. -
    Der Erzähler kämpft mit den Taktschlägen des Schmerzes (Großmutter) und seines Verlangens „nach Glück“. Er versucht sich vom Verlangen abzulenken ausgerechnet dadurch, dass er vom Fenster aus „das Meer jenes Tages“ betrachtet; er entdeckt das Unstete: „wechselten die Meere von einem Tag zum andern“; sogar das Bettzeug nimmt für ihn Wellenformen an. In der Konfrontation mit A. schließlich werden Flut und Ebbe zu Bildern für einen „Zweitaktrhythmus“ oder „Doppelrhythmus“ von ‚Liebhabern’, die sich unsicher sind und spüren, dass ihre „Gefühle“ die „geliebte Frau“ allenfalls „zuweilen mit kleinem Wellenschlag berühren, oder ...

  164. 934.

    Degas mit seinen Herzflimmerbildern aus dem Milieu der jungen Tänzerinnen verehre Poussin, der wie Racine fürs Theater klassisch-antike Kompositionen ‚rational’ neu erschuf. Der Erzähler selbst hatte die „Schar von Zimmermädchen und privaten Jungfern“ in den Hotelkorridoren Balbecs mit einem „Panathenäenzug“ verglichen - Proust lässt des Erzählers Assoziationen periodisch auf antike Skulpturen zulaufen, einen ‚festen Hafen’ finden. -
    Ja, Meeres- und Wellenmetaphorik unterlegt die gesamte Szenenfolge mit Bildern von Ebbe und Flut, Rhythmen des sanften Zulaufens oder wilden Anbrandens oder des weiten, farbigen Himmels darüber oder eines offenen Horizonts, auf dem Schiffe fahren – was in optischer Täuschung so erscheinen könne, als vertauschten sich Wasser und Land. So wie in „magdlicher Frauenschönheit“ die Zimmermädchen „sich schön vor dem Meer ausnahmen“, imaginiert der Erzähler Albertine und ihre Freundinnen: „junge Mädchen, die sich von dem bewegten Meer abhoben“, empfunden als ...

  165. 933.

    Die Albertine-Szenen (Lesung dieser Woche): Irgendwann fällt das Schlüsselwort, angeblich absichtslos hingeworfen: „Sappho“.
    Immer wieder hat sich der Erzähler vorgestellt als Liebhaber der Frauen, in Balbec ist er sich diesmal sicher, reichlich „Damenbekanntschaften“ zu machen, er zählt die Häupter seiner Lieben aus der „Schar“ der Mädchen schon ab usw. Zuweilen ist ihm unbehaglich, und er imaginiert die „unbekannten Frauen“ in den Hotels oder Kasinos als „Polypenknäuel“. Wenn er sich so beschreibt, ist er ganz „Gesellschaftsmensch“, wie charakterisiert in „Guermantes“. Selbstinszenierung dominiert auch sein Verhalten gegenüber den Damen Cambremer, vor ihnen und dem Anwalt kann er, in solchen Intermezzi voller Persiflage, seine Überlegenheit in Sachen Musik und Malerei ausspielen. Subtil und anspielungsreich aber auch hier die verhandelten Themen: Das Gespräch über Pelleas und Melisande spielt an auf Traum und Trauma, maskuline Gewalt oder Zartheit und v.a. auf ‚Frauenrätsel’. ...

  166. 932.

    Ein Forum wie dieses lebt von Kontroversen; ohne sie kämen wir in unseren Überlegungen kaum einen Schritt weiter. Dabei geht es mir nie ums ‚Rechtbehalten‘, und ich glaube, auch Ihnen nicht. Meine Einwände und Anmerkungen finde ich in Ihre Präzisierungen einbezogen und produktiv weitergeführt, ergänzt um die wesentliche Beobachtung, dass „Spontanreflexe“ und „reflektierte“ Reaktionen sich auch in Prousts „mäandernden Sprachgetümen“ widerspiegeln. Die ursprüngliche Kontroverse ist – so scheint es- in einer umfassenden und übergreifenden Synthese aufgehoben. Beide Lesarten (‚bewahrt sein‘ und ‚gegenstandslos werden‘) sind hier gleichermaßen möglich und gültig. Ich bin nicht kombattant genug gesinnt, um mich darüber nicht zu freuen – bis zur nächsten Kontroverse, versteht sich :-)

  167. 931.

    ... dass im übergreifenden Kontext des Erzählten, in der Abfolge des permanenten ‚Verlangens nach Frauen’, in den (Guermantes-)Soirees der Gastgeberinnen (!), mit der Klassifizierung der Salons und der Frauen usw. die Filigranbeschreibung (s.o.) auch dazu dient, eine Kulisse von Maskulinität und Sensibilität zu entwerfen, die (zunächst?) weniger offenbart als verbirgt. Selbstbeobachtung, Selbstrechtfertigung, Selbstverbergung, Leiden?

  168. 930.

    Diskutieren wir bereits Aspekte des Proust’schen ‚Betriebsgeheimnisses’?
    Auf der ‚Mikroebene’ die überraschenden Taktschläge, die unbewusst-spontanen Intermittenzen, Aus- und Einsetzer des ‚Herzens’, deren Wirken im Gleichzeitigkeits-Rhythmus von Auslösen und Widerfahren gespürt wird und als solche - wie Prousts Erzähler betont – erst „verstanden“ werden, wenn Denken hinzutritt, die unbewusst-oszillierende Binnenbewegung als Schmerz oder Lust auch 'bewusst' wird. Auf den jeweiligen Moment scheinbar fixiert, bilden sie gleichsam die Moleküle der Wahr-Nehmung. In Wirklichkeit schreitet die Zeit fort und diese ‚Moleküle’ tragen und treiben das wollende, verlangende, begehrende Ich. - Dies mein Angebot zur ‚Deutung’ heute. Und für morgen: Wird auch so erzählt über die ‚Liebe’ zu Albertine? –
    Mehr zum ‚Betriebsgeheimnis’: Ich habe den wachsenden Verdacht, ...

  169. 929.

    zu 928:
    das "nicht" vor "(zeitgleich)" ist selbstverständlich zu streichen - keine doppelte Verneinung!

  170. 928.

    ... nicht (zeitlich) zu trennen ist, sowie die anschließende und in der Erinnerung miterlebte (nachträgliche) Reflexion. Missverständlich habe ich mich offenbar ausgedrückt hinsichtlich des „intermittierenden Dagegenhaltens“; damit meinte ich nicht einen bewussten , sondern einen Spontanprozess, der allerdings nicht zuletzt aus dem (elementaren) Bedürfnis, Recht zu behalten (‚Rechtfertigung’), im nachhinein rationalisiert werden dürfte. Es gehört zur literarischen ‚Verarbeitung der Erinnerung’, dass in der Erzählung die ‚Schicht’ des Unbewusst-Spontanen des jeweiligen Erlebens durch den Erzähler überwölbt wird durch alles, was nachträglich dazukommt. Er erzählt zurückblickend – und konstruiert seine Geschichte dementsprechend. Nochmal: von den Intermittenzen zur Recherche.

  171. 927.

    ...überzeugend „Auslösen und Widerfahren“. Also kein zeitliches Nacheinander des komplexen Phänomens/Symptoms. Im Roman nun geht Proust, weil er das Gleichzeitige nur nacheinander erzählen/beschreiben kann und will, noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass er die Momente des Auslösens und des Widerfahrens (nacheinander und wechselseitig) in Beziehung setzt, er fügt noch ein drittes Moment hinzu (das man z.T. meinetwegen noch dem Widerfahren zuschlagen könnte*): Ich meine das Moment der ‚Verarbeitung’ der Erregung, des Schocks - ebenfalls resultierend aus der Selbstbeobachtung. Er unterscheidet dabei emotionale *Spontanreflexe auf die Situation (zeitgleich!) und reflektierte, intentionale Reaktionen, die sich entwickeln können. Die mäandernd ausgreifenden Satzgetüme sind ein sprechendes Beispiel dafür. Wenn ich im Bild des Taktgebens bleiben darf: Die Satzfolgen Prousts versuchen einzufangen, was gleichzeitig passiert: das wechselseitige mehrfache Taktgeben, das eben nicht ...

  172. 926.

    Liebe Frau Windeck, ich gebe mich noch nicht ‚geschlagen’. Die Wortwahl, mit der Sie meine Idee argumentativ für schwer haltbar erklären, leitet sogar Wasser auf meine Mühlen, denke ich. Im Französischen ist der Doppelmodus oder Schwebezustand von Aktiv/Passiv (der auch in der lat. Wurzel als doppelt existierte) im Begriff „intermittence“ zu einer ‚oszillierenden Gleichzeitigkeit’ geronnen; auch wohl im Partizip. Genau dies ist das Frappierende an der Wortwahl Prousts - nicht nur wegen der Fremdwort-Herleitung aus Medizin/Therapie (Fachterminus). Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist die - von der lat. Herleitung begründbare – R e s u l t a n t e einer ‚Binnenbewegung’, die wir uns unter der „intermittence“ (die ja die lat. Wortwurzel mitschleppt als frz. Vokabel) vorstellen sollten.
    Nach meiner Auffassung macht Proust nun folgendes: Aus Selbstbeobachtung leitet er ab, dass die Erschütterung, die ‚Aussetzer des Herzens’, eine zusammengesetzte Sache sind. Sie nennen es ...

  173. 925.

    …bringen, wie wir gesehen haben. An anderen Stellen der Recherche dagegen gibt es die von Ihnen gewünschte Trennung sehr wohl, oft in Form des analysierenden, „taktgebenden“ Bewusstseins und der passiv erlebten bzw erlittenen Empfindung. Mitunter führt Proust dem Leser im Text (nicht anhand des Textes) geradezu vor, wie er dabei verfährt. Allerdings kommen die Worte „intermittences“ und „intermittent“ in diesen Passagen (auffallenderweise?) nicht vor.

  174. 924.

    …und in der grammatischen Form. Sofern das Konzept des Oszillierens zwischen Polen, zwischen Aus- und Wiedereinsetzen in Betracht kommt, ist die dazwischenliegende Zeitspanne zu kurz, um mit unseren Sinnen wahrgenommen zu werden. Dieser ‚Schwebezustand‘ ist nicht erfahrbar, wenn man ihn in einzelne Komponenten zerlegt. Eine Aufspaltung (z.B. in einen „intermittierenden Taktgeber“ und einen „intermittierend getroffenen“) ist demnach etwas, das Proust in diesem Zusammenhang vermeiden wollte.- Proust hatte kein elektrophysikalisches Modell im Kopf; er dachte bei „intermittences“ an Erscheinungen, die als Symptome bestimmter Krankheiten auftreten, an körperlich-seelische Anomalien und Ausnahmezustände, deren besonderes Merkmal eben ist, dass (bewusstes oder unbewusstes) ‚Auslösen‘ und ‚Widerfahren‘ ununterscheidbar sind. Solche Ausnahmezustände können „umstürzende“ Erfahrungen mit sich…

  175. 923.

    Bei Ihren altphilologischen Studien übersehen Sie, dass Proust ausschließlich das Substantiv pl und das Partizip verwendet. Über andere Formen verfügt das Französische nicht. Nicht alle aus dem lateinischen Wortstamm herzuleitenden Konnotationen haben eine französische Entsprechung. Das Partizip enthält gleichzeitig einen „Aktiv“- und einen „Passiv“-Aspekt, wenn man so will; sie existieren simultan und sind nicht voneinander zu trennen. Die Option eines „entweder/oder“ bzw eines zeitlichen Nacheinanders besteht nicht. Semantisch drücken beide (Substantiv und Partizip) einen Schwebezustand aus. Unter sprachlogischen Gesichtspunkten ist Ihre Auslegung schwer haltbar, fürchte ich. Folgendes wiegt aber in meinen Augen weitaus schwerer: wir dürfen davon ausgehen, dass Proust diesen nicht eben naheliegenden Begriff bewusst gewählt hat, wohl auch in Hinblick auf die Ununterscheidbarkeit von „Aktiv“ und „Passiv“ auf der semantischen Ebene…

  176. 922.

    Genau können wir Prousts Beweggründe zwar nicht zurückverfolgen, aber ich glaube, Ihre Überlegungen treffen es ziemlich genau: das Interesse, den eigenen Regungen und Empfindungen auf den Grund zu gehen, führte ihn wohl dazu, sie systematisch zu untersuchen; daraus entstand seine Theorie der unwillkürlichen Erinnerung, die ein schrittweises Ordnen und Re-Konstruieren, ein „Wiederfinden“ ermöglichte. Diese Prinzipien haben sicher auch bei der Komposition der Recherche eine Rolle gespielt.

  177. 921.

    Um Prousts ursprüngliche Erwägung, „Les intermittences du coeur“ als Titel für den gesamten Romanzyklus zu wählen, in der richtigen Perspektive zu sehen, müssen wir berücksichtigen, dass er vermutlich zu keinem Zeitpunkt eine klare Vorstellung von dem Umfang hatte, den sein Werk schließlich annehmen würde. In unserer Lesefassung bezieht sich der Titel auf den zweiten Aufenthalt in Balbec (bis zum Ende des 1.Kapitels) und war mit der 19. Folge beendet.

  178. 920.

    ... „intermittence“ alles ‚bedeutet’. Dem Erzähler ist aufgetragen, sein Innen so gut wie möglich zu „verstehen“ und mitzuteilen. Und er arbeitet sich ab an dem Spannungsverhältnis zwischen dem Taktgeber, der ihn ‚will’kürlich intermittierend trifft (= unwillkürlich aus der Sicht des Ich) und der Anstrengung, als eigener, souveräner Taktgeber intermittierend dagegenzuhalten. –
    Wenn es angebracht sein sollte, auch die ‚Liebe’ im Modus von Intermittenz zu verstehen, dann würden dort wohl ebenso die A/P-Oszillationen für unsere Betrachtung relevant werden – und (was ich schon angedeutet habe) der Erzähler zu beobachten sein als ‚ intermittierender Taktgeber’, gerade auch im Hinblick auf das Bedürfnis nach ‚Rechtfertigung’ in den seelischen Konfliktlagen. - Intermittenz: ein Begriff mit Paradox-Potential, weil ja das Wort herumspielt mit schwer begreifbaren Phänomenen wie: dass etwas aussetzt, offen und leer bleibt (oder offen gehalten wird/werden soll/muss).

  179. 919.

    Wie so oft, sind es die Altphilologen, denen wir ein genaueres Verständnis unseres Wortschatzes verdanken. Also nochmal „intermittence“ – schlicht Unregelmäßigkeit, zunächst.
    In meinem Schulwörterbuch finde ich unter lat. „inter-mitto“ eine Reihe von ‚Übersetzungs’möglichkeiten, die den Konnotations- und damit auch Gefühls- und Erfahrungsraum des Wortes zum Ausdruck bringen [das alles im vorproust’schen steif-förmlichen Latein(!), unterschieden nach Aktiv/Passiv(-medial)]: dazwischen treten lassen (A), dazwischen liegen (P); dazwischen offen lassen (A), offen, leer dazwischenliegen (P); unterbrechen, einstellen unterlassen (A), zeitweilig aufhören, nachlassen, aussetzen (P); verstreichen lassen (A). –
    Bei Proust schwebt/oszilliert/pendelt das Bedeutungsspektrum in der Großmuttererinnerungsszene ständig zwischen dem Aktiv- und Passiv/Medial-Modus; anders: Satz für Satz schreiten in der nachschaffenden Denk- und Erzählbewegung das ab, was das Wort/der Begriff ...

  180. 918.

    Lieber Herr Reimann, ich freue mich, dass auch Sie diesen Passagen so große Bedeutung zumessen. Ihre Beobachtung, dass der Erzähler hier den Verlustschmerz nicht nur spürt, sondern „versteht“ und durch ihn verwandelt wird, scheint mir ebenso wichtig wie Ihr Hinweis auf seine Erkenntnis, dass Gegenwart und Tod der geliebten Person nicht außerhalb, sondern innerhalb des Ich liegen. Es ist die Großmutter als „Widerschein seines eigenen Gedankens“, die ‚gesundet‘. (pensée – das Denken; der Gedanke)

  181. 917.

    Zweiter Hauptpunkt, hervorgerufen durch das aktuelle Beispiel: Schmerz/Intermittenz bei Großmutter und Erzähler:
    Ich bin dankbar für das Beispiel: Die Trauer des Enkels schwächt sich ab, doch die Großmutter scheint sich zu entfernen ...

    Ist das Paradox der Ich-Form geschuldet? Weil sie den Primat der Ich-Perspektive auch in der ‚Gefühlswelt’ vorgibt? Und damit sowohl deren Dominanz als auch die (Deutungs-)Spielräume, die im Hinblick auf alle anderen Protagonisten zugestanden werden? Egal, ob es sich um Gefühle und Motive handelt oder gar um die ‚Rechtfertigung’ des eigenen Handelns? Haben wir hier gar einen Reflex von Egozentrik auf Seiten des Erzählers/Autors?

  182. 916.

    Wunderbar anregende Erläuterungen, Frau Windeck. Sie führen mich zu zwei Hauptfragen, die ich in extremer Verkürzung (sozusagen taufrisch-ungeschützt) hier anreißen möchte:
    (1) zum ‚Titelpaar’ Intermittences/Recherche: In welchem Verhältnis stehen die Teile/Seiten eigentlich zueinander?
    Mir scheint, bei a) den Aus- und Einsetzern des Herzens geht es um die spontanen, unkontrollierten Energie-, Gefühls- und Wahrnehmungsstöße (leiblich-unbewusst hervorgerufen) - hier steht der Erzähler/Autor vor seinen Rätseln; es ist wohl die Seite, wo Prousts Selbstbeobachtung die Zufuhr liefert.
    b) Die Recherche wiederum würde dann für das Moment des ‚bewussten Nachhineins’, des Schreibens, Konstruierens, Ordnens, Reflektierens – des Bauens und Schichtens (der Erinnerungen) zuständig sein. Proust hat sich wohl deshalb für den Titel „Recherche“ entschieden (?). Zumindest kann er eine Rolle einnehmen, die ihm ‚Macht’ über ein ‚Chaos’, die nun darstellbaren ‚Intermittenzen’ gibt ...

  183. 915.

    Haben wir an dieser Stelle eigentlich schon darauf hingewiesen, wie brisant und (im Licht jüngster Forschungsergebnisse der Neurobiologie) hochaktuell Prousts These der vom Bewusstsein unabhängigen „Vorab-Steuerung“ unserer Entscheidungen und Handlungen ist?

  184. 914.

    dem Begriff alle Beziehungen kennzeichnen, für die er das Wort „Liebe“ verwendet. Sie alle sind „intermittierend“ auf eine Weise, die der Erzähler trotz seiner Bemühungen, sie ‚rational‘ zu analysieren, nicht beeinflussen oder „verstehen“ kann, da sie ihre Ursache in Beweggründen haben, die tiefer liegen als die Regionen, zu denen das Bewusstsein hinabdringen kann (dargestellt und theoretisch reflektiert in „Im Schatten…“ und „Combray“). Als Titel für den gesamten Roman könnte man die „intermittences“ in Beziehung setzen zu den unbewussten, unvorhersagbaren Antriebskräften in uns, die in jedem Moment Art und Grad unserer Wahrnehmungsfähigkeit sowie unsere unwillkürlichen Assoziationen bestimmen, die Teil unseres ‚inneren Gefüges‘ sind. Ihre Wirkung folgt keinem für uns erkennbaren logischen oder chronologisch-linearen Prinzip, aber auf ihnen beruht unser inneres Wesen, meint Proust.

  185. 913.

    schwächer geworden ist. Anders als seine Mutter wird er sich der Toten nicht weiter anzuverwandeln suchen. Die Großmutter ist zu „einem Widerschein seines eigenen Denkens“ geworden. Auf der Handlungsebene darf man die „Herzsynkopen“, die die Großmutter im Hotel erleidet, als metaphorische Entsprechung der „intermittences“ lesen. Momente, in denen, oft ausgelöst von banalen Alltagshandlungen und Wahrnehmungen, der Herzschlag plötzlich zu stocken scheint und „vergessene“ Erlebnisse und Empfindungen ihn jäh überwältigen – vorläufig nehme ich an, dass sie es sind, die Proust als „intermittences du coeur“bezeichnet und die er für so viel wichtiger hält als Erfahrungen, die wir auf der ‚äußeren‘ linearen Zeitebene machen. Aber das ist nur eine Seite. Die Zuneigung, die er für Francoise empfindet, nennt der Erzähler (im selben Kapitel) „intermittente“ (dt. „…die manchmal versagte“). Mit gleichem Recht könnte er mit…

  186. 912.

    Soweit ich bisher sehe, sind die Überlegungen Prousts in „Les intermittences du coeur“ komplexer und weitreichender als die in „Combray“ dargelegte Theorie der Erinnerung und des Neu- und Wiedererschaffens. Hier werden Schlussfolgerungen nicht analytisch aus dem Erlebten abgeleitet, sondern durch das (Traum)-Geschehen selbst sichtbar gemacht; sie erschließen sich in dem, was (und wie) erzählt wird. Der Leser folgt der stufenweisen Wandlung der Großmutter in den Gedanken und Träumen des Erzählers; anfangs von allgegenwärtiger, übermächtiger Präsenz (er begegnet ihr als einem Wesen, das „er selbst ist“, und „mehr als er selbst“), verliert sie allmählich an ‚Eigenleben‘ und scheint nicht mehr ausschließlich auf den Erzähler bezogen. Während er versucht, ihren Schmerz empathisch nachzuerleben, scheint in paradoxer Umkehrung eher sie sich von ihm zu lösen als er von ihr. Am Ende der gestrigen Lesung stellte er fest, dass seine Trauer…

  187. 911.

    ... das Realitätsprinzip (tot ist tot), andererseits das väterliche Verstandeswort gegen das „umstürzende“ Trauern; der Vater will dem Sohn den Zugang versperren zum wahren Innern, wehrt dessen übersensible Empfindsamkeit ab: das „Adernetz der unterirdischen Stadt“, einen „Lethefluss“ tief in ihm, dessen „sechsfache“ Mäanderwindungen ein tröstliches Vergessen unmöglich zu machen scheinen.
    Ein Sturzbach der Tränen löst alles aus – wieder dürfen wir uns an die Chiffre des Springbrunnens erinnert fühlen. Dort hieß es u.a.: „Leider genügte ein Windstoß, um diese Säule schräg über den Boden hinfegen zu lassen; manchmal brach ein einzelner Strahl ungehorsam in einer anderen Richtung aus ...“ –

  188. 910.

    ... sich - dank der (toten ihm gegenwärtigen) Großmutter in ihm - sich selbst wiedergegeben. Ins Bewusstsein getreten, wird diese Erkenntnis (Resultat einer nachträglichen Denkbewegung) doppelt schmerzlich, weil der E. den Verlust- und Existenzschmerz nicht nur spürt, sondern ihn versteht. Die Erkenntnis hat den Erinnernden v e r w a n d e l t , ihn an die Schwelle einer ungeahnten „Wahrheit“ geführt, dass nämlich die unwillk. Erinnerung nicht nur das Glück erweiterten Lebens schenkt, sondern an den Tod (Schmerz) kettet. So heißt es auch, dass „der Tod selbst, die jähe Offenbarung des Todes“ die Doppelspur in ihn eingraviert, „eingegraben“, (ins Grab gesenkt) habe. [Ich wette, das neue Muster des Schmerzes, dieser Erkenntnis’baum’ wird den Erzähler weiter begleiten und spätere Erfahrungen dabei noch mehr ‚Ringe’ ansetzen.]–
    Dann folgen Schlaf und ein Traum, – in dem der Vater auftritt: Er versperrt dem Schmerzenssohn den Weg (zurück) zur Großmutter. Das ist einerseits ...

  189. 909.

    ... handelte sich damals um das G l ü c k der Erinnerung. -
    Hier nun eine umstürzende Erfahrung (aus seinem Körperinnern), die den Erzähler nötigt, „den Schmerz dieses Widerspruchs [„zwischen Nachleben und Nichts“ – unmittelbare Gegenwart und Tod der Großmutter] bewusst auf mich zu nehmen“, umstürzend deshalb, weil dieser Widerspruch nicht außerhalb des Ich liegt, sondern in ihm selbst.
    Proust ist diesen Punkt radikal angegangen: In „Welt der Guermantes“ folgte auf die Schilderung des Sterbens der Großmutter sofort das Umschalten auf die Stermaria/Albertine-Szenen - kein Trauern des Erzählers. Ich halte das inzwischen auch für ein erzählerisches Kalkül. Umso stärker wirkt jetzt der Einschnitt in Balbec. Das Aufwühlende betrifft das erzählende und erzählte Ich. Trauer, Schuldgefühl, Reue, Schmerz – all das existiert jetzt in ihm, der zugleich ganz der Enkelsohn seiner tröstenden Großmutter ist.
    Das eingangs Zitierte spitzt die Erfahrung der „Doppelspur“ zu: Das Ich hat ...

  190. 908.

    „Das Wesen, das mir zu Hilfe kam (...), war das gleiche, das mehrere Jahre zuvor (...), in einem Augenblick, da ich nichts mehr von mir besaß, eingetreten war und mich mir selbst wiedergegeben hatte, denn es war ich selbst und mehr als ich (...) und brachte mir dieses mein Ich zurück.“
    Ich will an Ihre Gedanken anschließen, Frau Windeck. Meines Erachtens geht es in dieser Balbec-Szene im Kern nicht um die Frage des ‚Vorrangs’ der unwillkürlichen Erinnerung, sondern um etwas anderes: um einen „tiefgreifenden Umsturz“, eine Verwandlung - anders: um das Auffinden einer „geheimnisvollen Doppelspur“.
    Proust erweitert und vertieft sein Verständnis des Effekts der unwillk. Erinnerung gegenüber der Madeleine-Episode. Jetzt ist es weit mehr als ein Hervortreten verschütteter, vergessener ‚Vergangenheit’ - mehr als eine Wiederauffüllung des Gedächtnisses, so dass die Tage von damals erzählt werden könnten. Was in „Combray“ ermöglicht wird, ist das Aufrufen eines ‚Ich von damals’. Es ...

  191. 907.

    Es ist eine zutreffende Beobachtung, dass Menschen, die eine geliebte Person durch den Tod verlieren (die Beziehung muss nicht so symbiotisch sein wie beim Erzähler), nach einer Zeit der Trauer den Verlust allmählich überwunden zu haben glauben, bis – nach Monaten oder Jahren- der Tod dieser Person sie wie aus dem Nichts überfällt als eine nicht „überlagerte“ Erinnerung, die als Erkenntnis erstmals ganz ins Bewusstsein dringt. Unter diesem Blickwinkel erscheint Prousts Behauptung vom Vorrang der unwillkürlichen Erinnerung beinahe plausibel.

  192. 906.

    … die nicht nur Teilaspekte betreffen und vielleicht von Belang sind. Unvermittelt erlebt der Erzähler die Anwesenheit der Großmutter, spürt ihre Gegenwart wie seine eigene (genauer: er spürt die eigene Gegenwart in ihr, die sie umfasst und enthält)) und wird- wie damals- sich selbst wiedergegeben. Gleichzeitig nimmt er das Wiederauftauchen verschiedener Stufen des Ichs seiner Kindheit wahr, die zeitversunken für ihn verloren waren. Er hat den Tod der Großmutter erlebt, hat um sie getrauert und sich an sie erinnert, doch vollzog sich dies auf der Ebene, die Proust zur verstandgeleiteten, willkürlichen Erinnerung rechnet, in der Wesentliches von Belanglosem überlagert wird. Erst jetzt, mit großem zeitlichen Abstand, bricht die ‚wahre‘ Erinnerung durch als leibhaftige Vergegenwärtigung nicht nur der Person der Verstorbenen, sondern der Lebensepoche, die der Erzähler hier mit ihr durchlebt hat; die Gegenwart erlischt. …

  193. 905.

    Im ersten Band versuchte der Erzähler, der außergewöhnlichen Empfindung, die der Geschmack der teegetränkten Madeleine in ihm auslöste, experimentell und systematisch auf den Grund zu gehen, bis die überdeutliche Erinnerung an nahezu alle Einzelheiten der alljährlich in Combray verbrachten Ferien jäh in ihm aufstieg. Die Schilderung dieser minutiösen Schilderungen faszinierte mich und andere Leser. Später, beim gedanklichen Nachvollziehen, erschienen mir einige der Schlussfolgerungen (v.a. der Vorrang der unwillkürlichen Erinnerung) fragwürdig. Ich verbuchte sie als Proustsche Grundaxiome, die ich kennen, aber nicht teilen muss, um die Recherche zu verstehen. Was dem Erzähler beim Ausziehen der Stiefel im Hotelzimmer in Balbec zustößt, hatte ich bisher in dem Sinn aufgefasst, wie es in „Combray“ beschrieben wird. Beim Lesen der Passagen, die zu den „intermittences du coeur“ gehören, sind mir erstmals Unterschiede aufgefallen,…

  194. 904.

    Frau Windeck hat uns vor ein paar Tagen schon auf die Großartigkeit der Proust-Lesung dieser Woche hingewiesen.
    Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele aus der Hörerschaft für dieses Forum einen Satz oder Satzteil auswählen würden, der ihnen besonders wichtig ist (so fragmenthaft die Auswahl auch jeweils erscheinen mag).
    Mein Satz: „An jene Schmerzen, so grausam sie waren, klammerte ich mich mit aller Macht, denn ich spürte, dass sie aus der Erinnerung hervorgingen, die ich von meiner Großmutter hatte, und der Beweis waren, dass diese Erinnerung wahrhaft in mir gegenwärtig sei.“

  195. 903.

    ... selber plötzlich hineingeworfen werden in die Trauer um seine Großmutter. Vielleicht auch, weil Swann ‚vorgearbeitet’ hat?

  196. 902.

    Auch ich finde es bedauerlich bis ärgerlich, dass seit geraumer Zeit so wenige am Forum aktiv beteiligt sind. Vielleicht würde ich ansonsten gelassener formuliert haben. Meine kritischen Anmerkungen sind offenbar über das Ziel hinausgeschossen, Frau Windeck, das tut mir leid.
    Ihre abschließende Formel vom „scheinbar domestizierten Dandy“ wirkte tatsächlich irritierend auf mich.

    Wenn Sie meine Gedanken zum Gewicht des Judentums Swanns teilen – für mich ein Aspekt der Rubrik Wesentliches - freut es mich. Mein Eindruck war, dass man mit dem „Dandy“ diese wesentliche Dimension des Romans verfehlen könnte. Wendungen wie Außenseitertum und jüdische Wurzeln umschreiben m.E. nicht hinreichend, was Swann am Ende seines Lebens umtreibt und was der Erzähler zu begreifen vermag. Der Erzähler erlebt binnen kurzer Zeit im Gegenüber mit dem Herzog und Swann bereits Extreme des Umgangs mit Tod und Trauer. Jetzt wird - so Frau Anselms Kolumne von heute – der Erzähler ...

  197. 901.

    Wenn wir hoffen und erwarten, dass andere Hörer unsere Kommentare überhaupt noch lesen, müssen wir uns, glaube ich, auf Wesentliches beschränken.

  198. 900.

    Mein Blick auf Swann ist weder einseitig, noch folgt er irgendeiner „traditionellen Deutung“. Meine Anmerkungen fassen rückblickend Aspekte zusammen, die in dieser Form im Forum noch nicht zur Sprache kamen. Auf Zusammenhänge Außenseitertum- jüdische Wurzeln haben Sie hingewiesen. Die Punkte, in denen ich Ihre Ansicht teile, brauche ich nicht bestätigend zu wiederholen. Zahlreiche weitere Facetten – Verhältnis zu den Verdurins und den Guermantes‘ (inklusive Baron de Charlus), Einstellung zu verschiedenen Lebensfragen, auffällige Parallelen zur’Liebespsychologie‘ des Erzählers etc wurden bereits besprochen, als wir die beiden ersten Bände hörten, und werden vorausgesetzt. Ihr Eindruck, ich würde Swann auf eine Fin-de-siècle-Figur reduzieren, ist unvollständig und trifft nicht zu.(Nebenbei: die Verkörperung eines Typus würde ich in einem Roman schwerlich als glaubwürdigen Charakter kennzeichnen.)

  199. 899.

    …in Vergegenwärtigungen, Träumen, Tagtraumvisionen zur Anschauung gebracht und entwickelt wird, war demnach für Proust überaus wichtig. Ich will möglichst nicht inhaltlich vorgreifen, bevor wir die wesentlichen Passagen gehört haben. Proust hat lange geschwankt, ob er seine aus Selbstbeobachtung gewonnenen Theorien zu verschiedenen Formen des Erinnerns und ihrer Rolle bei der Entstehung eines Kunstwerks in Form einer längeren Abhandlung oder in einem Roman darlegen sollte. An erster Stelle standen für ihn offenbar die Ergebnisse seiner Erfahrungen und Überlegungen. Das Erlebnis, von dem hier berichtet wird, ist zu unmittelbar, als dass er es wie in der Madeleine-Episode schrittweise zurückverfolgen könnte.

  200. 898.

    Eine Empfehlung für alle Hörer, die sich auch für die Theorien interessieren, die der Recherche zugrunde liegen: in der kommenden Woche fährt der Erzähler zum zweiten Mal nach Balbec. Allein im vom früheren Aufenthalt vertrauten Hotelzimmer, macht er eine grundstürzende Erfahrung, die an Intensität und Eindringlichkeit die berühmte Madeleine-Episode weit in den Schatten stellt. Der dt.Titel des Kapitels, „Anfälligkeiten des Herzens“, klingt vage; im frz. „Les intermittences du coeur“ ist etwas Präzises gemeint, das zeitweilige diskontinuierliche Aussetzen und Wiederkehren des Herzschlags.Der Begriff “intermittences“ wird im Allgemeinen auf Krankheitserscheinungen (z.B. Fieber) bezogen. Das ist deshalb von Bedeutung, weil „Les intermittences du coeur“ der ursprüngliche Titel ist,den Proust seinem Romanzyklus geben wollte; erst spät entschied er sich für „A la recherche du temps perdu“. Was in diesem (und folgenden) Kapiteln …

  201. 897.

    ... erzählten, erinnerten Lebens. Swann steht jedenfalls, denke ich, für e i n e n von zwei ‚Wegen’, aber nicht ausschließend, antithetisch: und der Erzähler steht nicht wie Herkules oder Wenzel Strapinski am Scheideweg zwischen Gut oder Böse, Richtig oder Falsch.

  202. 896.

    Eine Frage zu Swann:
    Könnte es sein, dass diese Figur Prousts - in traditioneller Deutung - als Verkörperung eines noblen „Dandy“ begriffen wird. Ich muss gestehen, ich halte das für eine problematische Fixierung auf die Typologie des ‚Fin de Siècle’.
    In der Sekundärliteratur kenne ich mich nicht aus, folge also nur (offene Flanke) meinen frischen Lese- und Höreindrücken. Auf Swanns Judentum habe ich schon mehrfach hingewiesen. Ich glaube nicht, dass ich übertreibe. Proust scheint mir in der Zeichnung dieses wichtigen Protagonisten seiner „Recherche“ mehr im Sinn gehabt zu haben als den Dandy- und Connaisseur-Typ. Er erspart Swann übrigens, den Weltkrieg erleben zu müssen. –
    Mitten im Roman-Zyklus angekommen, wirkt die Exposition in „Combray“ mit den beiden Seiten oder Richtungen der Spazierwege des Erzählers: nach der Seite zu Swann oder der Seite nach Guermantes wie ein thematischer Grundakkord (mehrtönig) oder wie eine vorweggenommene Vermessung der ‚Topologie’ des ...

  203. 895.

    ... den intensiven, fixierenden Monokelblick Swanns als Blick der Liebe wie auch des Abschieds; die ‚Komik’ ist von Proust in das Satyrspiel zur Tragik verlegt: mit Charlus und den Knaben aus dem Reich Balzacs und der göttlich-kurzsichtigen Epheben.
    Der Roman fixiert die Spannweite der Thematik und Motivik an fast beiläufigen Haltepunkten in archaischen Bildern: beim sterbenden Swann in einem assyrischen Tempelfries der Trauernden wie zuvor bei Saint-Loup in einem Reiterfries und bei Albertine im Fries der schreitenden Mädchen.

  204. 894.

    ... fast liebevoll erwähnt: „der tausend Meilen zurückgelegt hat, um zu uns zu kommen“) über seinen Tod hinaus seine Zugehörigkeit zur frz. Nation behaupten, seinen Beitrag als Mobilgardist im Krieg 1870 für immer gewürdigt wissen will. Er kämpfte und kämpft für die Assimilation des Judentums. Das hat den Zug zur Tragik. Der Erzähler entdeckt in diesem immer wieder unterbrochenen Gespräch Swanns „Gefühl moralischer Solidarität mit den anderen Juden“, die er „sein ganzen Leben lang vergessen zu haben schien“, das Wiederfinden („Recherche“!) einer verschütteten, ‚vergessenen’ tieferen Wahrheit, das man sowohl dem Erzähler als auch Swann selbst zuschreiben kann. –
    Noch eine Bemerkung zum Monokel: Das ‚Einglas’ als Motiv wird von Proust mehrfach eingesetzt, es kennzeichnet Saint-Loup als Herrenreiter und Bréauté-Consalvi als Snob. Bei Swann, schärfster Kontrast, verweist es auf ein Ideal, es meint den forschenden Blick auf die Wahrheit, auf Leben und Kunst. Ich empfinde ...

  205. 893.

    ... der von mir kommentierten Szene ist enorm; sie gipfelte für mich (Lesung vorgestern, noch vor Swanns Eröffnung des Sinneswandels des Prinzen von G.) in der Wahrnehmung Swanns durch den Erzähler als Propheten – das geht über das Soziologische und Psychologische weit hinaus. Insofern mischt sich, so mein Eindruck, Melancholie nicht mit Komik, sondern der Kennerblick auf Mme de Surgis signalisiert den unversiegten Widerstands- und Lebenswillen gerade des als Juden gekennzeichneten Menschen. Dass Proust weiterhin Charlus im Spiel belässt, verweist auf einen anderen Kontext, in dem Swann gleichwohl seinen Platz hat. Swann bezeichnet Charlus als „wundervollen Freund“; verkennt er die sexuellen Neigungen des Barons oder will er den Erzähler schützen? –
    Zu Swanns Vermächtnis kann ich hinzufügen (Lesung gestern), dass er in Absetzung von Bloch (den er politisch kritisiert, aber verständnisvoll, ...

  206. 892.

    ... meine ich, dass meine Deutung weniger, pardon, schöngeistig-harmonisch ausfällt: Wir sollten das Jüdische und das Problem der fragilen Assimilation in Gesellschaft und Staat als thematisches (evtl. auch psychologisches) Konstituens des Romans ernst nehmen; ich denke, dass Swanns Außenseiterrolle im Faubourg ebenso wichtig ist wie sein Kunstsinn, Takt usw. Ja, er ist gerade auch im Faubourg Außenseiter und wird dort „missdeutet und verkannt“, wie Sie zu Recht formulieren. Das kulturelle Niveau in diesen Kreisen erweist sich, so der Roman bisher, als hohl, gemessen an Swanns Maßstäben und seiner Haltung. Darin stimmt der (kritische) Erzähler zweifellos überein. Dennoch lassen sich beide anziehen - Widerhaken! – von einem merkwürdigen Magnetismus der ‚Aristokratie’, die ihnen einen ‚ästhetischen Kosmos’ zu versprechen scheint bzw. darin Genuss verspricht (man könnte das vergleichen mit bildungsbürgerlichen Trugschlössern heute).
    Prousts Dezenz und Radikalität in ...

  207. 891.

    Ein Plädoyer für Swann oder gar seine ‚Ehrenrettung’ wäre gar nicht nötig – habe ich mich so missverständlich ausgedrückt, Frau Windeck ? Seine Bedeutung für den Erzähler (s. Mentor, éducation) und seine singuläre Gestalt im Kosmos der Proust’schen Figuren stehen außer Frage. Als Charakter ist Swann tatsächlich glaubwürdig, ich halte diese (Er-)Findung für ein Juwel. Ihr Abriss - wie sehr ich auch zustimme - scheint mir aber als Interpretation über einige Widerhaken hinwegzugleiten. Wobei meine Kurzbemerkung („warum auch immer“) lediglich besagen wollte, dass nicht explizit wird, warum Swann den jungen Erzähler zum Erwählten seines Vermächtnisses macht; da gibt es die ‚Leerstelle’, die Ausblendung des Vaters des Erzählers an solchen Knotenpunkten des Romans (ein Widerhaken, s.u.). Aber richtig: Es handelt sich um einen ‚letzten Willen’, ohne Pathos und in nobler Weichheit ausgesprochen. D’accord.
    Zu den Widerhaken, und damit ...

  208. 890.

    Die Art, in der sich weite Kreise von ihm im Zuge der Dreyfus-Affäre abwandten, ist nur das letzte Glied einer Kette äußerer Demütigungen, die er seit seiner Heirat größtenteils bewusst auf sich genommen hat. Er habe das Leben geliebt und die Kunst, sagt er und vermeidet peinlich jedes Pathos. Die Szene, in der er wie beiläufig und ohne im Sprechen innezuhalten, lange begehrliche Kennerblicke auf Mme de Surgis‘ Ausschnitt wirft und sich dabei diskret seines Monokels bedient, vergisst man nicht so leicht. Sie prägt sich ein, weil Melancholie durch Komik gebrochen und jeder Anflug von Sentimentalität vermieden wird. Das entspricht ganz dem Charakter dieses gealterten, scheinbar domestizierten Dandys, wie Proust ihn schildert. Swann gehört für mich zu den glaubwürdigsten Figuren der Recherche.

  209. 889.

    …das möchte Swann aufgenommen wissen unter die Dinge, derer man sich im Zusammenhang mit ihm erinnern soll. Er weiß, dass niemand von den Menschen seiner Umgebung ihn wirklich gekannt hat, und das besagt mehr als die altersweise Einsicht, kein Mensch könne einen anderen je kennen: Swann ist uns seit „Combray“ bekannt als eine Persönlichkeit, deren Bildung, Witz, Kunstsinn, erlesener Geschmack, geistige Überlegenheit und Taktgefühl den Faubourg St.Germain als das einzige ihm angemessene Milieu erscheinen lassen, dem er aber von seinem sozialen Status her nicht zugehört. In allen anderen Milieus, in denen er sich bewegt, erscheint er in ungewöhnlich hohem Grad als Außenseiter. Keine Romanfigur wird von den verschiedensten Personen so gründlich missdeutet und verkannt, angefangen bei den Tanten in Combray, die es fast für vulgär halten, dass der „Figaro“ eine Fotografie des bekannten Kunstsammlers abdruckt.

  210. 888.

    Vieles von dem, was Ihnen ungereimt vorkommt, ist für Leser der ersten Stunde weniger überraschend. Der geistreiche, weltgewandte Swann war in Combray gern gesehener Gast der Eltern des Erzählers, von dem er seine ersten ‚Initiationen‘ in die Welt der Kunst erhielt. Nach seiner Heirat empfingen ihn die Eltern nicht mehr, aber der Erzähler war oft zu Gast im Hause Swann, und es gab Gespräche mit dem Hausherrn, deren Wert der Erzähler damals freilich weder begreifen noch würdigen konnte. Dass Swann gerade ihm das Gespräch mit dem Prinzen verbatim mitteilt, lässt an ein Vermächtnis denken, diskret natürlich und ohne allen Pomp. Noch vor seinem Tod die eigene ‚Rechtfertigung‘ aus dem Munde des Prinzen zu erfahren, mit dem er jahrzehntelang befreundet gewesen war, dürfte nicht nur eine kleinliche Genugtuung für ihn bedeuten; dass dieser Freund aus dem Hochadel am Ende seinen Irrtum ihm gegenüber eingestand und die Versöhnung wünschte –

  211. 887.

    ... mit dem Blick in den Ausschnitt der Mme de Surgis zugleich das dem Baron entgegengesetzte Signal sexuellen Begehrens vermittelnd. Swann weiß auch hinter die Adelsfassaden zu blicken (Herkunft Surgis-le-Duc). Proust bedient schließlich, auf dieser kurzen Erzählstrecke, ein paar Stellschrauben zur Neujustierung des Verhältnisses der Protagonisten zur Dreyfus-Frage. Wir dürfen oder sollen vermuten, dass der Erzähler ‚frisch gestrichen’ seinem Rendevouz mit Albertine entgegeneilt ...

  212. 886.

    ... Widerhall bildend zu des Erzählers früherer Aussage über das „vernünftigere“ Sammeln von Frauen (dort* auch von Eifersucht redend); der Erzähler bedauerte versäumt zu haben, „mir eine Frauensammlung zuzulegen, so wie man alte Lorgnetten zusammenträgt, von denen eine Vitrine nie zuviel enthält“ (*Kontext Warten auf Fr. v. Stermaria, Albertine in Erinnerung u. Zukunft). –
    Dank der Engführung der Motive stoßen aufeinander die begehrlichen Taktiken des Invertierten (Charlus) wie die der Salon-Damen, Zähigkeit und Lebenswille des vor dem Tode stehenden Swann, der explizit in den jüdischen Leidens-Kontext („Volk der Verfolgung“) gestellt ist, so dass - anders als in den Szenen mit Bloch - das sonst mitklingende antisemitische Ressentiment zurückgehalten wird zugunsten einer historisch-biblischen Tiefenschärfe („Prophet“); Swann also für den Erzähler auch ‚Weissager’ und ‚Warner’, ihm ...

  213. 885.

    ... der alte Erzähler (als Schriftsteller) zurückschauen wird, als ob der Sterbenskranke sein Lebensfazit weitergeben, vererben wollte. Ungewollt überträgt er die schwierige Lebenssache Liebe/Eifersucht auf den jungen Mann.
    Die kurze Passage ist sicherlich unter mehreren Gesichtspunkten bemerkenswert, u.a.: Eine der zentralen Aussagen in der Wir-Form ist hier ausnahmsweise Swann in den Mund gelegt (sonst verallgemeinert der Erzähler selbst): dass „die Erinnerung an diese Gefühle einzig in uns selbst besteht“. Sodann der Vergleich des eigenen Herzens mit einer „Vitrine“, sie enthalte „alle die Arten von Liebe, welche die anderen nicht kennengelernt haben“. Ein Credo äußerster wahrhaftiger Subjektivität, zum andern, unwissentlich, einen ...

  214. 884.

    Nach so vielen Stunden Proust hat das Verstehens-Training hoffentlich Früchte getragen. So könnte man die Szene mit Charlus und Swann mutig etwa so angehen:
    Der Ich-Erzähler kommt auf der Soiree den beiden männlichen ‚Portalfiguren’ seiner ‚Éducation se.’ näher, dem Baron auf Seh- und Hörweite, dem (Mentor und Juden) Swann im vertraulichen Dialog. Charlus steht im Saft, Swann in körperlichem Verfall.
    Die Komposition ist ein weiterer Musterfall Proust’scher Erzählkunst. Es wird deutlich, dass diese Salon-Szene weit mehr anbietet als das Exempel einer soziologisch-ethnologischen Beobachtung des ‚Faubourg’. Der Erzähler ist eben nicht nur nüchtern-analytisch engagiert, er ist vor allem ein ‚empfänglicher’ Charakter, seine Reflexionen weisen bildhaft über das Beobachtete hinaus. Hier nun sticht hervor das Gespräch mit Swann. Die Romankonstruktion will, dass Swann sich dem jungen Erzähler anvertraut (warum auch immer). Swann schaut (im Zwiegespräch) zurück, so wie ...

