Kinder mit Migrationshintergrund in einer Berliner Kita (dpa-Archivbild)
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- Besser lernen im Kindergarten: der Schlüssel zur Chancengleichheit?

Mehr Geld gleich mehr Bildung? Nirgendwo in Deutschland wird soviel Geld für Kitas ausgegeben wie in Berlin. Mit frühkindlicher Bildung soll den Kindern ein besserer Schulstart gelingen. Doch zu größerer Bildungsgerechtigkeit hat das bislang nicht geführt.

Immer wieder berichten wir darüber, dass die sogenannte "frühkindliche Bildung“ der Schlüssel zur Chancengleichheit sei. Ein solches Fundament mache die Kinder fitter, so gelinge der Start in die Schule besser. Berlin scheint in diesem Fall alles richtig zu machen: Nirgendwo in Deutschland wird soviel Geld für Kitas ausgegeben wie hier. Also alles bestens - oder? Max Thomas Mehr und Dominik Bretsch.

Früher im Kindergarten drehte sich fast alles ums Spielen - meist in Halbtagsbetreuung wohlgemerkt. Warm, sauber und satt war das Motto. Lernen kam erst später - in der Schule.

Heute geht es immer noch um Spiel und Spaß, aber es geht auch um Bildung. Erkenntnisse der Hirnforschung belegen, dass die ersten Jahre Grundlage sind für die Fähigkeit zu lernen. Lange also bevor die Kinder die Schulbank drücken.

Prof. Susanne Viernickel, Bildungsforscherin
„Ob es um Sprachentwicklungen geht oder ob es um ja Wahrnehmung, Bewegung geht, eigentlich wirklich alle Bereiche, kognitive Entwicklung, Denken, das hat seine Wurzeln in den ersten Lebensjahren und da werden Weichen gestellt, die vielleicht auch nicht so leicht später wieder noch mal veränderbar sind.“

Kita Hasenheide in Kreuzberg. Ute Treuchel ist Erzieherin. Aus ihrer Gruppe werden nächstes Jahr fünf Kinder eingeschult. Sie sind seit zwei, drei Jahren in der Kita. Werden sie fit sein für die Schule im nächsten Sommer?

Ute Treuchel, Erzieherin
„Also ich würde mal sagen, aus dieser Gruppe würde das vielleicht ein Kind schaffen, dem Unterricht wirklich zu folgen - also sprachlich und auch vom Intellekt her.“

Nur ein Kind fit für die Schule? Woran liegt das? Überfordern die Kinder die Erzieher? Brauchen die heute eine ganz andere Ausbildung?

Ute Treuchel, Erzieherin
„Ich bin nicht als Sozialarbeiter oder Psychologe ausgebildet worden. Wenn ich daran denke, dass ich jetzt 24 Jahre arbeite in dem Beruf, muss ich sagen, waren eigentlich so die ersten zehn Jahre das Berufsbild, das ich eigentlich auch gerne erlernt habe. Und es kam einfach soviel dazu. Weil der Bereich Schule ist uns ja auch noch mit aufgebürgt worden. Weil diese Vorschulklassen ja auch nicht mehr bestehen.“

Müsste die Ausbildung für Erzieherinnen heute nicht ähnlich sein wie die von Lehrern?

Prof. Susanne Viernickel, Bildungsforscherin:
„Sie müsste jedenfalls angeglichen werden. Wir haben in Deutschland, das ist ja eine einfache Rechnung, 100 Prozent akademisches Personal in Schulen und wir haben 3,3, vielleicht jetzt etwas mehr Prozent akademisches Personal in Kindertageseinrichtungen.“

Nur ein Bruchteil der Erzieherinnen in den Kitas hat eine Hochschulausbildung. Der Bildungssenat sieht keine Möglichkeit daran schnell etwas zu verbessern.

Prof. Jürgen Zöllner (SPD), Bildungssenator
„Sie wissen auch, dass der engagierteste Senat und der engagierteste Senator nicht die Welt von heute auf morgen verändern kann. Natürlich wünsche ich mir immer eine größere Anzahl auch an über Fachhochschulen ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas. Sie wissen aber, dass das historisch gewachsen in Deutschland nicht so ist.“

Kurzfristig kann also an der Qualität der Erzieherausbildung nichts geändert werden. Der Großteil des wachsenden Etats fließt in längere Betreuungszeiten, mehr Personal und kostenlose Kita-Plätze.

Prof. Jürgen Zöllner (SPD), Bildungssenator
„Wir wollen mehr und bessere Angebote machen und offensichtlich sind wir erfolgreich. Zum Beispiel bei den Unter-Dreijährigen ist die Betreuung mindestens doppelt so groß wie im Bundesdurchschnitt. Und auch die Betreuungszeiten sind spürbar länger als in anderen Bundesländern.“

Für den Schularzt Dietrich Delekat vom Gesundheitsamt Friedrichshain-Kreuzberg reicht das alles nicht aus.

Dietrich Delekat, Schularzt Friedrichshain-Kreuzberg
„Wie wir schon seit vielen Jahren wissen, ist der Kitabesuch quer durch alle Schichten außerordentlich hoch - auch bei den problematischen Familien liegt er bei über 90, in der Regel bei 95 oder sogar 98 Prozent. Auch die Kitadauer, wie lange die Kinder in die Kita gehen, hat sich deutlich verbessert. Das Problem liegt mittlerweile weniger im Kitabesuch, es liegt auch daran, dass die Kitas eine unterschiedliche Qualität haben.“

Doch um daran etwas zu ändern, müsste das frühkindliche Bildungssystem grundlegend umgebaut werden. Millionen für ein drittes beitragsfreies Kita-Jahr auszugeben, reicht da als Konzept nicht aus.



Autoren: Max Thomas Mehr und Dominik Bretsch