Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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- Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Sie wollten schon immer "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" lesen? Besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Deswegen haben wir uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen bzw. zu hören.

Wir begleiten die Lesung mit einer wöchentlichen Kolumne der Autorin und Journalistin Doris Anselm, die einerseits die großen Momente dieses Romanzyklus feiert und andererseits zum Durchhalten und Dranbleiben anfeuert, denn dieses Werk ist wie eine Gipfeltour: herausfordernd aber jede Mühe wert!

Darüber wollen wir auch mit Ihnen ins Gespräch kommen. Kommentieren und tauschen Sie sich aus. Schreiben Sie uns eine Mail an proustlesen@rbbkultur.de.

Oder treten Sie unserer Facebook Gruppe "Proust lesen mit rbbKultur" bei: www.facebook.com/groups/4824467260960056

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677 Kommentare

  1. 676.

    19. Folge.
    In der Auseinandersetzung mit seiner Mätresse macht Saint-Loup die Erfahrung, dass die Macht, die er dank seines Geldes über sie zu haben glaubt, bei dieser selbstbewussten Frau aus dem Milieu der Bohème nichts ausrichtet. Diese Erschütterung seines Selbstbewusstseins veranlasst ihn zu zwei Gewalttaten gegen Unbekannte, von denen er sich gekränkt glaubt, und die gesellschaftlich so tief unter ihm stehen, dass sie sich nicht zu wehren wagen. Zusammen mit dem Erzähler macht er sich auf den Weg zu einem Besuch bei der Marquise de Villeparisis, deren Salon zwar den Ruf eines bureau d’esprit genießt, doch aus diesem Grunde von Leuten besucht wird, mit denen die Aristokratie nicht verkehren will. Der Erzähler bringt dies in Zusammenhang mit komplizierten Vermutungen über andere, lebensgeschichtliche Gründe ihres gesellschaftlichen Prestigeverlusts.

  2. 675.

    Ja, richtig: Waren- u. Tauschcharakter der Beziehung; aber involviert ist das erzählende Ich schon, denke ich: Mit „Rahel“ verbindet der E. spontan die selbst erlebte Bordellszene und hat sie seitdem intus; und er ist im Anlauf auf sein aktuelles Objekt des Begehrens (Mme de Guermantes) begriffen. Gerade deshalb - nach dem ‚verzierten’ Einstieg mit Kirsch- u. Apfelbaumblüte - das zielstrebig-obsessive Erzählen dieser 20-Francs-Liaison; auch zur eigenen Entlastung. ‚Entlarvt’ wird Saint-Loup in einem sprachlichen Duktus, als wäre der Entlarvende ‚unbefleckt’ und ohne Ambitionen à la Tauschwert !

  3. 673.

    Vielleicht möchte das erzählende Ich ja ledigllich und unter Verzicht aller sprachlichen Verzierungen den Waren- und Tauschcharakter der "Liebes"beziehung zwischen St.Loup und Rahel aufzeigen... Das kann es nur, weil es hier eben nicht persönlich nicht involviert ist.
    Psychologisch sind das Machtspielchen (>>Transaktionsanalyse) unter Erwachsenen. Und St.Loup wird entlarvt als normaler Mensch/Mann, in dessen Person sich , wie in uns allen, unterschiedliche und teils konträre Persönlichkeiten vereinen: Feingeist, Fürsorger etc. pp und eben auch ein Schlägertrupp....

  4. 672.

    ... Das führt mich zu einer anregenden Bemerkung von Herrn Werckmeister (Nr. 668). Ich finde nicht, dass sich die „Klassentrennung (...) durch sexuelle Übergriffe abmildert“. Für mich ist solche Übergriffigkeit vielmehr Ausdruck der Lizenz, die man sich in diesen Kreisen nimmt, ein Mittel zur Handhabung, zum egoistischen Manöver im sozialen Grenzgebiet Adel/Bourgeoisie (übrigens Reflex tatsächlicher sozialer Durchmischung Ende 19.Jh.) zu dem Zweck, das je alte oder neue (konkurrierende) Selbstbild, die Distinktion der Ränge und die eigene Macht ‚körperlich’ zu behaupten. Latente Vergewaltigungen?
    > Preisfrage: Was sagt die ‚Recherche’ über das große Thema ‚Gewaltpotential’?

  5. 671.

    Seit einigen Folgen bei mir eine Welle des Unbehagens; die Darstellung erscheint mir problematisch: Die Passagen über den qualverliebten Saint-Loup werden erzählt aus einer verschanzten Position: die Perspektive in der Attitüde eines ‚observateur neutre’, als ob das erzählende Ich nicht selbst involviert wäre, v.a. Ausblendung des eigenen Begehrens. Erzählhaltung Tendenz denunziatorisch, und die Dialoge Robert/Zézette kolportagehaft; auch ein Schuss Misogynie ist im Spiel. - Im Passus über Madame Villeparisis mit ähnlich gespielter Distanz, die Ich-Bezüge kaschieren, denke ich, eine Zwerg-Allwissend-Perspektive über das Thema Dünkel & Distinktion. > (...)