  215. 883.

    Mhm ... der Koller, kann ich nur zu gut verstehen.
    Ich habe wohl das Glück, erst viel später ins Forum eingestiegen zu sein. Gestern habe ich ein paar Seiten über die Lesung hinaus im Text gelesen und bin auf das Gespräch mit Swann über die Eifersucht gestoßen. Was soll ich sagen? Zurückblättern in Teil I der "Recherche" (Swanns Liebe) will ich jetzt nicht, und dass dieser Dialog anspielt auf die Eifersucht des Erzählers, von der alle so munkeln, hilft mir nicht weiter. Dabei wäre z.B. hier ein Punkt, wo eine kommentierte 'Synopse' angebracht wäre. Sankt Marcel treibt seine Hörerschaft/Leserschaft in eine veritable Abnutzung ...

  216. 882.

    Meine euphorische Reaktion auf Ihren Springbrunnen-Kommentar hat – in letzter Linie – auch damit zu tun, dass ich seit einiger Zeit bei mir Symptome von ‚Proust-Koller‘ diagnostiziere (kaum ein Wunder nach acht Monaten intensiver Beschäftigung). Ihr Beitrag hat mich sozusagen re-enthusiasmiert. Ich würde mir wünschen, dass es anderen Hörern ebenso geht...

  217. 881.

    zu 880:
    Ich gebe zu: dröger Text - aber wie soll man umschreiben, WIE erzählt wird. Das scheint mir immer wieder wichtig, gerade dann, wenn der Romantext uns hineinzieht in diese ausgedehnten Salon-Tableaus. (einlullende Wirkung droht)
    Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass Prousts erzählerische 'Werkzeuge' nicht unterschätzt werden dürfen, dass die aus seinem Ansatz resultierenden Formen des Erzählens aber viel zu wenig 'mitgelesen' werden.
    (Indiz: rbb-Intros für die Lesung)
    Warum findet in letzter Zeit so wenig Austausch in diesem Forum statt?
    (Um Herrn Stellmann zu kopieren: seufz ...)

  218. 880.

    Eine aktuelle Beobachtung zu Prousts Erzählstrategie:
    Als Grundierung das fließende Salon-Parlando der Eitelkeiten: Wir können uns zurücklehnen, dem Tratsch folgen, uns geruhsam ausmalen, in welchen Bildern wir die Personen wohl sehen. (Warum nicht eine Maskerade wie von James Ensor gemalt?)
    Eingezogen in dieses Masken-Parlando sind (Leit-)Motiv-Fäden, einzelne Stiche werden gesetzt. Neben das Sodom-Motiv schiebt sich der uns schon geläufige Antisemitismus der Epoche als Konversationsthema, und Swann wird zum Objekt der Betrachtungen. Insofern denke ich nicht, dass die Szene primär auf Satire zielt. -
    Der Erzähler begibt sich wieder an die Seite der azurblauäugigen Herzogin von Guermantes, hält zugleich Ausschau nach Charlus und Swann. -
    Proust konstruiert ‚geometrisch’ einen Figuren-Reigen – wechselnde Konstellationen (unverzichtbar ‚Dreiecke’), die in einem Intervall-Rhythmus auf kleine Eklats oder längere ‚Haltepunkte’: Dialoge oder Monologe/Reflexionen zulaufen.

  219. 879.

    Gerade habe ich Ihren Kommentar zur heutigen Folge gelesen. Noch habe ich ihn nicht am Text nachvollzogen, aber so viel kann ich jetzt schon sagen: Ihre Deutung des Springbrunnen-Motivs gehört in meinen Augen zum Besten und Überzeugendsten, was in diesem Forum bisher überhaupt zu lesen war. Für mich ein echter Augenöffner: in letzter Zeit war ich nachlässig beim Lesen (auch aus Zeitmangel). Die Vielschichtigkeit dieses „erzählerischen Geniestreichs“ war mir entgangen. Und zum Schluss Ihr Hinweis darauf, wie das Bild ‚ausspricht‘, was (noch)nicht direkt gesagt werden soll – dazu fällt mir nur eins ein: Chapeau! (obwohl Frauen heute eher selten Zylinderhüte tragen; es wäre zu mühsam, das zu gendern :-) )

  220. 878.

    Lieber Herr Reimann, wo kämen wir hin, wenn wir uns für jeden Tippfehler entschuldigen müssten. Meine eigenen Bemühungen, mit Sprache achtsam umzugehen, erscheinen mir manchmal – zumal in einem online-Forum – wie eine pedantisch-schrullige persönliche Marotte, die ich nie zum Standard erheben würde. Auch in der Anrede hätte ich einen Dreher nicht krumm genommen. Eben darum habe ich mich über Ihre Aufmerksamkeit echt gefreut.

  221. 877.

    ..angewendet auf den Springbrunnen im Palais-Garten: Der Erzähler ‚begegnet’ einem ‚Bild(nis)’, das (ihm) seine innere Verfasstheit spiegelt, die Spannung von Distanz und Nähe, von geordneter Form und ungezügelter Wahrheit (auch der Triebe – seiner wie der der Gesellschaft). Das Bild spricht aus, was (noch) nicht direkt gesagt werden soll. Es enthält den Reflex auf die ‚Invertierten-Szene’ und deutet ihr Potential an, auch in Bezug auf den Erzähler. - Das schwierige Unterfangen, endlich vorgestellt zu werden bei den Gastgebern, das vergebliche Anlaufen des Erzählers, die Choreographie der Personen, all dies erinnert mich – in Ableitung des Springbrunnen-Motivs – an Szenen aus einem Traumtyp, den man kennt, wo das Ich vergeblich sein Ziel zu erreichen sucht und immer wieder abgedrängt und umgelenkt wird durch bizarre oder absurde Verhältnisse. Dann erreicht der Erzähler den ‚Brunnen’. Am Ende ein souveränes Abschwenken in die anspielungsreiche Farce mit der durchnässten Mme d’Arpajon

  222. 876.

    ... Reise- und Liebesverlangen; er vergleicht es mit den verschiedenen Momenten eines unbändigen „Aufsprudelns aller meiner Lebenskräfte“, die „ich heute [Vorgriff!] willkürlich voneinander trenne, als legte ich an verschieden hohen Stellen einen Schnitt durch einen in allen Farben spielenden und scheinbar unbeweglichen Wasserstrahl“.
    Das „Aufsprudeln“ ist eine Metapher für die unwillkürliche Wirkung der (auch sexuellen) Lebenskraft, welche das Bewusstsein zutiefst körperlich ergreift/durchflutet (im Kontext: erträumt, geheftet an eine imaginierte „Frau, die ich liebte“ und die dem jungen Mann „Zugang zu einer unbekannten Welt“ eröffnen sollte. Dann der Cut ins Heute: hin zum Bewusstsein des Erinnernden, Reflektierenden, der die fluide Kraft (Wasserstrahl) nun nachträglich ‚analysiert’: das vielgestaltig Farbige (Begehren) in Schnitte oder Schichten zerlegt, fixiert, fragmentiert (objektiviert?) - und im Bewusstsein der Distanz zu einem ‚Springbrunnen’ baut).
    Diese Hypothese ...

  223. 875.

    ... klassizistische Springbrunnen, die Wasser-‚Architektur’ kann man einmal lesen als Bild für den ‚Bau’ der „Recherche“, je nachdem man ihn ‚von fern’ als Gesamtkonstruktion und ‚Kunst’ wahrnimmt oder näherkommend oder ‚nahe’ ihn in seiner Feingliederung der mit-, in- und gegeneinander wirkenden Elemente des ‚Wassers’, der ‚fluiden Fragmente’ (Paradox) aus Beobachtung, Erinnerung oder Reflexion sich vor Augen stellt.
    Anders gewendet: Aus der Distanz betrachtet erscheint der ‚Brunnen’ klassizistisch in schöner Formstrenge, wie unbeweglich; aber von nah wird die Dynamik der Kräfte erkennbar, neben Ordnung tritt Anarchie, neben die kraftvolle Energie der Fontäne eine anarchische Willkür der Tropfen; Bewegung gg. Schein der Immobilität. Welches Signal wohl? Vielleicht nicht nur ein Bild für den Prozess der Romangestaltung, sondern auch eine ‚psychologische’ Chiffre: Das Motiv könnte ein Echo sein auf I/Combray, wo es um die Lektüre-Erlebnisse des jungen Erzählers geht, sein imaginiertes

  224. 874.

    Der Springbrunnen! - gleich, zuvor noch dies: Wie konstruiert Proust? Sein Ich-Erzähler verschränkt unterschiedliche Zeitschichten der Erinnerung und des Wissens im Erzählgang, entscheidet, was wir wissen dürfen: (Noch) nichts über die mysteriöse Einladung, viel über die Vaugouberts (Anklänge an den allwissenden E.). Wir dürfen weiterhin rätseln über seine Sonderstellung als Gast im Kreis der Guermantes-Welt – wer legt Wert auf sein Dabeisein? Andererseits die bizarre Suche des sich unsicheren Gastes nach einer Möglichkeit, sich bei seinen Gastgebern vorzustellen. In dieser Reprise der Soiree bei Oriane/Basin beobachtet der Erzähler wieder das Schauspiel der Gäste im Palais der Prinzessin von G., v.a. Charlus (den er am Nachmittag mit Jupien belauscht hatte). Er wittert nunmehr Geheimnisse des ‚Invertiertseins’. –
    Plötzlich ein erzählerischer Geniestreich Prousts: der Springbrunnen von Hubert Robert! Die Szene und ihre ‚Funktion’ erscheinen mit einem Schlag in neuem Licht. Der ...

  225. 872.

    "Es kommt wohl darauf an, ob man Proust oder Freud in den Mittelpunkt stellt, und ob man von einer Theorie oder einem Gesamtwerk ausgeht." Ja, diesem Fazit und Ihrem Kommentar von gestern stimme ich ganz und gar zu, Faru Windeck.
    Auch die Sohn-Mutter-Vater-Konstellation zu Beginn der "Recherche" (Combray) scheint mir nicht primär durch Freud angeregt oder motiviert zu sein.

  226. 871.

    Seit Beginn der Lesung habe ich auf „Anleihen“ bei Freud in den Passagen über das Träumen, die verschiedenen Schichten des Unbewussten, willkürliche und unwillkürliche Erinnerung besonders geachtet. Einige Anklänge habe ich gefunden, aber noch mehr Abweichungen. Mein Eindruck ist, dass Proust seine Theorie (auf der die gesamte Recherche beruht) vor allem aus akribischer Selbstbeobachtung entwickelt. Will man durchaus fremde Einflüsse aufspüren, liegen einige Denker vielleicht näher als Freud. Vergleichende Studien bieten sich natürlich an; zweifellos gibt es zum Themenkreis ‚Das Unbewusste und die Erinnerung bei Freud und Proust‘ ganze Bibliotheken und Aufsätze, die bahnbrechend neue Erkenntnisse für ihr jeweiliges Fachgebiet enthalten. Es kommt wohl darauf an, ob man Proust oder Freud in den Mittelpunkt stellt, und ob man von einer Theorie oder einem Gesamtwerk ausgeht.

  227. 870.

    Noch eine Anmerkung, die mit der psychologischen Forschung der Zeit(nicht unbedingt mit Freud) in Verbindung steht: Prousts obsessives Interesse an „invertierten“ Verhaltensweisen ist nicht nur auf dem Hintergrund seiner Biographie zu sehen; solche Themen erregten nun nicht mehr allein deshalb Interesse, weil sie der Reiz des Verbotenen und Abgründigen umgab, sondern weil man begonnen hatte, sie unter medizinisch-psychologischen, d.h. wissenschaftlichen Aspekten zu betrachten – auch wenn die Ergebnisse aus heutiger Sicht nicht immer zu einer vorurteilsfreien Haltung beitrugen.

  228. 869.

    …und mörderische Eifersucht wurden nicht nur unter rein wissenschaftlichen Aspekten betrachtet; sie waren auch in Kunst und Literatur allgegenwärtig. Wir vergessen leicht, dass die meisten am Kultur-und Geistesleben der Epoche Beteiligten (auch „bloße“ professionelle Journalisten)in einem Maße belesen waren, das wir uns heute kaum noch vorstellen können. Selbstverständlich fließt Gelesenes und Gehörtes in die eigenen Überlegungen ein,und im Nachhinein lässt sich eine einzelne „Einflussquelle“ nicht immer zweifelsfrei isolieren. In unserem Zusammenhang ist Folgendes vielleicht von Belang: Proust veröffentlichte 1907 im „Figaro“ einen Artikel mit dem Titel „Sohnesgefühle eines Muttermörders“; in seiner Erzählung „Bekenntnis eines jungen Mädchens“ setzt er die sexuellen Begierden der Protagonistin dem Blick der entsetzten Mutter aus, die daraufhin der Schlag rührt.

  229. 868.

    Schon bei der „klassischen“ Gutenachtkuss-Szene am Anfang von Combray haben sicher viele Leser an Freud gedacht, zumal der ödipale Charakter der Szene unter dem Schleier der Genoveva-Legende überdeutlich ausgeführt wird: der kindliche Held träumt davon, den Vater in Gestalt des Bösewichts, der Genoveva in seine Gewalt gebracht hat, zu erschlagen und mit der Geretteten fortan glücklich zu leben. Die Vollständigkeit der Motive lässt kaum einen anderen Schluss zu als den, dass Proust Freuds Theorie gekannt haben dürfte. Das heißt nicht zwangsläufig, dass er Freuds Schriften systematisch studiert hätte. Die (oft sehr lebhafte) Auseinandersetzung über neue Ideen in Kunst und Kultur, Wissenschaft und Literatur wurde vor allem in einer Vielzahl von Zeitschriften, Zeitungen und punktuell erscheinenden Publikationen geführt, die Proust so ziemlich alle kannte und in denen er selbst publizierte. Themen wie problematische Mutterbindung …

  230. 867.

    Heute feiern wir mit der 165. von insgesamt 329 Folgen Bergfest! Wir freuen uns sehr, dass viele unserer Hörerinnen und Hörer dabeigeblieben sind. Und möchten uns nochmal bedanken für die großartigen Gedanken und Erkenntnisse, die Sie hier auf dieser Seite austauschen. Trotz widriger Technik. Danke schön.

  231. 866.

    ... scheinbar nicht erregt (‚Verschanzung’?), dann aber vom ‚alten’ Erzähler ‚abgelöst’ wird, der ansetzt zu einem (so Doris Anselm) „mehrseitigen Essay über die Tragik, in einer Gesellschaft homosexuell zu sein, die das zum Verbrechen erklärt hat“. Äußerst subtile, tiefgreifende und vielschichtige Beobachtungen - man fragt sich, warum (schon) hier. Wie ein Hinweis- oder Mahnschild zum Verstehen der Typen/Facetten des ‚Invertiertseins’. Die erwartbare Erregung scheinbar im Kleid der Distanz, erzählerisch ersetzt, verdeckt durch ein Begehren nach geradezu klinischer (Er-)Klärung der ‚verkehrt-natürlichen’ Verhältnisse. [erkärte Erinnerung , jedenfalls ‚sprechen’ die Botaniker-Passagen ‚durch die Blume’ von der (zeitlosen) Omnipräsenz des Akts.] Offenbar lastet Druck auf dem Autor. Zu bedenken auch die mehrfache Parallelisierung der Problemlagen von Juden und Invertierten. – Die Guermantes-Welt für den Erzähler nun primär die Schleuse zu ‚Sodom’ ?

  232. 865.

    Komplizierter Übergang von Teil III zu Teil IV der „Recherche“: Der Erzähler an drei Guermantes-Orten (im Palais des Herzogs, bei Charlus, eingeladen ins Palais des Prinzen G., wieder im Palais G.). Die Hauptspannung ist gerichtet auf den Akt dazwischen (Jupien - Charlus). Die Gespräche beim Herzog, ans Ende von III vorgezogen, aber zeitlich später, echolos-neutral zum homosexuellen ‚Skandalon’ berichtet, dem der Erzähler beigewohnt hatte. Anspielungen liegen in III weiter zurück (Oriane über Mémé; unbefruchtete Pflanzen) und werden erst in IV aufgegriffen. Der Erzähler als Beobachter und Ohrenzeuge, dann aber als rückblickender, reflektierender Erzähler, für den von Anfang an der ‚begriffliche’ Bezugsrahmen „Sodom“ und „Gomorra“ gesetzt ist. Merkwürdige Schachtelung; die Erzählkonstruktion wieder einmal so, dass der ‚junge’ Ohrenzeuge fast nicht der Reflektierende ist (lediglich Erinnerung an die Tochter Vinteuils), innerlich wie unbeteiligt wirkt (trotz Neugier), sexuell ...

  233. 864.

    Es wäre schön, Herr Däßler, wenn Sie mir/uns Nicht-Neurologen evtl. an einem Beispiel aus dem Roman zeigen könnten, wie Proust damalige Forschungserkenntnisse oder Hypothesen erzählerisch verarbeitet. Dass Gedächtnis und Wahrnehmung nicht identisch sind [und im Gehirn dafür unterschiedliche 'Schaltungen' (auf Reize hin) stattfinden (können)], scheint mir plausibel und dennoch zu allgemein gehalten. Und: Welche spezifischen Fragen rufen Ihr Interesse an der "Recherche" hervor? Neigen Sie dazu, den Roman als den Versuch zur Selbsterforschung/-therapie zu deuten? -
    Ich selbst lese/höre bisher abwartend, sammelnd; bin oft überrascht, auch ungehalten zuweilen; achte auf die Form(en) des Erzählens und in letzter Zeit v.a darauf, wie Proust 'baut: schichtet, schürft/gräbt, spiegelt, wendet usw. (alles Metaphern, was sonst). Faszinierend sind einerseits seine Sprachkraft und der Mut zur Introspektion, andererseits sein 'Verarbeiten' von Welt-Facetten im o.g. Modus.

  234. 863.

    Marcel Proust and Paul Sollier:
    the involuntary memory connection n J. Bogousslavskya, O. Walusinski
    M.P. war bei dem Neurologen/Psychiater Paul Sollier (ein “Gegner” von S.Freud) in mehrwöchiger stationärer Behandlung.

  235. 862.

    Hier finden Sie im Zusammenhang mit der stationären Behandlung von M.P. bei Dr. Paul Sollier (Neurologe/Psychiater)und Kritiker von S.Freud einen Zusammenhang der Gedankenwelten im Roman und den damaligen Ideen zu Gedächtnis/Erinnerung/Affekt
    https://www.researchgate.net/profile/Olivier-Walusinski/publication/283365632_Marcel_Proust_and_Paul_Sollier_The_involuntary_memory_connection

  236. 861.

    Vielleicht wird man hier fündig:

    Malcom Bowie “Freud, Proust and Lacan: Theory as Fiction“ Hat jemand das 3. Kapitel gelesen ?

  237. 860.

    Ein kurzer Nachtrag, Herr Däßler:
    ich habe selber eine wenig recherchiert und bin dabei nur auf Vermutungen von 'Experten' gestoßen, die sich bemühen, einen Zusammenhang zwischen den Gedanken/Schriften beider Autoren herzustellen.
    Ich schließe daraus: Gäbe es das von Ihnen 'erwünschte' Zitat, würde es von solchen Interpreten ganz bestimmt wie eine Trophäe vorangetragen werden und schon längst in allen einschlägigen Büchern verwendet worden sein. -
    Nun müssen wir wohl oder übel selber die Werke beider Größen auf unsere Fragen hin abklopfen.
    (Aber wer weiß, vielleicht findet sich was ...)

  238. 858.

    Guten Tag, gibt es in den Schriften von Sigmund Freud Hinweise auf die Lektüre von Marcel Proust - oder umgekehrt ?

  239. 857.

    ... Des Erzählers Faible für die Gemälde (v.a Elstir) ist die erzählerische Brücke, da ja in einem solchen ‚Bild’ alles ‚zeitgleich’ existiert. Aber gemacht und ‚gebaut’. Und vor allem: Wer das Bild betrachtet, geht durch das Bild mit seinen Augen und Gedanken hindurch, je individuell, und braucht dazu vergehende Zeit. So wie beim Lesen eines Textes. Man könnte Prousts Theorie des momenthaften Aufblitzens des Kunstwerks mit der Mathematik des Grenzwerts vergleichen oder – besser wohl – als Hoffnung auf den kreativen Urknall aus dem Leiblichen auffassen. Sein Roman aber stellt sich den Differenzen der Wirklichkeit und ist in hellem, scharfem Bewusstsein gebaut, geschichtet usw. aus ‚Räumen’ in der Zeit. –

  240. 856.

    ... Aber die Sache mit der ERINNERUNG wird komplizierter, wenn’s ans ‚Bauen’ geht. Sie funktioniert nur über das Bewusstsein, erstens über die ‚Bilder’ und hauptsächlich visuell – und zweitens durch bewusstes Schichten, Übereinanderlegen, Spiegeln, Kontrastieren etc. der Zeiten in ihrer je räumlichen Dimension. Die Sprache, die Sätze transportieren dabei im Nacheinander der Worte immer das Zusammenspiel von Differenzen. Das Kunstwerk Roman realisiert, was die Utopie meint, im Geflecht von Vermittlungen, nie die illusionäre ‚Unmittelbarkeit’.

    Theorie und Roman stehen in widersprüchlicher Spannung. Die Theorie behauptet ‚Aufhebung der Zeit’ als Existenzbedingung für das Kunstwerk, das Romanprojekt reibt sich an den Zeitdifferenzen, sucht und baut (für ein ‚Jetzt’) Zeit/Zeiten zusammen, die für ‚verloren’ - also auch ‚vergangen’ erklärt werden.
    ...

  241. 855.

    ... sogar eine Gleichzeitigkeit aller Zeitschichten existieren würde. Das wäre die Utopie einer absoluten ‚Schwerelosigkeit’, ähnlich der in Kleists ‚Marionettentheater’ im vollständigen Durchgang durchs Bewusstsein erlangten Unmittelbarkeit von Gefühl, Bewusstsein und (körperlichem) Sein. Utopisch und illusionär: Aufhebung auch aller Vergänglichkeit in/von Raum und Zeit.
    Die „Recherche“ Prousts ist aber, wie wir sie lesen/hören, das Resultat nicht nur einer Suchbewegung, sondern einer ‚Bau’bewegung, das Werk der schrittweisen Herstellung eines künstlerischen Kosmos. -
    Ich verstehe an diesem Punkt sehr wohl, dass man auf Prousts ‚Bauen’ im Lichte seiner Utopie schauen sollte. Im Roman versucht er sich offenbar so weit wie möglich an sein Ideal anzunähern. Er strebt ständig eine ‚ganzheitliche Lösung’ an durch das Ausloten auch der ‚archaischen’ Sinne (was ja auch völlig richtig ist, wenn es um ‚Liebe’ geht).
    ...

  242. 854.

    sich darin, dass sie in ihrer Gegenwart das Altverwurzelte wie selbstverständlich und unbewusst leben; sie gehen ‚naiv’ auf in ihrem jeweiligen sozialen ‚Kosmos’, der tief in die Zeiten zurückreicht; anders gesagt: ihre ‚Erinnerung’ ist gesellschaftlich, nicht individuell, und das heißt, dass für sie Gegenwart und Vergangenheit verschmolzen sind. Diese ‚Leichtigkeit’ oder ‚Durchsichtigkeit’ geht dem Erzähler ab; er leidet am Mangel an naiver ‚Ganzheit’, ihm fehlt sozusagen sein individueller Kosmos. -
    Proust will aus diesem Dilemma - so offenbar die ‚Theorie’ - durch ‚Recherche’ herausfinden, einer Suchbewegung, die zu einem Punkt gelangen soll, wo mit allen Sinnen eine Art All-Gegenwart wahrgenommen und genossen werden kann, in jedem dieser ‚gefundenen’ Ideal-Momente die Zeit gleichsam stillsteht, so dass in der Folge dieser wunderbaren All-Momente, wenn im Augenblick des vollständig und sinnlich Erinnerten auch die Reflexe früherer Erinnerung aufscheinen (Puppe in der Puppe),..

  243. 853.

    Ach, Prousts Theorie ... – und Ihr nobles Plädoyer, Frau Windeck! Ich habe Ihre Erläuterungen mindestens fünfmal gelesen - und doch, der Berliner sagt: Nee, so nich, mein lieba Marcel. –
    Aber langsam: Wie schreibt er denn seine „Recherche“? Sie haben schon darauf hingewiesen, Theorie und Romankonstruktion decken sich nicht wirklich. Das spricht übrigens für den Roman. Mich interessiert z.B. Françoise. Hat sie Probleme mit der Erinnerung, muss sie ‚recherchieren’? Nein! Und warum nicht? Weil sie alles in ihren Händen, ihrer Nase, ihren Augen, ihrem Gedächtnis parat hat. So kann sie - dank ihrer ‚archaischen Sinne’ - auch drauflos reden, erzählen. Und der Herzog von Guermantes? Der muss auch nicht ‚recherchieren’, weil er vollkommen aufgeht im ‚genealogischen Gedächtnis’ und im überkommenen höfischen Reste-Code. Beide - Bauern wie Aristokraten (so auch des Erzählers Kommentar beim Diner im Palais G.) – gleichen sich ...

  244. 852.

    Kurz zur aktuellen Lesung: Der Erzähler müsste, sollte man denken, nach den ernüchternden Erfahrungen im Palais G. und bei Charlus eigentlich genug haben von der Aristokratie. Dem ist aber nicht so - schwer zu sagen, warum. Da geht es ihm wie Swann ...
    Offenbar unterliegt er weiterhin einer Anziehungskraft - und ist auf der Suche nach der ‚Nabelschnur’, von der er sich zu trennen hat.

  245. 851.

    …durch Aufhebung der Zeit für Sekundenbruchteile das Kunstwerk gleichsam enthalten ist. Neben der Madeleine-Episode führt er dies an zwei anderen Stellen aus (die ich noch nicht wiedergefunden habe). Meiner eigenen Erfahrung widerspricht dieses Proustsche Grundaxiom: weder glaube ich, dass man die ‚Gradabstufungen‘ der Beteiligung des Bewusstseins bei der Entstehung von Erinnerung klar trennen kann, noch halte ich durch bewusste Reflexion hervorgerufene Erinnerung grundsätzlich für weniger wertvoll als die „mémoire involontaire“. Die stärksten Eindrücke und am tiefsten eingeprägten Erinnerungen sind für mich allemal visuell. Im Grunde ist dies, wie Sie anmerken, auch bei Proust der Fall; da aber seine Theorie von einer Hierarchie der Sinne bei der Entstehung von Erinnerung für das Verständnis der Recherche von so großer Bedeutung ist, sollten wir es nicht außer Acht lassen.

  246. 850.

    Lieber Herr Reimann, mit Ihren Überlegungen zum Vorrang des Sehens rennen Sie bei mir offene Türen ein. Wir sollten aber im Kopf behalten, was Proust selbst darüber sagt: seine Begründung dafür, Geruch und Geschmack (und später Tastsinn) über die übrigen Sinne zu stellen, ist die, dass sie am weitesten vom Bewusstsein entfernt liegen und in den tiefsten Schichten des Unbewussten, die vom Verstand nicht erreicht werden können, Eindrücke am reinsten und dauerhaftesten bewahren.Der Gesichtssinn dagegen steht dem Bewusstsein am nächsten. Der Geschmackssinn kann mit der teegetränkten Madeleine nichts anfangen, bevor die Erinnerung als ein wahrer Bilderrausch(!) über den Erzähler hereinbricht. Proust hält die „archaischen“ Sinne für wichtiger und wertvoller für den schöpferischen Prozess, bei dem nicht nur das Versunkene ‚ans Licht befördert‘, sondern in dem…

  247. 849.

    Das Ergebnis der Lektüre wird dann stets eine Bestätigung im Sinne der jeweiligen Autoritäten sein, die die Lesart von Anfang an vorgegeben haben. Wieviel spannender und „erhellender“ ist es dagegen, sich ohne Ballast und „Sehhilfe“ einem Werk unbefangen zuzuwenden und dabei eigene, unerwartete Entdeckungen zu machen. – Ich fände es wunderbar, wenn jemand, der Adornos Sichtweise teilt (die trotz des oben Gesagten so viel Bedenkenswertes hat, wenn man sie undogmatisch behandelt), regelmäßig an der Diskussion teilnehmen würde.

  248. 848.

    …während der Leser den Text vor sich hat. Man kann einwenden, die Recherche sei kein abgeschlossenes Werk . Ob man darin aber ein Scheitern im Bewusstsein der Vergeblichkeit, gar heimliche Lust an Untergang und Auflösung zu erkennen hat oder die Ursachen für die „Unabgeschlossenheit“ vielleicht ganz woanders zu suchen sind, können wir erst am Ende des Romans beurteilen. Zur „Entfremdung“ hat Herr Reimann das Wesentliche gesagt. Das Adorno-Zitat ist ein Paradebeispiel für eine ästhetizistische Sentenz im schlechten Sinn: auf den ersten Blick bestechend durch suggestive, emotional aufgeladene Sprache, hält sie schon dem zweiten Blick nicht stand. Mit pathetischer Gebärde vorgetragen, duldet sie kein Hinterfragen, keinen Widerspruch. In den 60er Jahren mag es einen Trend unter Intellektuellen gegeben haben, solchen Autoritäten zu folgen und Literatur allein durch ihre Brille zu betrachten. …

  249. 847.

    Auch wenn die Lesung fortschreitet – ein Wort noch zu den Stichworten Auflösung, Gebrochenheit, Hinfälligkeit als Kennzeichen von Prousts Weltbild (833). Sie weisen auf eine Lesart, die Proust ausschließlich als Repräsentanten der dekadenten Fin-de-siècle-Literatur behandelt. Ohne Frage sind solche Aspekte in der Recherche vorhanden; der Nachweis, sie seien bestimmend für Prousts Weltbild, steht aus. Allein die Diskussion in diesem Forum, wie sie bis zu diesem Punkt geführt wurde (drei Bände liegen noch vor uns!), zeigt in meinen Augen deutlich, dass ein so einseitiges Verdikt weder gerechtfertigt noch angemessen ist. Vieles spricht dagegen, Prousts „aussichtsloses Unterfangen“, die „unendlichen Verflechtungen zu fassen“, als Ausdruck der Hinfälligkeit und Gebrochenheit zu deuten; u.a. wird dabei das Paradoxon ausgeblendet, dass der Erzähler fast im ganzen Roman an seiner Unfähigkeit zu schreiben leidet,…

  250. 846.

    Lesung III/57-59
    Im Anschluss an das Diner im Palais G. steht – Schluss des Romanteils „Welt der G.“ – eine Folge von Szenen (mises en scène), die augenscheinlich die Überleitung/Schwelle bildet zu „Sodom und Gomorrha“: (1) der Besuch bei Charlus - die Gründe für dessen Exaltiertheit bleiben in der Schwebe (nur Andeutungen und Anspielungen), (2) eine Einladung zur Soirée bei der Prinzessin von G., an deren Echtheit der Erzähler zweifelt, so dass er Aussichts- und Wartepunkte bezieht mit Blick auf das Palais G. und den Faubourg, um (3) durch Vorsprechen im Palais G. sich zu vergewissern, ob er tatsächlich eingeladen sei; der Herzog empfängt ihn in einem ungelegenen Moment. -
    Szenen im erzählerischen Gestus eines Retardierens, versetzt - momentweise - mit Formulierungen, die zum einen zurückblenden, aber wohl auch ‚vorbereiten’ sollen.

  251. 845.

    ...
    Nun muss ich vorsichtig sein: Ihre Schluss-Aussage (842) kann ich (noch) nicht nachvollziehen, sie könnte u.a./evtl. auf die Madeleine-Szene bezogen sein (?). Sollte es stimmen, so möchte ich gleichwohl anmerken, dass es hier um das Evozieren des Vergangenen/Vergessenen geht. Hervorspringt aber das ‚Bild’, der ‚Raum’ – und in Bewegung, also Erzählung versetzt das uns ‚vor Augen’ Gestellte, weil es auch beim Erzähler seinen (gefüllten) ‚Raum’ in der Zeit gefunden hat. –
    [P.S.: mit der Neurastheniker-Seerose in der Vivonne ist alles paletti, danke für den Lesezeichen-Hinweis auf diese wunderbare Passage]

  252. 844.

    ... wahrgenommen wird (mit welchen Sinnen auch immer), was erzählt wird. (Eine alte Erkenntnis ist, dass wir über ‚Zeit’ nur in räumlichen Metaphern reden.) Allerdings setzt Proust die Erinnerungs-‚Bilder’, nachdem sie zunächst angehalten, fixiert erscheinen, der Bewegung, dem Wandel, ja Sprüngen aus. Zweifellos ist es richtig, dass Prousts Erzähler-Sensorium sozusagen pan- oder synästhetisch ausgestattet ist. Gehör, Geruch, Geschmack, Tastsinn (wie Sie zu Recht schreiben) vervollständigen, verdichten die Wahrnehmung im Raum und intensivieren das ‚Gesehene’. Sie füllen das erzählende Ich (und mittelbar den Leser) lebendiger mit Wahrnehmung auf. Der Leitsinn im Raum aber ist das Auge, das Sehen. Ich denke, so ist Prousts Erzählen auch ‚gebaut’ (vgl. auch die zahlreichen ‚Szenen/Szenerien’, in denen es um Blickrichtung oder Lichtführung geht). –
    ...

  253. 843.

    zu 841/842
    Ich bin Ihnen für Ihre Ausführungen dankbar, Frau Windeck, sehe zugleich ein ‚Problem’: hie die Proust’sche Skepsis gegenüber der Erkenntnismöglichkeit „des Ganzen“ – da das ‚Programm’ (oder Idee) einer kreativen Schöpfung, die „über eine umfassende Schau als Konstruktion des „Wirklichen“ weit hinausreicht“. Also so etwas wie der Anspruch, per/als Kunst die Aporien der (menschlichen) Wirklichkeit zu übersteigen. Das wäre etwas für die spätere Gesamtschau auf das Werk. –
    Nun zur Formel „Kathedrale der Zeit“: Sehr anregend – und sie führt mich auch zurück auf die Sache mit dem ‚Sehen’. Diese ‚Kathedrale’ ist nicht nur ein ‚Bau’, sie ist ein großer, gebauter ‚Raum’. Ein Zeit-Raum, in sich vielfach gegliedert, und schön außerdem.
    Wenn Prousts Erzähler die Bilder seiner Erinnerung aufruft, dann stellt er die jeweiligen Begebenheiten und Eindrücke ‚uns vor Augen’, er gestaltet ‚Räume’ für uns, in denen all das ‚spielt’ oder ...

  254. 842.

    mit der Recherche wolle er „eine Kathedrale der Zeit“ errichten; wiederholt spricht er von seinem Werk in Metaphern aus dem Umfeld ‚bauen‘ und ‚zusammenfügen‘; daher denke ich, dass Sie mit Ihrem Einwand gegen Herrn Eckhardts Ausführungen Recht haben. Die Frage scheint mir weitreichend und grundlegend, die folgende Anmerkung dagegen eher marginal: natürlich habe ich die „Neurastheniker-Seerose“ nie in Zusammenhang mit Monet gebracht. Sie sollte Ihnen als „Lesezeichen“ für die folgenden Passagen dienen, da ich die Seitenzahlen Ihrer Ausgabe nicht kenne. – Gegen eine zu starke Einengung auf die optische Wahrnehmung (naheliegend im Licht der letzten Hörfolgen) habe ich Bedenken. Die vorangegangenen Bände zeigen, dass Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn für Proust auf derselben Ebene stehen wie das Sehen; für den schöpferischen Prozess scheinen sie sogar von größerer Bedeutung.

  255. 841.

    Auch nach meiner Lesart handelt es sich keinesfalls um ein „Fragmentieren der Welt“, sondern um das Einbeziehen der Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmung uns nur Ausschnitte der Wirklichkeit zeigt, es also illusorisch wäre zu glauben, wir könnten „das Ganze“ wahrnehmen oder gar erkennen, zumal die Dinge und(in der Beobachtung des Erzählers) auch die Menschen sich ständig wandeln und von einem Augenblick auf den anderen das Gegenteil dessen zu sein scheinen, was der Erzähler noch vor einem Moment als sicher angenommen hatte. Die Sicherheit ist trügerisch: daher seine Verunsicherung und zunehmende Skepsis. „Dekonstruktion“ sehe ich nicht. Ich glaube, Proust geht es darum, aus den Fragmenten im Schöpfungsprozess etwas Neues zu schaffen, und zwar sogar etwas, das über eine umfassende Schau als Konstruktion des „Wirklichen“ weit hinausreicht. Er selbst äußerte einmal,…

  256. 840.

    ...
    Wie das wohl ‚interpretieren’ ohne Rückschau auf den Kontext (siehe meine Anregung Nr. 837)? –
    70 Seiten zuvor hieß es übrigens über die „törichte“ Herzogin: „(...) lieferte sie meinem Geiste Literatur, wenn sie vom Faubourg Saint-Germain sprach, und schien mir niemals auf eine so zwanglose Art selbst nur Faubourg Saint-Germain zu sein, als wenn sie von Literatur redete“.

  257. 839.

    Schauen wir Lesung 57 doch mal so an: Auf der Fahrt zu Charlus fühlt der Erzähler einen „Rausch“, er hat ‚mixed feelings’ – nun kommt’s in Stichworten: „im Bann jener zweiten Art“ / „sobald wir nicht mehr wir selber sind“ / „mit einer Gesellschaftsseele begabt“ / „in das innere Stereoskop geschoben“ / „Hinter den vergrößernden Gläsern“ / „töricht erschienen“ / „nicht unbedingt sinnlos“ / „noch nicht zu den physischen Quellen des Lebens vorgedrungen“ / „noch nicht den unbewussten Gemeinschaftsleib verwandelt“ / „Kenntnissen, die man aus einer ... zur Bildung des Geistes ganz ungeeigneten Schlossbibliothek schöpft“ / „enthüllte sie sich mir doch nach und nach unter sehr deutlichen Zügen“ / „Die großen Herren sind fast die einzigen, von denen man ebenso viel wie von Bauern lernt“ / „die Dinge der Vergangenheit hätten einen Reiz in sich selbst“ (...) - alles Reflexe/Reflexionen des E. zu den Dinergesprächen, bevor er bei Charlus anlangt. - ...

  258. 838.

    Sehr geehrte Damen und Herren, Ihre Kommentare zu den einzelnen Abschnitten der Lesungen sind m.E. um eine verspätet. So betrifft 57/61 die Unterhaltungen bei Monsieur de Charlus und nicht das Ergebnis des vorangegangenen Besuchs bei Madame de Guermantes. Aber sonst : Toll. man ist versucht , den Roman zweimal zu lesen !
    Mit freundlichen Grüßen
    Lange

  259. 837.

    ... antithetischen/dualistischen Muster von Bewunderung/Genuss/bejahender Teilhabe versus Kritik/Satire; Ver- und Entzauberung, Anziehung und Abstoßung vollziehen sich in zugleich subtileren Kategorien, die zu tun haben, denke ich, mit dem Problem der Findung eines validen Maßstabs für das Verhältnis von Ich und Welt - das erzählende Ich präsentiert uns seine Suche nach einer lebbaren Haltung, nach einer ‚Verankerung’, die dies Ich zu ‚kreativer Produktivität’ befähigt. -

    Ich würde mich über eine Diskussion darüber in diesem Forum freuen.

  260. 836.

    „Parsifal unter die Blumenmädchen versetzt“ - so der Erzähler im Palais Guermantes beim Eintreten in den Salon zum Diner. Er stößt auf den „abgelagerten Duft“, den „stehengebliebenen Rest aus dem Hofleben“, dessen „Geist“ im Fortleben der adligen Umgangsformen wie „eine Tonskala aus mehreren Jahrhunderten zum Erklingen“ gelangt. Es folgt über fast 200 Seiten hinweg eine Auseinandersetzung mit der „imaginären Ferne der Vergangenheit“, mit einer Welt in „Umkehrung“, wo „die Oberfläche wesentlich und zur Tiefe wird“.
    Ein erstaunliches, großartig komponiertes Stück Literatur! Lässt sich daran (Lesung dieser 3 Wochen) nachvollziehen, was im Erzähler vorgeht - oder anders: warum das erzählende Ich diese ‚Folie’ der Aristokratie zur Selbstfindung benötigt?
    Offenbar zieht Proust nicht die erwartbaren Register der Beobachtung und des Urteilens, folgt nicht dem naheliegenden ...

  261. 835.

    ... dem 'Vollkommenen' und dem 'Gelingenden' gegenüber. Aber die 'Formeigenschaften' weisen m.E. auf ein konstruktives Wollen hin, auf ein Ethos des schaffenden Künstlers, der immer wieder neu ansetzt mit seinen ‚Verknüpfungen'.
    Das ist, denke ich, etwas anderes als (philosophisch) die Behauptung einer Menschenwelt der Auflösung, Gebrochenheit etc. –
    Übrigens: Das Adorno-Zitat leuchtet mir nicht ein, wieso ist die schöne Sprache voller Hoffnungslosigkeit? Mir riecht das nach wohlfeilem Eskapismus. Denn unterstellt wird, dass dem ‚Schein’ ein wahres ‚Sein’ ohne wenn und aber entgegengestellt werden kann. Welches denn? Prousts ‚Methode’ des Erzählens folgt solchem behaupteten Vorabwissen nicht – so meine bisherige Lektüre. (Ich habe bisher nicht über die Bücher Guermantes hinaus gelesen.)

  262. 834.

    Ja, Herr Eckhardt, was ich "noch kaum gesagt" habe, greifen Sie nun dankenswerterweise auf und formulieren knapp Ihre Deutung (mit Hinweis auf Adorno). Schön auch, dass Sie das Zitat aus der jüngsten Lesung einbeziehen ("Daseinsgrund" wechselseitig). > Gut für die Diskussion!
    Ich tue mich allerdings schwer, hier mit der Kategorie der Entfremdung zu operieren. Die Sprachformen Prousts scheinen mir in ihrer Beweglichkeit, im mäandernden Satz- und Gedankenbau, im stetigen Wiederaufnehmen und Umschichten der Motive ein anderes Signal zu setzen: das eines 'Baumeisters', der ein taugliches Bild des (vergänglichen) 'Lebens' geben will - man könnte vielleicht auch sagen: das 'Mäandern' des Lebens nachahmend - jedenfalls keine Dekonstruktion. Proust ist wohl sehr ehrlich in seiner Skepsis ...

  263. 833.

    Ich meine, dass die erwähnten „Formeigenschaften“ sehr wohl etwas über das Proustsche Weltbild aussagen, das ein gebrochenes, ein hinfälliges, eines der Entfremdung, der Auflösung ist. Form und Inhalt sind hier nicht zu trennen. Hinzukommen die immer „zahlreicheren Verknüpfungen“ der Figuren, ein hochkomplexes Beziehungsnetz, in dem jeder vom andern „seinen „Daseinsgrund erhält“ und zugleich gefangen ist. Nicht zuletzt der komplexe Satzbau mit seinen Einschüben usw. ist Abbild der (unendlichen) Verflechtung, immer wieder der Versuch, diese zu fassen, aber zugleich aussichtsloses Unterfangen. „Die Schönheit, welche die Dinge in solchen Beschreibungen annehmen, ist die hoffnungslose ihres Scheinens.“, schreibt Adorno in seinen Proust-Kommentaren.

  264. 832.

    ... Erweiterung, Vervollständigung, Revision, Retusche, Umschichtung, Wiederaufnahme, Verwandlung etc. So beweglich und ambivalent ist der Bau des Romans und sein spezifischer Modus des ‚Jahresringe’-Bildens. –

    Nota bene: Mit der Kennzeichnung solcher Formeigenschaften ist noch kaum etwas gesagt über das von Proust vermittelte Welt- und Menschenbild.

  265. 831.

    ... so oft die komplexe Wahrnehmung bestimmen. Mein Eindruck: Prousts Erzählverfahren ist gleichsam ‚optisch’ ausgerichtet: aneinandergebaut oder übereinandergelegt werden ‚Bilder’ (transparente Folien?), die im Wechselspiel ihrer ‚Teile’ wie Konzentrate von ‚Handlung’ oder ‚Gedanken’ wirken, beweglich und offen und reflexiv gerade auch wegen der Verschränkung der Zeit- und Erinnerungsebenen. Was im Hinblick auf Motivation, Assoziation, Imagination beim Erzähler - also auch psychologisch – ein Auf und Ab aus Anziehung und Abstoßung, aus Faszination und Enttäuschung ist, ergibt sich erzählerisch keineswegs nur aus der Handlung, sondern aus der kontrastierenden Handhabung der komplexen Wahrnehmungs-Bilder (‚Projektionen’) in einem Prozess von ...

  266. 830.

    Ich bitte um Nachsicht, aber das Stichwort ‚fragmentarisch’ reizt:
    Zu Beginn des abendlichen Diners im Palais Guermantes befindet sich der Erzähler „im Angesicht der Bilder von Elstir“ - da heißt es: „...wie in Balbec hatte ich wieder die Fragmente dieser Welt mit ihren unbekannten Farben vor mir, die nur die Projektion gemäß der ganz besonderen Sehweise des großen Malers waren ...“
    Prousts Erzählen ist durchaus getragen vom Umgang mit ‚Fragmenten’. Es ist - wie ich es lese - aber kein Fragmentieren (der Welt), sondern ein Arrangieren, Kombinieren von Fragmenten, also ein ‚Bauen’ mit Fragmenten. Wenn ich auch vom ‚Schichten’ spreche, so einerseits wegen der Überlagerungen und andererseits wegen der Zeitstruktur(en) der Erzählung, der Zeitschichten, die ...

  267. 829.

    Danke für die Textstellen!
    Vorweg: Der Absatz über die ‚Neurastheniker-Seerose’ ist gerade nicht Monet; in meinen Augen bietet diese Folge der Beschreibungen und Vergleiche ein Beispiel für das ‚Bau-Muster’ des Proust’schen Erzählens mit dem ‚Springen’. -
    Die folgenden Absätze dann wieder weitestgehend ‚à la Monet’ (wie ich vermutete), wobei in der Passage über die Glockentöne von St. Hilaire eine schöne (im Kontext synästhetisch anmutende) akustische Variante zu den Farbwahrnehmungen anschließt.

  268. 828.

    „die violetten Gewittertöne der Weingärten an einem Herbstmorgen“( „Combray“, Weg nach Méséglise) lassen an impressionistische Malerei denken. Ihrer Beobachtung, dass v.a. die Beschreibungen der Werke und Malweise Elstirs wichtige Fingerzeige geben, schließe ich mich an.Sie enthalten wesentliche Reflexionen zur Wahrnehmung (und zum Welterleben) des Erzählers. Ich würde lediglich den Schwerpunkt mehr auf den Aspekt des Fragmentarischen legen als auf Aufbau und Schichtung wie bei Cézanne.

