Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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- Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Sie wollten schon immer "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen? Besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Deswegen haben wir uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen bzw. zu hören.

Wir begleiten die Lesung mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert, denn dieses Werk ist wie eine Gipfeltour: herausfordernd aber jede Mühe wert!

Darüber wollen wir auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Kommentieren und tauschen Sie sich aus. Schreiben Sie uns eine Mail an proustlesen@rbbkultur.de.

Oder treten Sie unserer Facebook Gruppe "Proust lesen mit rbbKultur" bei: www.facebook.com/groups/4824467260960056

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Antwort auf [Elsa Windeck] vom 30.07.2021 um 14:32
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941 Kommentare

  1. 941.

    ... Opernführers; ich hab die Oper noch nie selbst gesehen).

    Übrigens, in puncto Eifersucht ist mir die Häufung der Vorankündigungen im Text aufgefallen (kluge Entscheidung?) und dann diese Bemerkung des Erzählers zu Albertines ‚Geheimnis’: Sie „hing doch an mir, auf eine Weise sogar, dass jene andere Person gewiss eifersüchtiger war als ich“.
    Und der Laster-Vergleich Albertine-Odette (Kokotte) scheint mir ziemlich hergeholt/konstruiert zu sein. Für mich zwei Signale der Eigenliebe des Erzählers mit ihren Windungen zwecks Selbstrechtfertigung.

  2. 940.

    Danke, Frau Windeck, für Ihren Kommentar. Meine ‚Deckmantel-These’ möchte ich gern so stehen lassen, ich weiß selbst, dass ich (in Unkenntnis der weiteren Romanteile) mit dieser Äußerung ‚unabgesichert’ formuliert habe – aber es musste einfach sein!
    Beim ‚Betriebsgeheimnis’ bin ich lernwillig, Sie schreiben, was es nicht sei - aber worauf bezieht es sich denn? Bin ratlos - ich weiß, dass R. Safranski den Begriff auch angewendet hat auf seine Bücher über Heidegger, Nietzsche und Schiller. Es war bei ihm (auch bei mir, siehe Nr. 930/931) nie bezogen auf die Person des Autors, sondern auf das Werk und meinte so etwas wie die ‚innere Uhr’ des Werks oder: wie ‚das System tickt’.

    Zu Debussys P&M: hatte die ‚Männerperspektive’ vor Augen; Eifersucht – natürlich, ja! allerdings maskuline Gewalt/Zartheit als konstitut. Doppel-Momente, übrigens verteilt auf beide Personen (Golaud/Pelléas) – und gegenüber einer Frau‚ deren ‚Geheimnis’ ausstrahlt (abgeleitet aus den Infos meines ...

  3. 939.

    mit der Literatur der deutschen Romantik. Der Begriff bezieht sich nicht auf die Psychologie eines Autors, noch weniger auf seine Biographie. – Prousts homoerotische Neigungen sind bekannt und waren es schon damals, als solches ‚Wissen‘ uneingestanden bleiben musste und ein Höchstmaß an Umsicht und Diskretion erforderte. Die daraus resultierenden (mutmaßlichen)Mystifikationen, denen Sie mit viel Einfühlungsvermögen im Text nachspüren, sind allenfalls ein ‚halboffenes‘ Geheimnis. Ich halte Ihre Beobachtungen für wichtig; ob sie für das Verständnis der Recherche grundlegend sind, lässt sich noch nicht beurteilen. 936: Sie vermuten richtig: ‚Gilberte‘ und ‚Albertine‘ sind aus männlichen Vornamen abgeleitet; die weiblichen Formen existieren, sind aber selten.

  4. 938.

