Seit 1994 erinnern die Radskulptur vor der Volksbühne an den Bühnenbildner Bert Neumann (Quelle: Jens Kalaene/dpa)
Bild: dpa-Zentralbild

- Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Am 1. Juli 2017 endete die Castorf-Ära. Eine neue Mannschaft mit Chris Dercon an der Spitze bespielt nun das Haus. Damit endet eine über 100-jährige Tradition an diesem Haus. Denn Theater wie bisher soll es hier nicht mehr sein.

Theater für Jedermann

Ein Theater für Jedermann sollte die Volksbühne werden. Den Bau finanzierten weder Staat noch Mäzene, sondern über Jahre gesammelte Minibeträge - dem so genannten "Arbeitergroschen" - von 50.000 Vereinsmitgliedern der 1890 gegründeten Volksbühnenbewegung.

Arbeiter und Kleinverdiener, bisher ausgeschlossen aus der Kultur der wilhelminischen Klassengesellschaft, erkämpften und ersparten sich ihren eigenen Zugang in die Welt des Theaters. Und tricksten dabei zugleich die kaiserliche Zensur aus. Denn das monumentale Vereinshaus war nur seinen Mitgliedern vorbehalten - eine geschlossene Gesellschaft.

Als die Volksbühne am 30. Dezember 1914 eröffnet wurde, bot sie 2000 Zuschauern Platz. Der Kartenpreis betrug weniger als die Hälfte als an den anderen Häusern und die Sitzplätze wurden verlost.

Ein Haus, ein Platz, über 100 Jahre deutsche Geschichte

Sie spiegelt sich auch in dem fünfmaligen Namenswechsel des Platzes wieder: 1907 entstanden als Babelsberger-Platz, 1914 umbenannt in Bülow-Platz, ab 1933 Horst-Wessel-Platz, nach 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht in Karl-Liebknecht-Platz und schließlich in Rosa-Luxemburg-Platz umgewidmet.

Der Grund, auf dem die Volksbühne erbaut wurde, gehört zum Scheunenviertel - bis ins 20. Jahrhundert ein trauriges Stadtquartier für Ganoven, Huren und die Juden Osteuropas. In den 20er und 30er Jahren wurde der Platz vor dem Theater zur Arena militanter Kämpfe um die Ideen des 20. Jahrhunderts. Arbeiter lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Der deutsche Schauspieler Heinrich George beim Studium der Tagespresse (undatiertes Archivfoto); © dpa-Bildfunk
Heinrich George

Heute umrahmt das Theater ein Schicki-Micki-Bezirk mit Szene-Läden, teuren Wohnflächen und zahlreichen Hostels für die Jugend der Welt. An diesem Haus spielten Hans Albers und Heinrich George, Rolf Ludwig und Angelica Domröse, Armin Mueller-Stahl und Ursula Karusseit, Marianne Wünscher und Henry Hübchen.

Seinen Theaterruhm verdankt die Volksbühne vor allem drei Intendanten:

Erwin Piscator revolutionierte Mitte der 20er Jahre das Theater, der Schweizer Kommunist Benno Besson verwandelte den Monumentalbau Anfang der 70er Jahre in eine Insel der Freiheit, nach dem Ende der DDR übernahm Frank Castorf den "Panzerkreuzer" und inszenierte die Volksbühne zu einem der bedeutendsten Theater der Welt. 25 Jahre war er Intendant.

Film von Lutz Pehnert

Erstausstrahlung am 27.06.2017/rbb