  6. 670.

    18. Folge.
    Der Restaurantbesuch und die anschließende Theatervorstellung, bei denen Saint-Loup seine Geliebte daran zu hindern versucht, anderen Männern nachzublicken, während sie ihrerseits auf dem erotischen Vergnügen beharrt, das sie dabei empfindet, gibt dem Erzähler die Gelegenheit zu Reflexionen über die Unterschiede zwischen Nahsicht und Fernsicht als Quelle erotischer Anziehung, die der Gegensatz von Bühne und Zuschauerraum ebenso wie der zwischen Theater und Lebenswelt wie in einem Spiegelkabinett vervielfältigt. So gesehen ist auch Saint-Loups Verhalten auf eine durch seine Erziehung einstudierte „Rolle“ zurückzuführen. Die Liebesbeziehungen, die sich auf diese Weise herstellen, folgen dem astrologischen Muster der Einwirkung von Gestirnen, die Anziehung oder Abstoßung befördern. Diese ebenso oberflächliche wie zwanghafte Vorstellung der Liebe gilt wohl kaum für den ganzen Roman.

  7. 669.

    17. Folge.
    Als der Erzähler in Saint-Loups Geliebter eine Prostituierte wiedererkennt, die ihm einmal in einem billigen Bordell angeboten worden ist, erlebt er eine Variante der Liebesgeschichte zwischen Swann und Odette de Crécy. Diese Erinnerung kontrastiert mit der Erscheinung einer literarisch gebildeten Schauspielerin, als die Zézette Saint-Loup kennengelernt hat und nunmehr idealisiert, ohne etwas von ihrer Vergangenheit zu wissen. Die Widersprüchlichkeit seines Verhältnisses zu ihr besteht darin, dass er sie als Mätresse hoch bezahlt und sich darüber im Klaren ist, wie ihn das finanziell und gesellschaftlich kompromittiert. Im Unterschied zu Swann denkt er nicht daran, seine Geliebte aus diesem Verhältnis zu lösen. Umso schärfer übt er dieselbe eifersüchtige Kontrolle ihres Umgangs aus. Die roten Flecken in seinem Gesicht machen diese Verzerrung seines sonst so einfühlsamen Charakters sichtbar.

  8. 668.

    16. Folge.
    Die herablassenden, sarkastischen Simplifikationen, mit denen der Erzähler die Freizeitgewohnheiten Françoise, ihrer Tochter und ihrer Verwandten abtut, kontrastieren mit der differenzierten Analyse von Saint-Loups illusionärer Liebe zu seiner Mätresse und dem realistischen Kalkül, mit dem er sie an sich zu binden plant, und das er sich auch von seinem Liebeskummer nicht verwirren lässt. Hier zeigt sich einmal mehr, dass Prousts Romanwerk keine umfassende Darstellung der französischen Gesellschaft ist, sondern eine Sozialgeschichte der Klassentrennung zwischen Adel und Bürgertum, die sich in den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg durch sexuelle Übergriffe abmildert. Sowohl Legrandins vorgebliche Verachtung der Adelsgesellschaft als auch die Unsicherheit über die Unterstützung des Marquis de Norpois, die der Vater des Erzählers bei seiner Bewerbung um die Mitgliedschaft im Institut empfindet, exemplifizieren diese Grundmuster des Romans.

  9. 666.

    ... Kann man sagen: Proust steckt einen weiten Rahmen, in dem er das Streben seiner Protagonisten ‚in die Zeit stellen’ und das Bewusstsein (des Erzählers) Fragen der Dauer und wie der Vergänglichkeit aussetzen kann?
    Mein Eindruck: Das erzählende Ich ist hellwach und sondiert ständig die sozialen Reibungen. Solche ‚Voreinstellungen’ der Beobachtung sind immer präsent, wenn es um die Liebes-Strategien geht und alle erdenklichen Stereotype abklopft werden; schließlich: Energiequelle all dieses Beobachtens und Reflektierens sowie des Gesellschafts-Spiels ist das je individuelle Begehren und Interesse.

  10. 665.

    Wertvolle Hinweise, Herr Stellmann, auf den ‚historischen Horizont’ des Romans.
    In den Passagen über den Rittmeister wird en passent die Überlagerung und Kollision scheinbar ungleichzeitiger gesellschaftlicher Stände/Klassen/Schichten und ihrer (werdenden) Traditionen, Manieren und Ambitionen geliefert. Allein in den beiden Napoleons ist die Spannweite zwischen den frz. politischen Revolutionen und der anbrechenden (industriellen) Moderne angedeutet. Die Imagination ‚Guermantes’ umgreift das alles.
    Der vom Erzähler beobachtete Saint-Loup bildet einen der Schnittpunkte in diesem Koordinatensystem. Insofern geht es im Verhältnis Erzähler <> Saint-Loup nicht nur um das Thema ‚Freundschaft’ (wie überhaupt auch beim Thema ‚Liebe’ die gesellschaftlich-historische Verortung mitgesehen werden sollte, denke ich). >

  11. 664.

