An einem Balkon in Berlin-Prenzlauer Berg hängt ein Plakat mit dem Schriftzug "Immobilienhai" (Quelle: imago)

- Steigende Mieten, Gentrifizierung - wohin entwickelt sich der Berliner Wohnungsmarkt?

Nicht immer mit feinen Mitteln versuchen Hausbesitzer Mieter aus Wohnungen zu verdrängen, die in für Investoren interessanten „Kiezen“ liegen. Immer mehr Wohnungen werden so in Eigentumswohnungen umgewandelt, Zug um Zug verändern sich die Milieus innerhalb der Stadt. Auf der anderen Seite erleben bisher unsanierte Gegenden einen wirtschaftlichen Aufschwung, die Veränderung der Bevölkerungsstruktur schafft auch neue Chancen. Diesem Wechsel steht die Politik rat- und machtlos gegenüber.

Was wäre Berlin ohne seine Kieze? Viele dieser typischen Berliner Milieus sind allerdings bedroht. Immer mehr Mietwohnungen werden in teure Eigentumswohnungen umgewandelt. Für viele dieser Mieter gilt ein besonders strenger Kündigungsschutz. Daher greifen Investoren zunehmend zu unfeinen Tricks, um die Mieter möglichst schnell loszuwerden. Katharina Mänz berichtet.

Berlin-Kreuzberg, Bergmannkiez. Hierher kommen die, denen der Prenzlauer Berg zu schick ist. Bbezahlbare Wohnungen sind hier deshalb längst Mangelware - Beispiel Arndtstraße. Hier wohnt Manuela Kay. Sie will einfach nicht ausziehen – sehr zum Ärger der neuen Eigentümer. Die wollen sanieren – und, so der Verdacht: anschließend die Wohnungen einzeln verkaufen.

Manuela Kay, Mieterin
„Ich wusste, als die hierher kamen, ja gar nicht, was die wollen. Ich dachte, die wollen modernisieren. Das sagten die auch, aber eigentlich sagten sie dann, ob ich nicht ausziehen will, weil 'ne leere Wohnung ließe sich leichter umwandeln irgendwie mit Grundrissänderung, weil die Wohnung nebenan war zu dem Zeitpunkt auch leer. Und die sagten mir halt: 'Wollen Sie nicht ausziehen?' Das war jetzt nicht unbedingt 'ne Drohung, eher so 'ne Art sehr einprägsame Bitte vielleicht.“

Manuela Kay lehnte trotzdem ab, kurz darauf hatte sie eine Räumungsklage am Hals – wegen einer Lappalie. Das Gericht gab ihr Recht, aus dem Rausschmiss wurde nichts. Der Preis dafür: Baulärm und Dreck. Viele der Mieter sind entnervt gegangen. Eine der Wohnungen im Haus sei bereits verkauft. Auch die restlichen Mieter sollen offenbar zum Auszug gedrängt werden. Schließlich will der Investor sein Geld schnell wieder sehen – mit möglichst viel Gewinn.

Reiner Wild, Berliner Mieterverein
„Wichtig bei der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen ist, dass sich eine leere Wohnung natürlich viel besser veräußern lässt als eine von einem Mieter bewohnte. Der Preis ist ein ganz anderer, der dort verlangt werden kann. Und deswegen wird in vielen Fällen vom Vermieter versucht, entweder über Modernisierung oder aber auch allein durch die Ankündigung von Wohnungsverkauf Mieter herauszugraulen.“

Da müsste doch die Politik was tun gegen Investoren und ihre Tricks, oder? Doch so richtig viel fällt vor allem der Berliner SPD dazu nicht ein.

Daniel Buchholz (SPD), MdA, Arbeitskreis Stadtentwicklung
„Leider können wir da als Land Berlin nicht direkt eingreifen, denn das ist eben das allgemeine Mietrecht. Wenn jemand die allgemeinen Mietrechtsobergrenzen nutzt, die ihm nach Bundesgesetz zustehen, dann können wir da wenig tun. Deswegen genau unsere Bundesratsinitiative, die allgemeinen Mieterhöhungen zu strecken und auch abzusenken. Aber da brauchen wir die Unterstützung aus anderen Bundesländern.“

Immerhin etwas, klingt gut in den Berliner Ohren. Neun von zehn Hauptstädtern sind schließlich Mieter. Nur: Eine so lustlose Bundesratsinitiative habe er noch nie erlebt, sagt der grüne Bezirksbürgermeister.