  269. 827.

    Eine zusammenhängende Passage, die offenbar auf die Nymphéas Bezug nimmt, schließt sich auf dem Weg nach Guermantes ( gegen Ende von „Combray“) an die Beschreibung der ‚Neurastheniker-Seerose‘ in der Vivonne an. Die Seerosenteiche spiegeln einen dunkelgrünen, manchmal auch einen helleren, von Violett ins Blau spielenden irisierenden Untergrund. Die Passage ist durchsetzt von unerwarteten Assoziationen (Stiefmütterchen, Porzellan), legt aber in der Vertauschung von Himmel und Wasserfläche , die „den Blumen einen Grund von erlesenerer und eindrucksvollerer Färbung als die der Blumen selbst“ gibt, den Gedanken an Monet nahe.(W. Joop sagte in der Sendung, er wüsste nicht, wie er das Bild aufhängen würde, da er nicht entscheiden könne, wo oben und unten ist.) Statt Gemälde zu beschreiben, ruft Proust in der Vorstellung des Lesers eines/mehrere ähnliche Bilder hervor. Auch Halbsätze wie z.B. …

  270. 826.

    Anhang zu 825:
    Sehe gerade, dass insbesondere die Szene (Swann/Combray) der Kutschfahrt mit Doktor Percepied und die wechselnde Wahrnehmung der Kirchtürme von Martinville wohl einen Schlüssel liefert für den Zusammenhang zwischen optischer Wahrnehmung, emotional-gedanklicher Verarbeitung und Schreibakt/Erzählweise. Wenn man den Proust-Text versucht mit den Augen eines Malers zu lesen, landet man viel weniger beim ‚Impressionismus’ als bei all denen, die ihre Bilder ‚bauen’. Auf Cézanne hatte ich schon hingewiesen.

  271. 825.

    ... das Reflektieren von ‚Oberflächen’, das Wechselspiel des Lichts im (stillgestellten) Moment für das Entscheidende halten sollte. Eher wohl ein nur im jeweiligen Kontext erkennbarer optisch-gedanklicher Bau, eine Art Schichten, Überlagern, Kontrast-Spiegeln von Analogem wie Disparatem (zuweilen ins Komische oder auch ins Paradoxe gewendet). Die Elstir-Passagen sind, denke ich, für vieles Fingerzeige.

  272. 824.

    Angeregt durch den arte-Film (Musée d’Orsay) – danke, Frau Windeck! – tritt mir in dieser Woche Madame de Guermantes als ein (Proust’sches) Rätsel entgegen. Hat sie denn gar keine Liaison wie all die anderen? Anders gefragt: Welche Frauen-Konstruktion ist sie neben/im Vergleich zu Odette? Als eine stets raffiniert gekleidete ‚Olympia’ des Faubourg gibt sie sich und schaut alle(s) selbstbewusst an – und so geht sie anscheinend auch mit den ständigen Affairen ihres Ehemanns um ... --
    Zweite Frage, betr. Monets Nympheas: Natürlich bieten sich Assoziationen zu den Beschreibungen der Vivonne an. Welche Passage(n) würde(n) da charakteristisch sein? Ich frage auch deshalb, weil mein vager Eindruck war (mir fehlen die Zitate), die Verarbeitung durch Proust ist nur scheinbar ‚impressionistisch’ (à la Monet), sein ‚osmotisch-bauendes’ Erzählen ‚springt’ zu sehr, als dass man ...

  273. 823.

    Gerade lief auf arte ‚The Art of Museums‘ über das Musee dOrsay (frz.Kunst des 19.Jh.), gesehen mit den Augen von Sasha Waltz und anderen Künstlern von heute. Auch wenn man sich nicht so sehr für Kunst interessiert: es ist Prousts Epoche, u.a. werden Werke gezeigt, auf die er in der Recherche Bezug nimmt. Wichtiger finde ich aber, dass übergreifende Themen (z.B. das Frauenbild der Epoche) angesprochen und die Werke aus ganz unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden. Unbedingt empfehlenswert! (Gibt es bestimmt in der arte mediathek.)

  274. 822.

    ... den inneren ‚Bau’ der beobachteten Verhaltensweisen, das hier uralt Zusammengesetzte (auf ihn wirkend wie dauerhafte Kunst). Insofern können die spärlich eingefügten (erklärenden od. deutenden) Vergleiche/Metaphern sowohl Distanz (Ansätze zu Kritik) signalisieren als auch Verstehen/Annäherung (Möglichkeit produktiver Verarbeitung für seine eigenen Interessen?). Angedeutet hatte er seine besondere „Überlegenheit“ ...

  275. 821.

    ... ist die Fähigkeit der Herzogin, ihren Zirkel exklusiv und erlesen, aber an den Rändern durchlässig, ein wenig offen und beweglich zu halten – durch Einladung von Künstlern, Intellektuellen, ‚Modernen’ oder zumindest durch überraschende, provokante Einführung deren Gedanken, Werke in die ‚Diskussion’. Mit solchen Volten überrumpelt und übertrumpft sie ihre Gäste. Die eingeladenen Externen werden ostentativ mit allen alten Formen der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit behandelt, sie werden über die fundamentale gesellschaftliche Kluft hinweg getäuscht und verführt (auch mit Snobismus infiziert). -
    Der Erzähler scheint sich zurückzuhalten, ist aber gerade durch das kurze, intensive Studieren der Bilder von Elstir besonders empfänglich, denke ich, für ...

  276. 820.

    Anmerkungen zur Diskussion / Lesung der Woche >> Salon Guermantes/Diner:
    Der Erzähler, Gast und Beobachter, erlebt den exklusiven hocharistokratischen Zirkel als zeremoniellen Kosmos - Gefüge und Repertoire von Verhaltensweisen des Adels, der wie unabhängig von seinen gegenwärtigen Trägern existiert. Fertige Register standesgemäßen Verhaltens bis in die kleinsten Posen hinein (inkl. gelegentlicher Verwendung der ‚Volkssprache’) stehen zur Verfügung.
    Zur Konversation: Bonmots, Spitzen, kleine Bosheiten oder gar Lügen – was wir heute Lästern nennen würden, ist in diesem exklusiven Kreis eher ein Lebenselixier: in dem gealterten Knochenbau der Aristokratie wirkt es wie ein stärkendes Schmier- oder Arthrosemittel. Die amüsante Konversation bannt Stillstand und Langeweile, vor allem aber regeneriert und bestätigt sie die feinsten Distinktionen im Geranke der weit verzweigt verwandten ‚Kusinen und Vettern’.
    Was den Salon Guermantes vor den anderen auszeichnet, ...

  277. 819.

    I-A!
    Bedeutet in diesem Fall:
    Ich kenne das Gefühl sehr gut, von Kleinchen öffentlich abgewatscht zu werden.
    Sie, werter Herr Stellmann, schrieben am 6. Juni (unzweifelhaft an mich gerichtet):
    "Lach, an wen das wohl ging?" Und nun meine sehr ernsthafte Frage:
    Wie fühlt sich das nun für SIE an?
    Mein erstes I-A! vom 26. Juli bezog sich übrigens auf Ihren Kommentar vom 17. Juli "Bin raus, muss mich um meine Frau kümmern..." Genau dies (um meine Frau kümmern) war bei mir der Fall, deshalb mein eselisches "ich auch".
    Es wird mir ein ums andere Mal angedeutet, die Menschen gerade dann zu verwirren, wenn für mein Gehirn alles sonnenklar formuliert zu sein scheint.
    Künstlerpech!

  278. 818.

    zu 803: Klammheimlich beschleicht mich der Verdacht, die Anhänger von Sprechblasen und Worthülsen wären nicht unbedingt im Lager derjenigen zu suchen, die ihr Augenmerk beim Lesen nicht auf die Frage reduzieren, was der Text mit ihnen zu tun haben könnte oder Literatur auf einen "Gebrauchswert" hin untersuchen ...

  279. 817.

    Liebe Frau Krings, danke für Ihre Nachricht.
    Bevor ich mich in einigen Tagen dazu erklärend oder auch verwirrend äußere, nur die ebenso kurze wie verblüffte Frage:
    Hatten wir bei der Recherche tatsächlich bereits das sogenannte Bergfest???
    Ihr acht keineswegs verlorene Jahre in Jülich gelebt habender Co-Kommentator
    PS Ich hatte es schon ein- oder zweimal erwähnt: Frau Anselms Beiträge nehme ich im Großen & Ganzen genau so auf wie Sie es tun, Frau Krings.
    Und ich vermute, Herr Stellmann auch... lach... grins...

  280. 816.

    zu 808/809: Bild er Tänzerin
    Wir sollten unterscheiden: Jedes Gemälde dieser Art, von Degas bis zu Rubens, Caravaggio, Fra Angelico (z.B.)hält den Augenblick fest und weist zugleich darüber hinaus - entweder in die Geschichte davor/danach oder allg. in den Zusammenhang der Bewegung(en). Was Elstir offenbar macht, ist 'Konstruktion' im Gefolge von Cézanne - eine Linie, die bis zur Abstraktion à la Picasso reichen kann, deren Verankerung im Realen, im Gegenständlichen oder Figürlichen ja immer greifbar bleibt.

  281. 815.

    Anm. zu 814:
    Der Erzähler vor den Bildern Elstirs im Haus Guermantes':
    „(...) hatte ich wieder die Fragmente dieser Welt mit ihren unbekannten Farben vor mir, die nur die Projektion gemäß der ganzen Sehweise des großen Malers waren“ ( in meiner TB-Ausgabe, Guerm. II/S.555) –
    >> Beispiel für das Zusammenspiel / Ineinandergreifen beider ‚Methoden’

  282. 814.

    ... Reflexion. Die eingeschobenen farbigen Glasscheiben sind bereits fertige (innere) Bilder. Sie gleichen überraschenden, wunderbaren Zauberbildern (wie für Kinder und alle, die neu! sehen; >> Elstirs fertige Gemälde). Am ‚Schneidetisch’ aber setzt ein Fotograf (oder Text-Monteur) seine ‚Fragmente’, die Momentaufnahmen wie ‚Fundstücke’ zusammen, im Bewusstsein seiner jeweiligen Gegenwart und auch konfrontiert mit Erinnerung. In/aus der Erinnerung wiederum können scheinbar verschollene Bilder wie ‚Zauberbilder’ wieder auftauchen, zufällig hervorgereizt durch irgendwelche ‚Madeleines’ ...
    Mir scheint, Proust wendet in seinem Schreiben beide ‚Methoden’ an.

  283. 813.

    ... dass Roberts „Körper“ die Momente des Denkens, die „höheren Dingen“ zugewandt waren, „absorbiert“ hatte, so dass er „Schwere“ bereits abgeworfen hatte und als Adliger, als „Reitergeneral“ ganz er war – aber von außen betrachtet auch ganz „Kunstwerk“ werden konnte [siehe Bild vom Reiterfries, analog dem Fries der Mädchen (Balbec)]. Wichtig dabei die psychologische Seite, die in die Adels-Studie einfließt: Saint-Loup wird qualifiziert durch „Vorzüge, die hinter seinem Leib, der nicht undurchlässig und dunkel war wie der meinige, (...) aufschimmerten: „klar und reizvoll“ war er in den Augen des Erzählers. Hier haben wir sicherlich Vorgriffe auf Späteres. –
    Noch ein Wort zu den ‚Sinnbildern’, die wir hilfsweise benutzen: Die ‚Laterna magica’ hatte ich mir notiert, aber noch für später aufgehoben. Ich denke, die ‚Kamera’ oder ‚Dunkelkammer’ und andererseits diese ‚Laterna’ lassen sich komplementär gebrauchen. Beide bezeichnen Verfahren der optischen (Re-)Präsentation und ...

  284. 812.

    ... in Sachen ‚Liebe’ oder ‚Freundschaft’ und andererseits von individuellem Vermögen (Schöpferkraft, Genie ... – allgemein auch ‚Modernität’) und dem, was er - hier - bei Saint-Loup „Patrimonium“ nennt , genauer: „Patrimonium in seinem Körper“. Diesen Punkt spielt er im weiteren Verlauf immer wieder durch (Salon der Guermantes); so die lange Reihe der Beobachtungen und Reflexionen zu Herzog und Herzogin Guermantes. Variationen über das ‚Kryptogramm’. Zum Muster des spiralförmigen Erzählens gehört das Spannungsverhältnis von Anziehung und Abstoßung , von Ver- und Entzauberung usw. Auch Namen werden auf ihre Tauglichkeit hin durchleuchtet (der magische ‚Name Guermantes’. ...). Immer wieder das Abgleichen von Geistigem etc. und ‚dem Körper’, ohne den augenscheinlich nichts wirklich vollständig verstehbar wird. Vgl. die vielen Passagen zum Körper der Protagonisten. Im Hinblick auf Saint-Loup ist die Quintessenz des Erzählers, ...

  285. 811.

    Ich freue mich, dass es mit der Diskussion jetzt wieder weiter geht. Ja, die ‚Jahresringe’, Frau Windeck – Ihr Beispiel (Rückgriff auf die Szene mit Saint-Loup, Thema Freundschaft) ist bemerkenswert, für mich aber noch aus einem andern Grund als dem Umstand, dass der Erzähler aus einem „Heute“ zurückdenkt. Wenn ich es richtig sehe, befinden wir uns in einem Abschnitt des Romans, in dem der Erzähler seine Erfahrungen/Einstellungen ‚abklopft’/‚bedenkt’ im Rahmen von Szenen im Milieu der ‚Aristokratie’. Er erlebt eine ‚Konfrontation’: hier er selbst, noch unfertig, aber im ‚Anlauf’, als Künstler zu ‚arbeiten’ - dort der zutiefst verankerte ‚fertige’ Adel (den es um 1900 immer noch gibt und von dem sich der Erzähler extrem angezogen fühlt, an dem er sich reiben muss; er prüft die Verhaltensweisen dieser Leute auf ihre Eigenart und ihren ‚Wert’ und ist offenbar begierig, sich in der besagten Reibung Klarheit zu verschaffen über das Verhältnis einerseits von Sein und Schein ...

  286. 810.

    Sehr geehrte Herren Werckmeister, Stellmann und Buchwald, es ist sehr schade, dass Sie sich nach mehr als die Hälfte des Opus aus der Diskussion über die "Suche nach der verlorenen Zeit" zurückziehen. Ich fand Ihre Kommentare und das Gespräch untereinander erhellend, spannend und bereichernd und habe gern aus diesem erlesenen Zirkel geschöpft, denn es ist ja offensichtlich, dass Sie drei und Frau Windeck sich professionell mit Literatur beschäftigen. Mir, als von der Lektüre gefesselte "nur" Leserin, fällt es viel schwerer, meine Eindrücke so auf den Punkt zu bringen, wie Sie es tun. Trotzdem löst das Buch Assoziationen, Gefühle, Erinnerungen, Übereinstimmungen und Gegenwehr auch bei mir aus; will sagen, Sie sprechen mir oft aus der Seele.
    Vielleicht überlegen Sie es sich doch nochmal, wieder einzusteigen, ich würde mich freuen. Und Herr Stellmann, warum tut es Ihnen Leid, für Frau Anselm zu sprechen? Ich finde ihre Statements erfrischend, witzig und sehr persönlich.

  287. 809.

    verweist das Werk auf die Flüchtigkeit des Augenblicks: das unaufhaltsame Vergehen der Zeit wird im Kunstwerk für den Betrachter spürbar. Die erlebten Momente sinken im Laufe der Zeit immer tiefer ins Unbewusste, wo sie für den Menschen „verloren“ sind,meint Proust. Sie „heraufzuholen“ (vgl die Madeleine-Episode) und ihnen im Kunstwerk neue Gegenwart zu verleihen, die eine ganze versunkene innere Welt umfassen kann, war Prousts Anliegen.

  288. 808.

    zu 798:Über Ihren Kamera-Vergleich habe ich nachgedacht, kann mich aber nicht ganz damit anfreunden. Proust hätte er vielleicht sogar gefallen, da er sich nach eigener Aussage bemühte, „objektiv“ und unbestechlich zu sein. Bei der Betrachtung der Werke Elstirs im Hause Guermantes verwendet er ein Sinnbild, das mir besser zu passen scheint: die Laterna magica (die als Leitmotiv immer an entscheidenden Stellen des Romans auftaucht). Die Persönlichkeit des Künstlers Elstir ist einzigartig, lässt aber keineswegs auf Rang und Eigenart seiner Werke schließen; sie entstehen erst durch seine besondere Sichtweise, symbolisiert in den farbigen Glasscheiben. Auf diese ihm eigene Weise gelingt es dem Künstler,den Augenblick, als die erhitzte Tänzerin zu tanzen aufhört, so festzuhalten, als hielte er die vergehende Zeit an. Die Szene auf der Leinwand ist unveränderlich und unbeweglich fixiert. Gleichzeitig aber…

  289. 807.

    seine Unfähigkeit zur Freundschaft und die Gründe dafür an.Der Unterschied liegt darin, dass der Erzähler in Balbec das Werk, zu dem er sich berufen fühlte, noch nicht geschrieben hatte, während er in der zuletzt gehörten Passage auf das beendete Werk voraus- und zurückweist, den Text nämlich, den der Leser vor sich hat. Es ist dieses Geflecht ineinander verwobener Zeitschichten, es sind die Denkbewegungen, die immer wieder neu ansetzen (und die so viel schon Gedachtes enthalten), um gleichsam in konzentrischen Kreisen (oder ineinandergreifenden Spiralen)das Wahrgenommene und die davon nicht mehr zu trennenden Gedanken und Vorstellungen in Sprache nachzuformen, die es so schwer machen, bei der Chronologie zu bleiben.

  290. 806.

    zu 797: Obwohl ich mir am Anfang der Lesung vorgenommen hatte, mich nur auf die einzelnen Hörfolgen zu konzentrieren, fällt es mir zunehmend schwer; wenigstens will ich versuchen,mich auf „Rückgriffe“ zu beschränken. An den mit St Loup verbrachten Tag schließt der Erzähler eine längere Reflexion über Freundschaft an. Man kann hier ein Grundmuster der Recherche erkennen: dem Erzähler widerfährt mehrmals das Gleiche auf unterschiedlichen „Stufen“, die jeweiligen Reaktionen und Überlegungen des Erzählers ähneln sich. Sie selbst haben dafür einmal das Bild der Jahresringe eines Baumes benutzt. Ein zutreffendes Bild, wie ich finde, denn die nie ganz ebenmäßigen Muster der Ringe wiederholen sich in fast unmerklichen Abwandlungen. Bald nachdem der Erzähler St Loup in Balbec kennengelernt hatte, stellte er ganz ähnliche Überlegungen über….

  291. 805.

    Aber Herr Stellmann – Sie formulieren seit einiger Zeit recht giftig!? Im Unterschied zu mir kennen Sie die gesamte „Recherche“. Ich tue mich schwer, mir ‚den Proust’ vorzustellen und muss mich an den ‚Erzähler’ halten, wie er bis heute (rbb-Lesung) auftritt. Soll ich da nicht zögern, die ins Auge springende „umfassende Sensorik“ nicht nur zu bewundern, sondern den Widerhaken zu folgen, die ich ebenso spüre. Auch aus eigener Lebenserfahrung. Sentenzen über menschliche (Ich-)Abgründe, ok (Montaigne hoch zwei) – aber ich habe keine Lust, mir einen neuen Guru zu entdecken. Das ist die Art, wie ich mit der Frage umgehe, was der Text mir sagt, was er mit mir zu tun hat.
    Was ich mir wünsche, sind weniger die allgemeinen Einwürfe, sondern eine Diskussion über die Passagen des Romans, die wir vorgelesen bekommen. Dann kann sich was zusammensetzen. Mein Urteil, meine Einstellung steht noch lange nicht fest.

  292. 804.

    Ooops, jetzt habe ich gerade eine kleine Lanze für Frau Anselm gebrochen...lach tut mir leid..grins

  293. 803.

    Das ist wohl mehr eine Frage, die an Proust selbst zu stellen ist, aber für seine umfassende Sensorik, seine menschlich-seismographischen Fähigkeiten konnte er nichts...die waren ihm gegeben und er hat sie weitergegeben....Adorno hat mal zu Alexander Kluge gesagt, er solle nicht schreiben, weil nichts an Proust heranreichen könnte. Dem Himmel sei Dank, dass Kluge nicht auf seinen Lehrer gehört hat...
    Noch einmal: der Gebrauchswert von Literatur besteht in Erfahrungarbeit...alles andere ist schöngeistige Sprechblasenproduktion

  294. 802.

    Worin besteht die Besonderheit des Ich-Erzählers, dass er derart ‚intimen’ sozialen Zugang findet zu den Kreisen/Salons der Aristokratie und sich männliche und weibliche ‚Beispiele’ Schritt für Schritt zurechtlegen kann für seine Studien und Urteile ? - die Herzogin, Robert (und Foix), der Herzog, die Prinzessin von Parma - Der Erzähler erwähnt seine „Art von Überlegenheit“ ...

  295. 801.

    Was verehre ich meinen Oberstufenlehrer und meinen Publizistikprofessor, die immer nur gefragt haben, was könnte dieser Text, diese Nachricht mit ihnen zu tun haben?

  296. 799.

    ... den ‚Botaniker’: Wie ein Präparator beugt sich das ‚Ich’ über seine ‚eingefangenen’ bzw. jetzt ‚toten’ „Exemplare“. Oder wenn man den ‚Fotografen’ bemühen will, so bearbeitet er zwecks Präsentation seine ‚Negative’. Dem würde entsprechen, dass für all die Szenen, in denen der Erzähler seine ‚Liebe’ ausbreitet, bereits ein retrospektiver Zeitpunkt erreicht ist, zu dem die ‚Liebe’ ernüchtert ist und distanziert betrachtet werden kann. So immer wieder explizit hinsichtlich der Frauen (Gilberte, Albertine, Madame Guermantes, Mme de Stermaria). Was nicht ausschließt, dass künftige Wendungen anhand neuer ‚Negative’ in Szene gesetzt werden können. Für die Blicke auf die Gesellschaft, die Facetten von Distinktion und Dünkel, die Usancen im sexuellen Verhalten, das Verhältnis von Freundschaft etc., gilt bestimmt die (kalte) Distanz-Perspektive. Auch scheint zur Konstruktion zu gehören, dass Mutter und Großmutter eine Sonderrolle spielen ... –
    Bin gespannt auf die angekündigten ‚Schocks'

  297. 798.

    ... soll wohl mehr sein: Medium (Sprachrohr) einer Ich- und Welt-Wahrnehmung (und –Deutung?). Ein solches ‚Programm’ lässt sich nicht einer ‚Person’ aufbürden. Es kann nur ‚verteilt’ werden auf eine Vielzahl von Protagonisten, und ihr Zusammenhang kommt zustande dadurch, dass sie in der Erzähler-Werkstatt/Dunkelkammer in einen ‚Erzähl-, Beschreibungs- und Reflexions-Apparat’ eingespannt werden. Das dirigierende, erzählende Ich agiert a u c h als - auf Generalisierungen zielender - Repräsentant, als (erlebendes) Ich u n d als Stellvertreter/Agent - eines Ensembles von Wahrnehmungs- und Wiedergabemöglichkeiten, deren Bandbreite sich bestimmt auch durch die Summe der technischen und wissenschaftlichen Erkenntnisweisen der Zeit. – Anknüpfend an ...

  298. 797.

    Ja, die ‚Vorgriffe' bei Proust! In der Balbec-Szene (vgl. 796), nachgelesen, sind mir in zahlreichen Passagen solche raffinierten Vorgriffe auf die Szene mit Albertine vor dem erhofften Rendevouz mit Madame de Stermaria in die Augen gesprungen. - Nun gehören, nüchtern betrachtet, Vor- und Rückgriffe zu allen gut gewebten literarischen Texten, auch wenn Proust darin Virtuose ist - allerdings auf besondere Weise >>
    Entsprechungen/Spiegelungen dieser Art werfen ein Licht auf die von Proust vorgenommene Konstruktion nicht nur der Erzählung , auch des Erzählers!
    Ich denke, die Sache wird zunehmend kompliziert, weil allein die Annahme einer leitenden Retrospektive nicht ausreicht. Das (auf sein Leben) zurückblickende, erinnernde Erzähler-Ich will vermutlich gar nicht individueller oder psychologischer Plausibilität (in den Augen der Leserschaft) genügen. (Sprünge, ja Widersprüche werden womöglich in Kauf genommen.) Das konstruierte Ich ...

  299. 796.

    Ergänzung zu 792:
    In diesem Zusammenhang Rückblick auf die Szene der Mädchenschar an der Strandpromenade Balbec (in ‚Mädchenblüte’): Der Ich-Erzähler tut so, als würde er all die Eindrücke, die er ausbreitet, realiter wahrgenommen haben (können). Dargeboten wird aber, denke ich, eine Bildfolge wie am Schneidetisch zusammengestellt, in variabler Nah- und Fernsicht und mit zahlreichen Überblendungen. Das Ich suggeriert eine unmittelbare Subjektivität der Perspektive. Es ist aber eher das Ich eines Fotografen, der die Möglichkeiten seiner Technik, seines Seh-/Aufnahmeapparats nachträglich nutzt und die gewünschte Folge der Einstellungen dann zusammenstellt. Mit Imaginationen des Wünschens/Begehrens/’Besitzens’ wird die Bildfolge (psychologisch) aufgeladen. Am Ende der Passage erklärt sich der Erzähler zufrieden mit seiner Auswahl/Komposition der „in taufrischen Exemplaren vertretenen Blüten“ – er konstatiert die/(seine) „Genugtuung eines Botanikers“.

  300. 795.

    das auf dem Vorverständnis des Erzählers (und des Lesers) beruht, auf die Erzählebene übertragen werden. Das ist ein Vorgriff; aber Proust verfährt in der gesamten Recherche so. Da man beim Hören auf das gegenwärtig Erzählte fokussiert ist, bemerkt man nicht, dass vielleicht gerade jetzt etwas als raffinierte Spiegelung vorweggenommen wird, das erst viele Kapitel später als solche erkannt werden kann. Als Leser muss man eigentlich ständig zurückblättern und schon Gehörtes „neu“ lesen, um auf solche Entsprechungen aufmerksam zu werden.

  301. 794.

    ...an der Vivonne zu einem…
    undurchsichtigen Abgrund, oben und unten lassen sich in diesem gespiegelten „Bildausschnitt“ nicht mehr unterscheiden. Kennzeichnend für solche Erlebnisse –z.B. Blicke aus dem Fenster im Zug nach Balbec(v o r der Begegnung mit Elstir),Spiegelungen auf den verglasten Regalen im Hotelzimmer- ist die Wahrnehmung von Fragmenten (auch akustischen), die im Bewusstsein neu zusammengesetzt werden. Dabei wird gleichzeitig die „Denkbewegung“ nachgezeichnet, die nicht linear verläuft. Die Entdeckung des „neuen“ Autors markiert den Beginn einer Entwicklung, in deren Verlauf der Bruch mit dem Gewohnten immer verstörender, immer schockierender wird, weil die Orientierungspunkte selbst zunehmend fragwürdig werden. Darin kann man eine Vorausschau auf künftige Geschehnisse (Sodom und Gomorra) sehen, wo die sich steigernden Schockwirkungen, die aus dem Bruch mit allem Gewohnten und zu Erwartenden entstehen,…

  302. 793.

    Noch zu 786: ich habe mich gefreut, dass jemand den Blick wieder auf die Perspektivverschiebungen in der Recherche lenkt. Der „neue“,offenbar ziemlich revolutionäre Autor, der in Denken und Wahrnehmung des Erzählers Bergottes Werke ablösen wird, bricht in seiner literarischen Komposition semantische Regeln, die seinen Text zunächst absurd scheinen lassen. In einem literarischen Text wird ein solcher bewusster Bruch besonders sinnfällig; das Phänomen selbst hat Proust schon häufiger vorgeführt. Mir sind in diesem Zusammenhang vor allem die direkten und indirekten Beschreibungen von Werken der Malerei aufgefallen.Proust „beschreibt“ sie nicht, er ahmt sie in Sprache nach, symbolistisch, impressionistisch, surreal, à la Whistler, Turner… Das gilt nicht nur für die Beschreibungen der Werke Elstirs und die nachfolgenden gravierenden Wahrnehmungsverschiebungen des Erzählers. Durch die umgebende Waldlandschaft wird z.B. der Himmel auf der Wasseroberfläche der Seerosenbecken ...

  303. 792.

    Angeregt durch Ihren Kommentar (786), Herr Eckhardt, habe ich die Beobachtung gemacht, dass der Erzähler (hochsensitiv wie immer) in den Passagen des beschreibenden Erzählens - abgesehen von vielen Beispielen einer Personifikation von Dingen etc. - zeitweilig wie ein Medium wirkt, unpersönlich, wie eine Kamera, wie ein Erzähl’apparat’ ausgestattet mit einem (panästhetischen) Sensorium. Also nicht nur inhaltsbezogen ‚dokumentarisch’, sondern auch optisch-sensorisch. Wahrnehmung dabei aber mit Imagination im Wechselspiel, mit fließenden Übergängen, sich überlagernd/durchdringend (‚osmotisch’). Auffällig auch das Auswählen von Sinneseindrücken (Bildern, Tönen, Geräuschen, Gerüchen), herausgegriffen aus einem Kontinuum, parzelliert und montiert zu neuen Einheiten; gerade auch im Dienst der Vergleiche (‚wie’-Sequenzen). >> Ständiger Wechsel der ‚Einstellungen’ auf ‚die Welt’. Erzählen nach der Methode Elstir. Changierend zwischen Impression, Konstruktion, Surrealem.

  304. 791.

    ...
    Anmerkung: die Eigenliebe als ‚Schlüssel’ im Auge behalten – als Motor/Motivator, Energiequelle und Bildgeber ...

  305. 790.

    Dem Erzähler scheint seine Macht über die Bilder das Wichtigste zu sein! Daher das ästhetisierende Reden über sein Begehren, wenn er über die Erwartung sexuellen „Vergnügens“ die „Wiederbegegnung mit lauter schönheitsgetränkten Bildern“ stellt und wenn er auf seiner Skala des „Vergnügens“ (Küssen) die Möglichkeit über der Wirklichkeit rangieren lässt. Befriedigt registriert er, dass das Leben ihm „immer wieder andere optische Instrumente“ zum „Sehen“ geliefert habe. Eingestreut Reflexionsinseln zu moderner Kunst (Schriftstellerei, Photographie, Malerei). Dominant aber das Bedürfnis nach Selbstrechtfertigung: die Überlegenheit des bilderseligen Wünschens gegenüber bloß körperlichem Verlangen (ideologische Konstruktion eines höherwertigen ‚Überbaus’ des banalen Trieberlebens), nicht zuletzt zum Zweck der Etablierung von ‚Überlegenheit’ - des Erzählers, insbesondere gegenüber den Frauen (Körper u. Intellekt). -

  306. 789.

    ... ihn Albertine. Es folgt (37f.) eine Inszenierung des „Küssens“ zwecks sexueller (Selbst-)Befriedigung, allerdings mit reflektierendem ‚Überbau’; zunächst Ingangsetzung eines Bilder-Spiels der Erinnerung, bevor sich der Erzähler in eine Haltung hineinsteigert, die man als gekünstelt-geistreiches Aufgeilen bezeichnen könnte - Stil frühreife Altherrenmanier (passend dazu seine Sehnsucht: „Frauensammlung“). Ein von purer (?) Eigenliebe bestimmtes ‚Frauenbild’ schlägt durch. Ich konstatiere, dass das (Leit-)Motiv des Kusses, insbesondere die „Überempfindlichkeit“ (siehe Sterben der Großmutter) hier ins Billige (tendenziell pornographisch) gewendet worden ist - gewollte Ego-Entblößung? Auffällig jedenfalls die wiederholte Betonung des Besitzen-Wollens (des weiblichen Körpers, der Frau) und das Hohelied des genussreiche(re)n Besitzes von Wunschvorstellungen und einem „Gefilde der Erinnerungen“. Ohne das die Lust weniger als die Hälfe wert. ...

  307. 788.

    Ich wollte mir mit meinem Kommentar zum Auftakt des Zweiten Kapitels (Lesung 36-38) etwas Zeit lassen, denn ein neues, stärkeres Unbehagen kündigte sich bei mir an.
    Also vorweg: Seien wir auf der Hut, uns vom Proust-Sound vereinnahmen zu lassen ...
    > (36f.) Erster Eindruck: nach der Passage zum Tod der Großmutter ein sehr scharfer Schnitt; keine Trauer. Das Ich findet wie selbstverständlich zurück zu seiner Egozentrik. Sein Erzählen wird ungebremst bestimmt von erotischem Begehren; Wünschen, Reflexion und Imagination gewinnen sofort Dynamik, das Erzählen setzt aufs neue an zu einer mäandernden Bewegung, die Vergangenes aufsaugt und mit sich trägt:
    Mit dem „Wetterwechsel“ erlebt der Erzähler eine „Neuerschaffung von Welt und uns selbst“, fühlt in sich Kraft und Lust, da Wünschen und Handeln nicht mehr durch „zentrifugale“ Impulse abgelenkt seien, also: Adam sucht Eva. Anlass die Aussicht auf den ‚Besitz’ von Frau de Stermaria. In der Wartezeit besucht ...

  308. 787.

    Ich werde morgen meinen Kommentar zu den aktuellen Folgen der Lesung abgeben - betr. den Übergang vom Sterben der Großmutter zu dem, was im 'Zweiten Kapitel' (Guermantes)zu Beginn erzählt wird.

  309. 786.

    Die Scheite verschieben sich: Prousts Modernität – das ist eine neue Weise von Erfahrung und Wahrnehmung. Irritiert ist er selbst vom neuen Schriftsteller, der „die Dinge auf ganz andere Weise zueinander in Beziehung“ setzt, bis dass er die Perspektiven umdreht. Die Dinge selbst blicken rätselhaft auf uns: „Die Wasserschläuche bewunderten die Unterhaltung der Straßen, die alle fünf Minuten von Briand und Claudel ausgingen.“ Verschiebung, Verrückung, Faltung: Das sind die Prinzipien des surrealistischen Wahrnehmungs- und Visionstrips, den wir vom Zauberzimmer Saint-Loups kennen: „Das Ticktack wechselte ...fortwährend den Platz,...kochende Milch...hebt sich schräg in die Höhe,...der Rahm faltig aufgeworfen,...von der milchigen Springflut überschüttet,...lautloses Weiterrücken von Gegenständen, [die] Feuer fangen an sich selbst...“ – und vom zweiten Zauberreich, dem Hotel, diesem „System von Räumen, die alle die Wirklichkeit von Personen besaßen“...

  310. 785.

    Bin raus, muss mich um meine Frau kümmern...

  311. 784.

    ... Höhepunkt der Formulierungen: beim letzten Kuss des Erzählers – Assoziation mit dem Gutenachtkuss der Mutter – die Formel einer vielleicht existierenden „Überempfindlichkeit“ des zärtlichen Gefühls, den Sinnen überlegen und deshalb sogar „durch den Schleier der Unbewußtheit“ hindurch das Geliebte erkennend, liebend. –

    Bemerkungen zum Übergang >> Zweites Kapitel später.

  312. 783.

    Lesung der Woche: Sterben der Großmutter
    Tief berührende, großartige Beschreibung, Zärtlichkeit des Nachvollzug des stufenweisen inneren Versinkens und Aufbäumens des Lebens/der Sterbenden (erzählt in der Beimischung von Physiologie, Psychologie und Medizin), Verstummen, Versteinern des Dialogs, Flucht der Bilder des Antlitzes der Großmutter: Metamorphose wie zurück zur Materie (dazu analog die Vergleiche zur Kunst: Porträt, Zeichnung, Skultpur), am Ende Paradox der Neubelebung und Verjüngung durch den ‚Bildhauer Tod’. Trauer von Mutter und Sohn; Rahmung durch scharfe Kontraste: Defilee der Ärzte fast wie eine Buffo-Szene; ein Priester-Inquisitor, der Herzog als selbstverliebter Zeremonienherr, die mit dem Tod bäuerlich-vertraute Françoise, herrisch und bestrebt, ihre Erschütterung zu verbergen (sie darf das unmittelbare Sterberitual beschließen: die Haare der Toten kämmen). Für mich ein ...

  313. 782.

    Danke, Frau Windeck, alles ganz in meinem Sinne.
    Wenn ich zitiere oder mich eng auf die eine oder andere Passage beziehe (v.a. letzte Woche auf die umfangreiche Salon-Szene), will ich durchaus den Proust-Text beim Wort nehmen. 'Ausschöpfen' ist ein anspruchsvolles Wort, da assoziiert jeder Leser (und Gesprächspartner im Forum) je nach eigenem Horizont, also Wissen, Werten, (Lebens-)Erfahrung usw.
    Insofern würde ich mir mehr konkrete Anmerkungen/Austausch zum (Inhalt des) Erzählten wünschen.
    Für Sie und Herrn Stellmann scheint mir das insofern mit einer komplizierten Rolle verknüpft zu sein, als der jeweilige Stand der Lesung den Rahmen abgeben und niemand 'spoilern' soll. -
    Und ach, Ihr zorniger Stoßseufzer, Herr Stellmann - wenn wir mit Bezug auf den Text einander mitteilen, worin wir Großartiges oder auch Problematisches im Werk sehen oder was uns/mich rüttelt, irritiert, aufschreckt (wenn ich mich selbst erkenne), dann sind wir doch auf einem guten Weg auch zum Begreifen.

  314. 781.

    Von Anfang an habe ich in meinen Kommentaren dafür plädiert, Proust „beim Wort zu nehmen“ und den Text so weit wie möglich auszuschöpfen, bevor wir von außen etwas an ihn herantragen (oder hineinlegen – was sich ohnehin nicht vermeiden lässt, denn auch beim Leser ist „Objektivität“ letztlich eine Fiktion). Es gibt nur verschiedene Grade der Bemühung um sie; aus Respekt und aus Gründen der Fairness gegenüber Werk und Autor sollte das Level in meinen Augen ziemlich hoch liegen.

  315. 780.

    „Im Schatten…“. Wegen meiner frz Ausgabe kann ich keine Seitenzahl angeben; der Erzähler verbringt Zeit mit den Mädchen und denkt über Veränderung und Vergänglichkeit nach. Er stellt sich die Mütter der Mädchen vor. Die folgende längere Passage enthält alle Zitate meines Beitrags. Proust gibt in der Recherche immer wieder solche Erläuterungen, ohne die man sein Werk nicht verstehen kann. Sie sind ein integraler Teil der Recherche, den wir nicht ignorieren können und dürfen. Bevor wir als Leser mit Ablehnung oder Zustimmung reagieren, müssen wir m.E. versuchen, seine Gedan- kengänge im einzelnen nachzuvollziehen, selbst wenn wir seine Anschauungen und Schlussfolgerun-gen keineswegs teilen.

  316. 779.

    Lieber Herr Reimann, lesen Sie meine Kommentare bitte nicht als Angriff oder Vorwurf, denn so sind sie wirklich nicht gemeint. Ich unterstelle gar nicht, Sie seien in die ‚Sainte-Beuve-Falle‘ getappt. Aber die Versuchung ist bei Proust größer als bei anderen Autoren, daher schien der Hinweis auf seine eigenen Äußerungen zum Thema an dieser Stelle nützlich. Man kann sie im Hinterkopf behalten, auch wenn sich später zeigen sollte, dass die geforderte strikte Trennung nicht immer einzuhalten ist. –Endlich glaube ich verstanden zu haben, was Sie mit „Verschanzung“ meinen. Der Erzähler ergreift nicht Partei und beobachtet so unbeteiligt wie möglich „von außen“, obwohl er Reflexionen anschließt. Diese Haltung ist wohl genau das, was Proust unter seiner „Objektivität“ versteht, auf die er in dem zitierten Brief nicht ohne Stolz hinweist.- Das „Kryptogramm“ ist ein wörtliches Zitat aus…

  317. 778.

    ohne etwas von sich preiszugeben.

  318. 777.

    Welch ein Irrsinn, ein Kunstwerk begreifen zu wollen...

  319. 776.

    mein Gott... Die Gewalt der Hermeneutiker...

  320. 775.

    ... seiner Roman-Aussage auf verschiedene ‚Personen’, darunter (nicht nur!) den Erzähler. Ich glaube nicht mich zu täuschen, dass ein wichtiges Thema des Romans das Problem der jüdischen Assimilation in Frankreich im frühen 20. Jh. ist. Ich habe den Roman keine Sekunde lang als antisemitisch gelesen. - Bei Charlus kommt noch hinzu, dass der Erzähler an ihm eine Redeweise ähnlich der Swanns ausmacht. (Mir fällt das hier lediglich auf, den Combray-Teil habe ich zu ‚grün’ verfolgt, als dass ich Swann charakterisieren/’einordnen’ könnte ...) Vom Autor Proust auf das Werk ‚zu schließen’ war nicht meine Absicht, wohl aber die Momente aufzugreifen und zu verknüpfen, die das Werk selber bietet, unter Kenntnis der engen Beziehung des Autors zum Judentum. Meine Telegramm-Thesen (z.B. Abwehr des Selbsthasses) biete ich zur Diskussion an.

  321. 774.

    ... der ‚Verschanzung’ des Erzählers, das dann im Spiegelkabinett des Séparée eine Wendung erfuhr. Mir scheint solches Arbeiten mit kalkulierten Leerstellen durchaus ein Zug der „Recherche“ zu sein ... Ist nicht der Erzähler im Verlauf des Romans ‚nie fertig’ ? ... –
    In Nr. 765 verwendete ich das Wort ‚Selbsthass’. Der engere Kontext war Charlus mit seinen antijüdischen Ausfällen, worin ich eine Überzeichnung, die Facette einer Karikatur etwa, gesehen habe, wohlgemerkt in Richtung Abwehr des Selbsthasses (als Roman-Aussage), nicht des Selbsthaders eo ipso, d.h. auch mit Distanz zu Bloch. Der Autor verteilt die Momente ...

  322. 773.

    ... die Rehabilitierung Dreyfus’, weil er (in Distanz zur ‚Ostjuden-Schar’) für die Gleichberechtigung der Juden in Frankreich kämpft, - so auch im Salon Villeparisis. Wie aber ist das Verhältnis Erzähler - Bloch in der Salon-Szene gestaltet? Der E. verfolgt alle Gespräche und vornehmlich Bloch sehr genau, zeichnet ihn als Tölpel usw., lässt ihn (wie schon gesagt) sich abstrampeln in dieser Schlangengrube feiner Leute, deren Rede durchsetzt ist auch von Antisemitismen in je unterschiedlicher Schattierung. Nur, der E. selbst hält sich raus, bedeckt, ‚dokumentiert’ bloß - warum? Aus ‚Objektivität’? Der so minutiös beobachtet und selbst immer wieder den Katalysator Dreyfus ins Spiel bringt, lässt offen, ob er ‚berührt’ ist?
    Eben diese Leerstelle (scheinbar Indifferenz) ist für mich ein Indiz für ‚Verschanzung’. Das muss ja nicht so bleiben – alle derartigen Einschätzungen sind wie gesagt vorläufige. Es gab das Doncières-Beispiel ...

  323. 772.

    Beginnen wir mit Bloch: Balbec, Strandspaziergang des Erzählers mit Saint-Loup, plötzlich sind aus einem Zelt laute „Verwünschungen gegen die Judeninvasion“ zu hören. Der Erzähler fragt sich, wer dieser „Antisemit“ wohl sei; es entpuppt sich - „mein Kamerad Bloch“. Es folgen Bemerkungen des Erzählers zur „jüdischen Kolonie“ im Seebad. „Es war in Balbec wie in gewissen Ländern, Rußland oder Rumänien zum Beispiel, wo die jüdische Bevölkerung, wie man in Erdkundebüchern (sic! – MR) liest, weniger begünstigt und schlechter assimiliert ist als etwa in Paris.“
    Ich denke, man kann hier an/durch Bloch ein Stück jüdischen Selbsthader ausgesprochen finden, eine innere Ambivalenz und mehrschichtige Kritik am Judentum.
    Dass die jüdische Assimilierung in Frankreich unsicher und gefährdet ist, bringt dann die Dreyfus-Affäre ans Licht. Bloch streitet offenbar für ...

  324. 771.

    Bin ich wirklich in die Sainte-Beuve-Falle getappt, Frau Windeck ? Ich glaube nicht.
    Und zu den Schlagworten 'Verschanzung' und 'Selbsthass' will ich auch gern meine Karten offenlegen, brauche dazu aber noch ein paar Stunden Zeit. Ich habe mir jetzt einige Bände der "Recherche" besorgt, um nachschlagen zu können.
    Also bitte noch etwas Geduld - ich werde meine Punkte klarzumachen versuchen. -
    Übrigens, Ihre Erläuterung zum Proust'schen 'Kryptogramm' diente selbstverständlich als Orientierungshilfe, war aber
    (mein Eindruck) auch so gemeint, dass wir sie zur Deutung des Werks heranziehen können/dürfen ?

  325. 770.

    … das in der Öffentlichkeit agierende „soziale Ich“ und das „private Ich“ müsse bei der Beurteilung strikt unterschieden werden von dem „Ich“, das den schöpferischen Grund des Werkes ausmacht. Auf dieser Trennung besteht Proust; zu Recht, wie ich finde. Für den Leser können biographische Fakten eine zusätzliche Informationsquelle und Orientierungshilfe sein; sie für die Deutung des Werks heranzuziehen, halte ich für mehr als problematisch.

  326. 769.

    Wie immer finde ich Anregendes in Ihren Kommentaren. Hinweise auf ein „Verschanzen“ des Erzählers kann ich im Text allerdings weiterhin nicht ausmachen. Auch sehe ich weder im Text noch zwischen den Zeilen Anzeichen für mutmaßlichen Selbsthass beim Erzähler, beim Autor oder einer Romanfigur. In diesem Zusammenhang ist Folgendes vielleicht von Interesse: Prousts Romanprojekt entstand aus seinem Aufsatz „Contre Sainte-Beuve“, in dem er die Methode des in Frankreich bekannten und einflussreichen Literaturkritikers scharf angriff. Er wirft ihm vor, bei der Beurteilung von Literatur nicht vom Werk, sondern von der Biographie des Autors auszugehen. Ebenso entschieden wendet er sich gegen Rückschlüsse vom Werk auf die Psychologie des Verfassers. Die Äußerungen von Mme de Villeparisis in Balbec zu Chateaubriand, Balzac etc. sind eine Parodie der „Methode Sainte-Beuve“. Proust fordert,…

  327. 768.

    Sie werden es schon ohne mich schaffen...grins. Aber ich habe wirklich keine Lust mehr, nicht direkt im Forum schreiben zu können, ohne dass es Probleme mit dem Hochladen gibt, oder Texte erst in Word zu schreiben, um sie dann hier einzukopieren und selbst das hat heute früh mal wieder nicht geklappt ...und es ist egal, ob ich am Rechner oder schreibe.
    Sehen Sie es mir also bitte nach... Mit kurzen Einwürfen werde ich mich wahrscheinlich noch melden...

