Der terrassenförmige Tagebau von 4 Kilometer Länge wird noch fünfzig Jahre Kalkstein für die Zementherstellung liefern. Quelle: rbb/Esther Schwade
Bild: rbb Presse & Information

- Rüdersdorf

Viele Berliner kennen diesen Ort nur als Autobahnausfahrt auf dem östlichen Berliner Ring. Aber ohne den Rüdersdorfer Kalk hätte Berlin ein anderes Gesicht.

Der erste große Bauboom in der Zeit der Industrialisierung bekommt sein "Futter" aus der kleinen märkischen Gemeinde. "Berlin wurde aus dem Kahn gebaut", sagt man, und in diesen Kähnen sind Kalksteine und gebrannter Kalk aus Rüdersdorf, der für die Herstellung von Mörtel wichtig ist.

Die Schachtofenanlage war bis 1967 in Betrieb und ist heute Teil des Rüdersdorfer Museumsparks. Sie wird von den Rüdersdorfern die "Kathedrale des Kalk" genannt. Quelle: rbb/Esther Schwade

Viele Innovationen in Kalkabbau und -verarbeitung machen Rüdersdorf zu einem herausragenden Ort der deutschen Industriegeschichte. Die "Hauptstadt des Kalk" nennen die Rüdersdorfer ihren Ort. Die jeweils Herrschenden haben dies immer wieder zu nutzen versucht. Beim forcierten Autobahnbau in der Zeit des Nationalsozialismus spielen die Rüdersdorfer eine wichtige Rolle. Die sowjetischen Besatzer demontieren nach dem Krieg das modernste Zementwerk Europas.

Rüdersdorfer Zement hilft beim Bau der Berliner Mauer. Die Anlagen werden durch Honeckers ehrgeiziges Wohnungsbauprogramm über das Limit gefahren. Aus dem einst modernsten Zementwerk wird die "Dreckschleuder der Republik". Der Ort leidet unter einer der größten Umweltbelastungen in der DDR. Die Dächer der Häuser, die Blätter der Bäume sind grau vom Staub der Produktion.

Der terrassenförmige Tagebau von 4 Kilometer Länge wird noch fünfzig Jahre Kalkstein für die Zementherstellung liefern. Bild: rbb/Esther Schwade

Die schweren Arbeitsbedingungen haben in Rüdersdorf schon früh zu Zwangsarbeit geführt. Die preußischen Könige lockten mit falschen Versprechungen auswärtige Arbeitskräfte in den Kalktagebau. Die Nationalsozialisten brachten Zwangsarbeiter nach Rüdersdorf. Nach dem Krieg arbeiteten dort Kriegsgefangene und zu Zeiten der DDR waren Strafgefangene eine wichtige ökonomische Größe, auch Jugendliche aus dem
berüchtigten Jugendarbeitslager. Selten wohl hat ein Ort so viele Schnittpunkte zwischen der Industrie- und der Zeitgeschichte.

Die Dokumentation von Lutz Rentner und Frank Otto Sperlich berichtet davon vor allem durch die Erinnerungen von Zeitzeugen. Einige von ihnen haben Rüdersdorf schon in den 30er Jahren erlebt. Damals war der Ort mit seinen sauberen Gewässern und grünen Parkanlagen beliebtes Ausflugsziel der Berliner, angezogen vor allem durch den Heinitzsee - einem gefluteten Tagebau, der als schönster See Brandenburgs galt.

Rudi Hahn trägt als Rüdersdorfer Chronist Super-8-Material von jenem Teil Rüdersdorfs zusammen, der durch den wachsenden Tagebau gar nicht mehr existiert. rbb/Michael Schmidt

In den 70er Jahren wurde er für den Tagebau trocken gelegt. Seltene Amateurfilmaufnahmen zeigen den verschwundenen See, die Härte der Arbeit und mißglückte Sprengungen. Und manch ein Geheimnis überrascht selbst die Einheimischen, etwa der versteckte erste "Führungsbunker" der DDR in einem Kanal am Tagebau.

Film von Lutz Rentner und Frank Otto Sperlich

Erstausstrahlung 10.12.2013/rbb

Der Museumspark Rüdersdorf vor den Toren Berlins bietet einen spannenden Einblick in die Welt des Kalkbergbaus, der Zementindustrie und der Geologie. Besucher erleben auf 17 Hektar die Geschichte des Abbaus und der Verarbeitung des Kalksteins. Fossilien und Mineralien erzählen aus dieser Zeit. Die technischen Bauwerke, die nach Entwürfen berühmter Baumeister wie Schinkel errichtet wurden, bilden ein einzigartiges architektonisches Ensemble. Es gehört zu den bedeutendsten Industriedenkmalen Deutschlands. Innerhalb des Museumsparks, aber dennoch autonom, betreibt der Rüdersdorfer Bergbauverein im früheren Heinitztunnel eine eigene Ausstellung, die den Unter-Tage-Bergbau dokumentiert. 

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