Franz Schulz (Bü90/Grüne), Bezirksbürgermeister Friedrichshain-Kreuzberg
„Das ist ne ziemliche Schnarchtruppe, was Wohnungs- und Mietenpolitik anbetrifft, aber kann möglicherweise ideologisch damit zusammenhängen, dass die felsenfest der Überzeugung sind, wir haben einen völlig entspannten Wohnungsmarkt. Und dort, wo es sozusagen kleine Spannungen und Verwerfungen gibt, da wird es schon der Markr regeln. Das ist natürlich eine Betrachtung, die liegt weitab vom Leben, und von den Sorgen, die die Leute haben.“

Manuela Kays Devise deswegen: durchhalten. Wohnt sie doch schließlich mitten in einem so genannten Milieuschutzgebiet – und da sollte eigentlich die bunte Mischung aus arm und sexy erhalten bleiben.

Manuela Kay, Mieterin
„Ich möchte nicht, wie es hieß, hier wollen irgendwelche arbeitslosen Penner möglichst billigen Wohnraum im angesagten Kiez haben. Erstens ist das mein Kiez, ich bin hier wirklich aufgewachsen, ich bin das Milieu, was hier geschützt werden soll. Wir sind hier im Milieuschutzgebiet. Wir sind doch schließlich die Leute, deretwegen alle nach Kreuzberg kommen wollen. Und jetzt, wenn die hier rausgedrängt werden und hier nur noch Bayern, Schwaben und reiche Skandinavier im Haus in den teuren Eigentumswohnungen sitzen, dann werden sie sich wundern, wo der Kreuzberger Flair, für den sie so viel Geld ausgegeben haben, eigentlich geblieben ist.“

Weggemobbte Mieter? Einzelfälle, Deutschland habe den besten Mieterschutz weltweit. Finden zumindest die Hauseigentümer. Niemand habe nun mal ein Recht, sein Leben lang am gleichen Fleck zu wohnen.

Dieter Blümmel, Haus & Grund
„Diese Gesellschaft garantiert jedem ein Dach über dem Kopf, aber nicht unbedingt exakt an dem Ort, an dem er das wünscht.“
KLARTEXT
„Sind die Berliner Mieter verwöhnt?“
Dieter Blümmel, Haus & Grund
„Sie sind über viele Jahre verwöhnt, ja, nach wie vor. Wir haben nach wie vor die niedrigsten Mieten aller Metropolen, das kann man so sagen, ja.“

Hier wäre so ein Ort – nichts für verwöhnte Berliner: Spandau, Heerstraße. Nirgends in Berlin wohnt es sich billiger. Und reichlich Auswahl hat man auch: zum Beispiel hier - zweieinhalb Zimmer mit Balkon, Laminat und Wannenbad. Kiez oder Szene sucht man hier vergeblich – aber rausgekauft oder weggemobbt wird der nächste Mieter vermutlich auch nicht. Kostet, alles in allem: 560 Euro warm Und der Preis ist etwa vergleichbar mit der Wohnung von Manuela Kay.

Manuela Kay, Mieterin
„Ich möchte hier in Kreuzberg wohnen. Das heißt nicht, dass ich den Stadtrand oder andere Bezirke, dass die total scheiße sind. Für mich persönlich, ich kann mich nur verwirklichen in Kreuzberg, das ist meine Heimat, dieses Lebensgefühl hier ist im Moment das, was ich haben möchte. Wenn ich natürlich die Letzte hier bin unter Eigentumswohnungsschwaben, dann kann es sein, dass ich dann doch lieber nach Reinickendorf ziehe, zu den anderen Kreuzbergern vielleicht.“



Autorin: Katharina Mänz