  328. 767.

    Ach-Mensch-Herr-Stellmann ! Wirklich ?
    Jetzt, wo sich die Proust'schen Sachen immer komplexer darbieten ...
    Hapert es wirklich so grundsätzlich, dass Technik entscheiden soll ?
    Dem Forum - und mir als immer noch Newcomer - wird ganz bestimmt jede Ihrer Anregungen fehlen (schreibe ich hin auch als Egoist, der proftieren möchte).

    Steigen Sie bitte bald wieder ein, ja ..........
    und DANKE für bisher

  329. 766.

    Ich habe keine Lust mehr. Das liegt nicht am Forum, sondern an den technischen Unzulänglichkeiten, die seit Monaten moniert, aber nicht behoben werden....sorry

  330. 765.

    Nachtrag zu Nr. 765
    Die ‚Zärtlichkeit des Zoologen’ würde zu dem o.g. (anthropologischen) Entwurf passen, allerdings nicht nur beschränkt auf das Frauenbild ...
    - so gesehen, Zustimmung, Herr Stellmann (vgl. Ihre Nr. 721: „... Prousts Interesse am Menschen ist eher zoologischer Natur. Vielleicht also die Zärtlichkeit des Zoologen...“) –
    Trotzdem ein Dennoch meinerseits auch hier: Mein Lektüregefühl sagt mir, das ist nicht das vollständige ‚Interesse am Menschen’, dazu scheint mir Prousts Schreiben zu sehr aus Leid und Lust geschöpft zu sein ...

  331. 764.

    ... Für mich (meine ‚Lesart’) folgt heute daraus, dass Proust (selber stets krank und – wie ich seit kurzem weiß – mütterlicherseits aus jüdischer Familie in Frankeich) nicht zufällig gerade den Bloch und den Swann (und Rahel?) so gestaltet hat, wie wir sie vorfinden. Er ist augenscheinlich selbst ihnen nahe (wie ich schon zum Verhältnis Erzähler-Bloch vermutet/angemerkt hatte). Und auch die zynisch-derben antijüdischen Ausfälle des Charlus sind offenbar gezielt der Gesamt-Karikatur des Juden (Abwehr des Selbsthasses) beigefügt worden. Ohnehin versteht man jetzt besser die schon oft beobachteten ‚Verschanzungen’ oder ‚Wir-Fluchtburgen’ des Erzählers. Alles in allem wohl eine fatalistische Anthropologie, die einhergeht mit einer ästhetisch sublimierten (auch politisch-nervösen) Künstler-Existenz aus Erbe-Vermögen/ohne Arbeitszwang.

  332. 763.

    Herzlichen Dank, Frau Windeck, für diese Erläuterungen zum Kontext, zu unser aller ‚Kryptogramm’ nach Prousts Anschauung/Überzeugung/Glaube (?). Genau das findet sich, denke ich, in der gesamten, minutiös durchkomponierten Salon-Szene einschließlich der Übergänge zu Charlus und zur (tödlichen) Krankheit der Großmutter.
    Dennoch: Nicht ‚Anstoß’, sondern eine markante Auffälligkeit hat mich die Passagen zum Antisemitismus und zu Bloch genauer lesen/hören lassen. Dass der Erzähler Auffassungen kundtut über ein ur-ehernes, alles Geistig-Individuelle letztlich steuerndes und bis in den Tod überlebendes ‚Gesetz’ (auch: Leben = Krankheit) und dass er insbesondere das Jüdische/Jude-Sein als unabänderliches gesellschaftlich-zivilisatorisches Fatum (samt dem Anti-!) - also wohl auch die Vergeblichkeit jüdischer Assimilation - in seinen Beschreibungen und Reflexionen indirekt postuliert – diesen Eindruck vermitteln mir die gelesenen Passagen.
    ...

  333. 762.

    … Antriebskräften wird jeder Mensch gesteuert, ein Literat jüdischer Abstammung nicht weniger als ein judenfeindlicher Kleinbürger. Als Leserin kann ich diese Anschauungen für abwegig halten, aber ich muss sie zur Kenntnis nehmen und in das eigene Urteil einbeziehen. Die ausufernden Beschreibungen der Angehörigen des Hochadels dienen (unter anderem) der Illustration dieses Proustschen „Grundaxioms“ von den inneren Gesetzmäßigkeiten, denen der Einzelne unbewusst folgt und sie so „verwirklicht“. Dass wir heute vor allem an der Beschreibung Blochs Anstoß nehmen, ist mehr als verständlich; trotzdem denke ich, wir sollten auch diese Figur im oben skizzierten Kontext betrachten.

  334. 761.

    In „Im Schatten…“ hat Proust an verschiedenen Stellen seine Überzeugung dargelegt, dass jeder Mensch ein dem eigenen Leben weit vorausliegendes Leben hat („vie anterieure“), nach dessen unabänderlichen Gesetzen er denkt, lebt, sich verändert und entwickelt. Bei seiner Geburt trägt er schon genau die Krankheit in sich, an der er sterben wird. Seine Physiognomie ist festgelegt samt ihren Veränderungen im Laufe des Lebens, und sein Geist enthält wie ein Kryptogramm bestimmte Denkweisen, die unabhängig von ihm sind und älter als er selbst. Obwohl wir glauben, frei zu wählen und zu entscheiden, werden unsere Entschlüsse und Handlungen stets (mit)bestimmt von diesem „inneren Gesetz“, das sich immer durchsetzen wird, selbst wenn unsere bewussten, individuellen Überzeugungen und Absichten dagegen stehen. Von diesen ihm selbst unbewussten…

  335. 760.

    Immer kryptischer ...?
    Zitate Folge 31: „Bloch glaubte auf logischem Wege zu seiner Parteinahme für Dreyfus gekommen zu sein und wusste doch, dass seine Nase, sein Haar und seine Haut ihm durch seine Rasse auferlegt waren. Die Vernunft ist zwar freier. Dennoch gehorcht auch sie Gesetzen, die sie sich nicht selbst gegeben hat.“ – „Aber Mitleid von unserm Körper zu verlangen, ist, als wollten wir mit einem Tintenfisch ein Gespräch eröffnen.“ – „Meine Großmutter verspürte in ihrem Körper die Gegenwart einer Wesenheit, die den menschlichen Leib besser kannte als sie (...), eines Ureinwohners aus einem Zeitalter vor der Erschaffung des denkenden Menschen. (...) Kampf zwischen prähistorischen Wesen (...) das Fieber von dem mächtigen chemischen Element überwunden, dem meine Großmutter durch die Naturreiche hindurch über die Herrschaft der Tiere und Pflanzen hinweg gern gedankt haben würde.“

  336. 759.

    Es wird immer kryptischer.....lach

  337. 758.

    Bon anniversaire, M Proust!

  338. 757.

    Hallo Herr Werckmeister, ich vermisse Ihre Zusammenfassungen und Interpretationen. Vielleicht machen Sie ja nur Urlaub..... Ich freue mich, wenn Sie wieder dabei sind.

  339. 756.

    ... den gesellschaftlich Elitär-Unabhängigen gibt, äußert freimütig-brutal seinen (speziellen?) Anti-Juda-Semitismus, bevor er dem (jungen) Erzähler das persönliche ‚Katechumenat’ anträgt. Der Erzähler wiederum ‚verwurzelt’ ‚Vernunft’ im Ewig-Körperlichen: Anwendung zunächst auf Bloch als proDreyfus-Juden von Nase, Haut und Haar; dann - im Übergang zur Großmutter-Erkrankung – eine neue ‚Generalformel’: das aussichtslose „Gespräch mit dem Tintenfisch“ ...
    Sind das Chiffren für ‚Prousts Objektivität’ ?

  340. 755.

    Anmerkung zu den Folgen der Woche:
    Prousts Cliffhanger-Technik: Erzähler > Mme Guermantes: (Paris), Intermezzo Doncières (Saint-Loup, Rahel-Zézette), Salon Villeparisis: Einblicke in die Gesellschaft des Faubourg Saint-Germain etc.: Karussell von Dünkel§Ressentiment plus Antisemitismus*, sog. Diplomatie.
    offen/cliffh. Beziehung zur Herzogin; Platzhirsche Herzog, Norpois, Charlus; offen/cliffh.: Robert-Rahel;
    betont offen/cliffh.: Charlus* !
    >> Ritardando zur Großmutter (neuer ‚Nullpunkt’ der Erzählung?) –

    *auch gerade Charlus, der ...

  341. 753.

    Das Expertentum, das Sie bei mir vermuten, ist noch sehr im Werden. Auf den Brief, den ich zitiert habe, stieß ich vor zwei Wochen. – Ich habe mit 20 „Un amour de Swann“ gelesen und fand es so öde, dass ich den Schluss gar nicht las. Heute mag ich keine halben Sachen mehr. Das Hörbuch kenne ich seit einigen Jahren; den Text lese ich jetzt zum ersten Mal. Schon bei „Combray“ war ich frappiert, was alles darin steckt, das mir beim Hören überhaupt nicht aufgefallen war. Ich kenne mich recht gut in Literatur und Kunst des 19./frühen 20.Jh aus (inklusive verschiedener persönlicher „Spezialgebiete“), was mir den Zugang zur Recherche erleichtert. Vorwiegend lese ich parallel zu den Hörfolgen. Der Austausch im Forum würde mir weniger Spaß machen, wenn ich alles schon vor Jahren durchdacht und ein Urteil im Hinterkopf hätte. Weitgehend „fertige“ Einschätzungen zu recyceln würde mich eher langweilen, glaube ich.

  342. 752.

    Die Frage nach Antisemitismus bei Proust bleibt heikel. In der „Recherche“ stellt er ihn stets als eingebettet in ein Bündel von Vorurteilen und Verhaltensweisen dar, die Merkmal bestimmter sozialer Schichten sind und meist unhinterfragt von den Eltern oder der langen Reihe ehrwürdiger Vorfahren übernommen werden; auch Ausnahmen werden beschrieben. Es liegt an uns als Leser, ob wir diese „objektive“ Darstellung als ein Anprangern verstehen. – Ich habe Zweifel, ob Proust mit dem Diktum, privates Handeln sei stets auch politisch, viel anzufangen gewusst hätte. Das sollte uns aber nicht hindern, die Recherche auch aus dieser Perspektive zu lesen.

  343. 751.

    So gewendet, nicht zu billig - OK. Proust präsentiert Diplomatensprache tatsächlich als höchst abgründig und offen für sprungbereite Gewalt. Und so ähnlich sehen Sie’s beim ’Feuerwehrball’. Bremse da gleichwohl, weil die gesellschaftliche Wucht, denke ich, zur ‚Wucht’ erst wird, wenn von Instanzen der realen Macht lizensiert (und manipuliert/ ggf. inkl. Anlass). D’accord aber, dass die Latenzen überhaupt nicht von Pappe sind.

  344. 750.

    In Norpois offenbart sich ein Proustscher Konflikt: Diplomatie oder Klartext... Der war nicht auflösbar, aber bis an die persönlichen und gesellschaftlichen Grenzen vorangetrieben...

  345. 749.

    Danke für die wichtigen Hinweise.... Ich selbst habe die Recherche nie als "antisemitisch" gelesen. Gleichwohl war mir die Haltung des Erzählers zum Judentum stets etwas rätselhaft-verwischtes wie dessen Einstellung zur Homosexualität..., Aber diese Rätselhaftigkeit ist wohl in Proust selbst begründet...
    By the way: Was Sie alles gelesen haben...!!! Keine Proust-Spezialistin? Sie stellen bisweilen ihr Licht unter den Scheffel..kann das sein?

  346. 748.

    Auf den "Feuerwehrball" bestehe ich (grins). Es bedarf mitunter nur eines bestimmten, durchschlagenden Anlasses, gleich wie wahr oder unwahr er sein mag, um Latenzen und Ressentiments zu einer gesellschaftlichen Wucht zu verhelfen.... Und ja, die Recherche ist auch politisch, weil das "Private" eben auch immer politisch ist, das ist Proust wohl bewusst gewesen...

  347. 747.

    ich weiß nicht, ob ich Norpois zu billig davon kommen lasse.... der Merkur-Hinweis ist mir nicht entgangen, allerdings denke ich dabei eher an seinen griechischen Namen. Norpois ist für mich eine "hermetische Persönlichkeit", (keine Ahnung, ob es diesen Begriff gibt, - jetzt gibt es ihn), soll sagen, man erkennt bei ihm noch weniger als bei anderen, was wirklich in ihm vorgeht, welche Absichten ihn treiben etc. Prädestiniert ihn seine Persönlichkeit zum Diplomaten oder ist der Diplomat zu seiner Persönlichkeit, zur "zweiten Natur" geworden? Die Proustsche Persönlichkeits-Hermeneutik (sic!) hat hier etwas zu knacken.... Daher wohl auch der kurze, intensive Ausflug in die Feinheiten der Diplomatensprache, die auch einer eigenen Hermeneutik bedarf...

  348. 746.

    Man kann darüber streiten, ob es nützlich ist zu wissen, was der Autor über sein Werk denkt. Mitunter entspricht der Eindruck des Lesers durchaus nicht den Ansichten und Absichten des Autors. Proust meinte, „Die Welt der Guermantes“ könnte als ‚anti-dreyfus‘ missverstanden werden. Dies rühre daher, schreibt er in einem Brief, dass er als Autor in diesem Roman „absolut objektiv“ sei. (Problematik und Fragwürdigkeit der „absoluten Objektivität“ werden an dieser Stelle nicht thematisiert.) Im selben Brief bezeichnet er sich als „Dreyfusard“ der ersten Stunde. Er gehörte zum Kreis der Intellektuellen, die eine Revision des Prozesses gegen D. forderten. Sein Roman „Jean Santeuil“ enthält einen ausführlichen Bericht über den Prozess gegen Zola, an dem Proust als Augenzeuge teilnahm. Ob und wieweit diese Fakten für die Lesung von Belang sind, bleibt abzuwarten.

  349. 745.

    ... schneidet anders ein als Feuerwehrball-u.ä.-Mechanismen ...
    - -

    Heute, Folge 28 (immer noch Salon V.), um Mme Swann herum eine neue intensive Drehung des Kaleidoskops von Intrige&Indiskretion, der Erzähler jetzt Beobachter und Involvierter zugleich, angedockt ein toller (selbst-)kritischer Bogen - gespannt vom homerischen Gelächter bis zur Röntgenaufnahme. -
    Und offenbar ein weiterer Platzhirsch da, Charlus. Frage: Immer wieder der Hut – was soll ich mir dabei denken?

  350. 744.

    Ach, dieser Norpois, Herr Stellmann ... Kommt er nicht bei Ihnen als bloß Wendehals zu billig davon? Gesellschaftl. Sphären vermitteln heißt keineswegs Mediator sein, selbstverständlich ist er gewissen- und standpunktloser Strippenzieher, klar. Und: seine ‚Diplomatie’ hat die Kriegssachen durchaus im Blick! (s. Folge 27)
    Proust (der Erzähler?) streut immer wieder Hinweise ein auf die im ‚Hintergrund’ schwebende Kriegsgefahr der Zeit (vor WK I)? Das ist so ernst, denke ich, dass lediglich Wendehals-Standpunktlosigkeit zu kurz greifen würde. Der Klassiker unter den Merkur-Aktionen ist übrigens die Beihilfe zum Trojanischen Krieg,Urteil des Paris. (Die „Recherche“ scheint mir inzwischen politischer zu sein, als ich zuerst dachte!) – Ja, auch Antisemitismus ...

  351. 742.

    Norpois ist das Muster eines Denkens, das sich aufgegeben hat...

  352. 741.

    Ach, ja (seufz)...dieser Norpois....! Nicht Fisch, nicht Fleisch, kein erkennbarer (!) Standpunkt mit Ausnahme der jeweils gültigen Staatsräson, aalglatt windet und wendet er sich, scheinbar (!!) ohne jedes eigenes Interesse ... Und dennoch wird sichtbar: Diplomatie ist die höchste, verfeinerte Form des Intriganten-Stadels. Wer keinen Standpunkt hat, kann jeden Standpunkt einnehmen. So überlebt er von einer Regierung zur anderen. Vermittler? – Nein!!!!... Strippenzieher, Unterholzpoltiker? – Ja!!!! — Man muss nicht die Götterwelt bemühen, um einen Wendehals zu charakterisieren....

    Und noch einmal... Proust liefert zwar eine Soziologie des Faubourg St. Germain... Und doch: Auf jedem Feuerwehrball (anders: in jedem sozialen Zusammenhang)ließen sich die gleichen personellen, psychologischen, kommunikativen Strukturen und ihre kaleidoskophaften Verschiebungen aufzeigen.

  353. 740.

    ... nicht nur; er beobachtet gerade Bloch aufs genaueste als hilflos zappelndes Opfer und verschanzt sich gegen jede erkennbare Empathie. Das ist, denke ich, eine starke Lektion für uns Leser. Wird hier nicht eine innere unbequeme Wahrheit des Erzählers gestaltet, die Ahnung, das ‚Fremde’ könnte in ihm selber sein, wie Sie schreiben? –
    Übrigens, die andere für mich interessante Figur in der Salon-Szene ist der quecksilbrige de Norpois geworden, ein Merkur-Typ (‚Botschafter’!), versiert in Karriere- und Kriegssachen, in Beziehungschosen aller Art. Er vermittelt auch die gesellschaftlichen Sphären, wofür überhaupt dieser Salon (Kontaktfeld Adel/Bourgoisie mit Auf- u. Abstiegen usw.) zu stehen scheint.

  354. 739.

    In der Tat, Herr Stellmann, die Salon-Szene ist virtuos komponiert. Es tun sich die uns heute sattsam bekannten (sozial-)psychologischen Abgründe auf, die Sie treffend charakterisieren. In meinen Augen hat Proust das Verdienst, dass er den Antisemitismus ungeschminkt zur Sprache bringt. Ich finde indes, er ist nicht „Beispiel“ für die allfälligen Ressentiments, sondern selbst perfider Kern. Je länger ich über die Salon-Szene nachdenke, desto überzeugender erscheint mir die Proust’sche Entscheidung, den Juden Bloch in diese Schlangengrube zu schicken und ihn ‚unmöglich’ aussehen zu lassen. Insofern „dokumentiert“ der Erzähler ...

  355. 737.

    Und jetzt hau ich noch einen raus: Abwehrhaltung gegen Proust, ist Abwehrhaltung gegen sich..lach

  356. 736.

    Zu den Lesungen der vergangenen Woche: Bei allem Respekt vor der Blüten- und der Himmel-verläuft-sich-im-Meer –Poesie Prousts – diese literarische Transformation eines Salon-Gesprächs empfinde ich als Meisterwerk der Beschreibung gleichwohl individueller wie gesellschaftlicher Ressentiments am Beispiel des (leider immer noch aktuellen) Antisemitismus. Der Erzähler nimmt sich dabei sehr zurück, er "dokumentiert" weitgehend unterschiedliche Arten, Mauern zu errichten, die psychologischer Natur sind. Das Grundgefühl dahinter: Angst, dass das Fremde im Anderen das Fremde in mir sein könnte: Also die Mauern hochziehen durch offene Gegnerschaft, durch scheinbare Schläfrigkeit, durch Opportunismus, durch undurchsichtige Abwehr, um am Ende auf der richtigen = Gewinnerseite zu stehen(!)...
    Ich denke, Proust will keine Antworten geben, sondern uns verführen, andere Fragen zu stellen, die ein Denken ohne Geländer ( Ahrendt ) zulassen. Man muss manchmal weit weg, um nah zu sein...

  357. 735.

    Der Satz sollte Ihrer Interpretation, Herr Werckmeister, zustimmen, dass der Erzähler seinem spontanen Widerwillen gegen Mme de Guermantes ("dumme Person") nicht traut; er spürt, dass seine Empörung über ihr Unvermögen, Maeterelinck zu verstehen, wohl zu vorschnell die Angebetete verdammt hat; er 'will' der Enttäuschung nicht trauen (d.h. er hängt doch zu sehr an dem Bild. das er sich von ihr gemacht hat).
    Also noch keine wirkliche Desillusionierung.

  358. 733.

    26. Folge.
    Endlich gipfelt dii anwachsende antisemitischen Stimmung auf dem Empfang doch in einem persönlichen Affront gegen Bloch und wirkt sich auf das Verhalten der Marquise aus, die ihn beim Abschied, schneidend ignorieret. Irregeführt von der, diplomatisch vernebelten Unterhaltung mit dem Marquis de Norpois über die Dreyfus-Affäre, von dem er seine Parteinahme für Dreyfus respektiert zu sehen glaubte, äußert Bloch diese auch gegenüber einem anderen und erhält eine ausdrücklich antisemitische Abfuhr. Bis zu seinem Abschied bleibt ihm unklar, was ihm eigentlich zustößt. Gleich darauf tritt Mme. de Marsantes ein, deren minutiöse Charakterisierung Proust aus seinem Repertoire typischer Verhaltensformen des Hochadels und physiognomischen Vererbungsklischees zusammensetzt.

  359. 729.

    25. Folge.
    Während im weiteren Verlauf des Empfangs bei Mme. de Villeparisis immer mehr antisemitische Äußerungen zur Dreyfus-Affäre laut werden, zieht Bloch seine Diskussion der Affäre mit M. de Norpois unbeirrt in die Länge, ohne dass dieser seiner Parteinahme für Dreyfus widerspricht, obwohl er ein extremer Gegner von Dreyfus und dessen Verteidigern ist. Hier liefert er ein Meisterstück seines diplomatischen Geschicks, selbst die kontroversesten Themen anzusprechen, ohne sich selbst auf ein Urteil festzulegen. Wichtiger noch ist, dass er Bloch persönlich nicht antisemitisch behandelt, wie überhaupt die überwiegend antisemitische Gesellschaft diesen in keiner Weise brüskiert. Ob das bis zum Ende des Empfangs so bleibt?

  360. 728.

    ... Betonung des Ungehobelten, Forcierten (neo-homerisch!) im Streben Blochs nach Erfolg und Assimilation (dagegen in Richtung Saint-Loup wohl ein geheimes Streben nach Teilhabe, Zugehörigkeit zu ‚echtem Adel’).
    Obgleich der Erzähler mit Bloch hart ins Gericht geht, steht er ihm doch nicht fern, so mein Eindruck, als ob er trotz aller faux pas mit dem Außenseiter insgeheim vieles teilt, aber das daran Jüdische wie hinter einem Paravent unbedingt auf Abstand halten will. Er bescheinigt Bloch einen selbstironischen Umgang mit seinem „Ursprung“ vom „Sinai“. (War, glaube ich, schon mal im Balbec-Kapitel eine Facette.)

  361. 727.

    Ob die Damen und Herren Villeparisis, Norpois, beide Guermantes, Argencourt, Marsantes usw. tratschen, finassieren oder debattieren, der Erzähler folgt minutiös ihrer Diktion, hellwach gerade auch die antisemitischen Andeutungen und Bekenntnisse registrierend. Er selbst kommt mit seinen Anliegen nicht zum Ziel, verwirrt sich sogar in seiner Haltung zur Herzogin, hält sich heraus oder bedeckt, lässt aber „meinen Freund“ Bloch sich abstrampeln und regelrecht dumm aussehen. So ähnlich ja auch sein Verhalten gegenüber Saint-Loup. Zum Vergleich aus meiner Sicht vielleicht später mehr. ... Ich spüre hier eine merkwürdige, intensiv zur Sprache gebrachte Distanz, vermutlich aus der Motivation, sich gegenüber Bloch abschirmen zu wollen - ein Sich-Abschirmen gegen das Jüdische durch ...

  362. 726.

    Wie soll ich dann die Passage verstehen, die unmittelbar auf den Ausruf „so eine dumme Person“ sowie auf die Wendung „möchte sie nicht mehr geschenkt“ folgt, in der u.a. über dieses Selbstgespräch des Erzählers steht: diese Worte „ das Gegenteil von meinen Gedanken“ und „Bedürfnis“ verspürt „mit uns selbst so unaufrichtig wie mit einem Fremden zu reden“ ?
    Ich denke auch, dass der Erzähler dem Spontangefühl nicht traut oder trauen 'will'.

  363. 725.

    Lieber Herr Werckmeister, Ihren Beobachtungen zur Desillusionierung des Erzählers in Bezug auf Mme de Guermantes stimme ich zu. Nach meinem Eindruck sind es vor allem ihre ‚grenzenlos bornierten‘ Äußerungen zur Aufführung einer Szene aus Maeterlincks Theaterstück, die die Desillusionierung bewirken.

  364. 724.

    Ihre Formulierung ist so unwiderstehlich, dass ich gar nicht anders kann als spontan zuzustimmen und sie vorläufig einfach stehen zu lassen. Differenzierende Ergänzungen können, falls nötig, später vorgenommen werden.

  365. 723.

    24. Folge.
    In den vielfachen Unterhaltungen auf dem Empfang der Marquise von Villeparisis sagt niemand, was er oder sie denkt, sondern alle suchen sich gesellschaftlich in Stellung zu bringen und ihr Prestige zu behaupten oder zu verbessern. Das krasseste Beispiel dieser allgemeinen verbalen Entfremdung ist das Gespräch zwischen Bloch und dem Marquis de Norpois über die Dreyfus-Affäre, dass der letztere so diplomatisch führt, dass ihre dezidiert antagonistischen Parteinahmen nicht zur Sprache kommen. Die Prominenz der Herzogin von Guermantes in dieser frivolen Art der Unterhaltung stößt den Erzähler derart ab, dass er seine früheren Bemühungen um sie nicht mehr nachvollziehen kann, aber er traut dem neuen Gefühl der Abkühlung selber nicht.

  366. 722.

    Sie hattenn Recht, lieber Herr Reimann, mit Ihrem Einwand, denn ich hatte das Falsche gesagt. Was ich meinte, war, dass Blochs Missgeschicke auf diesem Empfang nicht auf antisemitische Haltungen der Teilnehmer zurückzuführen ist, sondern auf seine eigene gesellschaftliche Unbeholfenheit. Fraun Anselms Kommentare lese ich nicht.

  367. 721.

    Bei längerem Nachdenken: Vermutlich ist der Ausdruck "Zärtlichkeit" ein wenig übertrieben. In anderen Augenblicken denke ich, Prousts Interesse am Menschen ist eher zoologischer Natur. Vielleicht also die Zärtlichkeit des Zoologen...

  368. 720.

    Ich gebe zu, Herr Werckmeister, dass ich mich offenbar auch habe beeinflussen lassen von Zitaten aus der Kolumne von Doris Anselm. Dann kommt es also in den nächsten Folgen ganz schön dicke, oder ? -

    Meine Frage lasse ich stehen ...

  369. 719.

    zwei Passagen:
    (1) zu Mme Villeparisis und Bloch:
    "Sei es, dass sie die Meinungen ihrer Freunde kannte und von der steigenden Flut des Antisemitismus wusste, sei es aus Zertreutheit, jedenfalls hatte sie ihn den Anwesenden nicht vorgestellt. Er aber, der wenig weltläufig war ..."
    (2) "In der Tat war Sir Rufus Israels ... für die Guermantes nur ein in der großen Welt geduldeter ausländischer Parvenü, aus dessen Freundschaft man sich beim besten Willen nichts einbilden konnte, eher umgekehrt."

  370. 717.

    23. Folge.
    Die Scheingeselligkeit des Empfangs bei der Marquise von Villeparisis lässt alle Versuche, aus alten oder neuen Bekanntschaften persönliche Vorteile zu schlagen, am Protokoll der vorgegebenen gesellschaftlichen Hierarchien scheitern, allen voran den Versuch des Erzählers, Monsieur de Norpois für die Unterstützung einer Akademiebewerbung seines Vaters zu gewinnen. Sie geht allerdings nicht so weit, ein gemeinsames Auftreten des Herzogs und der Herzogin, die als Ehepaar einander entfremdet sind, zu ermöglichen. Nur Blochs durchgängiges Fehlverhalten gibt seinen unbeabsichtigten Nonkonformismus einen grotesken Ausdruck.

  371. 716.

    Überraschend und interessant fand ich Ihre Anmerkungen zu durchschimmernder Zärtlichkeit in den Salonschilderungen. Ich selbst habe eine vage Zärtlichkeit viel eher in seinen Beschreibungen von Landschaften (Weißdornhecken, Sonnenaufgang) und Gegenständen (Mme Swanns Garderobe, die Möbel im Hotel de Flandres) empfunden als in seiner Beschreibung von Personen.

  372. 714.

    zu den Folgen 22/23:
    Mir fällt auf, dass der Salon-Beobachter (Erzähler) als Person mit Interessen selbst stark zurücktritt und Bloch an seiner Stelle in den Vordergrund rückt, der das Bild eines Unschicklichen, Ungeschickten, Nervenden abgibt. Da die Gespräche (Kontext Dreyfus) augenscheinlich den Antisemitismus der Zeit, hier im Milieu der Adels-Clans des Faubourg St.Germain, nicht nur streifen, frage ich mich, ob der Erzähler dem ‚schlecht erzogenen’ jüdischen Außenseiter einigermaßen glimpflich aus dieser Schlangengrube heraushilft ...

  373. 713.

    22. Folge.
    Nein, auch in dieser Lesung kommt der Erzähler der Herzogin von Guermantes in seiner vorgefassten ‚Liebe‘ um keinen Deut näher. Stattdessen entwirft er eine weit ausgreifende, biografisch begründete Analyse ihres gesellschaftlichen Verhaltens, so wie er es auf dem Empfang der Marquise de Villeparisis aus der Distanz beobachtet, ohne ihr auch nur vorgestellt zu sein. Gegenüber den ästhetischen und dynastischen Illusionen seiner Jugend in Combray, an die er sich bei dieser Gelegenheit erinnert, kommt diese Analyse einer drastischen Enttäuschung gleich, die von dem erotischen Affekt nichts übrig lässt. Zudem beruht sie auf einem Wissen, über das der Erzähler zu diesem Zeitpunkt noch nicht verfügt haben kann, so dass die retrospektive Perspektive des Berichts vom Ende her besonders deutlich wird.

  374. 711.

    Wie gewohnt :-) weder kurz noch knackig: Das Frauenbild des Erzählers, das sich aus dem bisher Gehörten ergibt, stimmt weitgehend mit dem überein, das in der Literatur der Epoche vorherrschte. Nennt man es frauenfeindlich, dann war Proust frauenfeindlich. Die „Erkenntnis“, Frauen seien so vollkommen rätselhafte Wesen, dass jeder Versuch, sie verstehen zu wollen, von vornherein aussichtslos wäre, teilt er ebenfalls mit der Mehrzahl seiner Zeitgenossen. Ein „Frauenversteher“ wie z.B. Balzac war er nicht. Die differenzierten und nuancierten Charakterisierungen Odettes, Rahels und letztlich Mme de Guermantes‘ sprechen für mich klar gegen eine Frauenfeindlichkeit Prousts. Ganz anders sieht es bei der E i n s t e l l u n g zu Frauen aus. Die Haltung des Erzählers ihnen gegenüber, die sich im Laufe der Recherche immer deutlicher kundtut, halte ich in der Tat für „frauenfeindlich“ (und für noch so manches andere). Um dieses herbe Urteil am Text plausibel zu machen, müsste ich ...

  375. 710.

    ... Zurück zur Verschanzung und wieder ein Eindruck, den ich Proust-Grünhorn anbiete: Ich spüre in der ‚Recherche’ ein gesellschaftliches und psychologisches Kaleidoskop im Entstehen, in dem vielfältiges (Sich-)Verschanzen das Funktionieren (erst) ermöglicht. Sprache, Rituale, Imaginationen sind Mittel sowohl des Verbergens wie des Enthüllens (danke für No. 708, Herr Stellmann). Auch Macht und Gewalt existieren in diesem Doppel-Modus. -
    Proust frauenfeindlich? Misogyne Züge, wo sie (beim Erzähler!) auftreten mögen, gehören wohl auch zur Verschanzung. Ich zweifle sehr, ob Proust überhaupt ‚feindlich’ sein kann. Aber warten wir die Antwort der Frauen ab.

  376. 709.

    Nun ist dieser Online-Dialog richtig erfrischend (geworden). Ich versuche mal, auf Sie alle – in der Reihenfolge der Meldungen (Werckmeister/Windeck/Stellmann – Nr. 702-708) zu antworten:
    Ich will gern vom Gaspedal treten, wenn es um die ‚Gesamtschau’ geht, die ich allerdings nicht als ‚vorweggenommene’ zu konstruieren denke, sondern mein Blick auf den Text ist geleitet von Neugier und Interesse am Ganzen. Das ändert nichts an meinen Eindrücken zu Verschanzung, Wir-Verallgemeinerungen usf., die den Erzähler treffen. - Der ‚erste Blick’, ausdrücklich so bezeichnet, ist natürlich nicht der letzte oder gültige; er ist vorläufig und aufgeladen mit Neugier; und das Hin und Her der Fragen und Perspektiven (Blicke No. 2, 3, usw.) in unserem Dialog zur Proust-Lesung Ausdruck davon und Bestätigung der guten alten Dialektik des Gesprächs. – ...

  377. 708.

    Nicht nur der Autor verschanzt sich hinter seiner Sprache, auch der Leser!...!

  378. 707.

    Und nun doch eine ernsthafte Frage an die Frauen in diesem Forum: Ist Proust wirklich frauenfeindlich oder etwa menschenfeindlich? Ich finde, in seiner zeitweiligen Boshaftigkeit schimmert stets eine unglaubliche Zärtlichkeit hindurch...
    Der Vergleich ist schief, ich weiß: Wenn ich mir den Aufklärer Hagen Rether anschaue, sehe ich sehr viel Proust: Schaut, so sind wir!

  379. 704.

    Ihr Unbehagen und die Frage nach der Aufrichtigkeit hatte ich anders verstanden, daher haben sich Missverständnisse ergeben, tut mir leid. – Ihre „Lesart des ersten Blicks“ wird, glaube ich, von uns allen gewürdigt. Sollte aber nicht gerade dieser erste Blick ein nachhaltig neugieriger Blick sein, der sich vergewissert, ob das, was er assoziiert, ins rechte Verhältnis gesetzt werden kann zu dem, was ein zweiter oder dritter Blick (auf das schon Gelesene!) ihm zeigt? „I know you believe you understand what you think I said but I’m not sure you realize that what you heard is not what I meant.“ :-)

  380. 703.

    Meine Güte, was für ein Theater bei den Salons! Das Gerede dort ist eher dämlich als geistreich. Mein Nasenflügel zuckt in spannungsloser Langeweile...;-)

  381. 702.

    Als "Eingefuchster" kann ich nur sagen, dass mir Ihre ersten kritischen Einwürfe mehr eingeluiechtet haben als Ihr jetzige Tendenz einer vorweggenommenen Gesamtschau, lieber Reimann!

  382. 701.

    ... würdigen ja die Komplexität der Darstellung (zuletzt > Séparée-Spiegelungen; übrigens: das ‚Dreieck’ Erzähler-Rahel-Robert könnte auch von den zwei anderen seiner Eckpunkte her gedacht werden). Das „abscheuliche Ich“ in der Spiegelflucht wäre ein Indiz für ‚Aufrichtigkeit’ und gelungene ‚Objektivität’. –
    Nochmal: Ich kenne die ‚Recherche’ nur partiell, sog. große Fragen kann ich bestenfalls als Fragen andeuten oder hinstellen, deshalb konzentriert sich mein Interesse primär auf die Konstruktion des Erzählers. Ich halte das für eine tragfähige Lesehaltung, da ich nur in progressu daherkommen kann. Vielleicht beschert das den ‚Eingefuchsten’ die produktive Konfrontation mit einer ‚Lesart des ersten Blicks’?

  383. 700.

    Wieder interessante Hinweise u. Begriffe, Frau Windeck: Für substantielle Aussagen zum ‚Betriebsgeheimnis’ bin ich nach meiner bisherigen Romankenntnis noch viel zu grün, habe nun aber einen schönen Kompass, danke.
    Ihre pragmatische Sicht aufs Riesenprogramm Prousts leuchtet mir ein, komisch nur, jetzt schauen plötzlich Ihr ‚Mammutprogramm’ und meine ‚Gesamtform’ einander an ... -
    Zu meinem Unbehagen: Ich habe nicht vom Eindruck gelegentlicher Unstimmigkeit des Erzählens auf eine ‚Unaufrichtigkeit’ des Autors schließen wollen. Zahlreiche Anmerkungen zu Details des Erzählens, dem Ambivalenten, Sublimen und ‚Osmotischen’ der Beschreibungen und Reflexionen . > (...)

  384. 699.

    21. Folge.
    So, wie es der Erzähler darstellt, wird der Prestigewettbewerb zwischen den Pariser Salons ausschließlich unter ältlichen, unverheirateten Frauen ausgetragen, die er sowohl in ihren Manövern als auch in ihrem Aussehen scharf karikiert, während sowohl die die sich am eifrigsten um Einladung in die Salons bemühen, Männer sind. Ob diese Polarisierung der damaligen Wirklichkeit entspricht, oder ob sie Prousts Misogynie zuzuschreiben ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Als die Herzogin von Guermantes die Teegesellschaft bei Madame de Villeparisis betritt, ergreift der Erzähler überraschender Weise nicht die Gelegenheit, ihr vorgestellt zu werden, um die er Saint-Loup so lange gedrängt hatte, und die ihm die Marquise nun leicht verschaffen könnte, sondern begnügt sich damit, die Herzogin aus der Distanz ausführlich zu beschreiben, wobei er teilweise in die dynastischen Klischees seiner Fantasien von Combray zurückfällt. On er ihr in der folgenden Lesung doch noch näherkommt?

  385. 698.

    ... als „dies abscheuliche Ich“, „hässlich und fremd“. (Ich sehe hierin keine moralische Wertung.), verspürt im Abgang „Kummer“, er könnte sich so im ganzen Leben nicht wieder „begegnen“.
    Formulierungen dieser Passage korrespondieren mit Aussagen zu Rahels Gesicht („so ein bisschen Gesicht“/“völlig wertlose, kümmerliche Elemente“/“Hautunreinigkeiten“/“eines jener Gesichter denen erst die Entfernung ... eine Zeichnung gibt und die ... von nahem gesehen gleichsam in Staub zerfallen“ [=> (optische) Täuschung]. Der Erzähler konstatiert sein Bedürfnis, seine Unlust abzuschütteln, indem er „den Vorgängen einen ästhetischen Wert“ zuschreibt. -
    Ich merke mir hier den Wunsch, dem „hässlich und fremd“ wiederzubegegnen:sich dem Hässlichen aussetzen und der Wahrheit ins Auge blicken?

  386. 697.

    Bei der Séparée-Szene war ich wohl abgelenkt (danke für den nachträglichen Hinweis!); die Szene ist in der Tat bemerkenswert vielschichtig angelegt. Vielsagend schon der Umstand, dass der Erzähler mit dem Paar à trois in dieser Spiegel-Klause weilt. Er ist mit von der Partie, verschweigt aber sein Verhältnis. Warum geht er auf die Einladung ein, zum Beobachten? Wie ein Komplize nimmt er von Rahel Zigarette, Rose und Champagner an und betrinkt sich; Rausch/Trunkenheit wird nun auf zwei Ebenen reflektiert: als Zugang zu Tiefenschichten des eigenen Ich (Vergleich mit der Tiefenmarkierung von Meereskarten) und optisch in der Flucht der Spiegel. Die Entgrenzung wirke doppelt (so der Erzähler), aufdeckend (Wahrheiten übers Ich) und ermächtigend (herrschend über weit Ausgedehnteres). Der Erzähler sieht sich spontan ...

  387. 696.

    Ganz ähnlich habe ich das auch gesehen - vielleicht handelt es sich tatsächlich um eine kleine Hommage an Mr. Wilde...passen würde es zu M. Proust...

  388. 694.

    Unsere offenbar ähnlichen Assoziationen können kaum Zufall sein: der Blick des angetrunkenen Erzählers in den vielfach reflektierenden Spiegel im Séparée des Restaurants zeigt ihm ein entstelltes Spiegelbild, von dem er sich abgestoßen fühlt. Champagnereuphorisiert lächelt er ihm dennoch zu und bedauert – im Gegensatz zu Dorian G. – dieses grässliche Abbild vielleicht nie wiederzusehen. Als er Rahels völlige Verwandlung auf der Bühne erlebt und so erstmals St Loups Hingerissenheit nachvollziehen kann, hatte ich den Eindruck einer Zerrspiegelvision von Sibyl Vane als Julia, gesehen mit den Augen Dorian Grays. Meine Textausgabe (Gallimard folio classique) gibt jedoch in den Anmerkungen keinen Hinweis auf die Parallelen zu Wilde; auch die Auswahlbibliographie führt keine Untersuchung dazu auf. Mehr weiß ich nicht – aber die Anspielungen sind zu deutlich, um unbeabsichtigt zu sein. Ich bin keine „Proustexpertin“ (vielleicht werde ich eine im Laufe unserer Lesung).

  389. 693.

    Es ist gut möglich, dass Sie mit Ihrem Unbehagen an etwas rühren, das Rüdiger Safranski das Betriebsgeheimnis“ eines Autors nennt. Der Verdacht, den der Leser über weite Strecken nicht loswird, ganz auf dem Grund könnte sich eine „inhärente“ Unaufrichtigkeit des Autors verbergen. Dabei gerät man leicht in Spekulationen; ob sie begründet sind oder nicht, lässt sich nicht zweifelsfrei entscheiden. Es ist mindestens ebenso plausibel anzunehmen, dass dieser „Verdacht“ seine Ursache in der schieren Unlösbarkeit der Mammutaufgabe hat, die Proust sich stellt (nicht nur formal oder auf einer abgrenzbaren „Ebene“). Diese Perspektive – bei der Proust eben manchmal ‚schwächelt‘- ziehe ich schon aus praktischen Gründen vor. Proust selbst war sich in seinen Bemühungen um „Objektivität“ mit ziemlicher Sicherheit keiner Unaufrichtigkeit bewusst, und die Recherche „funktioniert“ nur nach seinen Spielregeln.

  390. 692.

    ... Mein Eindruck jetzt: Das Ich im Salon beobachtet daumierhaft (vorausgesetzt eine entspannte Läster-Haltung - wie von Ihnen erwähnt: Straßencafé, Ortsverein ...) – UND: äußerste An-/Vorspannung, die zurückgehalten in Passivität sich in Phantasien, sublimierenden Bildern erotisch entlädt. Das soll nach Proust wohl zusammenpassen: je mehr Vorspannung, je drängender das Begehren, desto intensiver der entlarvende Blick auf die Trabanten des Fixsterns (vgl. Opernszene). Das ‚Idol’ soll zum absoluten Strahlen gebracht werden. So auch die Formulierungen: das „unfassbare Leben“, das der Name Guermantes bezeichnet, „umschloss hier dieser Leib“(!) > ‚magisches Markieren’ nochmals: Kreise auf den Teppich mit der Sonnenschirmspitze „als wäre dies der äußerste Fühlfaden ihres geheimnisumwobenen Daseins“ – Madame dG, die königlichste, dunkel-helle Parzenschöpfung. – So wird das Proust’sche Erzählnetz wieder provozierend-faszinierend. Die selbstgestrickte Vorhölle des Erzählers erlesen tapeziert.

  391. 691.

    „Diese drei Parzen im weißen, bläulichen oder rosigen Haar hatten an dem moralischen Leichentuch unzähliger Herren ihrer Epoche gewebt.“ Das ist bester Honoré Daumier. Und amüsiert auch mich sehr! Lästermäuler sind wir alle gern, klar.– Heute, Folge 21, satirisch weiter: „von vielen Puderschichten gipsartig überzogenes Gesicht ...“ – im Kontrast zur imaginierenden Beschreibung der Herzogin (Seidenpuff, Antlitz, Augen, Chinaseide, Matrosenhut mit Kornblumen ... >> grüne Wälder, blauer Nachmittagshimmel über Frankreich, träges öliges Gold besonnter Provinz, Staubduft der Dämmerstunde auf einer Pariser Straße, Peripherie der (Rock-)Glocke: eine Linie züngelnder Erregtheit markierend). – Der Erzähler zugleich: „... beobachtete ich im Grunde nichts, denn in der Atmosphäre meiner leidenschaftlich gespannten Aufmerksamkeit verflüchtigte sich ...“) – ...

  392. 690.

    Sorry, Herr Reimann, aber dass wir uns in der Sache näher gekommen sind, sehe ich so nicht... Gerade die Schilderungen im Umfeld der Madame P. machen mich so doch wieder sehr lächelnd (abgesehen von den Schilderungen des Judentums, die sind in der Tat hochproblematisch). Ansonsten habe ich mich amüsiert... Ich sehe in einen Spiegel und mich in einem Straßencafé lästern über die Passanten oder in einem Kleingartenverein, in einem SPD- CDU-..Ortsverein, im Gemeindevorstand oder sonstwo....überall die gleichen eitlen Verhaltensweisen, meine inklusive...
    Ich könnte mir vorstellen, dass manche Kritik (nicht Ihre, die schätze ich durchaus) an Proust aus dem Gefühl heraus entsteht, ertappt worden zu sein.
    Aber meine Lesart ist auch eine andere, nicht literaturwissenschaftliche, davon habe ich mich längst verabschiedet...ich bin gehöre nicht zur Fraktion Warentest... Wenn ein Text für MICH funktioniert, ist es okay...

  393. 689.

    20. Folge.
    Das Erscheinen Blochs auf der Soirée von Madame de Villeparisis gibt dem Erzähler den Anstoß zu einer visuellen Typologie der Juden, einer seiner krassesten Verallgemeinerungen, die aus assyrischen Reliefs, orientalischen Fantasiegestalten und Klischees aus dem täglichen Leben zusammengebraut ist. Sie läuft auf das Urteil hinaus, dass man Juden immer als solche erkennt, wie sehr sie sich auch zu assimilieren suchen. Die folgenden Erwägungen über die Gründe für den Abstieg der Marquise und einige ihrer Freundinnen aus den obersten Rängen der Adelsgesellschaft setzen hypothetische Verfehlungen der Vergangenheit voraus, über die sich nichts mehr in Erfahrung bringen lässt. Nur wer den gesamten Roman gelesen hat, erkennt hier Prousts eigenes Unternehmen, die Auflösung der gesellschaftlichen Hierarchien seiner Zeit—für die die Dreyfus-Affäre ein zentrales ideologisches Ereignis ist— so genau wie möglich aufzuzeichnen.

  394. 688.

    ... über die sozialen Distinktionen (Salon) ‚schwächelt’ deshalb hier auch, Tendenz Tratschen, die Dialogführung wirkt gedrechselt, platt ... ‚Distanz’ kann für den Erzähler nicht existieren, aber seine Sprache hat hier diese Tendenz. Immer wenn Funken von Imagination die Diktion bestimmen, ist wieder die doppelte oder tiefere Ebene da, darin zeigt sich die innere Dauer-Erregtheit des Erzählers. (Groß-)Muttersohn? -

    - Über die Passagen zu Bloch schweige ich mit des Sängers Höflichkeit ...

  395. 687.

