Designerin Sarah Gwiszcz (li.) und Darstellerin Hanka Mark (Quelle: rbb/Konstanze Schirmer)
Designerin Sarah Gwiszcz (li.) und Darstellerin Hanka Mark | Bild: Konstanze Schirmer

modowa designarka z Lubnjowa - Modedesignerin Sarah Gwiszc

Inspiriert von dem, was sie vor ihrer Haustür findet, haucht die Designerin den typischen sorbischen Spreewaldtrachten neues Leben ein und katapultiert sie in die Jetztzeit. Traditionelle Muster und Trachtendetails finden sich auf zeitgenössischem Design wieder. "Wurlawy" ist die perfekte Symbiose von Tradition und Moderne in tragbarer Mode. Hier finden Sie Fotoimpressionen und ein Interview mit der kretiven Modeschöpferin.

"Wurlawy" - das waren Geister in Frauengestalt, die aus dem Walde kamen. Sie brachten einen Korb voll Werg und Spindeln und schoben ihn den Spinnerinnen zum Fenster hinein; die mussten dann in einer Stunde alles Werg verspinnen. Brachten sie das nicht fertig, so wurden sie von den Wurlawy geholt. Waren die Mädchen aber klug, dann überlisteten sie die Wurlawy und waren frei.  

Seit 7 Jahren befasst sich Sarah Gwiszcz mit der wendischen und sorbischen Tracht und deren Entwicklung, bis zur heutigen Zeit. Das Traditionelle und Moderne vermischt sie seitdem ständig und gerne. Sie arbeitet fast täglich in ihrem Laden in Lübbenau (Spreewald), empfängt gern Besucher in ihrem Atelier. (Kontakt siehe Infobox)

Designerin Sarah Gwiszcz (li.) und Darstellerin Hanka Mark (Quelle: rbb/Konstanze Schirmer)

Wurlawy-Mode exklusiv für Łužyca!

Wenn sich die Schauspielerin Hanka Mark für unsere Zuschauer auf die sorbisch/wendische  "Zeitreise" begibt, dann trägt sie Mode von Sarah Gwiszcz. Wir sind sehr froh über diese Zusammenarbeit und haben die junge Designerin in ihrem Atelier besucht.
 

Lesen Sie hier das Interview unserer Reporterin Konstanze Schirmer mit der Lübbenauer Designerin

Frau Gwiszcz, Sie sind nach Ihrem Studienabschluss an der Akademie für Mode und Design von Berlin aus wieder in den Spreewald zurückgekommen.  Ziemlich ungewöhnlich für eine junge, punkige Frau!

Der Spreewald hat mich nie so richtig losgelassen: Zum Beispiel habe ich während meiner Studienzeit am Projekt "Sorbisch Modern" teilgenommen und habe mich anschließend auch in meiner Abschlusskollektion mit der wendischen Tracht weiterhin auseinandergesetzt, wenn auch über Umwege.

Erzählen Sie das bitte genauer…

Ich habe mir zu meiner Abschlussarbeit eine Geschichte ausgedacht, um das Thema, an dem ich gearbeitet habe,  zu transportieren. Hier mal die Kurzform: Ein sorbisches Mädchen lebt in einem kleinen Dorf in der Niederlausitz. Wie in allen Regionen Brandenburgs außerhalb des Speckgürtels von Berlin, hat die negative demografische Entwicklung hier ihre Spuren hinterlassen. Ihre Freunde haben die Gegend verlassen, weil sie keine Entwicklungsmöglichkeiten sehen. Auf der Straße sieht sie fast nur alte Leute, Kinder und Jugendliche sind selten geworden. Die Gegend verödet zusehends. Auch sie geht weg.

Als Studentin erhält sie die Möglichkeit, sich längere Zeit in Mexiko aufzuhalten. Hier wird sie mit dem Dia de los Muertos, dem Tag der Toten, konfrontiert. Dieses für die Mexikaner so wichtige Fest wirkt auf den europäischen Betrachter auf den ersten Blick obskur. Der Tod wird bei den Feierlichkeiten mit bunten Farben, Süßigkeiten und viel Freude zelebriert. Das kennt man aus dem europäischen Kulturraum so nicht. Schaut man hinter die Kulissen, erfährt man aber, dass das alljährlich stattfindende Fest einen wichtigen Teil der urmexikanischen Kultur konserviert hat, nämlich die Einstellung zu Leben und Tod, zu Stillstand und Veränderung und zu dem, was ist, was war und was sein wird. Die Kraft, mit der die Mexikaner ihre Kultur erhalten,  beeindruckt die Sorbin zutiefst.