    Ihren Ausführungen zu ‚Sappho‘ und den anschließenden Sequenzen folge ich gern, auch der Art, wie Sie Meeres- und Wellenmetaphern zu einem Bildgewebe verknüpfen und Seelenlandschaften darin erkennen. -Pelléas und Mélisande würde ich unter anderen Stichworten behandeln als „Traum und Trauma“(bisschen platt?)oder „Frauenrätsel“. Wie in der Genoveva-Legende spielt in dem Drama (und Debussys Oper) mörderische Eifersucht eine Rolle.- Ihre „Deckmantel“-These kann ich zwar nachvollziehen, sie geht mir aber in Ihrer Deutung derzeit zu weit über den Text hinaus. – Zu Ihrer früher gestellten Frage: nein,wir rühren bisher an keinerlei ‚Betriebsgeheimnis‘. Offenbar ist es mir damals nicht gelungen, den Riesenirrtum auszuräumen, der bei Ihnen entstanden ist. R. Safranski verwendet den business term im Zusammenhang …

  5. 937.

    ... auf sich selbst. Er kann und will sie nicht missen, gerade w e i l sie eine ‚Sappho’ ist. Und weil er selbst empfänglich ist und Teil hat an diesem ‚Meer’. All das ist bereits ausgesprochen in den zahlreichen Meeres- und Wellenbildern. Das Verdammen des Lasters (‚Gomorra’) hat wahrscheinlich zwei Funktionen: das Wahren gesellschaftlicher Konventionen und Prätentionen einerseits und damit zweitens die Möglichkeit/das (uneingestandene) Begehren, unter diesem Deckmantel als Mann eine Frau zu ‚besitzen’, die sich lieben lässt und liebt, als liebte sie eine Frau.

  6. 936.

    ... sie rings umfluten wie die Woge, die sich an den Felsen bricht“. Das wird ausgesprochen in einer Szene, in der von Argwohn, Schmerz und Leiden wiederholt die Rede ist. Zugleich aber inszeniert das erzählende Ich eine Art Verhör- und Vexierspiel mit dem Hebel einer angeblichen Liebe zu Andrée, Lüge für Lüge, um „von neuem das Heft in die Hand zu bekommen und Ansehen und Übergewicht wieder zurückzugewinnen“. Eine Machtäußerung - die sodann explizit bezogen wird auf „Wesen, die sich analysieren, ohne von sich selbst sehr überzeugt zu sein,“ – doch die gerade dem Ziel dienen soll, die Rolle des Taktgebers für „meine zärtlicher Liebe zu ihr“ zu behaupten. -
    Albertine (weibliche Ableitung eines Männernamens?) sagt im Trotz, sie wolle sich ins Meer stürzen. Cottards Verdikt steckt dem Erzähler in den Knochen, und er assoziiert spontan die Sappho. Ich lese das so: Der Erzähler glaubt Cottards Schlussfolgerung (Lesbos-Liebe/Sappho), er spürt in sich die Anziehungskraft Albertines ...

  7. 935.

    ... „Zauber“, in einer Stimmung „voll verfrühter Wärme“ des Morgens, da die Stimmen und Geräusche „in verschlungenen Flammenlinien den glühenden Strand ausmalten“ – „während das sanft heranflutende Meer, bei jeder Welle, die sich am Ufer hingleitend brach ...“ usw. Ich denke, man kann es gar nicht überlesen, dass hier ‚Seelenbilder’ geliefert werden sollen. -
    Der Erzähler kämpft mit den Taktschlägen des Schmerzes (Großmutter) und seines Verlangens „nach Glück“. Er versucht sich vom Verlangen abzulenken ausgerechnet dadurch, dass er vom Fenster aus „das Meer jenes Tages“ betrachtet; er entdeckt das Unstete: „wechselten die Meere von einem Tag zum andern“; sogar das Bettzeug nimmt für ihn Wellenformen an. In der Konfrontation mit A. schließlich werden Flut und Ebbe zu Bildern für einen „Zweitaktrhythmus“ oder „Doppelrhythmus“ von ‚Liebhabern’, die sich unsicher sind und spüren, dass ihre „Gefühle“ die „geliebte Frau“ allenfalls „zuweilen mit kleinem Wellenschlag berühren, oder ...

  8. 934.