    Danke, Herr Stellmann, jetzt sind wir uns in der Sache offenbar nähergekommen. Merkwürdig, mein ‚Unbehagen’ betrifft natürlich den Stil (Erzählhaltung), ‚schwächeln’ könnte ich es freundlicherweise auch nennen, aber mich hat es geärgert, gerade weil ich aus dem bisherigen (!) Kontext heraus verstärkt den Eindruck habe, der Erzähler brütet seit Gilberte/Odette seine eigene Vorhölle aus. (Allein schon die obsessive Garderobenbeschreibung bei Madame Swann ... / und dann das Eiertanz-Nachstellen ad Gilberte-Albertine-Herzogin). Psychisch ‚verstrickt’ ist er durchgehend. Und da passt, denke ich, eben die Erzählhaltung in den genannten Passagen nicht zur (uns schon längst erzählend-umrissenen) Innenausstattung des Erzählers. Das griffige Präludieren ...

  396. 686.

    Und zum Schluss einfach noch eine Frage an Frau Windeck. Wissen Sie, ob es in der Sekundärliteratur Texte gibt, die sich mit möglichen Parallelen zwischen der Recherche und Wildes "Dorian Gray" befassen? Wer sollte mir das beantworten können, wenn nicht Sie. Ich bin bisher nicht fündig geworden...

  397. 685.

    Und ja, das von Herrn Reimann angesprochene Gewaltpotential gibt auch mir zu denken... Ehrlicherweise sei gesagt, dass es bei meinen Proust-Lektüren vor 40 und vor 20 Jahren keine Rolle für mich gespielt hat. Heute stößt da einiges bei mir bitter auf, nicht nur bei Proust, sondern auch in der eigenen Familiengeschichte, ja im eigenen und früheren Verhalten...
    Und mal ehrlich...sind wir soweit von diese Zeiten weg. Vielleicht sollte man Proust einmal unter heutiger strafrechtlicher
    Perspektive lesen, grins...Stalking, Mobbing, üble Nachrede, Korperverletzung, Psychoterror....alles dabei und alles Ausdrucksformen der Gewalt, die mit der Landnahme (pars pro toto)begann oder schlimmer noch vielleicht zu den Bedingungen unserer Existenz gehört...

  398. 684.

    Ich will ja nicht spoilern, aber warten wir den Horror mal ab, wenn der Erzähler erst selbst in den Teufelskreis gerät...Dann erscheint alles bisherige zur Liebe wie ein Vorgeplänkel und die scheinbar mögliche Distanz ist dahin. Tendenziell auch die Distanz zwischen erzählendem und erzähltem Ich.
    Ich kann Ihr Unbehagen in etwa nachvollziehen, auch wenn ich es so nicht bei mir nicht wahrnehme. Ich habe eher das Gefühl, dass Proust in manchen Passagen "schwächelt" und das konzise Denken und Schreiben nicht immer durchhält. Mag aber sein, dass auch das gewollt ist. Sollen sich berufenere Geister als ich damit befassen.... Ich bin immer noch vergnügt dabei.

  399. 683.

    ... und die gleiche psychische und soziale Disposition teilt (aufgeladen; besessen, distinktionsversessen, ‚besitzen’wollend) – dass er sein Ich hier erzählend versteckt, sich verschanzt, in kritische Distanz flüchtet usw. >> Für mich eine Frage der Glaubwürdigkeit der Erzählhaltung. Bescheiden oder naiv oder vorschnell abgeleitet aus dem engen Kontext dieser Passagen des Romans.
    Nochmal: Nicht Handlung und Charaktere befremden mich, die Erzählhaltung ist es, die mich hier nicht überzeugt. (Und im Abschnitt über den Salon Villeparisis setzt sich dieses Manko, denke ich, erstmal fort.)

  400. 682.

    Jetzt habe ich tatsächlich mit meiner ‚Preisfrage’ eine Reihe von Erwiderungen ausgelöst, die mir auch Einblicke in den weiteren Romanverlauf verschaffen. Meine Anmerkungen erwuchsen aus den jeweils aktuell gelesenen Folgen der „Recherche“ – ohne das Kontextwissen, das Sie alle besitzen. Mein ‚Unbehagen’ hinsichtlich der jetzigen Folgen betrifft übrigens nicht das Verhalten von Saint-Loup [dass kalkulierte Machtspiele, Gewalt und Hörigkeit im (gerade auch erotisch) aufgeladenen Trabantenmilieu der Guermantes-Welt gang und gäbe sind, habe ich erwähnt] - auch nicht das souveräne Rollenspiel der Frauen (Rahel; zuvor Odette), sondern die Art und Weise, wie der Erzähler (ich) daherkommt: Eben als ob er nicht selber involviert wäre ...

  401. 681.

    …werden nicht zu Opfern, weil sie verstehen, innerlich unabhängig zu bleiben und damit die Oberhand behalten. Swann und St Loup unterwerfen sich in lustvoller Selbsterniedrigung jeder Laune der Geliebten und weisen ihr damit als einzig mögliche Rolle die der herzlosen Femme fatale zu, die sich an der Qual ihrer Opfer weidet. Es ist Proust anzurechnen, dass er weder Odette noch Rahel als Femme fatale darstellt, sondern ihnen, um „Objektivität“ bemüht, relativ differenzierte, auch positive Züge zuschreibt.

  402. 680.

    An „institutionelle“ oder „strukturelle“ Gewalt dachte man eher im Rahmen der Romane von Dickens. *Eines doch: Rahel fährt jedes Jahr zu Allerheiligen nach Brügge. Zeitgenössische Leser sahen darin sofort die Anspielung auf Georges Rodenbachs Roman „Bruges la Morte“. Der Protagonist, mit ähnlicher Hypersensitivität und überschärfter Sinneswahrnehmung ausgestattet wie unser Erzähler, sieht in den neblig-düsteren Gassen von Brügge eine Doppelgängerin seiner verstorbenen Frau. Er folgt ihr zwanghaft, begegnet ihr wieder und wieder, ohne sie anzusprechen. Ihr Bild und die sterbende Stadt ergreifen immer mehr Besitz von ihm, steigern sich zur völligen Besessenheit, aus der er sich am Ende befreit, indem er die Unbekannte – erwürgt. Der Übergang von „seelischer“ zu physischer Gewalt ist fließend. Swann, St Loup, auch der Erzähler geraten in ihren Liebesbeziehungen in ähnlich krankhafte Zustände der Besessenheit. Odette und Rahel werden …

  403. 679.

    Die mit pathetischem Gestus gestellte Frage nach dem „Gewaltpotential“ kommt mir beinahe ein wenig blauäugig vor. In der fast identischen Grundkonstellation der erotischen Beziehungen (Swann, St Loup, später auch der Erzähler) geht es immer um Machtausübung und damit um „Gewalt“(von beiden Seiten). Auf die Parallele zu Kriegsstrategien hat Herr Stellmann hingewiesen. „Liebe“ in Prousts Sinn ist (auch) die auf Projektion beruhende seelische Abhängigkeit, die bei den Protagonisten zeitweise Züge der Besessenheit annimmt; das (scheinbar) vernunftgesteuerte Bewusstsein ist außer Kraft gesetzt.Das Interesse an solchen Extremzuständen und inneren Abgründen im 19./ frühen 20. Jh war immens, der Schwerpunkt lag jedoch auf den schwindelerregend-ungeahnten Möglichkeiten der eigenen Seele, die ‚in der Tiefe‘ wirken, die Freud als "das Unbewusste“ umschrieb; Gewalt war nur ein Aspekt. Mit Beispielen aus Literatur und Kunst fange ich gar nicht erst an*.

  404. 676.

    19. Folge.
    In der Auseinandersetzung mit seiner Mätresse macht Saint-Loup die Erfahrung, dass die Macht, die er dank seines Geldes über sie zu haben glaubt, bei dieser selbstbewussten Frau aus dem Milieu der Bohème nichts ausrichtet. Diese Erschütterung seines Selbstbewusstseins veranlasst ihn zu zwei Gewalttaten gegen Unbekannte, von denen er sich gekränkt glaubt, und die gesellschaftlich so tief unter ihm stehen, dass sie sich nicht zu wehren wagen. Zusammen mit dem Erzähler macht er sich auf den Weg zu einem Besuch bei der Marquise de Villeparisis, deren Salon zwar den Ruf eines bureau d’esprit genießt, doch aus diesem Grunde von Leuten besucht wird, mit denen die Aristokratie nicht verkehren will. Der Erzähler bringt dies in Zusammenhang mit komplizierten Vermutungen über andere, lebensgeschichtliche Gründe ihres gesellschaftlichen Prestigeverlusts.

  405. 675.

    Ja, richtig: Waren- u. Tauschcharakter der Beziehung; aber involviert ist das erzählende Ich schon, denke ich: Mit „Rahel“ verbindet der E. spontan die selbst erlebte Bordellszene und hat sie seitdem intus; und er ist im Anlauf auf sein aktuelles Objekt des Begehrens (Mme de Guermantes) begriffen. Gerade deshalb - nach dem ‚verzierten’ Einstieg mit Kirsch- u. Apfelbaumblüte - das zielstrebig-obsessive Erzählen dieser 20-Francs-Liaison; auch zur eigenen Entlastung. ‚Entlarvt’ wird Saint-Loup in einem sprachlichen Duktus, als wäre der Entlarvende ‚unbefleckt’ und ohne Ambitionen à la Tauschwert !

  406. 673.

    Vielleicht möchte das erzählende Ich ja ledigllich und unter Verzicht aller sprachlichen Verzierungen den Waren- und Tauschcharakter der "Liebes"beziehung zwischen St.Loup und Rahel aufzeigen... Das kann es nur, weil es hier eben nicht persönlich nicht involviert ist.
    Psychologisch sind das Machtspielchen (>>Transaktionsanalyse) unter Erwachsenen. Und St.Loup wird entlarvt als normaler Mensch/Mann, in dessen Person sich , wie in uns allen, unterschiedliche und teils konträre Persönlichkeiten vereinen: Feingeist, Fürsorger etc. pp und eben auch ein Schlägertrupp....

  407. 672.

    ... Das führt mich zu einer anregenden Bemerkung von Herrn Werckmeister (Nr. 668). Ich finde nicht, dass sich die „Klassentrennung (...) durch sexuelle Übergriffe abmildert“. Für mich ist solche Übergriffigkeit vielmehr Ausdruck der Lizenz, die man sich in diesen Kreisen nimmt, ein Mittel zur Handhabung, zum egoistischen Manöver im sozialen Grenzgebiet Adel/Bourgeoisie (übrigens Reflex tatsächlicher sozialer Durchmischung Ende 19.Jh.) zu dem Zweck, das je alte oder neue (konkurrierende) Selbstbild, die Distinktion der Ränge und die eigene Macht ‚körperlich’ zu behaupten. Latente Vergewaltigungen?
    > Preisfrage: Was sagt die ‚Recherche’ über das große Thema ‚Gewaltpotential’?

  408. 671.

    Seit einigen Folgen bei mir eine Welle des Unbehagens; die Darstellung erscheint mir problematisch: Die Passagen über den qualverliebten Saint-Loup werden erzählt aus einer verschanzten Position: die Perspektive in der Attitüde eines ‚observateur neutre’, als ob das erzählende Ich nicht selbst involviert wäre, v.a. Ausblendung des eigenen Begehrens. Erzählhaltung Tendenz denunziatorisch, und die Dialoge Robert/Zézette kolportagehaft; auch ein Schuss Misogynie ist im Spiel. - Im Passus über Madame Villeparisis mit ähnlich gespielter Distanz, die Ich-Bezüge kaschieren, denke ich, eine Zwerg-Allwissend-Perspektive über das Thema Dünkel & Distinktion. > (...)

  409. 670.

    18. Folge.
    Der Restaurantbesuch und die anschließende Theatervorstellung, bei denen Saint-Loup seine Geliebte daran zu hindern versucht, anderen Männern nachzublicken, während sie ihrerseits auf dem erotischen Vergnügen beharrt, das sie dabei empfindet, gibt dem Erzähler die Gelegenheit zu Reflexionen über die Unterschiede zwischen Nahsicht und Fernsicht als Quelle erotischer Anziehung, die der Gegensatz von Bühne und Zuschauerraum ebenso wie der zwischen Theater und Lebenswelt wie in einem Spiegelkabinett vervielfältigt. So gesehen ist auch Saint-Loups Verhalten auf eine durch seine Erziehung einstudierte „Rolle“ zurückzuführen. Die Liebesbeziehungen, die sich auf diese Weise herstellen, folgen dem astrologischen Muster der Einwirkung von Gestirnen, die Anziehung oder Abstoßung befördern. Diese ebenso oberflächliche wie zwanghafte Vorstellung der Liebe gilt wohl kaum für den ganzen Roman.

  410. 669.

    17. Folge.
    Als der Erzähler in Saint-Loups Geliebter eine Prostituierte wiedererkennt, die ihm einmal in einem billigen Bordell angeboten worden ist, erlebt er eine Variante der Liebesgeschichte zwischen Swann und Odette de Crécy. Diese Erinnerung kontrastiert mit der Erscheinung einer literarisch gebildeten Schauspielerin, als die Zézette Saint-Loup kennengelernt hat und nunmehr idealisiert, ohne etwas von ihrer Vergangenheit zu wissen. Die Widersprüchlichkeit seines Verhältnisses zu ihr besteht darin, dass er sie als Mätresse hoch bezahlt und sich darüber im Klaren ist, wie ihn das finanziell und gesellschaftlich kompromittiert. Im Unterschied zu Swann denkt er nicht daran, seine Geliebte aus diesem Verhältnis zu lösen. Umso schärfer übt er dieselbe eifersüchtige Kontrolle ihres Umgangs aus. Die roten Flecken in seinem Gesicht machen diese Verzerrung seines sonst so einfühlsamen Charakters sichtbar.

  411. 668.

    16. Folge.
    Die herablassenden, sarkastischen Simplifikationen, mit denen der Erzähler die Freizeitgewohnheiten Françoise, ihrer Tochter und ihrer Verwandten abtut, kontrastieren mit der differenzierten Analyse von Saint-Loups illusionärer Liebe zu seiner Mätresse und dem realistischen Kalkül, mit dem er sie an sich zu binden plant, und das er sich auch von seinem Liebeskummer nicht verwirren lässt. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Prousts Romanwerk keine umfassende Darstellung der französischen Gesellschaft ist, sondern eine Sozialgeschichte der Klassentrennung zwischen Adel und Bürgertum, die sich in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg durch sexuelle Übergriffe abmildert. Sowohl Legrandins vorgebliche Verachtung der Adelsgesellschaft als auch die Unsicherheit über die Unterstützung des Marquis de Norpois, die der Vater des Erzählers bei seiner Bewerbung um die Mitgliedschaft im Institut empfindet, exemplifizieren diese Grundmuster des Romans.

  412. 666.

    ... Kann man sagen: Proust steckt einen weiten Rahmen, in dem er das Streben seiner Protagonisten ‚in die Zeit stellen’ und das Bewusstsein (des Erzählers) Fragen der Dauer und wie der Vergänglichkeit aussetzen kann?
    Mein Eindruck: Das erzählende Ich ist hellwach und sondiert ständig die sozialen Reibungen. Solche ‚Voreinstellungen’ der Beobachtung sind immer präsent, wenn es um die Liebes-Strategien geht und alle erdenklichen Stereotype abklopft werden; schließlich: Energiequelle all dieses Beobachtens und Reflektierens sowie des Gesellschafts-Spiels ist das je individuelle Begehren und Interesse.

  413. 665.

    Wertvolle Hinweise, Herr Stellmann, auf den ‚historischen Horizont’ des Romans.
    In den Passagen über den Rittmeister wird en passent die Überlagerung und Kollision scheinbar ungleichzeitiger gesellschaftlicher Stände/Klassen/Schichten und ihrer (werdenden) Traditionen, Manieren und Ambitionen geliefert. Allein in den beiden Napoleons ist die Spannweite zwischen den frz. politischen Revolutionen und der anbrechenden (industriellen) Moderne angedeutet. Die Imagination ‚Guermantes’ umgreift das alles.
    Der vom Erzähler beobachtete Saint-Loup bildet einen der Schnittpunkte in diesem Koordinatensystem. Insofern geht es im Verhältnis Erzähler <> Saint-Loup nicht nur um das Thema ‚Freundschaft’ (wie überhaupt auch beim Thema ‚Liebe’ die gesellschaftlich-historische Verortung mitgesehen werden sollte, denke ich). >

  414. 664.

    15. Folge, Teil 2
    Die ungeregelte Lebensweise des Erzähler ohne Willenskraft für irgendeine geregelte Tätigkeit, geschweige denn für die erstrebte Schriftstellerei, bringt sein Schlafverhalten durcheinander. Nachts ist er wach, tagsüber will oder soll er schlafen. So hängt sein Schlaf von seinem Willen ab, und er beginnt von seiner Schlaflosigkeit zu träumen. Das ist das Gegenteil des friedlichen Versinkens in den Schlaf während seiner geborgenen Kindheit, mit dessen Schilderung der Roman beginnt. Schließlich träumt der Erzähler, er sei zu nichts keiner Kommunikation mehr fähig, weil er sich im Schlaf nicht frei bewegen kann.

  415. 663.

    15. Folge, Teil 1
    Das Wiedersehen mit seiner Großmutter nach einer Trennung von nur ein paar Wochen enthüllt dem Erzähler, wie stark sie in der letzten Zeit gealtert ist, was ihm nicht aufgefallen war, als er mit ihr zusammenlebte—ein Beispiel für die biografische Relativität der Zeitempfindung, die der Roman zum Thema hat. Das Einzige, was sich durch alle Veränderungen des Befindens gleich bleibt, ist die Unfähigkeit, sich zum Schreiben aufzuraffen.

  416. 662.

    Einen hab ich noch! Man kann Proust auch unter dem Aspekt der Beschleunigung lesen, die mit der 2. industriellen Revolution ihren Anfang nimmt und bis heute anhält und sich exponentiell steigert. Das Paris Prousts verfügte über ein schnelles Rohrpostsystem. Briefe, die vormittags geschrieben wurden, erreichten nachmittags den Empfänger. Phantastisch!. Dann das Telefon, das ein erster kleiner Tod des Briefes war, heute die E-Mail. Dazu all die anderen Neuerungen wie Automobil, Flugzeug etc. pp. Die Welt beginnt in zu Prousts Zeiten kleiner und schließlich zum Dorf zu werden. Die synchronisierte Gegenwart schlägt in Terror des Augenblicks um... Proust setzt einen dagegen, indem er im Augenblick das Moment des Gebliebenen wie des Bleibenden sucht....

  417. 661.

    Zusatz zu 660.... Und dieses Wahrnehmungsproblem wird noch einmal verschärft, wenn nicht einmal die Stimme mehr bleibt, sondern nur die 1000 Schriftzeichen, die ein Internetforum zur Verfügung stellt....grins

  418. 660.

    Die Telefonszene habe ich als Beschreibung eines Schocks gelesen, den wir heute - von kleinauf ans Telefon gewöhnt, gar nicht mehr wahrnehmen und bestenfalls bei Kindern beobachten können, die zum ersten Mal mit Mama, Papa oder einer anderen Person telefonieren. Gleichsam beschreibt Proust damit das Wahrnehmungsproblem, das ein Telefonat bestimmt, die Reduzierung auf einen Sinn. Wir versuchen allein anhand der Stimme die Befindlichkeit eines Menschen zu schließen, alle anderen Informationen wie Körpersprache etc. sind ausgegrenzt. Das für den Erzähler ohnehin unmögliche Unterfangen einen anderen Menschen, sei er noch so vertraut, zu verstehen, erfährt noch einmal ein Verschärfung....

  419. 659.

    Gewiss mag die Schilderung des rittmeisterlichen Gebarens überspritzt sein, aber wir sollten sie im Zusammenhang mit den übrigen Adelsschilderungen, insbesondere Charlus sehen... Diese Schilderungen kontrastieren, und haben doch ein Gemeinsames, nämlich ein Geschichtsbewusstsein der eigenen Person, wie ideologisch dieses auch immer geprägt sein mag. In beiden versammeln sich die Vorfahren zu einem Orchester unterschiedlicher Stimmen, die sich in wechselndem Gebaren ausdrücken. Der Adel überdauert mit Hilfe seiner Stammbäume gewissermaßen die Zeit, während das ""gemeine Volk"" eher gegenwärtig lebt und sich seiner historischen Herkunft kaum bewusst ist, obwohl es natürlich eine solche hat.
    Insofern ist der Adel für Prousts Gedanken über Gegenwart und Vergänglichkeit ein dankbares Sujet....

  420. 658.

    14 Folge.
    Nach der satirischen, ja grotesken Schilderung der napoleonischen Attitüde des Rittmeisters von Borodino erhebt sich der Erzählungston zu einer mythisch-fantastische Ekstase über die missglückte Telefonverbindung des Erzählers zu seiner Großmutter, deren Unerreichbarkeit sich zur Todesdrohung steigert und ihn zur sofortigen Rückkehr nach Paris bewegt. Kaum hat sich die Geschichte in sein durchaus eigenartiges und eigenwilliges Empfinden subjektiviert, sind auch die „wir“ und „wie“-Verallgemeinerungen wieder da.

  421. 657.

    Ratschläge für Saint-Loup in Folge 13.
    https://science.orf.at/stories/3207082/?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE

  422. 656.

    Lieber Herr Reimann, im letzten Band räumt der Weltkrieg mit sämtlichen gesellschaftlichen Konventionen und Prätentionen auf. Saint-Loup kann sich seine militärgeschichtliche Gelehrsamkeit nicht zunutze machen, als er in vorderster Linie den Rückzug seiner Kompanie deckt und dabei ums Leben kommt.

  423. 655.

    13 Folge.
    Mir fällt auf, dass die durchdringenden Analysen sowohl von Saint-Loups Unschlüssigkeit in seinem taktischen Verhalten gegenüber seiner entfremdeten Mätresse als auch der gesellschaftlichen Unterschiede zwischen altem und napoleonischem Adel am Beispiel des Rittmeisters von Borodino kein einziges Mal die Worte „wir“ und „wie“ enthalten, deren Übermaß die bisher überwiegenden selbstbiografischen und selbstbezüglichen Passagen für mich so problematisch machen.

  424. 654.

    ... Überhaupt führt Folge 13 den Blick (des Erzählers) auf das gesellschaftliche Panorama der Zeit fort: Abstufungen, Ränge, Denkweisen und Verhaltensformen im Militär; anziehend wirken insbesondere die Handlungsmöglichkeiten von ‚Strategen’, die Menschen und Konflikte planvoll lenken können. Der Erzähler fühlt sich entspannt, da er in der Rolle eines Beobachters von ‚Nebenschauplätzen’ (hie Kriegsgeschichte, da Liebeskrise Saint-Loups) zwischen Interesse, Empathie und Distanz frei pendeln kann. Hellwach registriert er die Adelsformen seiner Zeit und die fortlebenden Strukturen aus dem Wirken beider Napoleons, gerade auch in der Republik. –
    Noch was: Rittmeister ‚von Borodino’ – Adelstitel, der für Napoleons Scheinsieg vor Moskau steht; doch Ironie Prousts am Werk?

  425. 653.

    Bin gespannt, lieber Herr Werckmeister, ob/wie am Ende der ‚Recherche’ die Haltung, die aus dieser Passage spricht, kritisiert sein wird. – In Doncières: Distanziert sich der Erzähler von der Blauäugigkeit der Adepten der ‚Kriegsgeschichte’, gar ‚Kriegskunst’? Er ist angezogen vom Offiziersleben und der ‚Genialität’ der großen Heerführer. Nicht zufällig läuft das Gespräch auf ein intellektuelles Schwärmen von ‚mustergültigen’ Schlachten hinaus, ein Tableau mit Napoleon als Fixstern am Kriegs- und Ruhmeshimmel. Unterhaltung und Reflexionen spinnen den Kontext weiter: das ‚Erbe’ Napoleons in Reglement und Ehrenkodex der Armee und in der Erneuerung des Adels als politischer Kraftquelle (Bourgeoisie als Reservoir). >(...)

  426. 652.

    Kommentar zur 12 Folge.
    Ich verstehe diese Passage als eine existenzielle Selbstkritik, die der Erzähler am Ende seines Entwicklungsromans an der beschränkten Denkweise seines jugendlichen Helden übt. Einem solchen Verständnis stehen allerdings die obsessiven „wir“-Verallgemeinerungen entgegen, die auch hier nicht fehlen.

  427. 651.

    12 Folge.
    Die Tischunterhaltung zwischen Saint-Loup, dem Erzähler und einem ungenannten Freund über die Bedeutung der Kriegsgeschichte für Strategie und Taktik der Gegenwart versteigt sich bis zu einer Erörterung der „Kriegskunst“ im Vergleich zu anderen „Künsten“ wie die Medizin, wo „geniale“ Generäle und „geniale“ Ärzte ihres Amtes walten. Sie ist ebenso weit entfernt von den tiefgründigen Erwägungen über die Künste, die den Roman durchziehen und deren Bezugspersonen Vinteuil, Bergotte und Elstir sind, wie von der Erfahrung der schmachvollen Niederlage im letzten französischen Krieg von 1870-71 (aus dem gleichwohl zwei kleine Episoden als taktische Beispiele angeführt werden), ganz zu schweigen von der dramatischen Widerlegung der französischen Militärdoktrin durch den deutschen Angriffskrieg von 1914. Und sie ist ebenso substanzlos wie die anschließenden Verallgemeinerungen des Erzählers über seinen einseitigen Liebeskummer um die Herzogin von Guermantes.

  428. 650.

    In Folge 12 nun gibt sich der Erzähler sehr interessiert am „Genie des Heerführers“; Regeln der „Kriegführung“ (> Finten, Durchhalten, Sieg und Eroberung!) sind das eine, aber das „Genie“, die „Kunst“ bestehe wohl in der Fähigkeit, wenn's drauf ankommt, ganz neu und improvisierend zu entscheiden. Ja, die Parallele zur Liebesstrategie liegt auf der Hand. –

    Der Erzähler erlebt in Doncières viele Stunden der ‚Entspannung’, er genießt einen ‚Nebenkriegsschauplatz’. Der brutale Ernst des Kriegs wird mit ‚geistreichen’ Gesprächen über-spielt und das ‚ästhetische’ Behagen wird bei feinem Dinieren körperlich gesteigert.

  429. 649.

    Ich fürchte, ganz so einfach ist es mal wieder nicht. Wenn ich die Ausführungen zu Strategie und Taktik und den Interpretationen von Informationen sowie der Verhaltensmuster im Krieg lese, drängen sich mir Parallelen zu den "Liebesstrategien" bei Swann und dem erzählten Ich auf....

  430. 648.

    Es gibt, lieber Kamerad Stellmann, kaum einen grässlicheren Euphemismus als 'aufreiben'.
    Was sich hinter 'eine Kompanie wurde aufgerieben' verbirgt, hat nicht zuletzt Spielberg in den 20 Minuten von 'James Ryan' nachdrücklich dargelegt.
    ---
    Nun hat unser Ästhet und Feingeist Marcel beim abendlichen Spaziergang durch Doncieres und Betreten des Gasthauses die Alten Niederländischen Meister wie Rembrandt oder Breughel (Licht und Dunkelheit bei den Wachleuten, Stillleben kulinarischer Genüsse) vor unserem inneren Auge auferstehen lassen.
    Dagegen denunziert er den angeblichen Freund Robert, der von Anfang an nur für Marcels egoistischen Zecken-Zwecke benutzt wurde, als kalten Militaristen...

  431. 647.

    ... hilfsweise ein paar Hinweise: Saint-Loup und einer seiner Kameraden (beide pro Dreyfus) schätzen den kriegsgeschichtlichen Kurs des Majors: „eine Darlegung von wahrhaft ästhetischer Schönheit“; von „Ideen“ geleitet, sogar mehrschichtig - wie ein „Palimpsest“; Obacht >> Text-Archäologie (!?) -
    Insofern Kriegsgeschichte ein „geistig bestimmtes Ganzes“ analog zu Wissenschaft und Kunst; ästhetisch übrigens auch das bessere Uniformtuch; schließlich: „im Geiste des Generals“ sei das Alte Vergangenheit, Bibliothek (!), Wissenschaft, Etymologie, Aristokratie (!) des Neuen. - stupende Anziehungskraft des Militärischen ?

  432. 646.

    11.Folge; große Frage: In welcher Beziehung steht diese "Hermeneutik des Krieges" wohl zum Roman?

  433. 645.

    Für die Analogie zur Archäologie habe ich ebenfalls viel übrig. Noch faszinierender finde ich Ihre Metapher der archäologischen Ausgrabungsstätte als Gleichnis für das „offene Kunstwerk“. Proust als Künstler und Ästhet bemüht sich zwar, die Bruchkanten der Fragmente, die er zutage fördert, zu glätten und aneinanderzufügen; doch nur auf den ersten Blick liegt darin ein Widerspruch. Für uns als Leser ist das Bild auf vielen Ebenen gültig – und sehr suggestiv. Schon mehrere zunächst unbeachtete Fundstücke sind für mich zu Katalysatoren geworden; der Prozess intensiviert sich, je mehr man sich auf das „Gefundene“ einlässt. In der Gewissheit, nie fertigzuwerden mit der „Recherche“, liegt ein großer Teil ihrer Anziehungskraft für den Leser, denke ich.

  434. 644.

    11. Folge.
    Die kriegsgeschichtlichen Belehrungen, in denen Saint-Loup und einige seiner Kameraden dem Erzähler weitergeben, was sie in ihrer Offiziersausbildung in der Kaserne beigebracht bekommen, und deren Satzungetüme die Proportionen einer Tischunterhaltung sprengen, laufen auf die vollständige Unplanbarkeit allen Kriegsgeschehens hinaus, gerade weil die angehenden Offiziere lernen haben, an dessen geradezu gesetzmäßigen, in der Kriegsgeschichte vorgezeichneten Verlauf zu glauben—gleich, welches Land gegen welches andere kämpft. In ihrer bis in die kleinsten Details verästelten Leere gleichen sie der ebenso schlusslosen öffentlichen Debatte über Schuld oder Unschuld des als Spion verurteilten Hauptmanns Dreyfuss, die von keinerlei Informationen, sondern nur von vorgefassten Überzeugungen der Protagonisten der Affäre und des Publikums bestimmt sind.

  435. 643.

    10. Folge, Teil 2.
    Kurz vor einem Abendessen mit Saint-Loup und seinen Kameraden nimmt der Erzähler seinen Freund beiseite, um ihm trotz der drängenden Zeit endlich um die Vermittlung bei der erotischen Annäherung an die Herzogin von Guermantes zu bitten—erst dadurch, dass er gut zu ihr von ihm spricht, dann dadurch, dass er ihm seine Fotografie von ihr überlässt. Die Schilderung dieser verschlagenen Unterhaltung ist derart krass, dass sie sich kaum anders als selbstkritisch verstehen lässt, und zwar nicht nur als Missachtung eines Freundes, dem der Erzähler gleichzeitig das ‚du‘ anbietet, sondern auch als Manöver zur Beförderung seiner ‚Liebe‘.

  436. 642.

    10. Folge, Teil 1.
    Die Freundschaft Saint-Loups, das ansprechende Hotelzimmer und der tägliche Wechsel zwischen ungestörter Lektüre und angenehmer Gesellschaft versetzen den Erzähler bei seinen Wanderungen durch die Kleinstadt in eine Hochstimmung, in der, wie einst in der Landschaft um Combray, seine Begehrlichkeit auf junge Mädchen angeregt wird, die auf der Straße an ihm vorübergehen. Anders als dort hält ihn kein Anstand davor zurück, sie anzuspringen, so dass sie sich erschreckt von ihm losmachen müssen. Im Fluss der Erzählung werden diese Episoden nur auf das Kürzeste gestreift, so dass ihre moralische Fragwürdigkeit nicht zum Tragen kommt.

  437. 641.

    Die Andeutungen in Folge 8 (Saint-Loups Zimmer) sind tatsächlich subtil und vielsagend gehalten (virtuos!), während der Aufenthalt im Hotel nur die eine derartige Stelle (‚Umarmen’) aufweist, noch am ersten Abend vor dem Einschlafen. Einen abrupten Übergang sehe ich eigentlich gar nicht, nur eben das ‚Aussparen’ aller Bezüge zur Herzogin, v.a. beim Reflektieren über Schlafen/Aufwachen usw. am Morgen nach der ersten Nacht im Hotel (es sei denn, die Bemerkungen zur ‚Wärme’ wären so zu werten). Die Assoziationen wandern nach Balbec und Combray, den ‚Vorstufen’. Ich habe meinen Eindruck (s. Nr. 621) allerdings inzwischen modifiziert (s. Nr. 630/631).

  438. 640.

    Nochmals danke!, Herr Stellmann, die Analogie ‚Recherche’/‚Archäologie’ gefällt mir sehr. Vom Gesamt-‚Bau’ des Romans und seinem Ende weiß ich ja noch gar nichts, und je mehr ich hier mitschreibe, desto mehr verliere ich sogar die Lust, in irgendwelchen Inhaltsübersichten nachzuschauen (oder ihnen gar zu trauen). Mein Eindruck: der Roman als ‚konstruierte offene Form’ – ein Paradox womöglich, aber eine ‚Recherche’ ist garantiert eine Form, in der das Fragen dominiert und sich mit jedem ‚Fundstück’ (schöner Ausdruck) stets regeneriert, erweitert und ‚vertieft’ (graben!). Ein zweiter Eindruck inzwischen: Proust stellt beide Formen des Erinnerns/der Erinnerung, die unwillkürliche und die willkürliche (in Ihren Worten), in Wechselwirkung und lässt den Erzähler in diesem Echo-Modus seinen Erzählfluss anlegen.

  439. 639.

    ..Gefühl der Geborgenheit bleibt. Selbst das Hotel empfindet der Erzähler als anheimelnd, weil die dort „wohnenden“ Möbel und Räume ihn willkommen heißen und sich wie eine Einfriedung um sein Zimmer gruppieren, bereit, ihm im Falle von Schlaflosigkeit Gesellschaft zu leisten. In seiner Empfindung „umarmen“ die Wände das Zimmer. Ich finde diese Passage (ab der Betrachtung der Fotografie bis zur Beschreibung des Hotels) ziemlich raffiniert komponiert; besonders die „gleitenden“ Übergänge in abgestuften Entsprechungen sind mit großer Sorgfalt gestaltet, überall wird die Atmosphäre für den Leser spürbar. Der „Wechsel“ von den ausschließlich um Mme de Guermantes kreisenden Träumen und Gedanken des Erzählers zu Reflexionen über Schlafen, Träumen, Aufwachen im Hotel wirkt auf mich daher nicht abrupt, sondern geradezu virtuos.

  440. 638.

    ..als bei der Betrachtung der Fotografie. Durch Verschiebung von Assoziationen vollzieht sich ein subtiler Übergang von einer weiblichen Gestalt zu einer anderen (Analogie: der unerlaubte Blick; Kontrast: “sie“ wird ihre Schleier ablegen und den Erzähler zum ersten Mal direkt anblicken). Er spürt „ihre“ Nähe in der angenehmen Wärme des Zimmers, als er vom Fenster zurücktritt. Es ist die Hügellandschaft um Doncières, die er als weibliche Gestalt wahrnimmt und die ihn von jetzt an begleitet; ein Gefühl von Geborgenheit schwingt mit. Ihre unterschwellige Anwesenheit versetzt ihn in eine heiter-zärtliche Stimmung. Leider werden weibliche Substantive („colline“) in der Übersetzung z.T. mit männlichen („Hügel“) wiedergegeben, so dass im 2.Teil der Passage das Schwebend-Erotische, das die Schilderung durchzieht, verlorengeht. – Reminiszenzen an Combray und Balbec schließen sich an. Das erotische Moment tritt zurück, das ..

  441. 637.

    Dass Sie so oder ähnlich antworten, hatte ich gehofft.Ich habe mir den Übergang, der Ihnen zu abrupt vorkam, noch einmal genauer angesehen:In St Loups Zimmer genießt der Erzähler die ungestörte Betrachtung der Fotografie von Mme de Guermantes in dem Bewusstsein, dass ihm die Herzogin nie gestatten würde, sie derart intensiv in Augenschein zu nehmen. Er empfindet den eigenen Blick als unerlaubte Entblößung. Die festgestellte Ähnlichkeit der Gesichtszüge St Loups mit denen seiner Tante verweisen darauf, dass die Gefühle des Erzählers nicht so sehr der Herzogin als vielmehr dem Traumbild „Guermantes“ gelten. – Nach dem gemeinsamen Abendessen sieht der Erzähler am nächsten Morgen aus St Loups Fenster auf die ländliche Umgebung im Morgennebel. Im Halbdunkel belauscht er die erwachende Herbstlandschaft wie eine noch in ihr Nachtgewand gehüllte Frau.Mme de Guermantes erschien im Theater ganz in weißem Mousseline.Die erotischen Untertöne sind beim Blick aus dem Fenster deutlicher als ...

  442. 636.

    Und dennoch, mir gefällt die weitergedachte Analogie zur Archäologie. Am Ende der Recherche stehen wir vor einem wieder aufgerichteten Ort der Antike, der uns einen komplexen Eindruck der Vergangenheit gibt und gleichsam immer neue Fragen stellt, der Lücken lässt, Dinge nebeneinander stellt, die manchmal passen oder auch nicht (was nicht passt, ist im Nichtpassen ernstzunehmen und wird nicht etwa passend gemacht), und jedes noch so kleine, unscheinbare Fund- oder Bruchstück kann zum Katalysator der eigenen Erinnerungsarbeit werden oder das Bild verändern. Die Recherche ist offen, nicht hermetisch, ein Buch, darauf angelegt, dass der Leser nicht mit ihm fertig wird, sondern ihn in Bewegung hält. Damit sprengt Proust die Form... Drastischer Beisatz: Wer mit Proust fertig ist, muss ganz schön fertig sein.

  443. 635.

    Tja, für mich wäre das ein (!) Punkt, an dem meine werkimmanente Kritik ansetzen würde. Mir ist schon klar, dass Proust die Authentizität der unwillkürlichen Erinnerung höher ansetzt als jene der willkürlichen Erinnerung, doch ich frage mich, ob dem wirklich so ist. Meine Selbstbeobachtung zeigt mir,dass unwillkürliche Erinnerungen häufig emotional anders und stärker aufgeladen sind als bewusst herbeigeführte Erinnerungen, doch sind sie deshalb auch authentischer, unmittelbarer? Ich halte das für ein bedenkliches Konstrukt, das wichtig für die Konzeption der Recherche ist, mir aber nicht unbedingt einleuchtet... aber nun ja, mir leuchtet vieles im Leben nicht ein, grins

  444. 634.

    Danke, Herr Stellmann, die Stelle ist bemerkenswert. Wenn ich recht sehe, folgt sie auf die Wahrnehmung des Erzählers, wieder einmal die ‚gute Kindheitsmüdigkeit’ mit ihrer Verwurzelung in Erdenschwere zu empfinden . Der Erzähler ‚antwortet’ hier auf die Behauptung von ‚Dichtern’, dass man bei Wiederkehr an längst verlassene Orte erinnernd zurück in die Kindheit finden könne. Seine Replik darauf: entweder Archäologe sei (wie Sie schreiben) oder besser – aber ‚subtiler (...) , unfehlbarer und vergänglicher’ (!) – dank flüchtiger Eindrücke. Oh, Proust!

  445. 633.

    Wie so oft gibt Proust auch in der 9. Folge Hinweise zu seiner Arbeitsweise. Hier verwendet er das Bild des Archäologen.
    "Was die Erde trug, ist nicht mehr auf ihr, sondern unter ihr; ein Ausflug genügt nicht, um die tote Stadt zu besuchen, man muss Ausgrabungen machen." Der Erzähler als Archäologe des erzählten Ich's? Der Gräber, der die Fundstücke eines weiten Feldes zusammenträgt und daraus ein Ganzes zu rekonstruieren versucht. Und steht am Ende ein Pompeji des Subjekts, immer noch fragmentarisch zwar und dennoch aus dem Dunkel der verlorenen Zeit gerettet?

  446. 631.

    (...)
    Hier ist das Psychologische in einen übergreifenden Kontext gestellt, der uns auf das Quecksilbrige eines Erzählers blicken lässt, der - in erlesener Bildseligkeit sich ergehend - Liebesnot und Täuschungen zu kuppeln versteht.

  447. 630.

    Doncières: Es hat den Anschein, als wolle Proust seinen Erzähler die Assoziationen zu Einschlafen-Träumen-Aufwachen nicht unbedingt psychologisch 'plausibel' beschreiben lassen; deshalb schenkt sich das Ich wohl jede Erwähnung des Liebes-Begehrens (Folge 9). In Folge 10 nun wird deutlich, dass das Ich die Herzogin alles andere als ‚vergessen’ hat. - Die Fahrt zur Kasernenstadt Saint-Loups ist ein weiteres Manöver (der versuchten Eroberung). Die Nähe des Freundes ‚beflügelt’ den sonst ängstlichen Erzähler. Im folgenden Gespräch mit Saint-Loup spielt er mit verdeckten Karten. Für mich ist die Schlüsselstelle, die das egoistische Spiel allegorisch bündelt und verdeckt benennt, folgende Formel des Hochgefühls: „Ich meinte die Flügelschuhe Merkurs an den Füßen zu haben.“ Merkur: Götterbote, Kuppler, Patron der Händler und Diebe. >(...)

  448. 629.

    9. Folge, Teil 2.
    Im Widerspruch zu seinen früheren Beteuerungen, er sei für eine tiefe Freundschaft ungeeignet, sucht der Erzähler während der Angstzustände, die ihn beim Alleinsein befallen, Saint-Loups Beistand. Bei ihm findet er so viel Verständnis für seine Sorgen, dass er sofort wieder Mut fasst. Er sagt nicht, was das für Sorgen sind. Auch hier vermisse ich das Thema seiner ‚Liebe‘ zur Herzogin von Guermantes, um derentwillen er doch zu Saint-Loup gereist ist.

  449. 628.

    Das mach ich, falls ARTE antwortet. Neben der Schlöndorff-Verfilmung gibt es eine Verfilmung der "Wiedergefundenen Zeit", die ich nicht gesehen habe und eine mehrteilige französische Adaption der gesamten Recherche, die die "Handlungsabläufe" und Schlüsselszenen zusammenfasst, nun ja...
    Für sehr sehenswert halte ich den Film "Céleste" von Percy Adlon, der auf den Memoiren von Prousts Haushälterin basiert. Dazu kommen viele Dokumentationen durchaus unterschiedlicher Qualität. Man könnte also bequem einen Tag damit füllen.
    Zu den Proust-Verfilmungen: Proust arbeitete mit feinster Feder, das lässt sich nicht mit dem Pinselstrich der klassischen Spielfilmdramaturgie umsetzen...

  450. 627.

    9. Folge, Teil 1.
    Unverhofft findet der Erzähler an seinem Hotelzimmer so viel Gefallen, dass er einen Spaziergang durch die ganze Etage poetisch als vertrauten Dialog mit all ihren Türen, Räumen, Wänden, Teppichen und Möbeln schildert. Nach dem Eingeschlafen taucht er in eine ebenso topografisch aufgegliederte, aber weiträumigere Unterwelt hinab, in der alle Varianten von Träumen dem Schlafenden je nach dessen Verfassung zur Verfügung stehen. Merkwürdigerweise fehlen unter den vergangenen Momenten seines Lebens, die ihm dabei in den Sinn kommen, die erotischen Begegnungen, Sehnsüchte und Frustrationen, von denen dieses Leben bisher erfüllt war.

  451. 626.

    Ich habe überlegt: ich kenne nur eine einzige Proust-Verfilmung, Schlöndorffs „schon ganz mit historischem Edelrost überzogene“ Version von ‚Eine Liebe von Swann‘. Literaturverfilmungen sind wohl auch deshalb meist enttäuschend, weil nichts, was ins Bild gesetzt werden kann, an das Kopfkino beim Lesen heranreicht (Bestätigung eines Proust-Axioms). Trotzdem können sie sehenswert und interessant sein, vor allem, wenn man sich hinterher darüber austauscht. Wenn arte sich bei Ihnen meldet, geben Sie die Info doch an uns weiter?

  452. 624.

    Korrektur zu Nr. 623.
    "ohne Spekulationen darüber anzustellen"

  453. 623.

    8. Folge.
    Nach langem Zögern entschließt sich der Erzähler, Saint-Loups Einladung nach Doncières zu folgen, weil er darauf hofft, er werde ihn mit der Herzogin von Guermantes bekanntmachen. Er studiert jede Einzelheit ihrer Fotografie, die auf Saint-Loups Zimmer steht und meint ihr auf diese Weise näher zu kommen als bei den flüchtigen Begegnungen auf ihren morgendlichen Ausgängen in Paris. Doch er beschreibt nur die Schönheit ihrer Züge, über Spekulationen darüber anzustellen, was sie ihm bedeuten könnte, ganz anders als bei seinen langen, mit Verallgemeinerungen angereicherten Beschreibungen der Zimmer in Saint-Loups Kaserne und im Hotel,die seine Stimmung aufs Äußerste beängstigen oder beflügeln.

  454. 622.

    (zu 619/620)
    Meine Art zu lesen ist nicht die, möglichst schnell (m)ein ‚Raster’ zu konstruieren und die folgende Lektüre/Interpretation - als auch meine ‚Erwartungen’ an den Text - daran zu messen, gar von einer ‚höheren Warte’ aus. Das wäre vermessen und lächerlich angesichts des Reichtums der ‚Recherche’. Ich nehme jede ‚Biegung’ der Erzählung ernst, ihre Anziehungskraft ist und bleibt enorm.

  455. 621.

    (zu 618) Auch Herr Stellmann hat mich bereits ermahnt, nicht zu ‚drängeln’. Glauben Sie mir, Frau Windeck, ich will schon geduldig sein und keineswegs nassforsch erscheinen.
    Was ich zur Diskussion angeboten habe (ich gebe zu: früh), sind meine Folgerungen aus der Beobachtung der bisherigen ‚Erzählbewegung’ – ein Ausdruck, der übrigens noch kein Echo gefunden hat. Ich will meine Aussagen zur ‚Form’ oder gar zur ‚Gesamtform’ gern zurückstellen. – Natürlich werden Muster nicht ‚gefüllt’. (Die Darstellung, Erzählung weist Muster auf, Parallelen regen zur Interpretation an usw.) – Die Folge 9 heute hat mich übrigens insofern überrascht, als der Erzähler facettenreich sein Verhältnis zu Schlaf/Traum/Einschlafen/Aufwachen schildern darf, während das Naheliegende völlig ausgeblendet wird: die Herzogin, deren Foto er gerade ‚studiert’ hatte. Mir erscheint das überhaupt nicht plausibel an dieser Stelle.

  456. 620.

    …ich es einfach schade fände, wenn Sie ungestüm in einen Tunnel hineinpreschen, der sich bald als Sackgasse erweist, und sich dann enttäuscht abwenden in der Meinung, Proust hätte Ihnen „weiter nichts zu geben“.

  457. 619.