Die junge Studentin bekommt Heimweh und beschließt, diese Energie auf ihre geliebte Heimat zu transferieren. Die Botschaft - der Tod ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Das soll die Menschen in ihrer Heimat aufrütteln, nicht aufzugeben und wegzugehen, sondern Vorhandenes zu nutzen und weiter auszubauen.

Sie entschließt sich zu einer außergewöhnlichen Reanimation der sorbischen Tracht. Der ungewohnte Anblick der Calavera-Totenköpfe im Zusammenspiel mit der normalerweise mit Tradition assoziierten Tracht soll schockieren und dabei Modernität nicht vermissen lassen. Krasse Gegensätze sollen genug Aufmerksamkeit erregen, um mehr Menschen zu inspirieren, über die Tracht als Symbol, eine scheinbar ausweglose Situation zu überdenken und einen Neuanfang zu wagen.

Wollten Sie, dass sich die  Menschen in der Spreewaldregion von den alten Trachten verabschieden?

Nein, gar nicht! Eine moderne Tracht in dem Sinn will ich gar nicht. Ich möchte moderne Mode machen, in der sich bestimmte regionale Techniken wie der Blaudruck oder Materialien wie Spitze oder Bänder wiederfinden. Was die ursprünglichen wendischen Trachten angeht, da lege ich sogar Wert auf  Detailtreue!

Wie meinen Sie das?

Na zum Beispiel sollte man die Bänder und Borten so anordnen wie es sich in jeweiligen Kirchspiel gehört. Wer in Lübbenau zur Kirche geht, sollte seine Tracht also dem entsprechend gestalten und nicht etwa mit einem Burger Rock gehen. Außerdem finde ich es unmöglich, wenn die Damen zu kurze oder zu lange Schürzen tragen. Die Schürze sollte mit der Rocksaumkante abschließen.

Wie intensiv haben Sie sich denn mit den Trachten der Sorben und Wenden beschäftigt?

Ich hab mir jede Menge Literatur besorgt, mit Einheimischen gesprochen, Fotos gesichtet. Und da sind mir sogar richtige Trends aufgefallen. Zum Beispiel waren um 1930 plötzlich Spangenschuhe modern oder um 1900 kam als Stickerei die Rosenblüte auf. Tiere wurden übrigens nie gestickt, immer nur Blüten und Blätter. Natürlich wollte ich auch wissen, wie denn die Tracht in meinem Heimatort Ragow ausgesehen hat. Aber leider habe ich in den Unterlagen nur ganz wenig gefunden.

Inzwischen haben Sie seit 2015 in der Lübbenauer Neustadt Ihr eigenes Geschäft. Sie haben Ihren eigenen Stil entwickelt, die Marke "Wurlawy", was frei übersetzt soviel heißt wie wilde Spreewaldfauen. Immer wieder fallen typisch sorbische Elemente wie die Haube auf, es gibt aber auch Hoodies, Beanies, Taschen oder Schmuck. Woher holen Sie die Inspirationen dafür?

Ich schau mich auf Messen um, bin natürlich bei der Fashion Week in Berlin dabei. Ich suche ständig nach neuen Materialien und entwerfe auch vieles selbst, wenn ich nicht  weiterkomme. Und Modenschauen mache ich ausschließlich hier in der Gegend bei Festen und Märkten. Ich nehme aus meiner täglichen Arbeit mit den Kunden die Wünsche auf und lasse mich davon inspirieren.

Machen Sie auch Mode für Männer?

Aber ja! Leider sind die nicht sehr pflegeleicht. Sie brauchen an allen möglichen Stellen Taschen und so etwas. Aber Mut zu neuen Formen und Farben – da wird es dann schon schwierig.

Vielen Dank für das Gespräch!