    Degas mit seinen Herzflimmerbildern aus dem Milieu der jungen Tänzerinnen verehre Poussin, der wie Racine fürs Theater klassisch-antike Kompositionen ‚rational’ neu erschuf. Der Erzähler selbst hatte die „Schar von Zimmermädchen und privaten Jungfern“ in den Hotelkorridoren Balbecs mit einem „Panathenäenzug“ verglichen - Proust lässt des Erzählers Assoziationen periodisch auf antike Skulpturen zulaufen, einen ‚festen Hafen’ finden. -
    Ja, Meeres- und Wellenmetaphorik unterlegt die gesamte Szenenfolge mit Bildern von Ebbe und Flut, Rhythmen des sanften Zulaufens oder wilden Anbrandens oder des weiten, farbigen Himmels darüber oder eines offenen Horizonts, auf dem Schiffe fahren – was in optischer Täuschung so erscheinen könne, als vertauschten sich Wasser und Land. So wie in „magdlicher Frauenschönheit“ die Zimmermädchen „sich schön vor dem Meer ausnahmen“, imaginiert der Erzähler Albertine und ihre Freundinnen: „junge Mädchen, die sich von dem bewegten Meer abhoben“, empfunden als ...

  9. 933.

    Die Albertine-Szenen (Lesung dieser Woche): Irgendwann fällt das Schlüsselwort, angeblich absichtslos hingeworfen: „Sappho“.
    Immer wieder hat sich der Erzähler vorgestellt als Liebhaber der Frauen, in Balbec ist er sich diesmal sicher, reichlich „Damenbekanntschaften“ zu machen, er zählt die Häupter seiner Lieben aus der „Schar“ der Mädchen schon ab usw. Zuweilen ist ihm unbehaglich, und er imaginiert die „unbekannten Frauen“ in den Hotels oder Kasinos als „Polypenknäuel“. Wenn er sich so beschreibt, ist er ganz „Gesellschaftsmensch“, wie charakterisiert in „Guermantes“. Selbstinszenierung dominiert auch sein Verhalten gegenüber den Damen Cambremer, vor ihnen und dem Anwalt kann er, in solchen Intermezzi voller Persiflage, seine Überlegenheit in Sachen Musik und Malerei ausspielen. Subtil und anspielungsreich aber auch hier die verhandelten Themen: Das Gespräch über Pelleas und Melisande spielt an auf Traum und Trauma, maskuline Gewalt oder Zartheit und v.a. auf ‚Frauenrätsel’. ...

  10. 932.

    Ein Forum wie dieses lebt von Kontroversen; ohne sie kämen wir in unseren Überlegungen kaum einen Schritt weiter. Dabei geht es mir nie ums ‚Rechtbehalten‘, und ich glaube, auch Ihnen nicht. Meine Einwände und Anmerkungen finde ich in Ihre Präzisierungen einbezogen und produktiv weitergeführt, ergänzt um die wesentliche Beobachtung, dass „Spontanreflexe“ und „reflektierte“ Reaktionen sich auch in Prousts „mäandernden Sprachgetümen“ widerspiegeln. Die ursprüngliche Kontroverse ist – so scheint es- in einer umfassenden und übergreifenden Synthese aufgehoben. Beide Lesarten (‚bewahrt sein‘ und ‚gegenstandslos werden‘) sind hier gleichermaßen möglich und gültig. Ich bin nicht kombattant genug gesinnt, um mich darüber nicht zu freuen – bis zur nächsten Kontroverse, versteht sich :-)

  11. 931.

    ... dass im übergreifenden Kontext des Erzählten, in der Abfolge des permanenten ‚Verlangens nach Frauen’, in den (Guermantes-)Soirees der Gastgeberinnen (!), mit der Klassifizierung der Salons und der Frauen usw. die Filigranbeschreibung (s.o.) auch dazu dient, eine Kulisse von Maskulinität und Sensibilität zu entwerfen, die (zunächst?) weniger offenbart als verbirgt. Selbstbeobachtung, Selbstrechtfertigung, Selbstverbergung, Leiden?

  12. 930.