    Nachtrag: wäre eine „Universalformel“ (Motto: Wir knacken den Proust-Code) überhaupt erstrebenswert? Mich jedenfalls würde es langweilen, Proust nur aus einem Blickwinkel oder gar nach einem Raster-Schema (ICH und…) zu lesen. Die Genugtuung, durch den Text (scheinbar) das eigene Raster bestätigt zu finden, so dass man sich von einer vermeintlich höheren Warte zum Text und zum Autor herablassen kann, liegt zwar voll im Trend, nutzt sich aber schnell ab. - Hoffentlich nehmen Sie diese offenen Worte nicht krumm; ich möchte Ihnen nichts unterstellen hoffe im Gegenteil, dass diese Verallgemeinerungen auf Sie nicht zutreffen. Ihre Kommentare enthalten so viele zündende Ideen, so viele Anregungen, die es wert sind, ihnen im einzelnen nachzugehen, dass …

  458. 618.

    Ich meinte die Betrachtung wiederkehrender Muster, Motive, Strukturen. Obwohl man dabei leicht auf Holzwege geraten kann,habe ich mir vorgenommen, auf solche Parallelen zu achten und zu sehen, ob die Perspektiven, die sich ergeben, zum Verständnis des Ganzen beitragen. Ihr Bild von den wachsenden Jahresringen wäre ein stimmiges Muster, das sich aus Prousts Ratschlägen an den zukünftigen Romancier ableiten lässt.Die Muster beziehen sich in meinen Augen nicht, oder nicht vorwiegend, auf die Form, erst recht nicht auf die „Gesamtform“, was immer Sie darunter verstehen. Sie werden nicht mit Inhalt „gefüllt“. Wir haben den dritten Band von sieben gerade begonnen; meinen Sie nicht, dass es etwas verfrüht ist, in einem „großen Wurf“ die Formel des Werkes zu entdecken?

  459. 617.

    Lieber Herr Werckmeister, danke! Diese Antwort wäre auch die Konsequenz meiner bisherigen Hör-Lektüre. -
    Die ICH-Bezogenheit löst sich wohl auch nicht von dem ‚Liebes’-Begehren und der ‚Suche’ nach einem DU (oder dem Besitz eines DU), das ‚das Glück’ vollkommen machen könnte.

  460. 616.

    7. Folge.
    Die späte Erkenntnis des Klassenunterschiedes zwischen Françoise und ihm selbst löst im Erzähler eine lange Überlegung zu dem unauflöslichen Antagonismus aus, der beide voneinander trennt, und den der Erzähler wie gewohnt als schicksalhaften Konflikt der Charaktere verallgemeinert. Aus den einander scheinbar widersprechenden Beobachtungen und Informationen kann er nicht ergründen, ob sie ihm freundlich oder feindlich gesinnt ist, obwohl er täglich mit ihr Umgang pflegt. Ebenso bieten ihm seine täglichen Bemühungen, die Herzogin von Guermantes auf der Straße zu treffen und zu grüßen, keine Aussicht darauf, sie von seiner ‚Liebe‘ zu ihr in Kenntnis zu setzen. So ergeht er sich in Fantasien über die Umkehrung ihres Klassenverhältnisses zueinander, wenn er sich ausmalt, wie sie verarmt und verlassen bei ihm Zuflucht sucht. Affektive Bindungen stellen sich ihm stets als Machtverhältnisse dar.

  461. 614.

    ... Überall die Amplituden der Erregung und Verfeinerung, Raum schaffend gerade auch für Reflexionen (!), schillernd zwischen Ich und Wir; und problematisierend das Verhältnis von Produktion und Rezeption, Ersteindruck und Wiederholung usf.
    - Nochmals: die Form ist nicht d e r Schlüssel. Sie ist das ‚Gefäß’ der Erzählung; und nun kommen die ‚Füllungen’, v.a.: ICH und die Gesellschaft / ICH und die Künste / ICH und die Natur / ICH und die Liebe / ICH und die ‚Welt’ - alle Aspekte in je wechselnder Verschränkung, Spiegelung, Beleuchtung, Erinnerung oder Ahnung und auch vice versa mit dem ICH am Ende. Wohl auch ICH und ICH. Für mich wird nun spannend: (Wo) findet der Erzähler (s)ein DU ?

  462. 613.

    - Zu der von Proust empfohlenen ‚Ähnlichkeit’ der Geliebten wie der Verlaufsform der Beziehungen: das Wiederholungsmoment geht tatsächlich von der Disposition des ‚Mannes’ aus.
    - Für mich sind die ‚Muster’ Indizien einer vorgefassten Gesamt f o r m der ‚Recherche’. Wie oben (Nr. 591) umrissen als Hypothese: der F o r m nach eine Erzählbewegung , die die Gesamtform konstituiert, schrittweise entfaltet und inhaltlich füllt. Oder anders: Eine Art wachsendes Umkreisen wie bei Jahresringen eines Baumes; jeder ‚Ring’ schließt frühere ein und lässt sie zu neuer Ausdehnung und Stärke mitwachsen. - Hierzu passte neben der Stationen-Folge ‚Liebe’ diejenige über die Beziehung des Erzähler-Ich zu den Künsten: Bücher (der Großmutter) - Bergotte - Elstir – Berma/Phädra. > (...)

  463. 612.

    ... Odette - Gilberte - Albertine (u. Schar) – Herzogin (u. Loge); an den Rändern diverse Mädels (Milchmädchen, Fischverkäuferin; auch Schulmädchen). Immer wieder Manöver und Eiertänze der Annäherung und imaginierten Eroberung und Besitzergreifung; obsessive Beschreibung der Garderobe ( Odette > Guermantes) - wohl auch ein ‚Abtasten’ der Objekte des Begehrens; in der Oper Licht- und Blickführung auf die Logen und ihr Zentrum, die Loge der Guermantes; Umschlagen der ‚Apotheose’ in Liebesglückseligkeit (Herzogin: >>die Göttin, die zur Frau wurde<<). Konsequent in diesem ‚Flow’ das lächerliche ‚stalking’ (so wie zuvor elevenhaft bei Gilberte/Albertine). Wie sollte Proust rückblickend solche Übertreibung/Exaltiertheit kritisieren, wenn sie doch allem Anschein nach zur Essenz des pulsierenden Erzählens gehört? > (...)

  464. 611.

    Herzlichen Dank, Frau Windeck, für Ihre anregenden und erhellenden Erläuterungen! Im letzten Satz von Nr. 601 verstehe ich aber leider nicht, auf welche Sichtweise das ‚diese’ Bezug nimmt. –
    Jetzt ein paar Aspekte, zunächst zum Oszillieren der Stimmungen: Sie schreiben, aus dem wiederholten Zusammenprall von Imagination und Realität resultiere ‚vollständige Zertrümmerung’, ‚Sturz in den Abgrund’ als jeweiliges Zwischentief. In solchen Repetitionen sehe ich auch eine (Selbst-)Inszenierung des Erzählers (des Erzähler-Ego), der in den enormen Amplituden des Auf und Ab von Erregung und Enttäuschung sich Raum verschafft für sein Bedürfnis, beziehungs- und bildreich, hochempfindsam und sezierend zu erzählen und seine Wahrnehmungen zu durchleuchten. Dieses Pulsieren eines ‚unter Strom’ Stehenden zieht sich durch die Stationen-Folge seiner ‚Liebe’ und nimmt von Station zu Station Fahrt auf. Das Muster intensiviert sich ‚energetisch’: >(...)

  465. 610.

    Lieber Herr Werckmeister,
    ich freue mich (aufrichtig und ohne Ironie), dass wir uns in diesem Punkt verstehen. Zu 6, Teil 1: Die Frage, ob das stalking vielleicht absichtlich übersteigert gezeichnet ist, habe ich mir auch schon gestellt, aber noch keine schlüssige Antwort gefunden.

  466. 609.

    Lieber Herr Reimann,
    gerade sehe ich, dass ich beim Kommentarkürzen die direkte Antwort auf Ihre Frage versehentlich „weggekürzt“ habe. Also: ich glaube, dass man bei Proust die künstlerische und die philosophische Ebene schwer trennen könnte. In den letzten 8 Jahren seines Lebens w a r das Schreiben sein Leben, und er hat sich wiederholt in dem Sinn geäußert, dass der Schriftsteller sich nur in seinem Werk und mit den Mitteln der Sprache verwirklichen kann.
    Meine Reflektionen zu Proust gehen fast ausschließlich vom (gedruckten) Text aus. Ich liebe die Matic-Lesung, aber ich „überhöre“ dabei zu viel, was mir bedeutsam scheint. Also versuche ich parallel zu lesen und zu hören.

  467. 608.

    6. Folge, Teil 2.
    Françoise, die dem Erzähler allmorgendlich die Garderobe für seine Streifzüge zurechtlegt, bringt ihre Missbilligung dieses Unterfangens derart unmissverständlich zum Ausdruck, dass der Erzähler vermutet, sie könne die Missbilligung der Herzogin weiterleiten, von der sie durch ihre Bekanntschaften in deren Hauspersonal erfahren haben könnte. Er versucht sich das durch ein hypothetisches Wertsystem ihrer niedrigen Herkunft und durch einen Vergleich mit wortlosen Kommunikationssystemen von ‚Naturvölkern‘ zu erklären. Am Ende dieser Überlegungen wird ihm zu ersten Male—spät genug— bewusst, dass seine Beziehung zu ihr durch das Klassenverhältnis zwischen Herrschaft und Dienerschaft geprägt ist.

  468. 607.

    6. Folge, Teil 1.
    Ein grüßender Blick der Herzogin von Guermantes aus der Loge ins Parkett hinab genügt, um den Erzähler in einen derartigen Liebestaumel zu versetzten, dass er von nun an jeden Morgen stundenlang durch die Straße geht, um ihr auf ihren Ausgängen zu begegnen und sie zu grüßen, als treffe er sie aus Zufall—nicht ohne nebenbei auch noch zwei einfachen jungen Mädchen nachzuspüren, die es ihm ebenfalls angetan haben, wenn auch nicht so stark. Proust schildert sowohl den Effekt des Blicks in der Oper als auch die Gefühle des Erzählers beim täglichen stalking in einer derart grotesken Übersteigerung, dass ich mich frage, ob er sie nicht etwa selber in der Rückschau kritisch bewertet.

  469. 605.

    Lach, an wen das wohl ging?
    Ich habe vor einigen Wochen bei ARTE angefragt, ob der Sender einen Geburtstag für Proust ausrichtet, aber leider keine Antwort erhalten. An Dokumentationen, Adaptionen etc mangelt es ja nicht. Auch wenn die Verfilmungen meist ein großes Scheitern dokumentieren, interessant sind auch sie es allemal..

  470. 604.

    In der Sendung gab es z.B. auch keine "Leser", die sich offenbar nicht im mindesten für Prousts Roman interessieren, sondern nur irgendwelchen Frust in wüsten Invektiven abladen wollten.

  471. 603.

    Vor einigen Jahren gab es auf arte eine 90-minütige Sendung „Auf der Suche nach den Proust-Lesern“, in der 10-12 Leser und Leserinnen unterschiedlicher sozialer Schichten und Altersgruppen ausführlich über ihr persönliches Verhältnis zur „Recherche“ sprachen. Am Ende der Sendung hatte ich den Eindruck, jeder von ihnen hätte ein anderes Buch gelesen. Wohlgemerkt: unter diesen Lesern war niemand,der etwas in den Roman hineinlas, das nicht wirklich darin wäre. Die Vielfalt der Standpunkte und Blickwinkel verdankt sich ganz der Vielschichtigkeit des Werkes. –
    Wir lesen (und hören) nicht nur, um uns den Kopf zu zerbrechen, sondern( hoffe ich) auch, um zu genießen. Und ein solches köstliches Genießerstückchen ist uns gerade in der Szene in der Oper geboten worden, wo die Theaterbesucher zu Nereiden und Tritonen werden. An Offenbach denke ich dabei, und an die ausgelassen-derben Spiele der Meeresbewohner in den Bildern von Böcklin…

  472. 602.

    Proust entlarvt sich selbst als jungen Mann einmal mehr in seiner vollkommen nutzlosen Existenz als gnadenlose Zecke, die sich unter den abscheulichsten Vorwänden an hübsche Frauen in grandiosen Toiletten (Mme. Swann) und Adlige mit grandiosem Rang (Herzogin Guermantes) heranpirscht, um von ihnen und ihrem guten Ruf zu profitieren.
    Ich fürchte, bei der Herzogin wird der junge Mann mit seinen unsäglichen Schleimereien ebenso Erfolg verzeichnen können wie bei der vormaligen Mme. de Cressi.
    Er wird sich wohl einen warmen Winkel in ihrer Kniekehle, ihrer heißen Leiste oder Achselhöhle suchen, um von dort aus seiner vorgeblichen Leidenschaft für Schönheit und höheren Adel zu frönen...
    --- Oder, wie man in gerne in Istanbul sagt: Izmir übel!

  473. 601.

    2 In „Im Schatten…“ gibt Proust (nicht der Erzähler) indirekt eine Erklärung dafür in seinen Ratschlägen für angehende Romanciers (mit denen er sein eigenes Vorgehen beschreibt und rechtfertigt): da Temperament und Veranlagung eines Menschen etwas Gegebenes sind, sollten die Frauen, in die der Romanheld sich verliebt, einander ähnlich sein(ich gehe hier nicht auf die Vorstellung der Geliebten als „komplementäre“ Projektion des Liebenden ein).Proust rät, auch das Muster des Beziehungsverlaufs sollte sich wiederholen, mit nur geringen Abweichungen, aus denen der Protagonist eine neue Erkenntnis gewinnt. – Ich bin nicht der Auffassung, in der Betrachtung sich wiederholender Motive, „Muster“ und Strukturen läge d e r Schlüssel zum Verständnis der Recherche; zahlreiche Textbelege weisen für mich darauf hin, dass diese Sichtweise Prousts Intentionen zumindest nicht zuwiderläuft.

  474. 600.

    Lieber Herr Reimann, meine Aussage, dass der Erzähler im Grunde derselbe bleibt, stützt sich auf verschiedene Beobachtungen in Teil I und II. Seit „Combray“ erleben wir immer wieder das Entstehen komplexer, ins Irreale gesteigerter Vorstellungswelten des Erzählers (die Personen, Orte, ersehnte Ereignisse umfassen),und deren jeweils vollständige Zertrümmerung beim Zusammenprall mit der Realität. Bemerkenswert ist, dass sich der Erzähler von Anfang an bewusst ist(er sagt es wiederholt), dass keine Realität den Schöpfungen seiner Imagination je entsprechen kann. Dennoch erlebt er jede dieser Desillusionierungen wie einen Sturz in den Abgrund. Das betrifft auch die Beziehungen, die er mit dem Wort „Liebe“ bezeichnet. Zu diesem Komplex ist aber so viel mehr zu sagen, dass ich ihn vorerst aufschieben möchte; nicht zu übersehen ist die Ähnlichkeit der Konstellationen. …(2)

  475. 599.

    5. Folge.
    Verglichen mit der Begeisterung, die der Erzähler vor Jahren bei seinem ersten Besuch einer Aufführung mit der Berma für diese Schauspielerin empfunden, kompliziert sich sein erneutes Erlebnis ihres Auftritts in einem Akt aus Racines Phädra durch lange, zögernde Überlegungen über das Verhältnis zwischen Dichtung, Vortrag, und den Personen der Schauspieler einerseits und seiner eigenen Vorbildung, Erwartung und persönlicher Verfassung andererseits, deren Komplexität ich als Leser nicht aufzulösen vermag, obwohl sie schließlich mit einer nicht weniger entschiedenen Huldigung an die altgewordenen Schauspielerin enden als damals. Ganz unproblematisch fällt dagegen das ästhetisches Urteil des Erzählers über die Galakleidung der Fürstin und der Herzogin von Guermantes in ihren Logen aus, die er des längeren beschreibt. Er erkennt umstandslos den höchsten Rängen der Adelsgesellschaft auch den besten Geschmack in Sachen Mode zu, den die niederen bis zur Karikatur verfehlen.

  476. 597.

    Nein, Herr Reimann, Proust gibt darauf keine "zukunftsweisende" Antwort. Und nein, er will auch will auch nicht auf EINE Gesamtaussage zum Zustand der Gesellschaft hinaus. Und drängeln Sie bitte nicht so... Ich werde jedenfalls nicht spoilern....

  477. 596.

    Und was ist Prousts ‚Antwort’ auf die Frage nach Glück und richtigem Leben? Ein Kunstwerk schaffen, die ‚Recherche’ !? Nach allem, was ich im Gedankenaustausch dieses Forums bisher gelernt habe, läge in der Form des Erzählkosmos mit all ihren Spiegelungen, Überlagerungen und fluiden Übergängen zwischen Innen und Außen, Natur, Landschaft, Künsten, Individuum und Gesellschaft, Begehren, Wollen, Imagination usf. die ‚offene Antwort des Erzählers’. Ob am Ende ein Scheitern steht, weiß ich selber noch nicht. Aber auch dann, vermute ich, wären dieses Scheitern ebenso wie die Äußerungen der Egozentrik Facetten im Kaleidoskop. Bisher habe ich nicht den Eindruck, dass Proust auf eine Gesamtaussage über die ‚Gesellschaft’ aus ist, nicht auf ein Fazit vom ‚Krieg aller gegen alle’. Oder geht das Ende des Romans in diese Richtung?

  478. 595.

    Ganz so einfach ist es für mich nicht...ich denke schon, dass sich für Proust die Frage nach einem richtigen und nach einem glücklichen Leben stellt. Das erzählte Ich ist wie das Gros des Personals in der Recherche ein Glückssucher auf der Suche nach Liebe, Wertschätzung, Dazugehörigkeit. Sein Scheitern ist angelegt in seiner Persönlichkeitsstruktur, die in Teilen pars pro toto für die Persönlichkeitsstruktur der meisten Agierenden steht. In einer Gesellschaft, die wesentlich von der Egozentrik ihrer Mitglieder geprägt ist, ist das Leben Krieg zur Durchsetzung eigener und nur eigener Interessen...

  479. 594.

    So scharfsinnig und tiefgründig Ihre Überlegungen auch sind, lieber Herr Reimann, sie werden sich erst nach beendeter Lektüre beantworten lassen.

  480. 593.

    4. Folge.
    Beim seinem ersten Besuch in der Oper lässt den Erzählers die Racine-Vorstellung der früher so bewunderten Berma unerwartet kalt. Dafür erlebt er das Foyer, den Zuschauerraum und die abonnierten Logen als eine grandiose Vorführung der Pariser Adelsgesellschaft die den Theaterabend erst in eine imaginäre mythologische Seelandschaft verwandelt, in der sich die adligen Besucher als antike Tritonen und Nymphen tummeln, und dann in ein ebenso imaginäres Riesenaquarium, hinter dessen Glaswänden sie als Fische schwimmen. So wird seine vorgefasste Bewunderung für den Faubourg Saint-Germain, ironisch übersteigert und relativiert, zur Begeisterung für ein farbiges Spektakel. Zwei kurze Zwischenbemerkungen machen deutlich, dass der Erzähler aus dieser gesellschaftliche Selbstvorführung des Adels keinen Einblick in dessen Lebensumstände erwartet.

  481. 592.

    (...)
    Das erzählende Ich konstituiert im Fortgang seines Erzählens diese Gesamtform, die Form, die das Ich als Künstler erschafft; und die ‚Aussage’ und ‚Haltung’ des Romans wäre dann, seiner Form folgend - trotz aller eingebundenen Reflexionen - eine künstlerische, keine philosophische ... ?

  482. 591.

    Eine Frage, Frau Windeck, im Anschluss an Ihre Erwiderung auf Herrn Stellmann:
    [Zur Erinerung: Ich kann nur fragen als jemand, der im Gegensatz zu Ihnen (beiden) Prousts ‚Recherche’ nur so weit kennt, wie die rbb-Lesung vorangeschritten ist.]
    Wenn wir es zu tun haben mit einer ‚sehr, sehr bewussten Schöpfung’ des Autors, wenn zudem der Erzähler im gesamten Romanzyklus ‚im Grunde unverändert derselbe bleibt’, kann ich daraus für Struktur und Erzählbewegung der ‚Recherche’ schließen, dass von Beginn an und in allen Teilen die grundlegende ‚Bewegung’ die einer fortwährenden ‚Entfaltung’ oder ‚Füllung’ einer vorgefassten Gesamtform ist, fortschreitend von Schauplatz zu Schauplatz und in ständigem Wechselspiel (auch in Rückblenden) miteinander korrespondierender und einander überlagernder Innen- und Außenperspektiven, Zeitebenen und Altersstufen. >(...)

  483. 590.

    3. Folge.
    Das Gerücht, dass „die Arbeiter in Kanada streiken“, und die trotzig verlängerte Mittagspause der Dienerschaft sind Anzeichen einer latenten Aufmüpfigkeit gegen die Herrschaft, ohne jedoch den geregelten Haushaltsbetrieb aufzuhalten. Die Bekanntschaften, die Françoise zur Dienerschaft des Hauses Guermantes anknüpft, verschaffen dem Erzähler erste Korrekturen seiner historisch sagenhaften Vorstellung dieses Herrschergeschlechts. Doch selbst nachdem er die Herzogin bei ihren alltäglichen Verrichtungen aus der Ferne hat beobachten können, hält er an seiner vorgefassten Bewunderung für das entrückte Leben des „Faubourg Saint-Germain“ fest. Hier wirkt sein Aufblicken zur ‚höheren‘ Klasse ebenso schematisch wie seine Herablassung zur ‚unteren‘. Im weiteren Verlauf des Romans wird genaue Kenntnis die Bewunderung auflösen, während die Herablassung bestehen bleibt.

  484. 589.

    2
    Die Frage, ob am Leben etwas falsch ist oder an uns oder an beiden, stellt sich für den Erzähler schon deshalb nicht, weil die Welt der „Recherche“ eine sehr, sehr bewusste Schöpfung ihres Autors ist. - So aufrichtig ich versucht habe, Ihre Gedankengänge nachzuvollziehen, vermag ich nicht zu durchschauen, wie man Ihre (unlösbare) Frage nach dem „Richtigen“ aus Prousts Werk herleiten könnte; die Frage nach der eigenen Position in den verschiedenen Konzerten ließe sich zur Not sehr indirekt erschließen. Darf ich davon ausgehen, dass es sich um eine hochfliegend-weitreichende spontane Assoziation handelt (die ja nicht in jeder Einzelheit einer systematisch zergliedernden Hinterfragung standzuhalten braucht)?

  485. 588.

    Es gibt natürlich verschiedene Wege, sich nicht nur „an den Gegenständen“, sondern an Büchern kennenzulernen. Wir stimmen in der Lesart überein, dass sich der Erzähler zwischen Außen- und Innenwelt bewegt, die unaufhörlich ineinander übergehen. Auch die Zeitebenen überlagern sich, so dass keine Aussage des Erzählers einer bestimmten Altersstufe zugeordnet werden kann. Diese Verwirrung hat ihre Ursache nicht zuletzt darin, dass der Erzähler im gesamten Romanzyklus unverwechselbar und im Grunde unverändert derselbe bleibt; allenfalls nimmt seine bittere Skepsis zu. Nein, ein Wilhelm Meister ist er gewiss nicht; ebenso wenig empfindet er sich als jemand, der in einem Meer unfassbarer potentieller „Ichs“ treibt. Wenn wir schon philosophische Denker bemühen wollen, böte sich Nietzsches Mythos der ewigen Wiederkehr als naheliegender an. … 2

  486. 587.

    Meine Akzentuierung, Herr Werckmeister, ist die:
    Die amüsiert-ironische Beobachtung des Verhaltens von Françoise und ihrem Kreis ist das eine. Im Ton steckt da gewiss immer auch Herablassung. Daneben aber steht die funktionale Seite: Der Erzähler will ‚die Welt’ der Guermantes sichtbar machen. Dazu, zur Vollständigkeit, gehört für ihn unverzichtbar die Einbeziehung des ‚Blicks von unten’. Insofern nimmt er diese Sichtweise auch ernst, wie er ja auch als ‚junger Herr’ der Françoise emotional nahe steht, der sorgenden Kinderfrau, Haushälterin und Köchin seit seiner Kindheit. Am anderen Ende der sozialen Skala, siehe Schau-Platz Oper, stehen die Vornehmen und Reichen, für die der Erzähler eine bis ans Subversive reichende ironisch bis beißend-satirische Diktion findet.

  487. 585.

    Ein früherer Kommentar, den der technisch defekte WEebsite nicht akzeptiert hat.
    Zu Frau Windecks und Herrn Stellmanns Antworten auf Herrn Reimanns Ungeduld, die ich teile.
    Mit Ihren Einwänden gegen das rückwirkende Moralisieren gegenüber Künstlern, und erst recht gegen Kunstfiguren haben Sie Recht, besonders angesichts der ‚Me too‘ Abrechnungen, wie sie in der gegenwärtigen Kultur üblich geworden sind, und wie wir sie in Doris Anselms Kommentaren („BDM“) zu lesen bekommen. Aber vielleicht beurteilt der Erzähler selbst sein jugendliches Fehlverhalten kritisch aus der Perspektive seiner Jahrzehnte späteren Erinnerung? Dem widersprachen allerdings die obsessiven „Wir“-Verallgemeinerungen, mit denen er es dann zum Normalverhalten erklärt.

  488. 584.

    2. Folge.
    Die Schilderung von Françoises Klagen über das neu bezogene Quartier, über die tyrannische Behandlung durch ihre Herrschaft, insbesondere den jungen Erzähler, und über ihr Heimweh nach Combray, sowie der Beziehungen, die sie zum Westenmacher Jupien und den Bediensteten der Guermantes im Hofe anknüpft, ist im Ton ironischer Herablassung ausgeführt. Sie soll eine spezifische Denk- und Ausdrucksweise der arbeitenden Klasse charakterisieren, die beschränkte Einfalt mit unverbildeter Volkstümlichkeit verbindet. Dabei steht die Loyalität gegenüber der Herrschaft niemals in Frage. Im Gegenteil, die Bediensteten bewundern deren Reichtum und deren Lebensstil.

  489. 583.

    Von III/4 aus (heute vorgelesen) wirken III/1-3 wie das Heranschreiten an eine Schwelle: nun für den Erzähler ein (erstes) Entrée in die ’Welt der Guermantes’, Schauplatz Oper.
    Mir kommt es so vor, als beschreibe der Erzähler eine Art Initiation, allerdings nicht als passiver Empfängling, sondern mit dem (Aktiv-)Vermögen des Dirigenten und Ausleuchters einer orchestrierten Gesamtkonstellation, einer gleichsam ästhetisch-gesellschaftlichen Veranstaltung.

  490. 582.

    ... Während wiederum die vorgestellte Françoise-Perspektive eine Anreicherung liefert durch Wahrnehmung/ Blick ’(von) unten’. Ich denke, viel weniger soziale Herablassung lenkt hier Beobachtung und Wortwahl des Erzählers als ein liebevolles Bedürfnis, denn er weiß, was er Françoise verdankt und dass ihm ihre Schlichtheit (‚ein schlichtes Herz’) selbst fehlt – ihr Reichtum=sein Mangel.
    Zum Modus des Zugreifens gehört auch der (zunächst anekdotische) Übergang vom ‚gemauerten’ Guermantes zu den Personen (Herzogin, Herzog).

  491. 581.

    ... Sein Zugriff folgt dem Françoises (Blick in den Saal). Die Imagination wird kühn, provozierend kontrastiert: Spannweite von religiöser Assoziation zu banalster Alltagsrealität: Abendmahl/Transsubstantiation und morgendliches Möbelausklopfen charakterisieren den ‚Ort’ Guermantes.
    Auffällig noch etwas anderes: mit dem Bezug auf die großen Namen Parma und Guise wird das Thema Guermantes über das Maß und den Rahmen hinaus aufgeladen, die durch den zeitgenössischen Begriff ‚Belle Époche’ vorgegeben wären.
    >(...)

  492. 580.

    Lesefolge III/1-3 - mein Leseeindruck: Großartiger Einstieg in den Romanteil ‚Guermantes’, überzeugende Erzählbewegung! Der Erzähler geht auf sein Thema zu in mehrfachem Umkreisen des Sujets: ‚Guermantes’ zunächst (naiv) sagenumwogen, bevor korrigiert/relativiert/ernüchtert durch Saint-Loup; dann aus der (beobachteten) Perspektive der Françoise – so wird der thronende Name schrittweise ‚historisch’, dann ‚soziologisch’ aus Wappen-Aura und Nimbus zu einer Verortung (nicht wundern: ‚Erdung’) vorgetrieben, die es dem Erzähler - Blicke in den Hof! / in den Salon! - ermöglicht, aus seinen Vorstellungen selbst einen ersten Zugriff zu gewinnen auf das geheimnisvolle benachbarte Fremde. >(...)

  493. 579.

    Zu 576/77 und 578:
    Danke Ihnen beiden, Frau Windeck und Herr Stellmann, für Ihre Anmerkungen zum versuchsweisen Stichwort ‚osmotischer Zusammenklang’ und für die Absetzung vom bloßen Metaphern-Spiel sowie für den Hinweis auf das Wechselverhältnis Innenwelt< >Außenwelt.
    Unter derlei ‚Beleuchtung’ oder ‚guidance’ kann die Lektüre getrost weitergehen. Ich kenne ja noch gar nichts vom Folgenden!

  494. 578.

    Ich denke, dass es es in der Recherche keinen Ich- Erzähler als "fassbare" oder wie Sie sagen "geerdete" Person gibt. Insofern ist die Recherche auch kein "Wilhelm Meister", sondern ein Erkenntnis-Roman ( man kann das ganze Ding als Groß-Essay lesen wie Zettels Traum)
    Der Erzähler ist nicht fassbar, er ist im Fluss, er schwimmt in sich und in den Außenwelten, die zur Innenwelt der Außenwelt und umgekehrt zur Außenwelt der Innenwelten werden, (dankehandke) Gewissheiten, an die wir uns klammern können, gibt es nicht, das Leben macht Striche durch die je eigenen Rechnungen: Also muss am Leben etwas falsch sein oder an uns, wahrscheinlich eher an beidem. Was also wäre das Richtige, wenn es denn ein Richtiges gibt? Das ist die Frage, die Proust MIR stellt: Wer bin ich im Konzert meines "Ich" im Konzert der vielen anderen, von denen ich nur die Spitze des getrimmten Eisbergs sehe.
    Ich nehme Proust persönlich...lach ...und nicht als Literatur...Das hat er sich gewünscht...glaube ich..

  495. 577.

    2
    für grundlegend zum Verständnis des gesamten Romans. Seit geraumer Zeit umkreise ich ähnliche Vorstellungen und versuche aufzuzeigen, wie diese Austauschbarkeit in (Sprach)-Bildern Gestalt annimmt. Es geht nicht um ein kunstfertiges Spiel mit Metaphern (auf die man notfalls auch verzichten könnte); in ihnen werden Vorstellungswelt und Erlebnisweise des Erzählers in besonderer Weise sinnfällig. Da kann dann z.B. eine Landschaft zu einer Person werden, die für den Erzähler alle mit dieser Landschaft verbundenen Träume, Erinnerungen, Empfindungen und Eindrücke „verkörpert“, weit jenseits eines bloß poetischen Vergleichs.

  496. 576.

    Ich verstehe, dass man den vom Erzähler unumwunden zugegebenen Egoismus als Pose auffassen kann, zumal er sich nicht à la Rousseau von Schuldgefühlen zerknirscht an die Brust schlägt. Die wiederholte Kontrastierung seiner rücksichtslosen Ichbezogenheit mit St Loup (diesem Ausbund an Tugenden, zu schön, zu gut, zu selbstlos, um auch nur als Romanfigur wahr zu sein) legt für mich allerdings nahe, dass doch mehr gemeint ist als ein nonchalantes Lippenbekenntnis. – Ihre Anmerkung zum Zusammenklang von Beobachtung, Wahrnehmung und Imagination, der „osmotisch“ Natur, Landschaft, Kunst und Personen in Beziehung setzen kann, halte ich für…

  497. 575.

    Vielen Dank für Ihren Zuspruch, Herr Stellmann. Ich hatte schon befürchtet, mich mit meinen letzten sezierenden Bildanalysen ins Abseits manövriert zu haben, zumal ich sie (um XXL-Monologe zu vermeiden) derart drastisch gekürzt habe, dass wahrscheinlich kein Mensch mehr versteht, worauf ich hinauswollte… - Die Haltung Prousts zu seinem Erzähler verstehe ich ähnlich wie Sie: es bleibt dem Leser überlassen, eigene Schlüsse zu ziehen. Und schon bei „Combray“ haben wir wohl alle bemerkt, wie weit wir unsere eigenen Erfahrungen dem Erleben des Erzählers „ankristallisieren“ können. Ich habe bisher in dieser Auseinandersetzung meine eigene Erlebnisweise ebenso intensiv reflektiert wie die des Erzählers; wenn ein literarisches Werk so etwas für den Leser leisten kann, ist das schon sehr viel. – Zum 2.Teil: Stellen Sie sich nach jedem Satz wahlweise ein „Exactement“ oder „Absolument“ vor, gefolgt von jeweils 2 Zeilen Ausrufszeichen. :-)

  498. 574.

    Bloß keine solchen ‚Exerzitien’!
    Warum aber nicht ganz schlicht bei den künftigen Hörfolgen Schritt für Schritt mit geschärftem Sinn und der Frage im Hinterkopf nach dem (vermutlichen) Alter des Erzähler-Ichs oder seiner Wir-Variante genießend-aufmerksam folgen ? Vielleicht eröffnen sich für uns interessante Verstehens-Perspektiven?
    Ich plädiere dafür, gleichermaßen genießend und analytisch lesen zu wollen. Zieht uns Proust nicht sowieso hinein in eine Schule des Formbewusstseins?

  499. 573.

    Ich glaube, da kann ich Ihnen nur wenig weiterhelfen. a) habe ich das letzte Mal während meines Studiums literaturwissenschaftlich gearbeitet, b) würde mich eine mikroskopische Untersuchung der Recherche zeitlich, vor allem aber intellektuell völlig überfordern.

  500. 572.

    ...
    Und: Was heißt die Perspektivenverschränkung für die ‚Lesart’ des Romans?
    Ich möchte auch daran erinnern, dass Frau Windeck irgendwann erwähnte, sie wünschte sich, dass etwas mehr von einem wirklichen geistig-psychologischen Reifungsprozess sichtbar würde.

  501. 571.

    Keine Sorge, Herr Stellmann,
    ich werde keine Zumutung ertragen müssen. Wenn ich mir ‚Klärung’ wünsche, meine ich damit, dass angesichts der offensichtlichen Perspektiven-Überlagerung (die Sie zu Recht herausstreichen) wir vor dem Problem stehen, dass hier verschiedene Altersstufen (somit Wahrnehmungs- und Reflexionsstufen sowie korrespondierend Schichten und Spektren der Imagination) im Erzählvorgang miteinander verschränkt werden. Die Frage bleibt: Wer – in welchem Alter/in welcher konkreten Situation - spricht/erzählt/sieht/beobachtet/empfindet/dialogisiert etc. jeweils – und welche ‚Entwicklung’ findet statt? Welche sprachlichen Signale können uns da leiten? >(...)

  502. 570.

    Ich fürchte, auf eine solche Klärung werden Sie verzichten müssen, Herr Reimann. Im Gegenteil...Die von Ihnen angedeuteten zeitlichen Überlagerungen in den Erzählperspektiven - von einer klaren Perspektive kann man bei Proust schwerlich ausgehen - werden im Zuge des Romans immer weniger voneinander abgrenzbar und spätestens in den AlbertineTeilen scheinen mir alle Grenzen den Perspektiven aufgelöst, wenn auch nicht für immer. Diese Zumutung werden Sie ertragen müssen...grins

  503. 569.

    Was wissen wir von Mama? Die mit dem Gutenachtkuss...
    Was wissen wir von Francoise? Die aus Combray, Balbec, jetzt aus dem 'Palais Guermantes'?
    Nun? -
    Na eben!
    Ich bin mir ziemlich sicher (trotz allen Geraunes), dass Marcel sie liebt!
    Über alle Zeiten und Orte hinweg -
    bis heute, also als er die Zeiten aufschreibt...

  504. 568.

    Zu Frau Windecks und Herrn Stellmanns Antworten auf Herrn Reimanns Ungeduld, die ich teile.
    Mit Ihren Einwänden gegen das rückwirkende Moralisieren gegenüber Künstlern, und erst recht gegen Kunstfiguren haben Sie Recht, besonders angesichts der ‚Me too‘ Abrechnungen, wie sie in der gegenwärtigen Kultur üblich geworden sind, und wie wir sie in Doris Anselms Kommentaren („BDM“) zu lesen bekommen. Aber vielleicht beurteilt der Erzähler selbst sein jugendliches Fehlverhalten kritisch aus der Perspektive seiner Jahrzehnte späteren Erinnerung? Dem widersprachen allerdings die obsessiven „Wir“-Verallgemeinerungen, mit denen er es dann zum Normalverhalten erklärt.

  505. 567.

    Aber auch das wäre m.E. eine Ausflucht, weil im Erzählen jedes Erzähler-Alter eine fiktive Setzung durch den Autor ist und ‚Authentizität’ im Erzählkosmos nur als fiktive existieren kann. Der Erzähler darf ‚Farbe bekennen’ auch in Bezug auf sich selbst und die Zeitverschränkungen problematisieren. Der Autor schreibt so, wie er in seinem jeweiligen Jetzt schreibt.

  506. 566.

    Spannender wäre ein Klärung der Erzählhaltung im Hinblick auf das Alter des je erzählenden Ich: Mein Eindruck immer wieder: hier überlagert ein Älterer (latent retrospektiv) das scheinbar erzählende Ich der jeweils erzählten Zeit. Dieses ‚ältere Ich’ ist auch das Ich, das ‚Wir’ sagt. Habe ich eine Passage des Romans verpasst, in der der Erzähler zu einem solchen Doppelspiel des Erzähl-Ichs Stellung nimmt? Oder kommt das noch? Vielleicht gehört zur Proust’schen Strategie die Zumutung, dass wir akzeptieren sollen, ein Autor/Erzähler kann die Perspektive eines früheren (erinnerten und im Erzählen wieder aufgerufenen) Lebensalters sowieso nicht authentisch wiedergeben.
    Aber auch das wäre >(...)

  507. 565.

    Meine ‚Kritik’, mein Unbehagen (so weit meine bisherige Romankenntnis) konzentriert sich tatsächlich auf die Stimmigkeit des erzählenden Ich/des Erzählens des Ich: Was mir fehlt, ist ein hinreichender Rückbezug auf ein konkretes Ich (‚Erdung’). Ich kann mir z.B. das Alter des erzählenden Ich der ‚Mädchenblüte’ nicht wirklich vorstellen. Und wenn ich von einem ‚verschanzten’ Erzähler sprach, so deshalb, weil er mit viel mehr Energie sich den anderen zuwendet und sie geradezu filigran ‚abbildet’ als sich selbst. Ob der Erzähler offen und ‚schonungslos’ seinen Egoismus oder seine Rachsucht (gegenüber Françoise) offenbart – ich weiß nicht; mir scheint hier eher ein Kokettieren mit billigen Schwächen vorzuliegen, es geht da wenig ans ‚Eingemachte’. >(...)

  508. 564.

    Selbstverständlich keine ‚Identifikation’. Auch kein ‚Einfordern’ von etwas, was außerhalb des Horizonts des Autors (auch seines Erzählers) liegt; keine importierte Kritik sowieso.
    Aber: Nachvollziehen und Benennen, was der Erzähler tut, fühlt und denkt und wie er sein Erzählen gestaltet. Dabei achten auf Stimmigkeit, Kohärenz und funktionale Wechselwirkungen. Wie steht es mit ‚Glaubwürdigkeit’? ‚Ambivalenz’ z.B. steht, denke ich, überhaupt nicht in Widerspruch zu Stimmigkeit oder Glaubwürdigkeit. Prousts Erzähler führt uns zudem vor, wie im Zusammenklang von Beobachtung, Wahrnehmung und Imagination quasi ‚osmotisch’ Natur, Landschaft, Kunst und Personen in Beziehung gesetzt erscheinen können, dabei einander ‚austauschen’ und ein ‚Wechselspiel’ in Nähe und Ferne führen. >(...)

  509. 563.

    Ich bedanke mich für die freundliche Aufnahme in diese Proust-Runde und die Erwiderungen von heute.
    Ja, ich denke, sehr viel dreht sich darum, wie wir Prousts Erzähler-Ich verstehen. Was alles gehört zu seinem ‚Innenportrait’? Wie verläuft die Erzählbewegung? Wie wird das Verhältnis von Distanz und Nähe gestaltet? Wenn das ‚Ich’ andere beschreibt und ‚durchleuchtet’ oder wenn es im ‚Wir’ verallgemeinert, was können wir darin und daran zugleich als Selbstaussage über das ‚Ich’ ausmachen? Wenn der Autor uns mit den Augen und sonstigen Sinnen des Erzählers die ‚Welt sehen’ lässt – und uns damit auch einlädt/befähigt, den ‚Sehenden’ (Erzähler) zu betrachten und uns über ihn ein Urteil zu bilden, wie frei sind wir dann zu urteilen, zu kritisieren, unsere eigenen Erfahrungsmaßstäbe anzulegen? Dass Prousts Roman einen ‚Dialog’ auslöst, sehen wir hier an uns selbst. >(...)

  510. 562.

    1. Folge.
    Der Umzug seiner Familie in ein Seitengebäude des Pariser Stadtpalais der Guermantes versetzt des Erzähler in die Lage, die historischen Fantasien über dieses Adelsgeschlecht, und besonders über die gegenwärtige Herzogin, als Feudalherren von Combray aus unvordenklicher Zeit mit ihrer bevorstehenden Kenntnis in Einklang zu bringen, nachdem ihn schon Saint-Loups Berichte die historische Anciennität ihrer Besitztümer eines Besseren belehrt haben. Was Françoise über ihre neuen Nachbarn in Erfahrung bringt, klingt ihm umso oberflächlicher, als sich seiner klassenbedingten Herablassung ihr gegenüber noch verstärkt hat, seitdem sie alt geworden ist.

  511. 561.

    Zum anderen: Natürlich kann man Kunstwerke kritisieren, das steht außer Frage. Problematisch ist eine solche Kritik aber, wenn man an ein Kunstwerk Maßstäbe anlegt, die an den Intentionen des Künstlers völlig vorbei laufen. Ich erinnere mich an ein Interview mit Miles Davis, in dem der Interviewer ihm mehr oder weniger vorwarf, er, Davis mache keinen Jazz mehr, sondern Pop-Musik, worauf Davis nur sagte: Wollen sie mir allen Ernstes vorschreiben, welche Musik ich machen soll? – Der Künstler sollte, der Künstler müsste, und hat der Künstler den richtigen Klassenstandpunkt..alles snobistischer Unsinn, zumal wenn der Künstler sich nicht mehr wehren kann. Kommt mir vor, als würde man Gogh wegen seiner Pinselführung zu kritisieren....

  512. 560.

    Da bin ich ganz bei Ihnen, Frau Windeck. Ich denke auch, dass Proust seinen Erzähler ganz schön vorführt in der Ambivalenz von hoher Empfindsamkeit und einer nahezu grenzenlosen Egozentrik. Das ist aber konstituierend für den Roman. Proust hat den Erzähler nicht als positiven Helden angelegt, der ein Angebot zur Identifizierung macht, sondern er lässt den Leser die Welt durch die Augen seines Erzählers sehen. Der Leser kann seine Erfahrungen daran ankristalliesieren oder auch nicht. Jedenfalls aber ist es eine provokante Einladung zum Dialog, nicht aber zur kritiklosen Zustimmung im Sinne eines "So ist es".
    Das zum einen.

  513. 559.

    Nr 553: Ich glaube, für Proust i s t die eigene Imagination das, was die innere Person des Erzählers ausmacht. Aus seiner besonderen Art der Wahrnehmung und der reflektierenden Auseinandersetzung mit seinen Eindrücken ergibt sich für den Leser (direkt und indirekt) ein überaus detailreiches Innenportrait. Narzisstisch ist der Erzähler allemal; um die Jahrhundertwende zelebrierten nicht wenige Künstler und Schriftsteller ihren Narzissmus und die eigene Empfindsamkeit, und es scheint, als hätten sie den Erwartungen ihres Publikums damit durchaus entsprochen. Wir dagegen stören uns an diesem „Posieren“, weil wir heute völlig andere Ansprüche und Erwartungen an ein Werk und seinen Autor haben.


  514. 558.

    ...herankommen, ganz zutrifft; mir scheint der "unbeteiligte Blick" eher der des Künstlers, den der Erzähler für notwendig hält, um sein Werk "aus sich selbst heraus" zu schaffen. Nr 552: Proust hätte Ihrer Kritik, der Erzähler müsse sich selbst „ehrlicher, offener“ beschreiben, vermutlich mit dem Hinweis widersprochen, dass er auch die für ihn selbst am wenigsten schmeichelhaften Regungen und Charakterzüge (rücksichtsloser Egoismus, kleinliche Rachsucht gegen Francoise etc.)schonungslos offenlegt. Welche monströsen Züge dieser Egoismus manchmal annimmt, scheint ihm jedoch zu entgehen … - Ich versuche, Proust gegenüber so fair wie möglich zu sein und als Leserin nicht ständig einzufordern, was er gar nicht schreiben wollte oder konnte.Nichtsdestotrotz decken sich Ihre Ausführungen in weiten Teilen mit meinen eigenen Beobachtungen.

  515. 557.

    551
    Schön, dass wir einen Neuzugang mit so anregenden Beiträgen haben.Ihrer Beobachtung, das „wir“ verschaffe dem „ich“ eine Fluchtburg, stimme ich vollkommen zu. In meinen Augen ist das „wir“ Teil des endlosen Dialogs des Erzählers mit sich selbst. Seine detaillierten Beschreibungen anderer Personen erscheinen mir allerdings selbst als Teil dieser Innenschau. Mir ist aufgefallen, dass der Erzähler in derselben intensiven Weise auf Natur- und Landschaftseindrücke reagiert wie auf Begegnungen mit Menschen (Mutter und Großmutter ausgenommen). Er erlebt und betrachtet sie als scheinbar „durchleuchtender“ Beobachter, da sie gleichsam alle in derselben Distanz zu ihm stehen. Zu der Nähe, die z.B. die Erwiderung der Freundschaft St Loups von ihm fordern würde, weiß er sich unfähig und wendet sich auf sich selbst zurück. Ich bin nicht sicher, ob Ihr Eindruck, er hielte sich raus aus dem Spiel und ließe den Leser nicht an sich...

  516. 556.

    "... warum hat sich meine Begeisterung abgekühlt, manchmal bis zum Ärgernis ?" Genau so ist es mir an ende von übern 60 Jahren wiederholter Lektüre auch gegangen, liber herr Reimann. Warum? Darüber glaube ich mir jetzt im Klaren zu sein!

  517. 554.

    Danke, Herr Stellmann, für das Willkommen im Forum !

    Ich habe jetzt ein paar 'Stiche' gesetzt - und bin gespannt auf Erwiderungen.