    15. Folge, Teil 2
    Die ungeregelte Lebensweise des Erzähler ohne Willenskraft für irgendeine geregelte Tätigkeit, geschweige denn für die erstrebte Schriftstellerei, bringt sein Schlafverhalten durcheinander. Nachts ist er wach, tagsüber will oder soll er schlafen. So hängt sein Schlaf von seinem Willen ab, und er beginnt von seiner Schlaflosigkeit zu träumen. Das ist das Gegenteil des friedlichen Versinkens in den Schlaf während seiner geborgenen Kindheit, mit dessen Schilderung der Roman beginnt. Schließlich träumt der Erzähler, er sei zu nichts keiner Kommunikation mehr fähig, weil er sich im Schlaf nicht frei bewegen kann.

  12. 663.

    15. Folge, Teil 1
    Das Wiedersehen mit seiner Großmutter nach einer Trennung von nur ein paar Wochen enthüllt dem Erzähler, wie stark sie in der letzten Zeit gealtert ist, was ihm nicht aufgefallen war, als er mit ihr zusammenlebte—ein Beispiel für die biografische Relativität der Zeitempfindung, die der Roman zum Thema hat. Das Einzige, was sich durch alle Veränderungen des Befindens gleich bleibt, ist die Unfähigkeit, sich zum Schreiben aufzuraffen.

  13. 662.

    Einen hab ich noch! Man kann Proust auch unter dem Aspekt der Beschleunigung lesen, die mit der 2. industriellen Revolution ihren Anfang nimmt und bis heute anhält und sich exponentiell steigert. Das Paris Prousts verfügte über ein schnelles Rohrpostsystem. Briefe, die vormittags geschrieben wurden, erreichten nachmittags den Empfänger. Phantastisch!. Dann das Telefon, das ein erster kleiner Tod des Briefes war, heute die E-Mail. Dazu all die anderen Neuerungen wie Automobil, Flugzeug etc. pp. Die Welt beginnt in zu Prousts Zeiten kleiner und schließlich zum Dorf zu werden. Die synchronisierte Gegenwart schlägt in Terror des Augenblicks um... Proust setzt einen dagegen, indem er im Augenblick das Moment des Gebliebenen wie des Bleibenden sucht....

  14. 661.

    Zusatz zu 660.... Und dieses Wahrnehmungsproblem wird noch einmal verschärft, wenn nicht einmal die Stimme mehr bleibt, sondern nur die 1000 Schriftzeichen, die ein Internetforum zur Verfügung stellt....grins

  15. 660.

    Die Telefonszene habe ich als Beschreibung eines Schocks gelesen, den wir heute - von kleinauf ans Telefon gewöhnt, gar nicht mehr wahrnehmen und bestenfalls bei Kindern beobachten können, die zum ersten Mal mit Mama, Papa oder einer anderen Person telefonieren. Gleichsam beschreibt Proust damit das Wahrnehmungsproblem, das ein Telefonat bestimmt, die Reduzierung auf einen Sinn. Wir versuchen allein anhand der Stimme die Befindlichkeit eines Menschen zu schließen, alle anderen Informationen wie Körpersprache etc. sind ausgegrenzt. Das für den Erzähler ohnehin unmögliche Unterfangen einen anderen Menschen, sei er noch so vertraut, zu verstehen, erfährt noch einmal ein Verschärfung....

  16. 659.

    Gewiss mag die Schilderung des rittmeisterlichen Gebarens überspritzt sein, aber wir sollten sie im Zusammenhang mit den übrigen Adelsschilderungen, insbesondere Charlus sehen... Diese Schilderungen kontrastieren, und haben doch ein Gemeinsames, nämlich ein Geschichtsbewusstsein der eigenen Person, wie ideologisch dieses auch immer geprägt sein mag. In beiden versammeln sich die Vorfahren zu einem Orchester unterschiedlicher Stimmen, die sich in wechselndem Gebaren ausdrücken. Der Adel überdauert mit Hilfe seiner Stammbäume gewissermaßen die Zeit, während das ""gemeine Volk"" eher gegenwärtig lebt und sich seiner historischen Herkunft kaum bewusst ist, obwohl es natürlich eine solche hat.
    Insofern ist der Adel für Prousts Gedanken über Gegenwart und Vergänglichkeit ein dankbares Sujet....

  17. 658.

    14 Folge.
    Nach der satirischen, ja grotesken Schilderung der napoleonischen Attitüde des Rittmeisters von Borodino erhebt sich der Erzählungston zu einer mythisch-fantastische Ekstase über die missglückte Telefonverbindung des Erzählers zu seiner Großmutter, deren Unerreichbarkeit sich zur Todesdrohung steigert und ihn zur sofortigen Rückkehr nach Paris bewegt. Kaum hat sich die Geschichte in sein durchaus eigenartiges und eigenwilliges Empfinden subjektiviert, sind auch die „wir“ und „wie“-Verallgemeinerungen wieder da.