    Diskutieren wir bereits Aspekte des Proust’schen ‚Betriebsgeheimnisses’?
    Auf der ‚Mikroebene’ die überraschenden Taktschläge, die unbewusst-spontanen Intermittenzen, Aus- und Einsetzer des ‚Herzens’, deren Wirken im Gleichzeitigkeits-Rhythmus von Auslösen und Widerfahren gespürt wird und als solche - wie Prousts Erzähler betont – erst „verstanden“ werden, wenn Denken hinzutritt, die unbewusst-oszillierende Binnenbewegung als Schmerz oder Lust auch 'bewusst' wird. Auf den jeweiligen Moment scheinbar fixiert, bilden sie gleichsam die Moleküle der Wahr-Nehmung. In Wirklichkeit schreitet die Zeit fort und diese ‚Moleküle’ tragen und treiben das wollende, verlangende, begehrende Ich. - Dies mein Angebot zur ‚Deutung’ heute. Und für morgen: Wird auch so erzählt über die ‚Liebe’ zu Albertine? –
    Mehr zum ‚Betriebsgeheimnis’: Ich habe den wachsenden Verdacht, ...

  13. 929.

    zu 928:
    das "nicht" vor "(zeitgleich)" ist selbstverständlich zu streichen - keine doppelte Verneinung!

  14. 928.

    ... nicht (zeitlich) zu trennen ist, sowie die anschließende und in der Erinnerung miterlebte (nachträgliche) Reflexion. Missverständlich habe ich mich offenbar ausgedrückt hinsichtlich des „intermittierenden Dagegenhaltens“; damit meinte ich nicht einen bewussten , sondern einen Spontanprozess, der allerdings nicht zuletzt aus dem (elementaren) Bedürfnis, Recht zu behalten (‚Rechtfertigung’), im nachhinein rationalisiert werden dürfte. Es gehört zur literarischen ‚Verarbeitung der Erinnerung’, dass in der Erzählung die ‚Schicht’ des Unbewusst-Spontanen des jeweiligen Erlebens durch den Erzähler überwölbt wird durch alles, was nachträglich dazukommt. Er erzählt zurückblickend – und konstruiert seine Geschichte dementsprechend. Nochmal: von den Intermittenzen zur Recherche.

  15. 927.

    ...überzeugend „Auslösen und Widerfahren“. Also kein zeitliches Nacheinander des komplexen Phänomens/Symptoms. Im Roman nun geht Proust, weil er das Gleichzeitige nur nacheinander erzählen/beschreiben kann und will, noch einen Schritt weiter. Nicht nur, dass er die Momente des Auslösens und des Widerfahrens (nacheinander und wechselseitig) in Beziehung setzt, er fügt noch ein drittes Moment hinzu (das man z.T. meinetwegen noch dem Widerfahren zuschlagen könnte*): Ich meine das Moment der ‚Verarbeitung’ der Erregung, des Schocks - ebenfalls resultierend aus der Selbstbeobachtung. Er unterscheidet dabei emotionale *Spontanreflexe auf die Situation (zeitgleich!) und reflektierte, intentionale Reaktionen, die sich entwickeln können. Die mäandernd ausgreifenden Satzgetüme sind ein sprechendes Beispiel dafür. Wenn ich im Bild des Taktgebens bleiben darf: Die Satzfolgen Prousts versuchen einzufangen, was gleichzeitig passiert: das wechselseitige mehrfache Taktgeben, das eben nicht ...

  16. 926.

    Liebe Frau Windeck, ich gebe mich noch nicht ‚geschlagen’. Die Wortwahl, mit der Sie meine Idee argumentativ für schwer haltbar erklären, leitet sogar Wasser auf meine Mühlen, denke ich. Im Französischen ist der Doppelmodus oder Schwebezustand von Aktiv/Passiv (der auch in der lat. Wurzel als doppelt existierte) im Begriff „intermittence“ zu einer ‚oszillierenden Gleichzeitigkeit’ geronnen; auch wohl im Partizip. Genau dies ist das Frappierende an der Wortwahl Prousts - nicht nur wegen der Fremdwort-Herleitung aus Medizin/Therapie (Fachterminus). Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist die - von der lat. Herleitung begründbare – R e s u l t a n t e einer ‚Binnenbewegung’, die wir uns unter der „intermittence“ (die ja die lat. Wortwurzel mitschleppt als frz. Vokabel) vorstellen sollten.
    Nach meiner Auffassung macht Proust nun folgendes: Aus Selbstbeobachtung leitet er ab, dass die Erschütterung, die ‚Aussetzer des Herzens’, eine zusammengesetzte Sache sind. Sie nennen es ...