    Für mich ist diese Proust-Lesung die erste ernsthafte Begegnung mit dem Autor. Ich kenne überhaupt nicht die weiteren Bücher und bin deshalb bereit, mich korrigieren zu lassen.

  518. 553.

    Zwischenfazit: Wir finden bei Proust vor
    - Nuancenreiche Beschreibungen des sozialen und erotischen Wechselspiels in den gehoben Kreisen, die sich frei und fern von einfacher Arbeit oder von Arbeit überhaupt reproduzieren können.
    - Ein großes Aufgebot an Bildern, Vielschichtigkeit der Empfindungen, lauter Prismen, Brechungen der Benennung von dem, was Wahrnehmung, Empfindung und auch Gedanke sind oder leisten können.

    Der Motor, das Zentrum der Bewegung ? Das erzählende Ich ? Ja, aber in Szene bzw. Pose gesetzt: Denn das ‚Ich’, oft ersetzt durch ein ‚Wir’, ist eine verschanzte ‚Person’ oder Erzähl-Instanz, zwar ein Virtuose der Beobachtung – hundertfach die anderen beobachtend, aber dabei in Bezug auf sich selbst immer mit Vorbehalt, posenhaft-narzisstisch im Auftreten und Urteilen.
    Ein schwelgerisches Beschweigen der eigenen inneren Person, statt dessen immer wieder der Turbo der Imagination - Fliegen statt Erdung .

  519. 552.

    Wollte man einwenden, der Roman zeige ja gerade, dass unsere Existenz - d.h.: was wahr ist, was wir wissen, wahrnehmen und erinnern können, was wir ‚ich’ nennen, was wir fühlen, welche Bilder wir uns machen von anderen und v.a. von uns selbst - letztlich nicht greifbar ist/werden kann; dann könnte man antworten:
    Ja, gut – aber der Erzähler müsste gerade deshalb ‚ehrlicher, offener, direkter’ sich selbst beschreiben, bei sich anfangen und die Beschreibung der anderen von einem aktiven und je konkreten Ich aus gestalten. Die Arabesken der Imagination führen aber weg vom konkreten Ich und nicht zu ihm hin. So mein Eindruck.

    >(...)

  520. 551.

    (3) Zunehmend peinlich wirkt das, was man die ‚Entfaltung des Ich’ nennen könnte:
    Der Erzähler ergeht sich in detailliertester Weise, wenn er die anderen (Personen/ Protagonisten) zum Thema macht. In solchen, meist sehr langen Passagen und Satzperioden herrscht eine Lust am Beleuchten und Durchleuchten, (aufgeladen oft mit Vergleichen zu Kunst, Musik, Technik), ein Hin- und Herwenden, eine Pseudo-Dialektik – ein Ping-Pong mit sich selber, eine Selbstbefriedigung des Erzählers im Spiel mit Worten und Bildern. Denn er selbst erscheint in diesem Spiel zu oft unbeteiligt, er hält sich raus. Das Erzähler-Ich lässt die Leser möglichst wenig an sich heran, baut aber Konstellation und Kulisse so, als wäre er als Involvierter auch wirklich erkennbar. Der Wechsel ins (verallgemeinernde) ‚Wir’ geschieht nicht zufällig; er verschafft dem ‚Ich’ eine Fluchtburg.

    >(...)

  521. 550.

    Mein Unbehagen betrifft v.a. Stil und Erzähl(er)perspektive:

    (1) Widerspruch zwischen der geradezu programmatischen Subjektivität im Duktus des Erzählens und dem Überhandnehmen, ja der Aufdringlichkeit der (auktorial wirkenden) ‚Wir’-Form der Reflexions-Suada des Erzählers. Dies verbunden mit einem übersteigerten Drang zu Vergleich und Metapher, zuweilen wirklich großartig und schlagend, öfter aber Banalität kaschierend und sie bloß aufhübschend.
    (2) Die immer stärker hervortretende Grundierung des Erzähltons aus Impulsen selbstverliebter Egozentrik: Da regieren und steuern Eitelkeit, Dünkel, Etikettiersucht (nur selten ironisch!). Der Blick ist entweder der von oben oder der von einer unangefochtenen Beobachterwarte; unangefochten (trotz ständig behaupteter Verletzlichkeit und Krankheitsnähe des Ich), da frei von jeglicher materieller oder pekuniärer Begrenzung - eine Existenz, in der die Notwendigkeit von Arbeit gänzlich getilgt erscheint.

    >(...)

  522. 549.

    Hier einige Beobachtungen, die ich gern zur Diskussion stellen möchte:

    (Nach der Lesung der Bücher Swann/Mädchenblüte) mein ambivalenter Proust-Eindruck:
    Ein Schwanken zw. Anziehung und Abstoßung, Faszination und Ärgernis
    Trotz der vielen grandiosen Passagen, trotz Brillanz und Detailreichtum in den Beschreibungen und Schilderungen sowie in der Ausleuchtung und Ausdeutung menschlicher Empfindungen und Handlungsmotive - warum hat sich meine Begeisterung abgekühlt, manchmal bis zum Ärgernis ?

    > (...)

  523. 548.

    Willkommen im Forum, Herr Reimann...
    Ihre Anmerkung zur "Wir-Rhetorik" finde ich bemerkenswert, da Proust m. E. diese Verallgemeinerungen nicht oder zumindest nicht allein dazu nutzt, eine Quintessenz aus dem Erinnerten zu ziehen und uns die Welt zu erklären. Ich denke wie Sie, dass die vermeintlichen und sich durchaus entwickelnden Verallgemeinerungen eine textimmanente Funktion für den Ich-Erzähler haben.
    Danke für diesen Blickwinkel

  524. 547.

    Korrektur zu Nr. 544 >Mumie/Balsamierung

    Der Schluss soll heißen:

    Die Einbildungskraft erzeugt aber eine ‚Mumie’, etwas Totes, was - glückliches Hochgefühl der Ästhetisierung - in glanzvoller 'Balsamierung' bewahrt und bewundert werden kann

    Pardon!

  525. 546.

    (...)
    Dass sich dieser Wille ‚Auszeiten’ nimmt, ist lediglich dem Energieverbrauch geschuldet. Insofern ‚verschwimmen’ nicht die Bilder wieder; sie werden, denke ich, ihrer Regeneration zugeführt, indem der Erzähler sie seiner Gewohnheit gemäß handgerecht metaphorisch zurichtet, sie in eine objektive Gestalt übersetzt (Nereiden z.B.), die er zudem wie ästhetische Gebilde genießend handhaben und manipulieren kann. Verstärkend dann die Reflexionen in der verallgemeinernden ‚Wir’-Rhetorik, um das ‚Ich’ geschützt und sauber zu halten.

    Meine Worte deuten schon an, dass mein Proust-Eindruck ambivalent ist.
    Um es klar zu sagen: Er schwankt immer stärker zwischen Anziehung und Abstoßung, Faszination und Ärgernis. Dazu will ich später ein paar Beobachtungen und Argumente nachtragen.

  526. 545.

    (Zu Nr. 542)
    Der Erzähler hat sich gewaltsam in den ‚körperlichen Besitz’ Albertines bringen wollen. Nach der schroffen Abwehr schweigt er sich über sich selbst aus! Alles dreht sich lediglich um das Objekt seines Begehrens. Wir erinnern uns: Nach einer langen Zeit taktischer Annäherungsmanöver hatte er endlich den aktiven Sprung gewagt. Manöver, manipulatives Arrangieren und dann der Sprung - wie auch seine Phantasien und Taxierungen - waren und sind Ausdruck seines Willens, eines Willens zur Macht über (hier) die Mädchen. Dazu würde passen, was später folgen soll (> detektivische und erpresserische Mittel, vgl. Nr. 542).

    (...)

  527. 544.

    Ich habe erst gestern diese Gesprächsrunde zur Proust-Lesung entdeckt, darin sofort ‚geschmökert’ und vieles dankbar mit Gewinn lesen dürfen. Da sich bei mir nach etlichen Wochen Proust-Lesung einiges angestaut hat, möchte ich mich zum ersten Mal selbst zu Wort melden.

    Zunächst zwei Anmerkungen im Anschluss an Nr. 543 und 542 (Ende der ‚Mädchenblüte’), dann etwas Generelles zur Wirkung des Proust-Romans auf mich:
    (Zu Nr. 543) Vielleicht könnte man auch so zusammenfassen:
    Das Schluss-Bild zum Balbec-Aufenthalt versetzt den Ich-Erzähler in sein verdunkeltes Hotelzimmer, in den ‚Schatten’ (der Mädchenblüte). Er hat sich in den Kokon seiner Lebens-Passivität zurückgezogen (angeblich kurbedingt) und ist dabei, die Batterien seiner Imagination wieder aufzuladen. Der Passivität nach außen setzt er seine innere Produktivität entgegen. Die Einbildungskraft erzeugt aber eine ‚Mumie’, etwas Totes, was - glückliches Hochgefühl der Ästhetisierung - seiner ‚Balsamierung’ entgegengehen darf.

  528. 543.

    55. Folge.
    Am Ende seines Aufenthaltes in Balbec blickt der Erzähler auf die Wandlungen seiner Einschätzung der ‚kleinen Schar‘—von leichtlebigen Sportlerinnen zu züchtigen Bürgerstöchtern und weiter zu halbmythologischen Verkörperungen erotischer Verlockung—zurück und ordnet sie einer subjektiv gelenkten Art der Lebenserfahrung zu. Durch alle Stadien hindurch ist sie von jeder aktiven Wechselwirkung frei und auf Erwartungen, Eindrücke und Hoffnungen beschränkt geblieben. Die erzwungene Bettruhe im abgedunkelten Hotelzimmer, in der der Erzähler das Leben am Meeresstand nur durch Lichtreflexe und Geräusche, die durch die Spalten der zugezogenen Vorhänge dringen, erahnt statt wahrzunehmen, geschweige denn daran teilzunehmen, illustriert diese Haltung.

  529. 542.

    54. Folge.
    Die Vorwürfe, die der Verfasser Albertine wegen ihrer Zurückweisung seiner gewaltsamen Avancen im Hotelzimmer macht, drehen sich lediglich um das „Vergnügen“, das sie ihm verweigert habe, nicht um die Frage ihres eigenen erotischen Begehrens. An dieses hatte er bislang noch gar nicht gedacht; später, in zwei ganzen Bänden des Romans, wird er es mit allen detektivischen oder erpresserischen Mitteln vergeblich gegen den Verdacht der lesbischen Liebe zu ergründen suchen. Zunächst jedoch wirkt sich Albertines Zurückweisung dahingehend aus, dass er ihr seine „Liebe“ entzieht, entschlossen ist, sie den anderen Mädchen der ‚kleinen Schar‘ zuzuwenden. Zu diesem Zwecke lässt er ihre physiognomische Erscheinung in ausführlichen Beschreibungen Revue passieren und sucht dabei ihre „Bereitschaft zur Liebe“ zu taxieren. Dabei verschwimmen sie ihm wieder zu der undifferenzierten Gruppe am Meeresstrand, als die er sie anfangs wahrgenommen hat.

  530. 541.

    Nun, Albertine ist vielleicht nicht vermögend, jedoch offenbar gut vernetzt. Vielleicht hat sie Gönner*innen....???? Und der Rauswurf? Nun ja, da hat der Erzähler wie so häufig erstmal die Signale falsch interpretiert. Passiert mir auch ständig.... Wie heißt es so schön: 80% der Nachricht macht der Empfänger....

  531. 540.

    Proust beschreibt das menschliche Miteinander eben wir komplexe Blumen, Erklärungen würden da nur vordergründig sein. Und wenn man meint, er ist dem Sein und dem Schein schon sehr nah gekommen, macht er noch einen Schritt weiter. Jedenfalls über ein Warum hinaus.

  532. 539.

    53. Folge

    Ich bin von Anfang an dabei und verfolge aufmerksam die Kommentare und Anmerkungen. Habe keinerlei Proust Erfahrung.
    Kann mir Bitte jemand erklären, weshalb Albertine, ohne Vermögen, eine Nacht im Luxushotel verbringt, nur um am nächsten Tag dem Bahnhof näher zu sein? Wieso bittet sie, obgleich erkältet und im Bett liegend am Abend Marcel zu sich, der dann sehr ungeschickt sofort versucht sie zu küssen. Das ganze endet zu recht mit einem Rauswurf.

    Bemühe mich gerade mit Saul Friedländer Proust etwas näher zu kommen.
    Dem RBB vielen Dank für dieses großartige Leseprojekt,

  533. 538.

    53. Folge.
    Albertines Einladung, sie nach dem Zubettgehen in ihrem Hotelzimmer zu besuchen, versetzt den Erzähler in einen nahezu kosmisch verklärten Liebesrausch. Hat er vergessen, dass Albertine von diesem Zustand nichts weiß, da er ihn ihr bisher aus taktischen Gründen verborgen hat? Oder glaubt er, mit dieser Taktik ihre Begehrlichkeit entfacht zu haben? Umso niederschmetternder wirkt die Abfuhr, die sie ihm erteilt, als er gleich nach seinem Eintritt über sie herfällt. Im Nachhinein erklärt sich der Erzähler sein Missverständnis durch Albertines Begabung, Menschen für sich zu gewinnen, die sich in mehreren Beispielen aus ihrem Leben erwiesen hat, und die er als ebenso natürliche wie ausgebildete gesellschaftlichen Diplomatie begreift.

  534. 537.

    52. Folge,
    Die Folge handelt von den Versuchen des Erzählers, Andrée für Beförderung seiner Beziehung zu Albertine einzuspannen. Dabei verlässt er sich auf Andrées feinsinnigen Charakter, freundschaftliche Hilfsbereitschaft und taktvolles Verhalten, die er ebenso ausführlich schildert, wie er sich dagegen über die entsprechenden Eigenschaften ausschweigt, durch die ihn Albertine anzieht. Während all dieser Versuche, die im Übrigen und gar erfolglos bleiben, achtet er darauf, sich nichts von seiner Liebe zu dieser etwas anmerken zu lassen, schon gar nicht gegenüber Albertine selbst. Stattdessen sucht er sie durch eine verschlagene Taktik zu gewinnen, die darin besteht, seine glühende Liebe vor ihr zu verbergen und sie durch vorgetäuschte Gleichgültigkeit ihrerseits zur Zuwendung zu anzureizen.

  535. 536.

    51. Folge.
    Gisèles Examensaufsatz über eine komplizierte Fragestellung zu Racine begeistert Andrée und Albertine zu einer lebhaften Diskussion, die ihren hohen Bildungsstand erkennen lässt, ohne dass der hochbelesene Erzähler daran teilnimmt. Ihn interessiert allein das Schauspiel ihrer Unterhaltung, während der er an nichts anderes denkt als an den Zettel mit der Liebeserklärung, den ihm Albertine vorher zugesteckt hat. Trotzdem ist er noch immer nicht so weit, von seiner kaum differenzierten Zuneigung zur gesamten Gruppe abzulassen, und charakterisiert die Schwierigkeit der Auswahl nach äußerlichen Merkmalen wie gewohnt per „wir“ als Normalzustand einer Liebe, die in der Entwicklung begriffen ist. Beim anschließenden Ringelspiel ist es die Verschiedenheit des Händedrucks, die sein Verlangen darauf richtet, neben Albertine zu stehen zu kommen. Aber diese kanzelt ihn wegen seiner durchsichtigen Mogelei nur ab.

  536. 535.

    ...hoffte er das Meer zu finden. Die Reflexion endet mit dem Fazit: „Die ausschließliche Liebe zu einer Person ist immer die Liebe zu etwas anderem.“ - Das ist eine Gedankenlinie, an der man versuchsweise mal entlangdenken könnte. Möglicherweise würden sogar einige Seltsamkeiten in den Beschreibungen in „Combray“ in einem ganz anderen Licht erscheinen.

  537. 534.

    49
    Unter dem Einfluss Elstirs ändert sich der Blick des Erzählers auf die Meereslandschaft; er sucht nun nicht mehr die sturmgepeitschte Elementargewalt, sondern spiegelnde Wasserflächen unter heiterem Himmel. Er lässt sogar die Moderne zu, betrachtet gern die Yachten und die modisch weiß gekleideten Badegäste. Diese Bilder werden künftig in ihm aufsteigen, wenn er an das Meer denkt. Die Änderung der Sichtweise verläuft parallel mit der „Individualisierung“ der Mädchen. Die Parallele wäre nicht von besonderer Bedeutung; mir ist aber aufgefallen, dass die Mädchen für den Erzähler schon einmal mit dem Meer verbunden waren, und zwar ausdrücklich nicht metaphorisch. Bevor er sie kennenlernte, hoffte er ihnen überall zu begegnen, weil sie für ihn „die Wogen des Meeres bei Flut“ waren (nicht „verkörperten“ oder „bedeuteten“). Wenn er sie suchte, schreibt er wörtlich,…

  538. 533.

    ...regionale Herkunft nur oberflächliche Typologien, die nichts von ihrer Individualität verraten.

  539. 532.

    50. Folge.
    Wie schon der Geschmack der in den Tee getauchten Madeleine im ersten Band, ruft bei einem Ausflug mit den jungen Mädchen der Genuss eines Schokoladenkuchens oder eines Aprikosentörtchens beim Erzähler Erinnerungen an Erlebnisse in Combray wach, ebenso intensive wie damals, aber nicht auf bestimmte Erlebnisse fixiert. Die Ausflüge werden ihm so unentbehrlich, dass er Saint-Loups wiederholte Einladungen nach Doncières mit lügenhaften Ausflüchten ablehnt. Bei dieser Gelegenheit wiederholt er seine Kritik der Freundschaft (s. 33. Folge), nunmehr mit dem Argument, sie sei der Selbstkonzentration des Künstlers abträglich. Aber nicht die Einsamkeit zieht der Erzähler hier der Freundschaft vor, sondern die besondere Art der Liebe, die er zu allen Mädchen der ‚kleinen Schar‘ empfindet, und die er noch immer nicht recht zu differenzieren weiß. Während er im „Gezwitscher“ ihrer Stimmen nur herkömmliche Redensarten ausmacht, ergeben seine Erwägungen über Familienähnlichkeit und ...

  540. 531.

    Um noch etwas frischer vergleichen zu koennen - noch ein Tag steht eine Pilsen-Sendung zur Verfügung – die man on-line zuhörte
    [J-s-baar-z-lasky-stary-muz-vzpomina-na-svou-davnou-lasku-8489667 zu finden auf dem Tchechischen-Rundfunk]
    "Neue Texte" presentierend -hatte auch so ein neues Mut fassende Prosa {von ORF im Rahmen ö1-Kunstsonntag gelesen. Soweit ich gehört habe, beide Verfasser mit starken Wurzeln in Proust Lektüren deutlich nicht nur von Aristokratie-Würzeln absehen -sondern auch von ihrer Bourgeoisie.{Das "Neue Text" mit bevorzugten Verkäuferin hatte ö1-Kunstsonntag 14.März
    Darüber hinaus –presentierte ö1 im Rahmen 9.Mai Sendung- 18Uhr15min anderen Themen gewidmet } mehr als traditionelle (Freud-e-faible Analyse)sex-essen inter-Text-Beziehungen {in Literatur} ich wollte aber von in diesem 9.V angeklebten Thema-”Madelaine”- Erinnerungen erfahren. {obwohl das Thema nicht als Klischee zu M.Proust schien}.
    Hätten diese "Themen" mehr Wurzeln- in François Speisen?

  541. 530.

    …in den Schatten, den „dunklen, durchsichtigen Geschöpfen“, die den Eindruck von Lebendigkeit und Kühle hervorrufen. Sie sammeln sich am Fuß der Felsklippen und scheinen sich dort zu verbergen, treiben langsam auf den Wellen und schmiegen ihre „glänzenden bläulichen Körper“ an die Flanken der vorbeifahrenden Boote … es ist eine weitere poetische Metamorphose der Mädchen, die der Erzähler in Elstirs Aquarell ‚sieht‘.

  542. 529.

    Im 1. Ateliergespräch hatte Elstir dem Erzähler die Schönheiten der Kirche von Balbec aufgezeigt und das Bauwerk mit den Felsklippen der normannischen Küste verglichen; in seinem Aquarell der Creuniers weist er nun darauf hin, wie sehr die Felsen einer Kathedrale ähneln. Mir schoss sofort Oscar Wildes Bonmot von der Natur, die die Kunst nachahmt, durch den Kopf. Doch das ist zu vordergründig; der Vergleich reicht weiter. Elstir lehrt den Erzähler sehen, was er schon ‚wusste‘: die Dinge sind nie, was sie in einem gegebenen Moment zu sein scheinen. In Elstirs Meeresaquarellen wird der Himmel zum Meer, das Meer ist nicht mehr vom Festland zu unterscheiden, alles verliert seine Substanz und wechselt ständig den Ort; eines kann mühelos für das andere stehen. Im Aquarell der Creuniers wird die „Architektur“ der Felsen in der Hitze eines Sommertags durchlässig, die Wirklichkeit scheint sich in Licht aufzulösen und zu vergehen. Diese „Wirklichkeit“ konzentriert sich...

  543. 528.

    49. Folge.
    Eine ganze Stunde benötigt der Erzähler, um sich für ein Treffen mit der kleinen Schar der jungen Mädchen „schön zu machen, und ist dabei auf die Dienste Françoise angewiesen, die es ihm oft nicht recht machen kann. Auf die Vorhaltungen, die er ihr deswegen macht, reagiert sie nur durch widerspenstiges Mienenspiel, macht dafür hinter verschlossener Tür umso lauter ihren zornigen Widersprüchen Luft. Diese unterdrückte Sprache der ungebildeten Dienstbotin kontrastiert mit der endlosen Suada Elstirs, mit der dieser gleich darauf den Erzähler und Albertine über die Vergleichbarkeit von Pferdrennen und italienischer Festkultur der Renaissance sowie über seinen Geschmack in Sachen der Mode belehrt. Die verarmte Albertine, die bisher so sportlich-unkonventionell daherkam, ist hingerissen vor Begehrlichkeit nach dem hochklassigen Lebensstil, den er ihr als Bildung vorgaukelt.

  544. 525.

    48. Folge.
    Nachdem Albertine den Erzähler mit der gesamten ‚kleinen Schar‘ bekanntgemacht hat, versucht dieser vergeblich, mit zwei anderen Mädchen amouröse Beziehungen anzuknüpfen und spürt seine anfängliche Fixierung auf Albertine erkalten. Dabei wird ihm zu ersten Male klar, dass seine unablässige Begehrlichkeit gegenüber den jungen Frauen, die er im Vorübergehen zu Gesicht bekommt, auf eine stereotype „Liebeskomödie“ hinausläuft, „die ich seit meiner Kindheit fertig im Kopf hatte“, und in der „die Frau“ nicht mehr ist als ein „seelisches Phantom“. Ob diese Einsicht bis zur selbstkritischen Reflexion seines Verhaltens führt, bleibt zweifelhaft. Jedenfalls lässt sich die „Liebeskomödie“ nur mit der Jugendschönheit spielen.

  545. 524.

    Grins, zumindest hätte Proust hier auch mal ein wenig mehr verallgemeinern können. Bei uns Männern stirbt meist der Hintern zuerst, ganz zu schweigen von den Haaren, die uns aus Nase und Ohren wachsen...

  546. 523.

    (Antwort auf Doris Anselm, 17.05.2021)
    Yo, liebe Frau Anselm, schmierig oder sogar unverschämt:
    Kaum ist der junge Herr in die Schar aufgenommen worden, sinniert er wie ein Alter Weißer Mann über die zukünftige Gesichts- und Figur-Entwicklung der jungen Blüten.
    Das kann noch böse enden - vielleicht sogar im "Gipfel der Lasterhaftigkeit", der gleichgeschlechtlichen körperlichen Zuneigung...
    sourir!

  547. 522.

    Es ist die beste Art, Proust zu lesen. Erst die Primärliteratur ausschöpfen, so gut es geht...und dann erst ans Sekundäre .
    Hat mein alter Lehrer gesagt und später hab ich mich auch meistens dran gehalten, außer wenn die Faulheit überhand nahm.....

  548. 521.

    Lieber Herr Buchwald, nach fünfmaliger Lektüre des Romans darf ich mich als ‚Proustianer‘ bezeichnen, ohne je die Sekundärliteratur herangezogen zu haben, das heißt ohne Proust-Experte zu sein. Ich kann mich nicht erinnern, bei jenen fünf Lektüren, die von 1960 bis 2010 reichen mein Verständnis, soweit es reichte, den wechselnden biografischen Umständen entsprechen geändert oder weiterentwickelt zu haben. Lediglich meine Kenntnis des Textes habe ich aufgefrischt, präzisiert, und vielleicht vertieft. Bei unserer jetzigen, gemeinsamen Lektüre stehe ich der literarischen Schlüssigkeit und dem unreflektierten Klassenstandpunkt des Werks zum ersten Mal kritisch gegenüber, ohne deshalb seine künstlerische Brillanz weniger hoch einzuschätzen als zuvor.

  549. 520.

    Ein weiserer Mensch als wir beide, lieber Herr Stellmann, hat vor einigen Jahren gesagt:
    "Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss."
    Daran habe ich bei Ihren Worten gedacht.
    Für mich als Ersthörer wäre es sicher nützlich, hin und wieder ein wenig von der - wahrscheinlich überreichlich - vorhandenen Sekundärliteratur aufzunehmen oder in die biografischen Details von Marcel Proust einzutauchen. Darauf habe ich von Anfang an ganz bewusst verzichtet.
    Ich wollte mich einfach nur dem Text hingeben und lasse lediglich die Anmerkungen der von mir überaus geschätzten Kommentar-Gemeinde an mich heran:
    Literatur-Canyoning, eine überaus interessante Erfahrung!


  550. 519.

    Ein weiserer Mensch als wir beide, lieber Herr Stellmann, hat vor einigen Jahren gesagt:
    "Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss."
    Daran habe ich bei Ihren Worten gedacht.
    Für mich als Ersthörer wäre es sicher nützlich, hin und wieder ein wenig von der - wahrscheinlich überreichlich - vorhandenen Sekundärliteratur aufzunehmen oder in die biografischen Details von Marcel Proust einzutauchen. Darauf habe ich von Anfang an ganz bewusst verzichtet.
    Ich wollte mich einfach nur dem Text hingeben und lasse lediglich die Anmerkungen der von mir überaus geschätzten Kommentar-Gemeinde an mich heran:
    Literatur-Canyoning, eine überaus interessante Erfahrung!


  551. 518.

    47. Folge.
    Da der Erzähler sich, wie seit langem üblich, junge Frauen, die er aus der Ferne sieht, sofort in allen Einzelheiten als Liebesobjekte ausgemalt hat, fällt es ihm im Falle Albertines, der ersten solchen Frau, die er tatsächlich kennenlernt, die erotische Fantasiegestalt mit der wirklichen Person zur Deckung zu bringen, zumal er sie zunächst aus dem kollektiven Gruppenbild der ‚kleinen Schar‘ als Individualität herauszulösen hatte und von vornherein erwartete, seine vorgefasste Liebe zu allen Gefährtinnen in ihr allein bestätigt zu finden. Wie üblich erhebt er dieses Problem erotischer Manie per „wir“ zu einer allgemeinen Lebenslage.

  552. 517.

    47. Folge
    Da der Erzähler sich, wie seit langem üblich, junge Frauen, die er aus der Ferne sieht, sofort in allen Einzelheiten als Liebesobjekte ausgemalt hat, fällt es ihm im Falle Albertines, der ersten solchen Frau, die er tatsächlich kennenlernt, die erotische Fantasiegestalt mit der wirklichen Person zur Deckung zu bringen, zumal er sie zunächst aus dem kollektiven Gruppenbild der ‚kleinen Schar‘ als Individualität herauszulösen hatte und von vornherein erwartete, seine vorgefasste Liebe zu allen Gefährtinnen in ihr allein bestätigt zu finden. Wie üblich erhebt er dieses Problem erotischer Manie per „wir“ zu einer allgemeinen Lebenslage.

  553. 516.

    „Höflichkeit ist wie ein Luftkissen: es mag wohl nichts drin dein, aber es mildert die Stöße des Lebens.“ (Schopenhauer) Allzu salbungsvolle Anreden, ein Übermaß an Geflissentlichkeit können allerdings – wer weiß? – bewirken, dass Ihr Gegenüber sich unerwartet verstimmt zeigt. Sie wissen ja: Frauen sind unberechenbar…und weniger leicht einzuschätzen, als mancher glaubt.

  554. 515.

    Lach, wir sitzen in unserem Pandemie-Kämmerlein und lesen einen Roman aus dem Asthma-Kämmerlein. Nicht die schlechteste Situation, Proust zu lesen. Meine erste Proust Lektüre – in einem anderen Leben – fand vorwiegend nachts statt, wenn die Welt stille ward und ich mit dem Text alleine war. Das Wichtige heute: Es war in einem anderen, gleichwohl meinem Leben. Die Stellen, die ich damals anstrich, sind andere als die, die ich heute anstreiche. Irgendwie lese ich Proust, wie Elstir malt. Erstmal alles, was war, aufsaugen, dann möglichst alles vergessen und noch mal von vorne anfangen, anstatt nur das suchen, was eh schon bekannt ist.

  555. 514.

    Nicht doch, liebe, über die Maßen geschätzte Frau Windeck!
    Keinesfalls werde ich meine Zähne in unschuldige Blumen schlagen, welche in einer Vase auf dem Tisch neben der jungen, doch bereits lasziven Odette stehen - da sei Meister Elstir vor.
    Ihre so liebevollen, wie ich sagen möchte, wie fundierten Erläuterungen zur Proustschen Arbeitsweise und der stets aufs Neue geschöpften Schöpfung eines siebenbändigen Romane-Romans haben mich einmal mehr klüger werden lassen und dafür bin ich Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.
    Und selbstverständlich weisen Sie vollkommen zu recht auf die ganz wunderbaren Glanzlicht-Passagen hin, die immer wieder zuvörderst mein Ohr, dann den Geist und bald darauf auch meine Seele erquicken.
    ---
    Es ist doch sehr schön, sehr beruhigend, Marcel und die Kommentar-Gemeinde so nah bei mir im Pandemie-Kämmerlein zu wissen!

  556. 513.

    Da haben Sie recht, lieber Herr Stellmann, "Persönlichkeitsspatung" war ein übertriebenes Wort. Aber wie man es auchn nennen will, auf Sant-Loup trifft es nicht zu!

  557. 512.

    Viel interessanter scheint mir die Wichtigkeit, die Proust der Untergrundarbeit des Willens zuschreibt. Der Wille scheint mir hier fast ein metaphysisches Kraftzentrum zu sein. Das erinnert mich irgendwie an Schopenhauer, den ich in meiner Jugend mal sehr flüchtig, also im Grunde gar nicht gelesen habe. Dennoch scheint etwas hängen geblieben zu sein...

  558. 511.

    Lieber Herr Werkmeister, ihren Kommentar zur 46. Folge verstehe ich überhaupt nicht. Ich sehe nicht, dass Proust eine Persönlichkeitsspaltung beschreibt, sondern lediglich die Arbeit mitunter widerstrebender Kräfte innerhalb einer Persönlichkeit. Mit Verlaub, jeder Psychologe, mehr noch jeder Mensch, der in sich hineinhört, wird Ihnen bestätigen können, dass Vernunft und Gefühl und Seele nicht immer in Einklang sind. Wie langweilig wären sonst innere Monologe!
    Und was die überschwängliche Freude in der Abschiedsszene von St. Loup als Widerspruch damit zu tun haben soll, erschließt sich mir auch nicht.
    Es gibt eben auch Situationen, in denen Menschen vielleicht absolut im Einklang mit sich selbst sind. das Könnte man dann Augenblicke des Glücks nennen. Von denen von Ihnen angeprangerten, achso schlimmer Verallgemeinerungen vermag ich hier nun wirklich nichts zu entdecken.

  559. 510.

    46. Folge.
    Obwohl Proust die Persönlichkeitsspaltung zwischen Willen, Verstand und Gefühl, mit der er die zögerliche, von Zweifeln befangene Annäherung des Erzählers an Albertine auf dem Empfang Elstirs verständlich zu machen sucht, wie gewohnt per „wir“ als normal verallgemeinert, trifft sie ganz und gar nicht auf die entschiedene Überschwänglichkeit zu, mit der Saint-Loup bei seiner Abfahrt nach Doncières seiner Dankbarkeit für das Geschenk von Proudhons Briefen und seiner tiefen Zuneigung zum Erzähler Ausdruck gibt. Als der Erzähler schließlich vor Albertine steht und mit ihr ins Gespräch kommt, enttäuschen ihn sowohl ihr Aussehen als auch ihre Sprechweise, so dass er Mühe hat, seine vorgefasste Liebe zu ihr, die im „Willen“ des Subjekts verankert ist, im Moment ihrer Begegnung zu empfinden.

  560. 509.

    2
    Zur Verzweiflung seiner Verleger las Proust Druckfahnen nicht etwa Korrektur, sondern behandelte sie wie sein Manuskript, schrieb Passagen um, fügte neue ein etc. „Die wiedergefundene Zeit“ entstand Jahre vor „Sodom“ und den Albertine-Romanen. Überdies verlangte die gleichmäßige Verteilung des Stoffs auf einzelne Bände ständige Änderungen. Balbec, St Loup und andere hatten im Lauf der ständigen Überarbeitungen viele verschiedene Namen... Mir schwirrte der Kopf, als ich erstmals näheres darüber las. Das labyrinthisch Verschlungene, Unvorhersehbare und Ungereimte der „Recherche“ spiegelt sich in ihrer Entstehungsgeschichte, ohne jedoch darin aufzugehen. Sollten wir uns da wirklich an Rosen und Nelken festbeißen?

  561. 508.

    Lieber Herr Buchwald, fuchsige Literaturkritiker haben längst viel gravierendere Unstimmigkeiten (z.B. Namensverwechslungen etc.) in der „Recherche“ aufgespürt. Ich finde es eher sympathisch, dass der Autor in dem fast unüberschaubaren Universum, das er geschaffen hat, für Augenblicke selbst die Orientierung zu verlieren scheint. Auf die Komposition einzelner Glanzlicht-Szenen verwendet er dagegen äußerste Sorgfalt; sie bestehen innerhalb des Zyklus weitgehend unverändert, auch wenn sie im Lauf der Entstehung des Werks von einem Roman in den anderen gewandert sind. Blickt man auf die abenteuerliche Geschichte der Drucklegung und Veröffentlichung der einzelnen Teile, ist es beinahe erstaunlich, dass man trotz allem eine (sehr relative) Kohärenz ausmachen kann; durch die Person des Erzählers, der zwar die Fäden nicht immer in der Hand hält, aber doch das Ganze zusammenhält.

  562. 507.

    Liebe Redaktion,
    wo bleibt die Hörfassung Nr. 19 unserer wöchentlichen Kolumne?

    Mit freundlichen Hörergrüßen.

    J.L.

  563. 506.

    45. Folge .
    Wenn Elstir den Erzähler darüber belehrt, dass man im vorgerückten Alter das Fehlverhalten seiner Jugendjahre hinter sich lässt, ohne es bereuen zu müssen, könnte man auf die Schilderung des bizarren, teils schüchternen, teils taktisch gemeinten Hin und Her bei dessen fehlgeschlagener Annäherung an die ‚kleine Schar‘ durch die Vermittlung Elstirs verstehen, so wie er sie viele Jahre später beschreibt, als er endlich seinen Roman schreiben kann—wenn er nicht gleich wieder jene Episode per „wir“ zu einer wesenhaften Verhaltensweise verallgemeinern würde, aus der die „Nichtigkeit der Liebe“ folgt. Seine Überzeugung, Liebe sei etwas durch und durch Subjektives, ermöglicht es ihm, alle diese Überlegungen anzustellen, ohne Albertine auch nur nahegekommen zu sein, geschweige denn mehr als durch einen flüchtigen Blick von ferne mit ihr kommuniziert zu haben.

  564. 504.

    Oha!
    Die Tatsache, dass es sich offensichtlich um ein recht frühes Portrait von...
    ja, von unserer Odette handelt (na gut, dann sagen WIR eben: Swanns Odette), macht die Lage noch weitaus verzwickter als vermutet!
    Was passt denn besser zur werdenden, zur erblühenden Kokotte? Ich persönlich würde (in diesem Fall) auf Rosen tippen, Nelken sind doch eigentlich Friedhofsblumen.
    Aber was weiss ich jungfräulicher Zuhörer schon von Dialektik, Projektion, Reflexion und dem ganzen Proustschen Zauber...

  565. 503.

    Auf dem Aquarell der Schauspielerin oder des Epheben beschreibt Proust die auf dem Tisch neben der dargestellten menschlichen Figur stehende Vase mit Rosen darin. Im Folgenden ist aber nur von Nelken die Rede.
    Hallo?!
    Kann mir eine der hier mithörenden Expertinnen mit Recherche-Büchern auf Deutsch und sogar auf Französisch Antwort auf die Fragen geben:
    Hat Matic falsch vorgelesen?
    Hat die Übersetzerin falsch übersetzt?
    Oder hat gar der Meister selbst + persönlich einen Feler gemacht?
    Ja, ist mir klar, das kommt Ihnen allen etwas krümelkackerisch vor. Andererseits kommt mir Proust häufig ebenfalls sehr krümelig vor.
    Insofern empfinde ich meine Irritation nicht als irritierend im Sinne Marcelscher Dialektik...

  566. 502.

    44. Folge .
    Elstirs Talent zur Verschleifung visueller Gegensätze wie dem zwischen Land und Wasser im Hafen von Carcethuit bewährt sich auch an dem zwischen Mann und Frau, erst in der Malerei, dann in der Wirklichkeit. Sein Bildnis von Miss Sacripant zeigt eine junge Frau in Männerkleidung, die auch als ‚effeminierter‘ junger Mann gesehen werden könnte, und berührt damit das Thema der Androgynität, die für den Erzähler das Erscheinungsbild der jungen Mädchenschar geprägt hat. Die Vertrautheit mit seiner Ehefrau, die er mit „ma belle Gabrielle“ anredet, bewirkt, dass diese sich im Lauf der Jahre Elstirs Ideal körperloser Schönheit angenommen und so den altersbedingten Verfall ihrer Jugendschönheit ausgeglichen hat. Für den Erzähler erweist sich hier die Macht des Künstlers über die erotische Ausstrahlung der Frau.

  567. 501.

    Elstir sieht mit unterschiedlichen Augen. Die Wirklichkeit als Sujet der Malerei wird impressionistisch wahrgenommen,
    die historische Kunst hingegen, hier die Kirche von Balbec, analytisch. Beide Sichtweisen müssen sich nicht wiedersprechen, sondern öffnen das Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Dem Ich-Erzäler bietet der Atelierbesuch eine Schule des Sehens, einerseits in der Auseinandersetzung mit der Hafenansicht, andererseits im Gespräch über die Kirche.

    Elstir selbst ist wie alle Figuren in der Recherche eine fiktionale Person, eine Synthese, die viele Vorbilder hat. Die beschriebene Hafenansicht hat vielleicht ihr Vorbild in Bildern von Manet und Whistler, aber eben auch nur zum Teil...

  568. 500.

    43. Folge,Teil 2.
    Überrascht davon, dass er eines der Mädchen aus der kleinen Schar, und ausgerechnet die, zu der er sich am meisten hingezogen fühlte, bei Elstir wiedertrifft, dass dieser auch die anderen Mädchen aus der Gruppe kennt und ihm über alle Auskunft geben kann, korrigiert der Erzähler unverzüglich seine frühere gesellschaftliche Einstufung der Gruppe. Statt als leichtfertige Gefährtinnen von Sportlern klassifiziert er sie nunmehr als züchtige Töchter des reichen Bürgertums und typisiert ihre Schönheit nach einem französischen Rassenideal. Wenn er darüber grübelt, wie schwer es ihm gefallen war und auch weiterhin fallen sollte, Albertines unverwechselbare Identität zu begreifen, wird ihm nicht klar, dass sein obsessiver Hang zur vorschnellen Verallgemeinerung ihn daran gehindert haben könnte.

  569. 499.

    43. Folge, Teil 1.
    Nachdem der Erzähler Elstirs Hafen von Carcethuit als Meisterwerk einer Angleichung der Bildkunst an die subjektive Assoziationskraft der Literatur auf die Fotografie ausgedehnt und damit als fortgeschrittenstes Entwicklungsstadium der Malerei charakterisiert hat, versucht ihn Elstir von seiner Enttäuschung durch die illustrativen Skulpturen der Kirche von Balbec abzubringen, indem er ein Loblied auf die dogmatische Expressivität von deren religiöser Thematik anstimmt, das nahezu wörtlich von einem kunsthistorischen Autor—Émile Mâle—übernommen ist. Damit festigt Elstir seine Stellung als unbedingte Autorität in Fragen der Kunst, die er in Prousts Romanwerk einnimmt und die es so schwer, wenn nicht unmöglich macht, ihn auf das Vorbild eines Malers jener Zeit festzulegen.

  570. 498.

    Elstir folgt dem Grundsatz :“Ich male, was ich sehe, nicht, was ich weiß.“ (Turner zugeschrieben). Bemerkenswert finde ich, dass sich unmittelbar die Passage anschließt, in der Elstir dem Erzähler die Augen für die Schönheiten der Kirche von Balbec öffnet. Sie scheint das Gegenteil zu besagen:“Man sieht nur, was man weiß.“ Ohne profunde Kenntnis der Marienliturgie könnte er die Schönheit der Einzelheiten weder erkennen noch würdigen. Offenbar ist für den Künstler beides nötig: umfangreiches Wissen zu erwerben und es anschließend zu ‚vergessen‘, um dieDinge so darzustellen, wie er sie (innerlich und äußerlich) vor Augen hat. Bezeichnend: Elstir malt zwar (auch) im Freien, vollendet die Werke aber im Halbdunkel des Ateliers. In diesem ‚Bild‘ werden beide Aspekte zusammengefasst.

  571. 497.

    42. Folge, Teil 2
    Der Bericht vom Atelierbesuch bei Elstir beginnt mit einer grundsätzlichen Bestimmung der Malerei als wäre sie eine Sprachkunst, in der der Künstler der wahrgenommenen Wirklichkeit Namen gibt oder die bekannten durch andere ersetzt. Daher lässt sich die Charakterisierung von Elstirs Kunst keinem Maler aus der Kunstgeschichte zuordnen. Im Gegensatz zu den Impressionisten malt Elstir seine Seestücke und Strandbilder nicht vor dem Motiv, sondern im Atelier. Dort kann sie der Erzähler sie betrachten, selbst wenn sie noch in Arbeit sind. Seine Schilderung einer vor kurzem vollendeten Ansicht des Hafens von Carcethuit ergründet systematische Ergründung alle Überlagerungen, Vertauschungen und Verwischungen der Motive von Land und Meer. Sie übersetzt Prousts literarische Überblendung disparater Erinnerungen in eine imaginäre Malerei.

  572. 496.

    42. Folge, Teil 1.
    „Da ich sie alle liebte, liebte ich keine von ihnen.“ Trotz dieser vorübergehenden Einsicht ergeht sich der Erzähler in der Schilderung der Ununterscheidbarkeit der Mädchen in der „kleinen Schar“, auf deren unvorhersehbares Erscheinen er so sehr wartet, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Umso schwerer sind die unvermeidlichen Verallgemeinerungen nachzuvollziehen, mit denen er diesen Zustand per “wir“ für normal erklärt. Die Undurchdringlichkeit der kompakten Gruppe von Freundinnen wird auch dann noch bestehen bleiben, wenn er sich mit ihnen anfreundet, denn sie verschließen sich seinen Versuchen, sie der lesbischen Liebe zu überführen.

  573. 495.

    Liebe Frau Lethaus, es tut uns leid, dass Sie keine Antwort erhalten haben... könnten Sie die Fotos direkt an proustlesen@rbbkultur.de senden? Dort erhalten Sie mit Sicherheit eine Antwort. Schonmal vielen Dank für die tolle Idee.

  574. 493.

    Da will ich mich doch auch mal wieder melden.Bin noch dabei, höre und lese weiter mit Begeisterung und kann Sie alle nur ermuntern so fleißig weiter zu kommentieren ,gerade in dieser Zeit, in der es rauh und garstig zu geht in unserer Medienwelt tut es gut, diesen Ruhepol zu haben mit diesen Texten.
    Nun noch etwas : Am 12.4.21 hatte ich eine Mail an die RBB Redaktion geschickt mit 4 Fotos als Anhang.Diese Fotos stammen aus einem alten Architetur und Wohnenheft von 1992, die ich gesammelt habe und es sind Stilleben zu „Tafelfreuden bei Proust“ zu ausgewählten Texten von ihm.Zauberhafte Fotos mit Porzellan, Silber ,Glas und und....Leider kann ich sie Ihnen ja nicht übermitteln, aber eine Antwort hätte ich schon erwartet...vielleicht hat sie nur der falsche Sachbearbeiter bekommen?Es wäre schön eine oder einer aus der Kulturrefaktion hätte sie zu Gesucht bekommen, zB Frau Anselm.So notiere ich das mal an dieser Stelle

  575. 492.

    Das hängt davon ab. wie man "erotische Anziehungskraft" definiert. Ich würde schon sagen, dass sie diffus vorhanden ist, auch wenn sie sich nicht auf ein bestimmtes Mädchen richtet.

  576. 491.

    ... verwandeln sich die Mädchen unausgesetzt, mit subtilen Übergängen von einer Metamorphose zur anderen: von Außerirdischen werden sie über musikalische Vergleiche zu frühklassischen Statuen, die das Ideal menschlicher Schönheit und Vollkommenheit eben deshalb verwirklichten, weil sich in ihnen keine die Harmonie störenden tiefen oder quälenden Gedanken, keine entstellenden Gemütsregungen spiegeln. In totalem Kontrast dazu der Erzähler, wie wir wissen. Er ist aber nicht nur eine hochdifferenzierte individuelle Persönlichkeit; viele Züge teilt er mit dem Typus des Decadent, der ebenfalls zur Belle Epoque gehört. Auch dies hatte ich wohl im Hinterkopf bei meiner Schlagwort-Abbreviatur „Schluss mit Belle Epoque“.

  577. 490.

    Lieber Herr Stellmann, ich dachte nicht an den strikt historischen Epochenbegriff, sondern an das, was wir heute damit assoziieren, die Welt des Grand Hotel mit ihren hochkultivierten überfeinerten Umgangsformen, luxuriöse (unpraktische) Mode, Liebe zum Dekor etc. In dem Bild, das Proust als Zusammenprall inszeniert, stehen die Mädchen für deren Negation: sie setzen (sich) buchstäblich über das Alte, Abgelebte hinweg. Damit weisen sie auf ähnliche Veränderungen voraus wie die Sprache des Liftboys, nur umfassender und zugleich komprimierter. Dem Erzähler, der in den Kategorien der Großmutter(!) denkt, erscheinen sie wie Wesen von einem anderen Stern. Seine Überzeugung, zu deren Welt nie Zugang zu finden, beruht nicht nur auf ihrer Fremdheit, sondern auch auf ihrer Schönheit, Gesundheit und unbekümmerten Heiterkeit; für Krankheit und Schwäche haben sie weder Verständnis noch Erbarmen, Gedanken- und Gemütstiefe sind ihnen fremd. Um diese Aspekte sinnfällig zu machen, verwandeln sich die

  578. 489.

    41. Folge .
    Trotz seines übermüdeten, angetrunkenen Zustands kann der Erzähler auf der Rückfahrt von Rivebelle die Frauen, die er an den Tischen des Restaurants flüchtig angeschwärmt hat, im Rückblick unterscheiden, bewundern und begehren. Dagegen hat er Mühe, die jungen Mädchen der kleinen Schar am Strande von Balbec, die er voll Aufmerksamkeit beobachtet hat, auseinanderzuhalten, auch später noch, als er sie wiedersieht, denn seine anfängliche Bewunderung bringt keine erotische Anziehung mit sich. Allenfalls die Blicke, die ihm Mlle. Simonet, deren Namen er in Erfahrung gebracht hat, als einzige zuwirft, heben sie von ihren Gefährtinnen ab. Nichts deutet darauf hin, dass sie später die Liebe seines Lebens werden wird, während ihn bisher selbst der der flüchtigste Anblick jungen Frauen zu Liebesfantasien entflammt.

  579. 488.

    40. Folge..
    Sobald der Erzähler den Speisesaal von Rivebelle betritt und übermäßig zu trinken anfängt, wird er vom Erlebnis des Restaurantbetriebes ästhetisch derart überwältigt, dass er ihn zum kosmischen Spektakel mit kreisenden Gestirnen verklärt und Körper und Seele in einen Resonanzboden für die Tischmusik verwandelt. Hier wird er ein „neuer Mensch“, der seine Lebenswirklichkeit vergessen hat. Was er nicht vergessen kann, ist seine erotische Obsession, mit der er den Speisesaal als Panorama attraktive Frauen erlebt, die ihn lieben könnten. Hier mündet seine ästhetische Faszination schließlich in unerfülltes Begehren—ganz im Gegensatz zu Saint-Loup, der mit kalter Indifferenz an diesen Frauen vorübergeht, obwohl einige von ihnen ihn anhimmeln, weil sie ihn als Liebhaber gekannt haben.

  580. 487.

    Liebe Frau Windeck, Ihrer Deutung, hier endgültig das Ende der Belle Epoque zu sehen, mag ich nicht zustimmen. Auch wenn sich im Roman keine eindeutigen Datumsangaben finden, verorte ich diesen Teil der Erzählung um etwa 1895 aufgrund der Dreyfuss-Affäre, die ja hier an Fahrt aufzunehmen scheint. Das aber wäre ja geradezu die Hochzeit der Belle Epoque.
    Und das rabaukenhafte Auftreten der jungen Mädchen? Nun ja, hat sich nicht schon Sokrates darüber aufgeregt, dass die Jugendlichen seinerzeit völlig respektlos waren?

  581. 486.

    2
    Diese Entree-Szene gehört in meinen Augen zum Besten, was Proust je geschrieben hat. Sie hat eine eigene, oft symbolische Bedeutung auf sämtlichen Ebenen des Romans und nimmt vieles bildhaft vorweg, was später länger ausgesponnen wird. Themen und Motive klingen an, die sowohl voraus- als zurückweisen. Auch süffisante Komik fehlt nicht. Dazu ist die Szene unerhört gekonnt komponiert (was ja bei Proust nicht immer zutrifft) und sprachlich meisterhaft. Da die Folge schon zurückliegt, hier keine Beispiele; aber es lohnt wirklich, diese Szene noch einmal im Zusammenhang zu hören/lesen. Ich bin sicher, dass nicht zuletzt diese Szene ausschlaggebend dafür war, dem Roman den Prix Goncourt zuzuerkennen.

  582. 485.

    1
    Sorry fürs Nachzügeln. Zur Zeit schaffe ich es selbst an Wochenenden nicht immer, Lesungen nachzuhören und Kommentare zu lesen. Flashback auf die Szene, in der die „jeunes filles en fleur“ ihren ersten Auftritt haben und sich wie ein Fremdkörper, wie eine unaufhaltsame Maschine durch das Gewoge der Badegäste schieben , so dass die Spaziergänger beiseite springen müssen, empört und fassungslos. Stellen wir uns die Szene vor: der provozierende Sprung über den alten Bankier, der Vulgärjargon, in dem die Mädchen reden, Albertine mit der tief in die Stirn gezogenen Polomütze – man könnte glauben, Proust sei in eine Zeitschleife geraten und in unserem Jahrhundert gelandet. Man darf aber nicht übersehen, welch ungeheure Provokation damals ein derart rücksichtsloses Verhalten auf der überfüllten Kurpromenade eines mondänen Badeortes darstellte. Hier ist endgültig Schluss mit ‚Belle Epoque‘ (Herr Werckmeister wies darauf hin).

  583. 484.

    Ich denke, das ist eine Frage, die sich hier nicht im Forum kaum beantworten lässt, liebe Herr Buchwald. Das ist wohl sehr, sehr komplex. Ich weiß nicht, wie ich mich vor 100 Jahren verhalten hätte. die Verhältnisse waren in vielem doch andere als heute.

  584. 483.

    DU MEINE GÜTE!
    Kann mir wer aus diesem Kreis erklären, warum ein Autor, der kulturell vielfältigst gebildet scheint und sich zur Bi- oder Homosexualität als Mann offen bekennt, solch eine brutale Abwehrhaltung einnimmt?
    Er hat doch nicht etwa in zarten Kleinkindertagen Maman mit Mme. de Cressi im Bett ertappt, oder?

  585. 482.

    Zu den treffenden Kommentaren von Herrn Weskamm und Herrn Stellmann: das forsche Gehabe der kleinen Mädchenschar deutet an, dass hier ‚Gomorrha‘, eine Brutstätte lesbischer Liebe, auf den Erzähler zukommt, die er durch alle folgenden Bände hindurch als die gefährlichste Bedrohung seiner Sexualität empfinden und unerbittlich denunzieren wird!

  586. 481.

    39. Folge.
    Die Fahrt im Aufzug des Hotels wird der Erzähler seiner Klassengrenze gewahr. Erstaunt und amüsiert über das Vokabular, mit dem der Liftboy seine Stellung beschreibt, ohne die üblichen Ausdrücke der Arbeitgeber zu verwenden, glaubt er hier eine Sprache des Proletariats zu erkennen und hört auf, mit dem Liftboy zu sprechen. Am wohlsten fühlt er sich allein in seinem Zimmer. Dort assoziierte er die Aussichten aus dem Fenster und ihre Widerspiegelungen in den Glasschränken an den Wänden mit Werken der Kunst, um sie ästhetisch zu erleben. Trotzdem fühlt er sich noch immer unfähig, die immer wieder angestrebte literarische Arbeit zu beginnen. Und im nächtlich strahlenden Restaurant von Rivebelle fällt er wieder in seine alte Gewohnheit zurück, mit den Blicken Frauen zu suchen, die sich in ihn verlieben könnten. Es scheint, als stünden sowohl das ästhetische Erleben als auch die erotische Obsession der künstlerischen Produktivität im Wege.

  587. 480.

    39.2 Alles ist hier Metamorphose, kein Augenblick trägt Dauer in sich, weder innen noch außen. Veränderungen werden nur in Oberflächlichkeiten wahrgenommen, ihr Wesen aber nicht entschlüsselt. In der Sprache des Liftboys deuten sich soziale wie sprachliche Veränderungen an, die Sommerfrischler ziehen ab, die Erscheinung des Hotels wandelt sich, die kleine Simonet wird zu einem ersten Bild in des Erzählers Phantasie, die Natur folgt der Jahreszeit, neue Lichtverhältnisse erscheinen, die Bilder der Aussenwelt und ihre Projektionen ins Zimmer hinein sind langsamen aber stetigen Veränderungen unterworfen etc. pp. All das nimmt der Erzähler wahr, ohne dessen Bedeutung für das spätere Werk zu erkennen.

  588. 479.

    39.1 .Am Ende dieser Lesung sinniert der Autor, immer noch vom eigenen Werk nur träumend, über Entstehungsbedingungen der Kunst, ohne sich selbst aufraffen zu können, ohne ein eigenes Thema gefunden zu haben. An dieser Stelle nicht ahnend, dass sein Werk schon im Entstehen begriffen ist, denn die Schriftstellerei beginnt nicht erst in dem Moment, da man den Stift in die Hand nimmt und sich dem Terror der leeren Seite und der Suche nach dem ersten Satz stellt, sondern im Sammeln von Augenblicken, im Anhäufen von Rohstoff und von Erfahrungen

  589. 478.

    Die Grausamkeit der Jugend gegenüber den Altvorderen wird von Proust öfter thematisiert. Explizit bei der Mlle. Vinteuil, die ihren Vater noch posthum demütigt, weniger prononziert doch immer noch deutlich wahrnehmbar bei Gilberte im Verhältnis zu ihren Eltern, bei Bloch, und nun eben bei den jungen Mädchen. Weitere heftige Beispiele werden im Zuge der Erzählung folgen. In dieser Phase geht es wohl eher um Generationenkonflikte, Frechheit und Rücksichtslosigkeit als Mittel beginnender Emanzipation und das Erscheinen unterschiedlicher Charaktereigenschaften in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen.

    Vor Corona konnte ich solche Gruppen Mädchen und Jungen immer wieder beobachten, selbst in Buxtehude und nach Corona wird das wieder so sein. Oh, diese Grausamkeit der Jugend, die ich einst auch in mir trug...grins

  590. 477.

    Offenbar hat der Erzähler eine starke Affinität zu Mädchen und jungen Frauen, die sich in Szene zu setzen wissen und eine gewisse Stärke und oder Frechheit ausstrahlen. Gilberte gehört ebenso dazu wie das junge Mädchen mit den Fischen einige Lesungen zuvor, und nun ist es die "Erbarmungslose", die ihn fasziniert. Sucht der gesundheitliche schwächeldne Erzähler unbewusst ein starkes Gegenüber?

  591. 476.

    Ja, da würde ich zustimmen,
    grausame Gruppe und ...BDM Scharfüherin.
    trifft die Situation m.E. nicht und ist historisch nicht angebracht. Bitte nochmal hören !!
    Endlich wird von sportlichen, jungen Frauen mit etwas rücksichtslosem ( männlichem ? ) Verhalten berichtet - wo bleibt der Applaus für die freche Mädchen Gruppe ?

  592. 473.

    Sie sind nicht alleine, geschätzter Herr Werckmeister -
    nicht allein in unseligen Pandemie-Zeiten und auch nicht allein auf der für uns alle wichtigen Kommentar-Seite! Aber manchmal genießt man einfach nur, seien es Proust&Matic, seien es Ihre Anmerkungen.
    Die gute Frau Anselm hat mich übrigens am 26. April 'in den April geschickt', denn ihre BDM-Parallele habe ich mit allerbestem Willen und Zuhören nicht nachvollziehen können.
    Was mich deutlich mehr irritiert hat, ist das völlige Fehlen sekundärer Geschlechtsmerkmale bei der Beschreibung einer solchen Gruppe junger Mädchenblüten. Wenn ich mich meiner Pubertätszeiten erinnere, spielten sie eine bedeutsame, geradezu herausragende Rolle für mich und für meine hormonbedingten Empfindungen.
    Allerdings war und bin ich auch weder Feingeist noch Dichter...

  593. 472.

    Seit fast einer Woche schrfeibe ich hier alleine vor mich hin!

  594. 471.

    38. Folge.
    Zunächst erscheint dem Erzähler die Gruppe der jungen Mädchen in ihrer ausgelassenen Bewegung über den Strand hinweg als ebenso fremdartig wie faszinierend, als Inbild eines provokanten gesellschaftlichen Nonkonformismus, der jeder Annäherung abzuweisen scheint. Doch je länger er sie beobachtet, desto deutlicher lernt er die einzelnen Mädchen voneinander zu unterscheiden, und unverzüglich stellt sich auch sein reflexives Begehren wieder ein. Obgleich auch hier wieder das Wort „besitzen“ fällt, bleibt es nicht mehr beim bloßen erotischen Drang, sondern der Erzähler stellt sich die Liebe zu einer von ihnen, ohne zu wissen, zu welcher, als tiefes wechselseitiges Erkennen vor.

  595. 470.

    37. Folge.
    Der erste Teil der Beschreibung des Verhältnisses zwischen Saint-Loup und seiner Geliebten folgt der alten Tradition der höfischen Liebe, nach der die geliebte Frau die Sensibilität und das Verhalten ihres Liebhabers verfeinert. Danach schiene es fast, als verdanke Saint-Loup die taktvolle Feinfühligkeit, die er zuvor erwiesen hat, dem Einfluss seiner Geliebten. Das Verhalten dieser hochbezahlten Kokotte ihm gegenüber wird jedoch im zweiten Teil als derart tyrannisch und berechnend charakterisiert, quält und verstört ihn dermaßen, dass man ihr keine solche Gefühlsverfeinerung zugutehalten kann.
    In der Gruppe sportlicher junger Frauen („Mädchen“), die lebhaft gestikulierend den Strand entlangeilt, begegnen dem Erzähler zum ersten Mal jeme schönen Unbekannten, die seit seiner Jugend in Combray unerreichbar seine Wege kreuzen, in einem so kompakten Kollektiv, dass er kein erotisches Verlangen nach einer von ihnen entwickeln kann.

  596. 469.

    Korrektur zu Nr. 468; 36., nicht 35. Folge!

  597. 468.

    35. Folge.
    Die Einladung zum Abendessen bei der Familie Bloch gibt dem Erzähler die Gelegenheit, die gesellschaftliche Geltungssucht, die internen Machtverzerrungen und die interessegeleitete Fehlbeurteilung der Umwelt durch einen jüdischen Familienclan zu karikieren, der in der französischen Gesellschaft eine Außenseiterstellung einnimmt. Dessen durchgehende visuelle Charakterisierung nach dem Vorbild altorientalischer Kunst kontrastiert im Rückblick mit der visuellen Idealisierung junger Mädchen auf dem Lande nach dem Vorbild gotischer Kathedralskulpturen. Die hohe literarische Bildung und Begabung des jungen Bloch unterliegt trotzdem keinem Zweifel.

  598. 467.

    35. Folge.
    In der getarnten erotischen Annäherung Charlus‘ an den Erzähler, die ihn bis zu einem überraschenden nächtlichen Besuch in dessen Hotelzimmer drängt, wechseln grober Hochmut und empfindsame Sanftmut abrupt miteinander ab. So bleibt sein erratisches Verhalten dem Erzähler auch jetzt noch rätselhaft. Indem Proust es als wechselnden Ausdruck männlicher und weiblicher Empfindungsweisen charakterisiert, kodiert er Charlus‘ prononciertes Ideal von starker Männlichkeit wesenhaft als weiblich. Hier deutet sich zum ersten Mal seine weibliche Kategorisierung der Liebe zu Männern an, die in der Behauptung gipfeln wird, Charlus sei ‚eigentlich eine Frau‘, und damit die männliche Homosexualität mit Persönlichkeitsspaltung in Verbindung bringt. Die Transgender-Kultur der Gegenwart hat eine derartige Sichtweise überwunden.

  599. 466.

    34. Folge.
    In seiner ausführlichen biografischen Charakterisierung des Barons de Charlus lässt Saint-Loup kein Wort über dessen Homosexualität verlauten, sondern hebt nichtsahnend hervor, er habe ein paar junge Männer aus dem Volke großherzig protegiert. In der folgenden minutiösen Beschreibung des Barons auf der Teestunde der Marquise de Villeparisis kann sich der Erzähler dessen bizarres Auftreten nicht erklären, doch sein unablässig umherschweifender stechender Blick kommt ihm vor wie der eines Verbrechers auf der Hut vor der Polizei. Nur wer den weiteren Verlauf des Romans kennt, erkennt in beiden Charakteristiken Indizien von Charlus‘ zugleich versteckter und zur Schau gestellter Homosexualität.

  600. 465.

    Zum anderen gewinnt in der Lesung ein Thema an Gewicht, das bisher eher beiläufig betrachtet würde, die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, dem Selbstverständnis des Judentums und die Entwicklung und Existenz von Parallelgesellschaften.

  601. 464.

    Die Folgen 32 und 33 habe ich als kleinen Essay über die Möglichkeiten und Grenzen den Freundschaft gelesen. Auf der Handlungsebene bewegt sich der Erzähler zwischen den Polen St.Loup, der dem Autor mit tiefer Sympathie und freundschaftlicher Fürsorge begegnet und Bloch, der Freundschaft lediglich als Mittel zum Zweck begreift. Auf der Reflexionsebene geht es um die Grenzen der Freundschaft, die in sowohl in den unterschiedlichen Persönlichkeiten als auch in den Interessen und Absichten der Beteiligten begründet sind. Proust zeichnet hier von der Freundschaft ein ähnlich skeptisches Bild wie von der Liebe. Über den Freundschaftsbegriff hinaus lässt sich hier schön darüber sinnieren, wie unterschiedlich die Anziehungs- und Abstoßungkräfte in menschlichen Beziehungen sein können. die Faszination die ein Mensch auf uns ausübt, liegt für den Erzähler nicht im anderen begründet, sondern in dem, was er in uns zum Klingen bringt, im Guten wie im Schlechten.....

  602. 463.

    33. Folge.
    Nachdem der Erzähler seine gefühlsmäßigen Vorbehalte gegen die lebenslange Freundschaft, die ihm Saint-Loup angetragen hat, aufgrund seines eigenen introspektiven Charakters ausgesprochen hat, ergeht er sich mehrere Seiten lang über jedes nur denkbare Fehlverhalten der Freunde in „unserem“ Leben. Diese Ausführungen machen begreiflich, warum bis zum Ende der Recherche von keinem engen Freunde mehr die Rede ist. Das Projekt einer virtuell universale Gesellschaftsschilderung lässt sich nur in der Einsamkeit verfolgen.

  603. 462.

    Dem schließe ich mich voll und ganz an, Herr Buchwald, es ist eine reine Freude und große Bereicherung, zusätzlich zum Originaltext so viele Auslegungen, Sichtweisen, Kontroverse, Meinungen und Eindrücken, ja Expertise par exellence, dargeboten zu bekommen. Danke dafür.

  604. 461.

    32. Folge .
    Der Erzähler bewundert Saint-Loups Eleganz, Lebenskunst und Takt, die sich im hohen Adel sich über Jahrhunderte hinweg vervollkommnet haben, obgleich Saint-Loup seiner Klasse abgeschworen hat und dem Sozialismus und der modernen Kunst huldigt. Die lebenslange Freundschaft, die er mit dem Erzähler schließen will, lässt ihn jedoch kalt, denn dieser ist überzeugt davon, das ein Lebensglück nur bei sich selbst zu finden ist. Worin es besteht, bleibt ihm jedoch verborgen, solange er es nicht in jener literarischen Arbeit zu Tage fördert, zu der er sich noch immer nicht aufraffen kann. Die subjektiven Glücksmomente, die wir aus der Erzählung seiner Jugend kennen, hat er erst viel später aus der Erinnerung zurückgewonnen.

  605. 459.

    Lieber Herr Stellmach, manchmal wundere ich mich schon über mich selbst. - Am Wochenende habe ich nach dem Baudelaire-Gedicht gesucht, das der Erzähler beim Blick aus dem Hotelfenster uber den Strand von Balbec zitiert und das er danach mehrmals 'wiederfinden ' möchte. (es ist nicht, wie ich vermutete, eines der Meeresgedichte, sondern Chant d' Automne, 2. Strophe, wo die 'soleil rayonnant' vorkommt) . Beim Wiederlesen von A une Passante hatte ich den gleichen
    Gedanken wie Sie: Teile der Recherche lesen sich wirklich wie eine ausladende, mit geringfügigen Variationen fortgesetzte
    Prosaversion des Gedichts.

  606. 456.

    Lieber Herr Werckmeister, es muss wohl Ihr Geheimnis bleiben, wie Sie zu Ihren Annahmen über mein Textverständnis gelangen. Den Gedanken an „käuflichen Sex“ in der Fischermädchen-Szene halte ich für vollkommen abwegig. Durch einfaches Nachlesen könnten Sie jederzeit feststellen, dass ich dergleichen nirgends auch nur angedeutet habe.

  607. 455.

    Liebe Frau Krings, ich glaube auch, dass diese beiden Szenen innerhalb des Romanzyklus einen ähnlichen Stellenwert haben. Trotz vieler Zeitsprünge ist der Erzähler auf der Ebene der erzählten Zeit bei dem Erlebnis mit den 3 Bäumen jedoch nicht in der Lage, den früher einmal empfangenen Sinneseindruck, der das Glücksgefühl in ihm auslöst, in der Zeit oder als Ort in sich selbst wiederzufinden, was die Voraussetzung dafür wäre, die Botschaft der Bäume zu verstehen.

  608. 454.

    Das habe ich auch so nicht behauptet, lieber Herr Werkmeister. Und in seinen Refelxionen antizipiert der Ich-Erzahler den zweiten Blick schon! Stichwort Hautunreinheiten....

  609. 453.

    Die geschätzte Frau Anselm hat uns am Montag einen wunderbaren Kommentar zur Männerblüte geschenkt, den ich leider erst heute gelesen habe.
    Frau Anselm ist, auf den ersten, zweiten, sogar dritten Blick, ein echtes Plus für unser Forum, wie das Forum auch auf den vierhundertsechzigsten oder fünfhundertsten Blick ein stetiger Erkenntnis-Gewinn für mich ist und wohl immer sein wird.
    Euch allen einmal mehr herzlichen Dank!!!

  610. 451.

    „Es ist schon ein starkes Stück, was uns da berichtet wird.“ „Die Mittel, mit denen er dies erreicht, geben ein Beispiel des vielgeschmähten ‚Snobismus‘ in seiner unangenehmsten Form.“ „Man kann dies als eine Entlarvungsszene lesen…“

  611. 450.

    31. Folge).
    Die Erzählungen und Beurteilungen, die die Marquise de Villeparisis zum Besten gibt, verraten eine herablassende Verhaltensweise des Adels zum Bürgertum, die deren nachrevolutionäres Zusammenleben sichern soll, aber die Klassentrennung nur spürbarer macht. Sie lässt den Erzähler an der Aufrichtigkeit ihrer Freundschaftsbekundungen gegenüber ihm und seiner Großmutter zweifeln. Ihr junger Großneffe Saint-Loup hat diese Fähigkeit noch nicht ausgebildet, so dass sein plötzliches Anerbieten einer engen Freundschaft den Erzähler überrascht. Hier beginnt dessen Überwindung der Klassentrennung zwischen Adel und Bürgertum, die seinem Vorbild Swann so glänzend gelang.

  612. 449.

    Lieber Herr Werckmeister, hier liegt ein arges Missverständnis vor. Es sollte (exemplarisch) gezeigt werden, dass hier mehrere Lesarten gleichberechtigt möglich sind, da Proust darauf verzichtet, eine bestimmte Deutung nahezulegen. Zwei dieser Lesarten habe ich umrissen. Zur Verdeutlichung habe ich mir gestattet, in der Zusammenfassung der Szene ironisch zugespitzte Formulierungen zu verwenden. Ich hoffe, dass niemand sonst „empörte Kritik“ (gegen wen oder was auch immer) in meinem Beitrag gefunden hat.

  613. 448.

    Die Liebe auf den ersten Blick hält dem zweiten Blick meist nicht stand.

  614. 447.

    Zur 30. Folge
    Proust beschreibt des öfteren flüchtige Begegnungen mit jungen Mädchen oder Frauen. Stets geht ein Begehren damit einher, das unerfüllbar bleibt. Es sind Situationen der Sekundenliebe oder des coup de foudre. Diese Schilderungen Prousts zeigen für mich beispielhaft seine intensive Auseinandersetzung mit Baudelaire. Dessen Gedicht "A une passante" scheint mir wie die lyrische Vorlage, die Proust in seinen "flüchtigen Begegnungen" prosaisch ausmodelliert.

  615. 446.

    Die von Ihnen beschriebene Szene mit den Bäumen, Frau Windeck, lässt mich an die Situation denken, als sich der Erzähler durch den Genuss von Madelains und Tee an die Zeit in Cobray erinnern kann. Auch da hat er es zumächst schwer, in die vergessenen Tiefen einzudringen, aber er versucht es immer wieder, bis es ihm schließlich gelingt und ein nahezu bewußtseinserweiterndes Glücksgefühl erzeugt. Diesmal, bei den drei Bäumen, klappt das sehr zu seiner Enttäuschung nicht.

  616. 445.

    30. Folge).
    Die Klagen des Erzählers über die Unmöglichkeit, die Wirklichkeit mit seiner Sensibilität zu erfassen, mystifizieren den einfachen Sachverhalt, dass sich die Wirklichkeit nicht erfassen lässt, wenn man in einer Kalesche an ihr vorüberfährt. Der instinktive Reflex auf den Anblick aller vorübergehenden jungen Frauen löst den unerfüllbaren Wunsch nach einer erotischen Beziehung zu jeder einzelnen von ihnen aus, doch selbst zu Fuß auf der Straße fällt dem Erzähler nichts anderes ein, als eine von ihnen für einen Botengang zu bezahlen und mit der Kalesche als Statussymbol zu beeindrucken. (Frau Windeck hat diese Szene als imaginären Versuch des bezahlten Sex interpretiert). Auf der Rückfahrt genügt der Anblick einer Baumgruppe, an die sich der Erzähler vergeblich zu erinnern glaubt, aus wechselnder Perspektive, um ihn lange Überlegungen darüber anstellen zu lassen, dass die Wirklichkeit sich ihm entzieht.

  617. 444.

    In der Kutsche, umgeben und umsorgt von Mme de Villeparisis und der Großmutter, ist dies nicht möglich. Die Botschaft der Bäume geht hinter ihm unter, bevor er sie entschlüsseln und dem endgültigen Vergessen entreißen kann, was er als persönliche Katastrophe empfindet. Unterschwellig nimmt der Erzähler im vergeblichen Appell der Bäume die Mahnung wahr, die „verlorene Zeit“ nicht durch vergeudete Zeit zu vermehren, indem er sich statt dem Schreiben oberflächlichen Vergnügungen widmet.

  618. 443.

    Beim Anblick der 3 Bäume in Hudimesnil bezweifelt der Erzähler die Realität der Situation, in der er sich befindet: Balbec, die Landschaft, die Spazierfahrt scheinen ihm bloße Fiktion, Mme de Villeparisis eine Romanfigur. Die einzige Wirklichkeit sind die 3 Bäume. Die Dimensionen scheinen durchlässig zu werden, sich zu verschieben und umzukehren. Innerhalb von Sekundenbruchteilen taucht der Erzähler ein in Erinnerungen an Orte, deren Besuch Jahre auseinanderliegt. Zeitweilig glaubt er, in der Zeit doppelt zu sehen, wie man manchmal im Raum doppelt sieht. Er kann die seltsam vertrauten Bäume weder zeitlich noch räumlich „bannen“; er findet in seiner Erinnerung keinen Punkt, von dem aus sich das Verborgene, Versunkene, das sie ihm wiederbringen wollen, ins Bewusstsein heben ließe. Um sie in seinem Inneren zu finden und anzuschauen, müsste er sich auf der Stelle völlig von der Außenwelt abschirmen können, um ihnen konzentriert mit „schwebender Aufmerksamkeit“ nachzuspüren. In der Kutsche

  619. 442.

    Liebe Frau Windeck, die Szene, die Siw bkpmmentieren, komt erst in der nächsten Lesung vor. Ich werde dann auf Ihre empörte Kritk (die grundsätzlich zutrifft) zurückkommen. Gute Nacht!

  620. 440.

    Folge 30 2
    der Hotelgäste, deren Gesinnung der Leser mit verhaltenem oder schallendem Lachen aus ihren Gesprächen und ihrem Verhalten erkennen kann. Gegen eine solche Lesart spricht allerdings, dass sich an diese Episode unmittelbar die Fahrt durch den Wald von Hudimesnil anschließt. Von neuen Erlebnissen in Anspruch genommen, reflektiert der Erzähler sein Verhalten nicht. Proust überlässt es – wie in anderen Fällen auch – dem Leser, die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. Natürlich lässt sich die Szene auch als Illustration (verzeihlicher) jugendlicher Aufschneiderei auffassen, mit der der Erzähler das tiefsitzende Gefühl seiner eigenen Unzulänglichkeit kompensieren will. Durch die Psychologenbrille betrachtet, unterscheiden sich die Beweggründe allerdings kaum von denen eines Erwachsenen.

  621. 439.

    Folge 30 1
    Es ist schon ein starkes Stück, was uns da berichtet wird. Nach seinen gewohnten Träumereien, eines der Mädchen kennenzulernen, die er unterwegs bei den Kutschfahrten sieht, macht er in einem Dorf unvermittelt Ernst bei einem Mädchen, das einen Eimer Fische vor sich zu stehen hat. Ihre Haltung und ihr verächtlicher Blick heben sie aus ihrer Umgebung heraus. Der Erzähler möchte sie beeindrucken, ihr den Gedanken an seine Person aufzwingen(mit deutlich erotischen Untertönen); sie soll sich an ihn erinnern ,ihn wenn möglich bewundern. Die Mittel, mit denen er dies erreicht, geben ein Beispiel des vielgeschmähten ‚Snobismus‘ in seiner unangenehmsten Form: er hält ihr das 5-Francs-Stück entgegen und beschreibt die zweispännige Kutsche der Marquise, die auf ihn wartet.
    Man kann dies als eine Entlarvungsszene lesen, parallel zur Entlarvung Legrandins in „Combray“ oder ...

  622. 438.

    29. Folge
    Das ‚prismatisch‘ wechselnde farbige Erleben des Meeres durch das Fenster des Hotelzimmers, die stundenlange nächtliche Betrachtung eines gekauften Apfelblütenzweiges zu Hause, die Erinnerung an die Kornfelder der Gegend von Combray beim Vorbeifahren an denen der Umgebung von Balbec—all das bestätigt den Vorrang subjektiver Aneignung vor unvermittelter Wahrnehmung. Nicht weniger subjektiv, aber eingeengt ist das Verständnis der Marquise von Villeparisis für Kunst und Literatur, das ihrer Erziehung auf einem Schloss mit seinen Kunstsammlungen und Besuchen bekannter Schriftsteller entstammt. In der Unerreichbarkeit der schönen jungen Frauen, an denen der Erzähler auf seinen Spazierfahrten im Wagen der Marquise vorüberfährt, führt schließlich die Unmöglichkeit bloß subjektiver Liebe zum Gedanken an den Tod.

  623. 437.

    Das kann dem besten Meteorologen passieren, Herr Werckmeister(siehe Wettervorhersage mit Sven Plöger in den Tagesthemen am Donnerstag)und macht nichts. Ob Proust oder der Erzähler Gesellschaftskritik üben wollte, weiß ich nicht. Er sieht die Möglichkeit und bezeichnet es als "große soziale Frage", dass es nicht nur beim (neu)gierigen Schauen bleiben, sondern eines Tages die schützende und (Klassen)trennende Barriere Glaswand durchbrochen werden, und die Meute sich die exotische Luxuswelt einverleiben könnte.

  624. 435.

    Lieber Herr Buchwald, die Stelle ist nicht ganz so sanft, wie sie Ihnen erscheint! Im Unterschied zum Erzähler und seiner Großmutter findet Françoise sofort Anschluss bei den Angestellten des Hotels und dem Personal der Gäste, die voller Hochachtung behandeln und mit denen sie respektvoll verkehrt, selbst wenn das ihren Pflichten zuwiderläuft.

  625. 434.

    Liebe Frau Windeck, es ist das einfache Vokl, das sich an der Glaswand des Speieaals die Nasen plattdrückt, um die privilegierten Hotelgäste wie Fisch im Aquarium anzustarren. Die Glaswand markiert die Klassentrennung. Eine Gesellschaftskritik hat Proust mit diesem Vergleich wohl nicht im Sinn.

  626. 433.

    28. Folge.
    Die alte Bekanntschaft zwischen der Großmutter des Erzählers und der Marquise von Villeparisis sowie deren Freundschaft mit der Prinzessin von Luxemburg gibt Gelegenheit zu einer grotesken Kurzcharakterisierung der französischen Klassenverhältnisse —Proust selbst verwendet dieses Wort—zwischen dem Adel, dem Bürgertum, vertreten durch die Hotelgäste aus der Provinz und dem arbeitendem Volk, vertreten durch den Kellner Aimé und die Dienerin Françoise. Dabei treffen die übertriebene Liebenswürdigkeit des Adels, die unbeirrbare Missgunst des Bürgertums und die klassenbewusste Selbstsicherheit des ‚Volkes‘ aufeinander.

  627. 432.

    Großes Vergnügen macht mir die erste wissenschaftlich-ichthyologische Abhandlung Prousts, als er den Speisesaal mit einem Aquarium und die Gäste mit seltenen Fischen vergleicht und soziologisch in die Nahrungskette einordnet ;-). Neben der anatomischen Unterscheidung zwischen Süß- und Salzwasserfischen anhand der Kinnbacken bzw. -lappen von Ungetümen und Serbinnen, lerne ich etwas über Genetik und Verhaltensbiologie. Nur wie man "Salat wie eine La Rochefaucault verspeist" bleibt unklar.

  628. 431.

    27/Ergänzung
    Köstlich ist Proust manchmal und hinreißend komisch. Da braucht es keinen Gernhardt, wenn er die gnadenlose Francoise-Diktatur über die beiden Urlauber beschreibt, die mit kalten Füßen eine Stunde auf ihre 'aristokratische' Dienerin warten müssen, weil die gerade einen Kaffee spendiert bekommt.
    Ganz herrlich beobachtet und mir sehr sanfter Ironie beschrieben...

  629. 430.

    27. Folge.
    Obgleich der Erzähler in der Hotelgesellschaft keinen Anschluss findet, ergeht er sich in ebenso detaillierten wie schematischen Beschreibungen ihres gesellschaftliches Verhalten, das von der Bemühung des gehobenen Bürgertum aus der Provinz geprägt wird, mit dem Adel der Umgegend in Beziehung zu treten. Er selbst verhält sich ähnlich, wenn ihn der bloße Anblick von Mlle. de Stermaria im Speisesaal in seine gewohnte Sehnsucht nach unbekannten jungen Frauen versetzt. Erst schreibt er ihre erotische Anziehungskraft ihrer adligen Herkunft zu, dann vergleicht er einen ersehnten gemeinsamen Spaziergang in ihrem Schlosspark mit dem Vorspiel beim Begattungsakt in der Natur. Diese Fantasie aus der Distanz bestätigt einmal mehr die Abgehobenheit des subjektiven Erlebens von der Teilnahme an der Wirklichkeit.

  630. 429.

    26. Folge .
    Das Mittagsmahl im Speisesaal des Grand Hotel ist die zweite ausführliche Beschreibung einer Gesellschaft im Roman nach der Soirée bei Mme. de Saint-Euverte im ersten Band. einer vorwiegend bürgerlichen im Unterschied der des Adels dort. Ihr literarischer Widerspruch besteht darin, dass der Erzähler die Personen charakterisiert, ohne sie zu kennen, ja in dem Bewusstsein, dass er keinen Zugang zu ihnen erhalten wird. Er tritt in dem satirisch übertriebenen Schematismus der Beschreibung zutage. Die Sympathie des Erzählers gehört der vornehmen älteren Dame in Schwarz, die ihr eigenes Personal und ihr eigenes Mobiliar ins Hotel mitgebracht hat, um dort ihre altvertraute Umgebung herzustellen. Sie hat die Phobie vor dem fremden Hotelzimmer, die den Erzähler bei seiner Ankunft in Balbec befallen hat, auf ihre Weise vermieden.

  631. 428.

    25. Folge.
    Die Hypernervosität des Erzählers angesichts der ungewohnten Umgebung und der Hotelangestellten, die nur durch die Fürsorge seiner Großmutter beruhigt werden kann, weicht einer ästhetischen Sensibilität beim Anblick des bewegten Meeres am Morgen. Oder vielmehr scheint es, als bedinge die Hypernervosität dies Sensibilität. Der Erzähler bleibt mit seinen Eindrücken allein. Er verklärt den Liftboy zum Leiter eines Aufstiegs in einen Kirchenturm, aber es gelingt ihm nicht, ein Wort mit ihm zu wechseln; er sieht den Zimmermädchen auf den Etagen verlangend nach, ohne dass sie seinen Blick erwidern.

  632. 427.

    Sie haben recht, auch im französischen Original ist offenkundig Beethovens Werk gemeint ... während ich bei Clair de lune sofort an Debussy dachte. Auch die Bezeichnung "sonate" hat mich nicht davon zurückgehalten an Debussys Werk zu denken, schließlich ist das von mir vermutete Clair de lune Teil einer Suite und die ist ja eine Schwester der Sonate. Sie jedoch haben richtig beobachtet - und Eva Rechel-Mertens hat korrekt übersetzt :-) - was ich wiederum ziemlich beruhigend finde.

  633. 425.

    ... in meinen Augen umso wirkungsvoller macht. Auch hier wird etwas, das leblos schien (die konventionelle Gleichsetzung
    Frau/Sonne) in unerwarteter Weise mit Leben erfüllt und "neu erschaffen".

  634. 424.

    Folge 24
    Die unerreichbare Frauengestalt oder ferne Geliebte mit den Gestirnen zu vergleichen, hat in der Dichtkunst eine jahrhundertealte Tradition. Dabei bildeten sich Normen, feste Metaphernverbindungen und Konventionen heraus, die uns solche Dichtungen heute fremd und gekünstelt erscheinen lassen. Wie es Proust gelingt, den Erzähler das Mädchen mit der Milchkanne, das sich kurz nach Sonnenaufgang dem Zugfenster nähert, buchstäblich und unspektakulär als Göttin der Morgenröte wahrnehmen zu lassen – das ist schon beeindruckend. Einen Augenblick meint der Erzähler, im Gesicht des Mädchens die Sonne selbst anzuschauen, die seine Lebenskräfte euphorisiert und steigert. Proust vermeidet hier mit peinlicher Sorgfalt jede abgegriffene Wendung, jede poetisierende Metapher, was diese Passage ...

  635. 423.

    24. Folge.
    Der zufällige Anblick eines jungen Mädchens, das auf einem Zwischenhalt den Fahrgästen Milchkaffee verkauft, löst eine weitläufige Fantasie des Erzählers über ein hypothetisches Zusammenleben mit ihr aus, die er sich auf seinen Spaziergängen in Combray gebildet hat (nur das Wort ,Liebe‘ fällt hier nicht). Der langersehnte Anblick der Kirche von Balbec fällt hinter das Bild zurück, das er sich anhand ihrer Fotografien und der Abgüsse ihrer Skulpturen gebildet und mit dem Namen des Ortes, wo sie steht, verbunden hat. In beiden Fällen wird die vorgebildete Vorstellung von der Erfahrung der Wirklichkeit enttäuscht.
    Beim Empfang im Grand Hotel von Balbec wird zum ersten Mal der Zusammenhang von Geld und Klassentrennung thematisiert, allerdings durch den Mund des Direktors, der meint, finanzielles Verhalten hänge nicht von Besitzverhältnissen ab, sondern vom Geiz als Charaktereigenschaft.

  636. 422.

    Etwas mehr Geduld haben, liebe und sehr geschätzte Frau Windeck, haben Sie mir im Februar beigebracht.
    Nun, im April, ist es das aufmerksame Lesen eines kurzen Textes und Verstehen desselben.
    Da Sie bei Ihren 'Lektionen' nicht den schulmeisterlichen Zeigefinger heben, bin ich Ihnen erneut überaus dankbar!

  637. 421.

    Sie meinen, ich soll mich nicht aufregen und den Text genießen. Sie haben Recht, Herr Buchwald, das tue ich. Und die Fliege, trotz - oder vielleicht sogar wegen - ihrer Facettenaugen, knallt immer wieder gegen dieselbe Glasscheibe....und findet keinen Ausweg ;-)))

  638. 420.

    Folge 23 2
    ... zwischen den gegenüberliegenden Fenstern anschauen und dann in seiner Vorstellung zu einem Tableau zusammensetzen muss, das die Totalansicht erst erschafft. Ein hübsches Sinnbild nicht nur für die Tätigkeit des Künstlers, sondern eigentlich für jede Art schöpferischen Denkens.

  639. 419.

    Folge 23 1
    Der Erzähler, der im Zug nach Balbec den Sonnenaufgang erlebt (sehen wir ihm den unsäglichen Vergleich mit hartgekochten Eiern nach),sieht mit anderen Augen als Marcel in „Combray“. Was er jetzt wahrnimmt und beschreibt, sind oft überwältigende Schauspiele aus Farbe und Licht, wie sie in der modernen Malerei seiner Zeit behandelt wurden. Zunächst erscheint das matte Graurosa der Wolken leblos, wie von einem Aquarellmaler ein für allemal festgelegt. Doch dahinter sammeln sich ungeheure Mengen von Licht und lassen erkennen, dass diese sich am Himmel entzündende Farbe nicht nur lebendig, sondern in einem unmittelbaren Sinn mit der Tiefe des Lebens selbst verbunden ist. Die Streckenführung und der Fensterausschnitt zeigen ihm nur Fragmente davon, die er durch Hin- und Herlaufen ...

  640. 418.

    Wenn Sie genau hinschauen, geschätzter Herr Buchwald, erkennen Sie vielleicht, dass sich mein Vergleich ausschließlich auf die Erzählperspektive richtet und keine weiterführenden Parallelen zieht.

  641. 415.

    Danke für die Angabe der Stelle, Frau Menz - aber ich verstehe noch nicht... die "sonate Claire de lune" ist doch die Mondscheinsonate? Bei der "brave femme" stimme ich Ihnen zu, man bekommt einen verwischten Eindruck. Habe das auch schon an anderen Stellen bemerkt, ganz auffallend z.B. auch am Schluss des ersten Bandes - genre übersetzt mit Genre, "nicht sein Typ" wäre heute viel passender(zuletzt mir so noch in einem Rohmer-Film begegnet).

  642. 414.

    Bitte lassen Sie die Kirchen in den wunderbaren Mesegliser Gefilden, geschätzte Frau Windeck.
    Die "Recherche" neben den "Ulysses" zu stellen, hieße Nadia Comaneci 1975 im Ring gegen Muhammad Ali antreten zu lassen...

  643. 413.

    Der Marcel Proust, liebe Frau Krings, beobachtet die Welt offensichtlich aus den Augen eines Insekts, also durch vielerlei unterschiedlichste Facetten.
    Da wird die lesbische Liebe schnell mal zum allerschlimmsten Laster (im Februar sprachen wir darüber), während 10.000 Francs (= die chinesische Vase von Tante Léonie!) im Bordell zu verjubeln anscheinend gar nichts bedeutet.
    Ich lasse mich bei der Lesung nicht mehr von solcherlei - echten oder provozierenden - Dummheiten irritieren, wie auch von Perspektivwechseln oder Zeitsprüngen mitten in einem Satz. So ist er halt, der Proust, denke ich mir.
    Solange er Weißdornblüten verteilt, Kirchenglocken klingen lässt und den zartrosa Schein einer frühen Morgensonne mit dem noch ganz im Dunkel liegenden Dörfchen durch das andere Abteilfenster kontrastiert, soll's mir recht sein.
    Wie wir alle ist Proust auch nur ein Irrender und Suchender...

  644. 412.

    Die Sicht auf die "Armen im Geiste", die "niederen Brüder" und der Vergleich mit dem Hund, also ein auf den Instinkt reduziertes Tier, das brav guckt, ist erschreckend, und ich frage mich, ob der Autor das wirklich so meint. Nicht nur erbt Françoise die häßlichen abgetragenen Kleider der Großtante, sie weiß und versteht nichts und ist in der Kindheit verblieben. Das ist schon sehr despektierlich.

  645. 411.

    23. Folge, Teil 2.
    Die Durchführung der Reise nach Balbec, dessen Kirche der Erzähler jahrelang hat besuchen wollen, droht dem Neurastheniker zur Qual zu werden, als er sie endlich antritt. Weder die fürsorglichen Vorkehrungen seiner Mutter noch die literarische Vertiefung der Reise durch Lektüre der Briefe von Mme. de Sévigné, die ihm die Großmutter nahebringen will, können ihn beruhigen. Erst als er allein ist, gelingt es ihm, die Eisenbahnfahrt ästhetisch, das heißt subjektiv zu erleben und dadurch seine Phobie zu überwinden.

  646. 410.

    23. Folge, Teil 1.
    Françoises Auftritt beim Abschied auf dem Bahnhof vor der Abreise des Erzählers nach Balbec illustriert den Klassenunterschied, den ich im Kommentar zur 22. Folge ansprach. Ihre aus einem abgetragenen, gewendeten Kleidungsstück zusammengeschneiderte Garderobe ist nicht weniger geschmackvoll als die reiche Kleiderauswahl, in der Mme. Swann bei ihren Spaziergängen auftritt. Sie bezeugt die bildungslose Empfindungssicherheit des einfachen Volks, die der Erzähler mit der Treue eines Hundes vergleicht.

  647. 409.

    22. Folge.
    Der Erzähler verklärt Mme. Swanns abendliche Promenade im Bois mit ihrem Mann und ihren Bewunderern im Gefolge, und insbesondere die täglich wechselnden Kleider, die sie dabei trägt, zu einem perfekt geplanten Theaterauftritt, ja einem Kunstwerk wie eine Sinfonien oder eine gotische Kathedrale. Dieser performative Triumph lässt Odettes fragwürdige Herkunft vergessen und besiegelt ihren Aufstieg in die reiche Bourgeoise, die nur noch den großen Adel über sich hat. Die zwischenmenschlichen Beziehungen, von deren Entwicklungen und Wechselfällen im Romanwerk bis zum Ende hin die Rede ist, spielen sich ausschließlich zwischen diesen beiden Klassen ab; Personen aus der arbeitenden Bevölkerung, wie Françoise oder später Morel, ragen wie Fremdkörper von unten in sie hinein.

  648. 408.

    Das ist die "geniale Ausführlichkeit" mit der der Held "das Phänomen der Liebe beschreibt und analysiert." So steht es in meinem Klappentext. Mir scheint es ein elaboriertes sich im Kreise drehen, das jeder kennt, aber niemand so schön auszudrücken vermag wie Proust. Es ist anstrengend, verwirrend und manchmal auch erhellend. :-).

  649. 407.

    Bd. 1, Édition d'Antoine Compagnon, Gallimard 1987, S. 397: "...et qu'il joue la sonate Clair de lune dans l'obscurité pour mieux voir s'éclairer les choses." Suhrkamp 2020, S. 412: "... er soll die Mondscheinsonate im Dunkeln spielen, damit man die Dinge besser ans Licht treten sieht." Es irritiert mich immer, wenn Begriffe, die eine ganz klare Entsprechung im Deutschen haben, anders übersetzt werden. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele: So wird aus Françoise, die Marcels Mutter an einer Stelle als „brave femme“ bezeichnet, in der von Matic gelesenen Übersetzung eine „redliche Dienerin“. Tja. Herausforderungen und Zwänge der Übersetzung sind sicher ein ganz eigenes, spannendes Kapitel. (@rbb Kultur: Wäre das nicht mal ein Thema für eine eigene Sendung ? )

  650. 404.