  17. 925.

    …bringen, wie wir gesehen haben. An anderen Stellen der Recherche dagegen gibt es die von Ihnen gewünschte Trennung sehr wohl, oft in Form des analysierenden, „taktgebenden“ Bewusstseins und der passiv erlebten bzw erlittenen Empfindung. Mitunter führt Proust dem Leser im Text (nicht anhand des Textes) geradezu vor, wie er dabei verfährt. Allerdings kommen die Worte „intermittences“ und „intermittent“ in diesen Passagen (auffallenderweise?) nicht vor.

  18. 924.

    …und in der grammatischen Form. Sofern das Konzept des Oszillierens zwischen Polen, zwischen Aus- und Wiedereinsetzen in Betracht kommt, ist die dazwischenliegende Zeitspanne zu kurz, um mit unseren Sinnen wahrgenommen zu werden. Dieser ‚Schwebezustand‘ ist nicht erfahrbar, wenn man ihn in einzelne Komponenten zerlegt. Eine Aufspaltung (z.B. in einen „intermittierenden Taktgeber“ und einen „intermittierend getroffenen“) ist demnach etwas, das Proust in diesem Zusammenhang vermeiden wollte.- Proust hatte kein elektrophysikalisches Modell im Kopf; er dachte bei „intermittences“ an Erscheinungen, die als Symptome bestimmter Krankheiten auftreten, an körperlich-seelische Anomalien und Ausnahmezustände, deren besonderes Merkmal eben ist, dass (bewusstes oder unbewusstes) ‚Auslösen‘ und ‚Widerfahren‘ ununterscheidbar sind. Solche Ausnahmezustände können „umstürzende“ Erfahrungen mit sich…

  19. 923.

    Bei Ihren altphilologischen Studien übersehen Sie, dass Proust ausschließlich das Substantiv pl und das Partizip verwendet. Über andere Formen verfügt das Französische nicht. Nicht alle aus dem lateinischen Wortstamm herzuleitenden Konnotationen haben eine französische Entsprechung. Das Partizip enthält gleichzeitig einen „Aktiv“- und einen „Passiv“-Aspekt, wenn man so will; sie existieren simultan und sind nicht voneinander zu trennen. Die Option eines „entweder/oder“ bzw eines zeitlichen Nacheinanders besteht nicht. Semantisch drücken beide (Substantiv und Partizip) einen Schwebezustand aus. Unter sprachlogischen Gesichtspunkten ist Ihre Auslegung schwer haltbar, fürchte ich. Folgendes wiegt aber in meinen Augen weitaus schwerer: wir dürfen davon ausgehen, dass Proust diesen nicht eben naheliegenden Begriff bewusst gewählt hat, wohl auch in Hinblick auf die Ununterscheidbarkeit von „Aktiv“ und „Passiv“ auf der semantischen Ebene…

  20. 922.

    Genau können wir Prousts Beweggründe zwar nicht zurückverfolgen, aber ich glaube, Ihre Überlegungen treffen es ziemlich genau: das Interesse, den eigenen Regungen und Empfindungen auf den Grund zu gehen, führte ihn wohl dazu, sie systematisch zu untersuchen; daraus entstand seine Theorie der unwillkürlichen Erinnerung, die ein schrittweises Ordnen und Re-Konstruieren, ein „Wiederfinden“ ermöglichte. Diese Prinzipien haben sicher auch bei der Komposition der Recherche eine Rolle gespielt.